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Ausgabe:

1882 Nr. 18

Spalte:

419-420

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grafe, Ed.

Titel/Untertitel:

Ueber Veranlassung und Zweck des Römerbriefes 1882

Rezensent:

Schürer, Emil

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Seite 1

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419

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 18.

420

treffenden Angaben in unfern Evangelien fprechen follen, j Einwänden der Judenchriften. Baur zog daraus einfach

fcheinen ihm durchaus fraglicher Natur. Gewifs erinnert den Schlufs, dafs die römifche Gemeinde eine judenchrift-

die Erzählung, wie das Buddhakind feierlich zum Tempel liehe gewefen fei. Dem fleht aber entgegen, dafs dieLefer

der Götter geführt wird, an die Darfteilung Jefu, aber j wiederholt in unzweideutiger Weife von Paulus als geilt
es in der That richtig, dafs für die Darftellung Jefu
,im Lucasevangelium ein immer noch ungenügender An-
lafs mühfam gefchaffen ift' (S. 296, vgl. 146 ff.), fo dafs
erft die Annahme einer Entlehnung aus der fremden
Tradition den Schlüffel zu der Erzählung gäbe? Ift es

borene Heiden (£bho() angeredet werden. Es ift alfo
hiermit ein Problem gegeben , über deffen Löfung bis
auf den heutigen Tag noch keine Verftändigung erzielt
ift. Im Grunde kann es fich aber im Wefentlichen nur
noch um zwei Auffaffungen handeln. Man kann anneh-

richtig, dafs in dem Wort Jefu an Nathanael: ,Ich fah I men, dafs die römifche Gemeinde ihrer Herkunft nach
dich, da du unter dem Feigenbaum wareft', die Erwäh- heidenchriftlich, ihrer Richtung nach judenchriftlich ge-
nung des Feigenbaums als ,ein unverftändlicher Reit eines wefen fei (fo Beyfchlag); oder man kann annehmen,
fremden Zufammenhangs' erfcheint (S. 297, vgl. 169) — dafs fie auch ihrer Richtung nach heidenchriftlich, ge-
dafs hier ein Räthfel liegt, deffen Löfung wir in der bud- fetzesfrei gewefen fei, aber von judenchriftlichen Agita-
dhiftifchen Tradition von Buddha's Aufenthalt unter dem toren heimgefucht wurde, welchen Paulus eben durch
Acvattha-Baum (ficus religiosa) zu fehen hätten? Ift wirk- feinen Brief entgegenwirken will (fo Weizfäckerj.
lieh das Falten Jefu in der Wüfte (S. 154, 296) ein Zug j Während ich früher der Beyfchlag'fchen Anficht folgte,
der Tradition, den wir zu verftthen Mühe haben ohne glaube ich nun derjenigen Weizfäcker's den Vorzug ge-
uns an die indifche Askefe zu erinnern? Hat es etwas ben zu müffen, namentlich wegen der Schlufscapitel, in
Auffallendes, das auf eine Uebertragung der Tradition welchen deutlich die ,Starken', d. h. die Gefetzesfreien,
hinwiefe, wenn Jefu als erftes grofses Redeftück in der als die Majorität in der Gemeinde erfcheinen, welche
älteften Quelle die Bergpredigt mit den Seligpreifungen Paulus zur Nachgiebigkeit gegen die Schwachen crmahnt.

beigelegt wird, und andererfeits Buddha nicht lange nach
Erwerbung der Buddhafchaft denAusfpruch gethan haben
foll (S. 175, 299):

,Selig die Einfamkeit des Freud'gen, der die Wahrheit erkennt

und fchaut;

Wer unentwegt feft fteht, felig, wer fich bändigt zu jeder Frift.
Selig wem jede Leidenfchaft. alles Wünfchen ein Ende nahm.
Ueberwinden der Ichheit Trotz wahrlich ift höclifte Seligkeit' —?

Das letzte Wort wird die theologifche Kritik zu
fprechen haben. Sie wird auch entfeheiden, ob die von
S. (S. 304) aufgeftellte Annahme der von der buddhifti-
fchen Tradition beeinflufsten Evangelienquelle als einer
unabhängig neben den beiden andern flehenden dritten
Quellenfchrift mit den feftftehenden Thatfachen der Evan-
gelienkritik fich vereinigen läfst, ob nicht eine Anzahl
der nach S. aus diefer dritten Quelle abzuleitenden Erzählungen
in der That vielmehr auf eine jener beiden
andern Quellen zurückgehen mufs; — Seydel läfst die
Fragen, welche für die neuteftamentliche Quellenkunde

Auch Gräfe hat in der hier anzuzeigenden Abhandlung
fich ganz den Ausführungen Weizfäcker's angefchloffen,
ja feine Abhandlung ift, wie er wohl auch felbft gefühlt
hat, im Wefentlichen eine Reproduction der Weizfäcker'-
fchen. Neu ift darin namentlich zweierlei: einmal der
einleitende ,gefchichtliche Ueberblick über die Entwicklung
der Frage des Römerbriefes' (S. 1—33), welcher
eine ungemein fleifsige, man darf wohl fagen vollftän-
dige Ueberficht der neueren Literatur giebt. Ich glaube,
diefen Abfchnitt entfehieden als den werthvollften der
Schrift bezeichnen zu müffen. Aufserdem ift allerdings
von Weizfäcker unabhängig auch die S. 57—96 gegebene
Ueberficht über den Inhalt des Briefes, in welcher
Gräfe zeigt, wie Paulus überall, bei allen wefentlichen
Punkten, die Einwände der Judaiflen im Auge
hat. Aber gerade das, was Gräfe hier ausführt, dient
gar nicht fpeciell der Weizfäcker'fchen Auffaffung zur
Stütze, fondern könnte ebenfo gut auch zur Begründung
der Beyfchlag'fchen, ja der Baur'fchen Auffaffung gefagt

m Einzelnen aus feiner Hypothefe erwachfen wurden, werden. Denn alle drei find darin einig, dafs Paulus fich
vollkommen bei Seite liegen. Die theologifche Wiffen-, mit den Einwanden der Judaiften auseinanderfetzt. Zur
fchaft wird endlich auch darüber zu befinden haben, fpedelleren Begründung der Weizfäcker'fchen Anficht
wie es mit dem von S. (S. 301) behaupteten apologe- wird a]fo nichts Neues beigebracht; im Gegentheil: die
tifchen Werth feiner Hypothefe fteht. Man wird be- umfichtige Ausführung bei Weizfäcker ift überzeugender,
fremdet fein, wenn ein folcher Werth für Unterfuchun- als die kurze Reproduction feiner Gründe bei Gräfe. Bei
gen in Anfpruch genommen wird die einen nicht ge- [ dner Neubearbeitung des Thema's unter wefentlichem
ringen 1 heil der evangehfehen Geffhichte aus buddhifti- 1 Anfchiufs an Weizfäcker wäre es meines Erachtens vor
fchen Quellen ableiten. Seydel fchhefst hier fo: Es blei- , allem auf dnes angekommen, nämlich zu zeigen: wie
ben Partien unferer Evangelien über, die ohne Analogien | überhaupt aufserhalb der Wirkfamkeit des Paulus die
in der buddhiftifchen Tradition find So die Leidensge- , Entrtehung einer heidenchriftlichen gefetzesfreien Ge-
fchichte Jefu, gewiffe individuelle Zuge in der Perlon | mdnde denkbar ift? Wenn doch nothwendiger Weife
und den aufsern Verhältnifsen Jefu und feiner Junger 1 angenommen werden mufs, dafs die römifche Chriften-
u f. w. Hier befitzen wir denn ,einen feiten, durch diefe | gemeinde entftanden ift durch die Predigt jüdifcher
Unterfuchungen unerfchütterlich neu befeftigten Kern ge- | Mannerj die in jefu den Meffias erkannt hatten, und
fchichthcher Thatfächhchkeit'. Den, der fo ienhefst, in , wenn ferner vorauszufetzen ift, dafs erft Paulus mit prin-
der Befcheidenheit der Anfpruche an das, was hiltorilche , cipieller Schärfe den Grundfatz von der Gefetzesfreiheit
Beglaubigung heifst, zu überbieten wird fchwer fein. der Chriften ausgefprochen hat, wie follen wir uns dann
Berlin. Hermann Oldenberg. die Entftehung einer von Paulus unabhängigen gefetzes-

Grafe, Dr. Ed., Ueber Veranlassung Zweck des Römer- ffeieu/Chriftengemeinde in Rom erkläre:n> Dies ift bei
. ' „ ., .n DO ,.It,1 /tT1T . D. der Weizfäcker Ichen Auffaffung das Hauptproblem. Die
bnefes. Preiburg iBr. 1881, Mohr. (VII, 100 S. gr. 8.) Löfung desfelben kann freilich nur auf dem Weg der
M. 3. —

Durch die eindringenden Unterfuchungen Baur's
über den Römerbrief ift ein für allemal gezeigt worden,
dafs der Römerbrief nicht einfach ein Compendium der

Hypothefe verfucht werden und nur im Zufammenhang
einer umfaffenderen Unterfuchung über die Grundlagen,
auf welchen überhaupt die ,katholifche' Kirche, die weder
judenchriftlich, noch paulinifch ift, fich auferbaut hat.
paulinifchen Dogmatik ift, fondern nur eine Darlegung Es fcheint aber fall, als ob es dem Verf. obiger Schrift
und Begründung derjenigen Seiten des paulinifchen Evan- gar nicht zum Bewufstfein gekommen wäre, dafs hier
geliums, gegen welche lieh die Polemik der Judenchriften j ein fchwieriges Problem vorliegt. Jedenfalls hat er die
richtete, alfo eine auf breiter dogmatifcher Bafis aufge- , Löfung desfelben nicht in Angriff genommen,
baute Begründung und Rechtfertigung der ihm eigen- i Qjefsen. E. Schürer.

thümlichen Weife der Heilsverkündigung gegenüber den __,__