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Ausgabe:

1882 Nr. 15

Spalte:

345-350

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Karl

Titel/Untertitel:

Die Apostelgeschichte, unter dem Hauptgesichtspunkte ihrer Glaubwürdigkeit kritisch-exegetisch bearbeitet. 1. Bd 1882

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 15.

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Schmidt. Paft. Lic. Karl, Die Apostelgeschichte, unter dem
Hauptgeiichtspunkte ihrer Glaubwürdigkeit kritifch-
exegetifch bearbeitet. 1. Bd. Erlangen 1882, Deichen.
(X, 537 S. gr. 8.) Mi 6. -

Eine erneute Unterfuchung der Apoftelgefchichte
wäre gegenwärtig eine der wichtigften und dankbarften
Aufgaben für die neuteftamentliche Kritik. Wenigftens
meiner Ueberzeugung nach ift hier von der .Tendenzkritik
', wie fie Zeller und Overbeck ausgeübt haben,
ebenfo wenig das letzte Wort gefprochen worden, wie
von rein apologetifcher Seite. Während letztere fich
vergeblich abmüht, die abfolute Zuverläffigkeit der
Apoftelgefchichte in allen einzelnen Punkten zu verthei-
digen, hat erftere, von unrichtigen Vorausfetzungen namentlich
in Betreff der Perfon des Apoftels Paulus ausgehend
, viel überflüffigen Scharffinn aufgewandt, um bei
allen möglichen Gelegenheiten tendenziöfe Entftellungen
der Gefchichte aufzufpüren, die ein nüchterner Blick
nicht zu fehen vermag. Die Bearbeitung des Meyer'-
fchen Commentares von Wendt (1880) fleht aber dem
apologetifchen Standpunkt wieder zu nahe, als dafs man
lie auch nur vorläufig als abfchliefsend betrachten könnte.
Bei diefer Sachlage war es an fich ein glücklicher Griff,
dafs der Verf. des hier anzuzeigenden Buches, der frühere
Erlanger Privatdocent Karl Schmidt, gegenwärtig Pa-
ftor zu Sternberg in Mecklenburg, die Apoftelgefchichte
zum Gegenftand einer kritifchen Monographie gemacht
hat. Aber freilich — was eben von Wendt gefagt
wurde, gilt in noch viel höherem Grade von Schmidt.
Er vertritt wieder den ftreng apologetifchen Standpunkt.
Die traditionelle Meinung, dafs Lukas, der Begleiter
Pauli, die ganze Apoftelgefchichte, wie fie vorliegt, vertatst
habe, ift ihm durchaus wahrfcheinlich, und er findet
fie durch die innere Befchaffenheit des Buches felbft
auf allen Punkten beftätigt. Infolge deffen hält er auch
die Erzählungen des Buches im Ganzen, wie im Einzelnen
für ftreng gefchichtlich, wenn er auch befonnen
genug ift, bei folchen Partien, wie dem Briefe des Ly-
iias an Felix (23, 26 ff.) oder der Mittheilung des Feftus
an Agrippa (25, 14 ff.) es als felbftverftandlich zu erklären
, dafs ,alles Formelle, und zwar dies in möglichft
weitem Sinne genommen, nicht auf Reproduktion aus
der Erinnerung beruht, fondern auf der freien Erwägung
, wie der Redende nach Stellung und
Umftänden wohl gefprochen haben werde' (S.
343). Ueberhaupt mufs anerkannt werden, dafs der
Verf. den Standpunkt der Apologetik in würdiger Weife
vertritt. Seine Polemik ift rein fachlich und im ruhigften
Tone gehalten; feine Urtheile nirgends abfprechend; im
Gegenthcil nur viel zu umftändlich verklaufulirt; man
würde fich an Stelle der übermäfsigen Sorgfalt, mit welcher
hier verfahren wird, gern etwas mehr Keckheit des
Auftretens gefallen laffen. Aber trotz alledem, oder vielmehr
gerade dadurch , foll eben doch die Brenge Ge-
fchichtlichkeit der Erzählung auch in allen Einzelheiten
vertheidigt werden. Und dies ift nicht die einzige
Schwäche des Buches. Ein Hauptfehler ift namentlich
auch der, dafs der Verf. fich feine Probleme zu fehr
vom Gegner hat dictiren laffen. Es giebt für den Verf.,
wenigftens gegenwärtig, nur ein Problem, nämlich die
Widerlegung üverbeck's. Diefem Zweck ift das ganze
Buch ausfchliefslich gewidmet. Schritt für Schritt folgt
er den Ausführungen üverbeck's, und fucht dabei die
ohnehin fchon genügende Akribie üverbeck's durch
noch viel gröfsere Umftändlichkeit zu überbieten. Der
Gedanke aber, dafs es auch noch andere Probleme in
Betreff der Apoftelgefchichte geben könnte, ift dem Verf.
offenbar gar nicht gekommen. Diefer Umftand und der
rein apologetifche Standpunkt des Verf.'s hat es verhindert
, dafs die Probleme, auf deren Löfung es meines
Erachtens jetzt vor allem ankommt, überhaupt nicht in
Angriff genommen werden: ich meine die Charakterifir-

ung des theologifchen Standpunktes des Verfaffers der
Apoftelgefchichte unter anderen Gefichtspunkten als den
von der Baur'fchen Gefchichtsconftruction an die Hand
gegebenen, die Unterfuchung der Frage, in welchem
Verhältnifs fein eigener chriftlicher Ideenkreis einerfeits
zum judenchriftlichen, andererfeits zum paulinifchen fleht,
welches Bild er fich von der apoftolilchen Zeit macht,
und wie fich dies zu dem wirklichen hiftorifchen verhält,
endlich ob und inwieweit etwa die Abweichungen von

; der wirklichen Gefchichte auf bewufster Zurechtlegung
oder auf mangelnder Kenntnifs beruhen. Dies Alles
wird freilich erft dann ein Problem, wenn zunächft erkannt
ift, dafs der Verf. der apoftolifchen Zeit fchon
ziemlich ferne fleht; und fo verfteht es fich ja allerdings

: von felbft, dafs Schmidt wenigftens auf diefe Probleme
nicht kommen kann. Aber es wäre darum doch nicht
nöthig gewefen, dafs er fich dem Gegner fo ängftlich an

: die Ferfen geheftet, und auf jede felbftändige Frage-
ftellung verzichtet hätte.

Die ungeniefsbare Breite und Umftändlichkeit, mit
welcher das Buch gefchrieben ift, verräth fich fchon
durch den Umfang desfelben. Der vorliegende erfte
Band von 537 Seiten behandelt nämlich nur die zweite
Hälfte der Apoftelgefchichte, d. h. Cap. 13—28,
und zwar mit Aus nahm e von Cap. 15, alfo diejenigen
Abfchnitte, welche die Wirkfamkeit Pauli betreffen, aber
abgefehen von feinen Beziehungen zur paläftinenfifchen
Chriftenheit. Die noch reftirenden Capp. 1 —12 und 15
follen in einem zweiten Bande behandelt werden. Die
Unterfuchung beginnt Cap. I mit dem Nachweis des
Zufammenhanges der Wirftücke mit dem Gan-

| zen der Apoftelgefchichte (S. 11—91). Unter dem

i ,Ganzen' ift aber nur die zweite Hälfte zu verftehen.
Denn es wird hier nur der Nachweis zu führen geflieht,
dafs die von den eigentlichen Wirftücken (Cap. 16,

I 20—21, 27—28) umrahmten Abfchnitte, alfo befonders
Cap. 17—19 und 22—26, in ihrem ganzen Erzählungscharakter
nicht aus dem Ton der Wirflücke herausfallen,
vielmehr zum Theil eng mit ihnen zufammenhängen,
alfo von demfclben Verf. herrühren können, ja wahrfcheinlich
herrühren. Hiermit glaubt Schmidt einen
ficheren Ausgangspunkt für die Unterfuchung des Ganzen
gewonnen zu haben; denn es ergiebt fich ihm daraus
das Präjudiz, dafs der Verf. der Apoftelgefchichte
felbft es ift, der fich hier durch den Gebrauch des ,Wir'
in der Erzählung als an den Ereignifsen Mitbetheiligter,
alfo als Begleiter Pauli zu erkennen giebt. Und die
ganze folgende Unterfuchung ift nun unter den Gefichts-
punkt gefleht, ob fich diefe Vorausfetzung auch
an dem Detail der Gefchichtserzählun g bewähre
. Doch wird die Detailunterfuchung der einzelnen
Abfchnitte nicht fofort in Angriff genommen. Es
folgt vielmehr zunächft in Cap. II eine Unterfuchung
der perfönlichen Verhältnifse des Verfaffers (S. 92 —122),
wobei trotz Col. 4, 10 die unglückliche Anficht Hof-
mann's erneuert wird, dafs Lukas J udenchrift gewefen
fei, was in Betreff des Verf.'s der Apoftelgefchichte befonders
durch Cap. 16, I—4 und 16, 15 beftätigt werden
foll (S. 113 f.). Hieran fchliefst fich Cap. III die
Frage nach den Quellen des zweiten Theiles der Apoftelgefchichte
(S. 125 — 148), welche dahin beantwortet
wird, dafs für diefen Theil (alfo Cap. 13—28) überhaupt
keine fchriftlichen Quellen anzunehmen feien, auch keine
Benützung der paulinifchen Briefe und des Jofephus. In
Cap. IV wird ,der äufsere Rahmen der Erzählung und
die zeitgefchichtlichen Bezugnahmen' unterfucht (S. 148—
180), und Cap. V der theologifche Standpunkt und
Zweck des Verf.'s (S. 180—205), beides wieder nur in
Bezug auf den zweiten Theil des Werkes. Nun erff folgt

! in Cap. VI bis X (S. 205—537) die Unterfuchung des

1 Details der Gefchichtserzählung, wobei von rückwärts
ausgegangen und dann abfehnittweife bis zu Cap. 13
vorgedrungen wird, nur mit Uebergehung des 15. Ca-