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Ausgabe:

1882 Nr. 15

Spalte:

340-341

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steude, E. G.

Titel/Untertitel:

Ein Problem der allgemeinen Religionswissenschaft und ein Versuch seiner Lösung 1882

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 15.

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auffordern (S. 224 f.), fo zeugen diefe von einem bereits
eingetretenen Zerfalle der Religion. Die volksthümliche
Religion läfst fich weder in jenem Pantheismus, noch in
diefem Materialismus erkennen; der ,Henotheismus' begreift
doch wohl nur die Anfänge der Volksreligion
und gehörte gewifs fchon der Vergangenheit an, als man
dem Amon, dem Ptah und dem Ofiris, der Hathor und
der Iiis verfchiedene Tempel erbaute. So vermiffen wir
denn eine Darftellung der eigentlich volksthümlichen
ägyptifchen Religion. Diefer Mangel mag darauf beruhen
, dafs gerade hierüber die vorzugsweife von priefter-
licher Hand redigirten Infchriften und Papyri wenig Auskunft
geben. Aus dem Vorliegenden müfste aber eine
Reconftruction wohl möglich fein. Dahin gehörende
Momente erwähnt der Verf., ohne fie zu benützen. Wir
können feiner Ausfage ganz zuftimmen: ,Die Anbetung
der heiligen Thiere war nicht ein Princip, fondern eine
Confequenz, fie fetzt den übrigen Theil der Religion als
Grundlage voraus .... Sie ift auf Symbole gegründet,
die von der Mythologie abgeleitet find' (S.232). Wenn aber
das Wort Teb den Gott Set-Typhon und zugleich das
Nilpferd bedeutet, fo ift darüber doch unmöglich zu ur-
theilen, dafs diefes von jenem den Namen trage. Wir
fehen daraus, dafs einmal und zwar in alter — wenn
auch nicht in ältefter — Zeit der Gott wirklich als in dem
Nilpferd wohnend oder fich offenbarend angefehen wurde.

Sehr anzuerkennen ift, dafs der Verf. den Einflufs
Aegyptens auf die hebräifchen und auf die griechifchen
Anfchauungen nicht überfchätzt, wie das vielfach ge-
fchehen ift. Er geht aber auf der anderen Seite ent-
fchieden zu weit, wenn er mit Bezug auf die ifraelitifche
und die griechifche Religion ausfagt: ,Man kann zuver-
fichtlich behaupten, dafs weder die eine noch die andere
irgend eine ihrer Ideen aus Aegypten entlehnt hat,
(S. 226). Intereffant ift in diefem Zufammenhang die
Auseinanderfetzung über das von altteftamentlichen
Theologen neuerdings mit befonderer Vorliebe gehandhabte
und mit dem altteftamentlichen ,ich bin der ich
bin' verglichene nuk pu nuk, angeblich = ,ich bin ich'.
Der Verf. bemerkt darüber mit Anführung von Belegen
S. 227: jAufmerkfame Betrachtung der Stellen des
Todtenbuches, wo diefe Worte vorkommen, zeigt nun
gleich, dafs fie keinerlei geheimnifsvolle Lehre über das
Wefen Gottes enthalten'. Ueberhaupt bilden jene Worte
keine felbftändige Ausfage, fondern kommen in Verbindungen
vor wie: ,Ich bin's, der Ofiris ift —'

Wenn wir in diefem Buche für eine vermifste voll-
ftändige Darfteilung der ägyptifchen Religion lieber andere
allgemeine Partien daran gegeben hätten, fo ift
zu bemerken, dafs dem Verf. die Hände gebunden
waren, da feine Vorlefungen einen Theil bilden der
Hibbert Lecturcs, in welchen — fo fcheint es — ,Urfprung
und Entwickelung der Religion' an verfchiedenen hifto-
rifchen Religionen dargeftellt werden follen. Nach der
Vergleichung diefer Arbeit von Le Page Renouf mit
den zu demfelben Cyklus gehörenden i. J. 1878 gehaltenen
Vorlefungen M. Müller's, welche von der altindifchen
Religion ausgehen (f. Theol. LZ. 1880, 452 ff), kann ich
den ganzen Plan nicht für fehr glücklich halten. Mannigfache
Wiederholung und eine gewiffe Uniformität
der Anlage ift bei den beiden Autoren die Folge ge-
wefen. Nützlicher hätten wir einen Plan gefunden, welcher
zunächft Darftellung der einzelnen Religionen vor-
fchrieb und etwa in einer abfchliefsenden Vorlefungsferie
aus diefen Einzeldarfteilungen Folgerungen für ,Urfprung
und Entwickelung der Religion' ziehen liefs. In einer
günftigeren Lage war die uns im englifchen Text ebenfalls
fchon vorliegende Bearbeitung des Buddhismus, weil
hier nicht abermals auf das Werden einer Naturreligion einzugehen
war, fondern auf das einer Geiftesreligion in Vergleichung
mit dem Werden einer anderen Geiftesreligion.
Marburg i. II. Wolf Baudiffin.

Steude, Lic. E. G., Ein Problem der allgemeinen Religionswissenschaft
und ein Versuch seiner Lösung. Leipzig i88i>
J. Naumann. (107 S. gr. 8.) M. 2. —

Das Problem, mit welchem der Verf. fich befchäf-
tigt, betrifft die Anfänge der Religion. Mit Berück -
fichtigung der wichtigeren Schriften aus der grofsen Zahl,
welche diefen Gegenftand behandelt haben, beantwortet
des Verfaffers gewandt gefchriebene Darftellung, welcher
indeffen etwas mehr Ordnung oder doch Ueberfichtlichkeit
zu wünfehen wäre (weshalb dem Ref. eine Reproduction
des Entwickelungsganges nicht möglich ift), die Frage
dahin, dafs die Religion der Menlchheit als Theismus
begonnen habe, woraus fich weiterhin folgende Stufen
als gefchichtlich fich ablöfende Entwickelungsftadien
hervorbildeten: ,Henotheismus', Polytheismus, Schamanismus
, Fetifchismus (S. 101). Sehr gut gelungen finde
ich die Ausführung gegen die ,Evolutionstheorie', d. h.
die Anfetzung der Anfänge aller Religion als Animismus,
refp. Fetifchismus. Dafs diefe beiden Stadien überall
erft Degenerationen einer älteren Religionsform find,
fcheint mir zwar durchaus nicht ftets gefchichtlich
nachweisbar, wohl aber für ihr Verftändnifs vorauszu-
fetzen zu fein. Sehr berechtigt auch ift es, dafs der
Verf. die Thefe eines urfprünglichen Monotheismus nicht
aufrecht erhält, da von diefer Religionsform doch nur
im Gegenfatze zum Polytheismus die Rede fein kann.
Was aber der Verf. als Theismus bezeichnet, ift fchliefs-
lich nur ein befferer Name für diefelbe Sache, und auch
fie läfst fich wenigftens mit gefchichtlichen Beweifen
nicht vertreten. Der Verf. findet ,reinere Elemente',
nämlich einen durch Polytheismus, Animismus und Fetifchismus
hindurchleuchtenden Glauben ,an ein höheres
Wefen als den Schöpfer und Ivrhalter aller Dinge', felbft
in der Religion der Wilden (S. 16 ff.) und antwortet
auf die P"rage nach ihrer Erklärung: ,Auf dem Wege
eigener Speculation können fie nicht erft gefunden
worden fein; denn fie find durchfehnittlich, und auch
im Bewufstfein der Völker felbft, die älteren Religionselemente
, welche dem hiftorifch befundenen Animismus
vorausgegangen find' (S. 21). Es mag dies im Allgemeinen
zuzugeben fein, obgleich keineswegs, am
wenigften bei den amerikanifchen ,Wilden', wie S. 22
will, ,eine Uebertragung von aufsen ausgefchloffcn ift'.
Aber alle folche ,reineren' Elemente in den Naturreligionen
der Wilden wie der Culturvölker beweifen wohl,
wovon in jenem Zufammenhange der Verf. zunächft redet,
gegen urfprünglichen Fetifchismus oder Animismus,
können dagegen nicht beweifen, dafs fie im Anfange
vorhanden waren ohne eine naturaliftifche Flülle. Dafs
der ,grofse Geift' der Indianer fo wenig von einem
Naturgott an fich trägt, kann fehr wohl auf dem Ver-
1 blaffen einer urfprünglich viel naturaliftifcher gehaltenen
Vorftellung beruhen, wie wir folche fcheinbare
Vergeiftigung in veralteten Vorftellungen der verfchie-
denften Religionen finden. Was der Verf. für feine An-
fchauung (S. 40,ff.) vorbringt, find lediglich Behauptungen,
| keine Beweife. Er findet nicht mit Unrecht in den
; Veden eine ,Ahnung' der wahren, einzigen Gottheit;
daraus aber macht er unverfehens eine .Erinnerung'
(S. 50). Befonderes Gewicht legt er auf die Beobachtung
des als ein ,perfönlicher' Gott vorgeftellten Ukko
(,Grofsvater, Altvater') bei den Finnen, welcher neben
j dem Himmelsgott Jumala ,eine fehr bedeutende Stelle
! in der finnifchen Religion' einnehme. Er will Caftren
I zugeben, ,dafs Ukko eine fpäter aufgekommene Gottheit
ift', fordert aber feinerfeits dies Zugeftändnifs: ,Es
ift charakteriftifch, dafs Jumala hinter Ukko zurücktrat.
Warum genügte jener nicht? Weil das religiöfe Be-
' dürfnis eine perfönliche Gottheit forderte. Auch hier
[ alfo eine Reaktion des religiöfen Bewufstfeins' (S. 54).
| Das Factum der ,Reaction' ift hier einfach unterge-
fchoben. Woher weifs der Verf., dafs nicht etwa viel-