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Ausgabe:

1882

Spalte:

337-339

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Renouf, P. Le Page

Titel/Untertitel:

Vorlesungen über Ursprung und Entwickelung der Religion erläutert an der Religion der alten Aegypter 1882

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 15. 29. Juli 1882. 7. Jahrgang.

Renouf, Vorlefungen über Urfprung und Eni- j Schmidt, K., Die Apottelgefchichte unter dem [ Finsler, Gefchichte der theologifch-kirchüchen
Wickelung der Religion (Graf Baudiffinl. Ilauptgehchtspunkte ihrer Glaubwürdigkeit ' Entwicklung in der deutfch-reformirten

Steude. Ein Problem der allgemeinen Religions- 1 K„rK„itPt rSrhürr-rl Schweiz (Kattenbufch).

wilTenfchaft (Graf Baudiflin). bearbeitet rscriurer). . , _ Kachele, Schriftgemüfse Predigt-Entwürfe

Wiekes, A treatise on the accentuation of the j Lehn er, Die Marienverehrung in den erften Jahr- I (Diegel).

three poetical books of the O. T. (Kautzfeh), j hunderten (V. Schultze). ; Erklärung und Erwiderung

Renouf, P. Le Page, Vorlesungen über Ursprung und Ent- | felbe Auffaffungs- und Verehrungsweife der Gottheit,
Wickelung der Religion erläutert an der Religion der alten ! welche Max Müller für die indifchen Arya's als ältelte

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Aegypter. Autorif. Ueberfetzung. Leipzig 1882, Hin
richs. (VII, 240 S. gr. 8.) M. 5. —

Eine zufammenfaffende Darftellung der ägyptifchen
Religion ift grofses Bedürfnifs. Der Nichtägyptologe
kann fich faft nur über Einzelheiten da und dort Rath
erholen, und die Darftellungen der Aegyptologen gehen
gerade auf religionsgefchichtlichem Gebiete fo weit auseinander
, dafs es für den Nichtfachmann kaum oder nur
fchwer möglich ift, mit eigenem hiftorifchen Urtheil fich
ein Gefammtbild von der Entwickelung der ägyptifchen
Religion zu fchaffen. In gewiffer Weife kommt diefem
Bedürfnifse die vorliegende Schrift entgegen, doch aber
durch das im Titel angedeutete vergleichende Verfahren
von der einfach hiftorifchen Darftellung abfehweifend.
Hätte der Verf. auf diefe fich befchränken können —
er hatte eine äufserliche Nöthigung, es nicht zu thun —
vielleicht wäre es nicht Ref. allein, der es ihm Dank
wüfste, zumal da — wenn ich nicht unrichtig urtheile —
die vergleichenden Partien nicht eben die Stärke des
Buches find.

So viel mir nach Urtheilen von Aegyptologen bekannt
, ift die Zuverläffigkeit des Verf.'s in Erforfchung
und Benützung der Monumente und Urkunden über allen
Zweifel erhaben. Nur hinfichtlich feines hiftorifchen
Verfahrens darf ich mir ein eigenes Urtheil erlauben. —
Das Buch trägt ftark, etwas fehr ftark die Spuren eines
Vorlefungscyklus, als welchen es fich ja auch ganz ausdrücklich
giebt. War aber in einem folchen eine durch
zwei (unter im ganzen fechs) Vorlefungen ausgedehnte
Einleitung über die Entzifferung der ägyptifchen Texte
und die culturgefchichtliche Entwickelung Aegyptens
etwa noch am Platze, fo hätten wir im Buche dafür
lieber Anderes gehört, was fich nicht fchon fo häufig
gedruckt findet, wie doch im Allgemeinen diefe Dinge.
Von den übrigen vier Vorlefungen handelt nur eine von
den Göttern Aegyptens, die anderen von dem ,Verkehr
mit der unfichtbaren Welt', von den religiöfen Büchern
der Aegypter und von ,Henotheismus, Pantheismus und
Materialismus' — fo nach den nicht ganz treffenden
Ueberfchriften des Verf.'s, für welche ich beffere Bezeichnungen
nicht zu geben weifs, da fich vielfach Ab-
fchweifungen finden, die fich einem einheitlichen Plane
nicht unterordnen. Der Verf. legt — fo viel läfst fich
fchon aus diefen Angaben erfehen — geringeren Werth
auf die Darftellung der Götterwelt, als auf die des religiöfen
Lebens und feiner Urkunden. Er nimmt drei
Entwickelungsftufen der ägyptifchen Religion an, die als
Henotheismus, Pantheismus und Materialismus unter-
fchieden werden. Den Henotheismus definirt er mit den

darftellt, auch für Aegypten als die ältefte an. Die aus
M. Müller citirten Worte find diefe: ,Dem Gemüthe des
Betenden erfcheint jeder Gott ebenfo gut als alle anderen
. Er wird in diefer Zeit als wahre Gottheit, als
höchftes und abfolutes Wefen gedacht, trotz der Be-
fchränkungen, die nothwendiger Weife eine Mehrzahl
von Göttern jedem einzelnen Gotte auferlegen mufs ...'
(S. 203). Es find nicht die glücklichften Sätze zur De-
finirung diefes Stadiums, welche der Verf. aus M. Mül-
ler's Darfteilung entlehnen konnte. Ich möchte doch
fragen, wie fich denn M. Müller und Le Page Renouf
die Gottesverehrung des Polytheiften von der hier fkiz-
zirten des , Henotheiften' verfchieden denken wollen;
doch nicht etwa fo, dafs der zu Apollon Betende be-
wufst und beftimmt feine Bitte auf einen engen, eben
nur diefem Gotte eignenden Bereich einfehränkte und
fortwährend der Begrenzung von Macht und Wirkungskreis
diefes Gottes durch die gefammten übrigen Olympier
dabei gedachte. Es ift gar nicht anders denkbar,
als dafs überall in jedem einzelnen Momente der Andacht
eben der angerufene Gott das einzige Ziel der vollen
Andacht bildete. Dies aber foll nach jener Definition
das dem Henotheismus Eigenthümliche fein. Freilich
ruft der Grieche auch eine ganze Götterreihe zum Zu-
fammenwirken an; dasfelbe thun aber auch die ,heno-
theiftifchen' Vedenhymnen und — fo viel mir bekannt —
auch altägyptifche Texte. Soll der Henotheismus ein
Befonderes fein, fo kann er — M. Müller hat ihn an
an anderen Stellen fo erklärt— nur darin beliehen, dafs
die Unterfcheidung der einzelnen Gottheiten nach ihrer
Naturbedeutung, welche auch im Polytheismus ftets mehr
oder weniger fliefsend blieb, noch gar nicht oder kaum
begonnen hatte. Ein Derartiges mag wie in Aegypten,
fo überall der Anfang des Naturdienftes gewefen fein.

— Die von dem Verf. als zweite bezeichnete Stufe des
,Pantheismus' ift auf ägyptifchem Boden wefentlich eine
verftandesmäfsige Auslegung jener naiven ,henotheifti-
fchen' Auffaffung. Diefe Anfchauung fpricht fich z. B.
deutlich in folgendem Hymnus aus: ,Das, was in allen
Dingen verbleibet, ift Amon. Diefer königliche Gott
war von Anfang an. Er ift Ptah, der gröfste unter den
Göttern u. f. w.' (S. 215). Es ift aber wohl fehr zu bezweifeln
, dafs derartige Ausfagen jemals über efoterifche
Kreife der Priefterfchaft hinausgedrungen find. Das
Gleiche gilt von ganz ähnlichen Ausfprüchen der vedi-
fchen Hymnen, deren Vergleichung fehr intereffant ift.

— Ueber die dritte ,materialiftifche' Phafe ift der Verf.
fehr kurz. Wenn er dahin Aeufserungen zählt, welche
ein Dafein nach dem Tode in Abrede ftellen, den Tod
,keinen Unterfchied zwifchen Göttern und Menfchen

Worten des Urhebers diefer Bezeichnung und fieht die- j machen lallen und lediglich zum Genuffe des Lebens
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