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Ausgabe:

1882 Nr. 14

Spalte:

332-333

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hering, Emil

Titel/Untertitel:

Mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Evangelische Predigten und Reden 1882

Rezensent:

Diegel, J. Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 14.

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und volle Evangelium' in dem Menfchen ein wahrhaf- j
tiges Wollen und Vollbringen wirkt, wenn das Thun 1
auch des gereiften Chriften nur an der in Chrifto fich
vollziehenden göttlichen Heilsthat erftarken kann, fo ift
es unfruchtbar, in immer neuen Wendungen an den
relativ wahren Lehrfatz zu erinnern, ,dafs Schwachheit
und Unvollkommenheit nur ausgetilgt werden können,
indem wir im Chriftenwerke vollkommen werden und
im Gutesthun wachfen' (p. 125). Zwar wird an geeigneten
Punkten es ftark hervorgehoben: ,Nicht in dem
was wir erreicht haben, nicht in unferer Kraft und
Tugend liegt die Sicherheit unferes Heils' (p. 293); aber
zu einer Alles dominirenden Stellung gelangt diefe evan-
gelifche Heilsgewifsheit nicht.

Bisweilen fcheint das ,ganze und volle' Evangelium
noch überboten zu werden, z. B. wenn p. 64 daran erinnert
wird, dafs ,Gott felbft unfer Bruder werden will';
aber der bekannten theologifchen Anfchauung des Verf.'s
dürfte es beffer entfprechen, wenn wir p. 66 lefen: ,Das
ift das Menfchenkind, in dem Gott fich zu Euch niederneigt
'. Das ,ganze und volle' evangelifche Chriftenthum
wird nicht zum Ausdruck gebracht in der Verficherung,
dafs Jefus unfere fchwache Hand in Gottes Vaterhand
gelegt habe' (p. 293). Auch ift es eine unvollziehbare
Unterfcheidung, wenn gefagt wird, dafs derjenige feines
Heils gewifs fei, wer feines Glaubens gewifs geworden
(p. 293). Denn der Glaube ift nichts ohne das Heil,
das er ergreift, und ohne die Heilsbotfchaft, von der er
gewirkt worden. Die Bedeutung des in Chrifto fich vollziehenden
Heilswerkes wird nicht hinreichend gewürdigt,
wenn die Offenbarung des Heils getrennt wird von der
allen Gefchlechtern der Menfchen geltenden Auswirkung
desfelben, und obgleich in der mächtig zu Herzen
dringenden Karfreitagspredigt (p. 150) in vielen treffenden
Wendungen über die Thorheit, das Aergernifs und
die Gotteskraft des Wortes vom Kreuze gefprochen
wird: das foeben angedeutete, den ftärkften Anftofs
darbietende Centrum des evangelifchen Chriftenthums
tritt in feiner vollen Klarheit nicht hervor, wenn wir
da lefen: ,dafs ohne das Kreuz Chrifti Gottes Liebe in
Wolken und Dunkel gehüllt ift und dafs wir mit all
unferer Sünde und Schuld Gotte das Höchfte werth
gewefen' (p. 158). Hiernach werden folgerichtig auch
die Heilswirkungen benimmt und gewürdigt, welche von
dem erhöhten Chriftus ausgehen. Gewifs ift es homi-
letifch nicht unzuläffig, die an den hiftorifchen Chriftus
gerichteten Bitten in Gebete zu verwandeln, die fich an
den erhöhten Chriftus und an den nur in ihm fich uns
erfchliefsenden Gott wenden; auch ift es nicht der Willkür
überlaffen, in welchen Fällen man fich betend an
den Mittler zu wenden und wenn man im Namen desfelben
den Vater anzurufen hat; aber in der fonft fo
grofsartig angelegten und bedeutenden Predigt p. 138
geht der Verf. von der Bitte des kananäifchen Weibes
ohne Weiteres über zu dem Gebet im Allgemeinen, das
fich an den lebendigen Chriftus, den alleinigen Mittler
des Heils nicht wendet.

Es ift peinlich, dafs durch folche Bemerkungen der
Schein entfteht, als wollte man an diefen in Beweifung
des Geiftes und der Kraft daherfchreitenden Predigten
kleinliche und fchulmeifterliche Kritik üben, als wollte
man einzelne Sätze derfelben mit entfprechenden Dogmen
äufserlich confrontiren, ftatt fie als ein einheitliches
Ganzes zu begreifen. Aber da die bekannten theologifchen
Grundanfchauungen des Verf.'s aus diefen Predigten
dem Kundigen überall entgegentreten, und da er
in feiner Theologie die genügende Grundlage für die
Predigt des ,vollen und ganzen Evangeliums' findet, fo
dürfte es wohl geftattet fein, dagegen einige Bedenken
zu erheben. Bekanntlich hat die Methode, mit welcher
der Verf. feine individuellen Theologumena in die herkömmlichen
Formen der Kirchenlehre zu kleiden ver-
ftand, einigermafsen verwirrend gewirkt; dafs er fie nun

auch, fcheinbar ohne alle künftliche Berechnung, in die
Sprachformen der Bibel kleidet, wird in fofern ungefährlicher
fein, als die durchfchlagende Macht des Schriftwortes
felbft in dem kundigen Lefer die Erinnerung an
die ihm bekannten theologifchen Hintergedanken momentan
faft ganz zurücktreten läfst. Doch wird durch
die theologifche Pofition des Verf.'s die homiletifche Darbietungsform
des Schriftwortes vielfach bedingt. Gewifs
ift dem einheitlich in fich gefchloffenen und ftreng örtlichen
Charakter des Verf.'s die Abficht fremd, auf der
Kanzel etwas exoterifch zu bejahen, was er efoterifch
auf dem Katheder verneint. Aber die Wahrheit umfafst
mehr, als die Identität des Menfchen mit fich felbft.
Wir werden daher wohl thun, auch Angefichts diefer in
vielfacher Beziehung fehr bedeutenden und meifterhaften
Predigten durch das richterliche Urtheil des Verf.'s uns
nicht allzufehr einfchüchtern zu laffen, wenn er an denjenigen
, welche in feiner Theologie eine genügende
Grundlage für die Predigt des ganzen und vollen Evangeliums
nicht entdecken können, nachweifen zu können
glaubt, dafs kirchliche Parteikämpfe und Vorurtheile
auf Urtheilsvermögen und Wahrheitsfinn einen verderblichen
Einflufs üben.

Dresden. Löber.

Hering, Paft. Prof. Emil, Mein Geist freut sich Gottes,
meines Heilandes. Evangelifche Predigten und Reden.
[Aus meinem Amtsleben, 1. Bd.] Berlin 1881, L. R.
Schwarz. (X, 386 S. gr. 8.) M. 6. —

Diefe 30 Predigten, wie wir kurz fagen wollen,
da fich unter denfelben nur 2 Reden befinden, find nicht
nach der faft 25 Jahre umfaffenden Zeit ihrer Abfaffung,
fondern nach dem Kirchenjahre geordnet, fo dafs fie
fich mit ihrer Hinweifung auf eine Reihe chriftlicher
Hauptwahrheiten zu einem fchönen Ganzen abrunden.
Meift wurden fie, und zwar an fehr verfchiedenen Orten, bei
befonderen feftlichen oder doch fonft wichtigen Gelegenheiten
gehalten. Dafs der Verf. öfter Aufforderung zu
folchen Feftpredigten erhielt; dafs er frühzeitig zum
Hülfsprediger des feiigen Dr. Fr. W. Krummacher nach
Potsdam und fpäter nach Amerika zuerft als Pfarrer,
dann als Profeffor an die Theologifche Facultät zu
Blomfield N. Y. berufen wurde: dadurch wird feine
grofse Begabung ebenfo wie durch vorliegende Predigten
bezeugt. Nach Inhalt und Form bewegen fie fich
nicht in den gewöhnlichen Geleifen und bieten fie viel
Treffliches und Schönes. Dafs, wenn wir fo fagen dürfen
, etwas von der frifchen Luft Amerika's durch fie
hindurchweht, rechnen wir fehr zu ihren Vorzügen. Weniger
dagegen gehört zu dielen befondere Volksthüm-
lichkeit, alfo Einfachheit und für fchwächeres Verftänd-
nifs ausmalende Anfchaulichkeit. Die Sprache erfcheint
übrigens als eine fehr klare, auch als eine am rechten
Orte fchwungvolle, mit feinen Bildern und Vergleich-
ungen wohl ausgeftattete. Der Gedankenfortfehritt ift
ein rafcher, die ganze Darfteilung hat etwas lebhaft An-
j faffendes. Wie klug und freundlich der Verf. auf unmittelbar
praktifche Ziele hinzulenken verlieht, zeigt die
Rede S. 363. Die Texte, theils freie, theils die alten
Perikopen, werden fcharffinnig ausgelegt. Einigemal entlockt
ihnen, etwa auch in allegorifirender Weife, zu
| grofse Kunft die gewünfehten Gedanken, oder vielmehr
es wird zu viel in fie hineingelegt. So z. B. wenn es in
| der Predigt über das Ev. vom Pharifäer und Zöllner im
Tempel S. 193 heifst: ,Wir irren nicht, es ift ja jener
j Zöllner, der fein Diebs-Comtoir dort in Jerufalem am
Schafthor hat, von dem die Strafse über Gethfemane
nach Jericho (ich hinzieht. Ein frecher, gewiffenlofer
Menfch im Dienft des Fremden u. f. w.' In derfelben
Predigt wird wohl auch das ,fei mir gnädig' mit Beziehung
auf den Grundtext zu fehr geprefst. Man vergl. die
3. Predigt, fowie die über Luk. 2, 41—52 mit der Ueber-