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Ausgabe:

1882 Nr. 13

Spalte:

306

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gleiss, O.

Titel/Untertitel:

Aus dem evangelischen Norden. Zeugnisse von Christo in Predigten aus der skandinavischen Kirche unsrer Zeit 1882

Rezensent:

Carstens, Carl Erich

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 13.

306

feinem Takte ift auch in diefen homiletifchen Erzeug- I .Ihrer Excellenz, Frau Hedwig von Ke udell geb.

von Patow', find diefe Friedensgrüfse ,in dankbarer
Ergebenheit' gewidmet. Die edle Frau ift vor wenigen
Wochen, tief betrauert von den Ihrigen und der ganzen
deutfehen Colonie am Tiber, zum ewigen Frieden eingegangen
. Roenneke felbft hat, wie die Kölnifche
Zeitung meldete, durch Krankheit verhindert, bei der
Trauerfeierlichkeit in Rom einen letzten Grufs ihr nicht
zurufen können. Wünfchen wir dem wackeren Manne
baldige Genefung, feinen beredten Zeugnifsen aber die
weitefte Verbreitung in der Nähe und Ferne!

Crefeld. F. R. Fay.

Gleiss, Paft. C1., Aus dem evangelischen Norden. Zeugnifse
von Chrifto in Predigten aus der fkandinavifchen
Kirche unfrer Zeit. Ueberfetzt u. herausgegeben.
Mit einem Vorwort begleitet von D. theol. R. Kögel.
Gütersloh 1882, Bertelsmann. (XVI, 386 S. gr. 8.)
M. 6. —

Der urfprüngliche Gedanke zu diefem Buch, eine
homiletifche Ueberficht evangelifcher Zeugnifse aus dem
Norden der deutfehen Literatur, als bisher fehlend, hinzuzufügen
, (lammt von D. R. Kögel, der den Herausgeber
dazu aufgefordert und deshalb fich auch verpflichtet
gehalten, dasfelbe durch fein Vorwort in die
Leferwelt einzuführen. Der Gedanke ift gewifs ein
zeitgemkfser. Die Gefchichte der Predigt ift ein Fach,
das in neuefter Zeit an die Tagesordnung gekommen
und das bei der umfangreichen Predigtliteratur, wie
überhaupt wohl zu beachten ift. (S. Harnack, Practifche
Theologie II, S. 41 ff.) Als einen Beitrag hiezu mufs
das vorliegende Werk angefehen werden. Die Sammlung
enthält nur gute Predigten, die alle auf entfehieden
poütiv-chriftlichem Standpunkt flehen. Die Ueberfetzung
ift fliefsend und lieft fich wie Original. Die Schrift
macht demnach bekannt mit einigen der bellen geift-
lichen Redner der neuern Zeit aus dem evangelifchen
Norden d. h. aus Dänemark und Norwegen. Da der
Herausgeber aber feinem Buche den Titel gegeben ,aus
der fkandinavifchen Kirche', fo vermiffen wir zunachft
auch Proben aus Schweden, deffen Literatur nicht hinter
der dänifchen und norwegifchen zurückfteht. Ueber-
haupt fcheint uns, dafs die mitgetheilten Predigten nur
mehr nach zufälliger Wahl, freilich in der Ordnung des
Kirchenjahres, doch nicht für alle Sonn- und Fefttage,
— im Ganzen find es 36 — zufammengeftellt find und namentlich
die aus der norwegifchen Kirche find alle nur
aus einem Sammelwerk entnommen. Wenn der urfprüngliche
Gedanke hätte ausgeführt werden follen, hätte
nach unferer Meinung eine Gefchichte der Predigt
in der fkandinavifchen, alfo der dänifchen, norwegifchen
und fchwedifchen Kirche gegeben werden
müffen, mit Proben der hervorragendften Prediger
und der bellen und charakteriftifchen Predigten. Es ift
fehr richtig, wie das Vorwort bemerkt, dafs die Predigtweife
dort, obwohl der deutfehen verwandt, doch
drucksweife find diefe .evangelifchen Zeugnifse' alle ge- < wiederum eigentümlich genug ift, um beachtet zu wer-
halten. Wenn der geehrte Verf. in der köftlichen Pre- den. - Mochten wir folcher Arbeit demnächft begegnen,
digt am erften Pfingfttage über das Feftevangehum (Joh. Tondern. C. E Carftens

14, 23—31) fagt: .Nicht Thema und Dispofition, nicht , —--——------

Durchführung und fprachliche Vorzüge geben der chnft- Hubner, Miffionspred. Johs., Denkmale des lebendigen
liehen Predigt ihren Werth, fondern einzig und allein ; Gottes. Eine Sammlung gefchichtlicher Thatfachen
der evangelifche Wahrheitsgehalt, der die Herzen treffen Berlin l8g2> L R Schwarz. (VIII, 418 S. gr. 8.)

nifsen Roenneke's, wie früher in den Feftpredigten
die Polemik gegen die römifch-katholifche Kirche mög-
lichft vermieden, die evangelifche Heilswahrheit aber
kräftig bezeugt und klar entwickelt. Als Texte find die
Evangelien der feftlichen Hälfte des Kirchenjahres zu
Grunde gelegt, zu denen für die Antrittspredigt Rom.
15, 29—33, für eine Predigt am Jahresfchluffe noch Pf.
I2i hinzukommen. Mit Vermeidung jeglichen gelehrten
Anftriches dringt der Herausgeber überall tief in den
Sinn der h. Schrift ein, behandelt auch fchwierige Peri-
kopen, wie z. B. die aus Johannes genommenen Sonntagsevangelien
zwifchen Ottern und Pfingften, mit vorzüglichem
Gefchick, disponirt einfach und anfprechend
und verbindet Erklärung und Anwendung fo, dafs die
chriftliche Erkenntnifs gefördert, das Gemüth erbaut,
das Gewiffen geweckt wird. Die Sprache ift gewählt,
aber nicht geziert, mitunter fententiös und dadurch
packend.

Als Beleg für das Gefagte geben wir ftatt vieler
Stellen, die angeführt werden könnten, nur eine aus der
Predigt am Sonntage Mifericordias Domini über Joh. 10,
12—16. Das Thema lautet: Jefus Chriftus, der
gute Hirte der Seinen'. Diefe Wahrheit tritt zu Tage

1. in feiner Treue und der Seinen entfprechendem Danke,

2. in feiner Gemeinfchaft und der Seinen entfprechendem
Leben, 3. in feiner Sammlung der Einen Heerde und der
Seinen entfprechendem Eifer' (S. 314). Hier heifst es
zu Anfang des zweiten Thciles: ,In dem Verhältnifs des
guten Hirten zu den Seinen bildet fich das Verhältnifs
des Vaters zu dem Sohne ab. Auf dem Grunde ewiger
Liebe findet ein inniges Liebesleben ftatt. Der gute
Hirte erkennt die Seinen, alle diejenigen, die er fich
erworben, welche, durch den Glauben an ihn, eingereiht
worden lind in feine Heerde. Er kennt fie auch nach
ihren Bedürfnifsen, nach ihren Charaktereigenthümlich-
keiten, nach ihren Gedanken, Worten und Werken. Er
kennt fie in ihrer Freude, wie in ihrem Leide. Er kennt
ihr geheimftes Wünfchen und ihres innerften Herzens
Begehren. Er kennt ihre Schwächen und Gebrechen, ihre
Sorgen, ihre Kämpfe, ihre Wunden, ihre Verirrungen,
ihre Thränen, ihr Seufzen, ihre Verzagtheit und ihre
Furcht! Darin liegt ein grofser Troft, Geliebte. Wie
hilflos ift im Grunde jedes Schäflein feiner Heerde!
Gilt nicht von uns Allen : „Ohne mich könnt ihr nichts
thun"? Aber gleichzeitig wiffen wir auch: Seine Kraft ift
in dem Schwachen mächtig. Mag man uns verkennen
unter den Menfchcn: Er kennt uns. Mag man uns vergehen
unter den Menfchen: Er vergifst uns nicht. Mag
man uns falfch beurtheilen, hintenan fetzen, gering-
fchätzen, wenn wir nicht mit dem grofsen Strome fchwim-
men, nicht nach der Welt Art verfahren: was thut es,
wenn Er uns kennt und weifs, welches der innerfte Beweggrund
unferes Handelns ift, nämlich die Liebe zu
Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und aus
allen Kräften, und lautere, ungefärbte Bruderliebe?'
(S. 320).

In demfclben Sinn und Geift und in derfelben Aus-

und erquicken mufs wie der Thau die geöffneten Blu
thenkelche' (S. 389), fo pflichten wir ihm vollftandig bei,
dürfen aber, ohne feiner Befcheidenheit zu nahe zu treten
, es ausfprechen, dafs, wer den .evangelifchen Wahrheitsgehalt
' in fo edle Formen zu faffen verlieht, die
Predigt wirklich zu dem geftaltet, was fie fein foll: zu
einem Werke einer der edelften Künfte, die es giebt, zu

M. 3. 60.

Der Verfaffer läfst fich über den Zweck diefes Buches
in der Vorrede folgendermafsen aus: ,Die beklagens-
werthen Zuftände, welche fich in unferem Volke in P"olge
des Unglaubens fchon feit längerer Zeit geltend machen
und uns überall entgegentreten, haben den Verf. vereinen
! Kunftwerke der chriftlichen Beredtfamkeit! anlafst, eine gröfsere Anzahl von denkwürdigen G

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