Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1882 Nr. 10

Spalte:

233

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fischer, E.

Titel/Untertitel:

Ein Votum für die sogenannte Selbstcommunion 1882

Rezensent:

Krauss, Alfred

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

233

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 10.

234

Trefflich ift die Kritik, welche er gegen einige
Hauptpunkte ausübt, auf welche fleh die Anhänger der
Praemeditationstheorie befonders beriefen, z. B. auf die
Anfammlung einer franzöfifchen Flotte in Rochelle (fie
war nicht gegen die hugenottifche Stadt, fondern gegen
die Spanier benimmt), auf die bekannte Aeufserung
Karl's IX. bei dem erften Zufammentreffen mit Coligny
und des Legaten Aleffandrino nach der Bartholomäusnacht
, welche beide nach ihrem wahren Werthe und
nach ihrer Glaubwürdigkeit charakterifirt werden. Der
Forfcher, welcher nicht blofs an dem blutigen Probleme
der Bartholomäusnacht fleh abmühen will, findet in den
vielen neuen Documenten, von welchen Auszüge gegeben
find, reiche Ausbeute, und endlich wird jeder,
der fleh mit diefer Periode der franzöfifchen Gefchichte
befchäftigt, an der feinen Charakterifirung der Haupt-
perfonen, an der reinlichen Auseinanderhaltung der po-
litifchen Intereffen und Parteien, an der ganzen klaren
Darfteilung des fchönen Buches fleh erfreuen.

Stuttgart. Theodor Scho tt.

P. S. Auch die Schrift von Comhes L'entrevue de Bayonne 15*^5
el la queslion de la St. Barlhelemy. Par. 1882, die mir eben zu Händen
kommt, beweift pur, dafs Spanien in Bayonne auf die Ermordung der
Hugenottenhäupter hinwies. was man fchon längft wufste, nicht aber dafs
Katharina ein beftimmtes Verfprechen abgab. Uie Brofchüre, einige De-
pefchen zufammenhangslos enthaltend, ift überhaupt ohne volle Kenntnifs
der Sachlage und Literatur ziemlich leichtfertig gefchrieben.

D. O.

Fischer, Patt. E., Ein Votum für die sogenannte Selbst-
communion. Hannover 1882, Weichelt. (36S. 8.)M.—.50. j
Zu unzähligen Schriften und Abhandlungen über
diefen Gegenitand noch eine neue! Neues bringt fie
nicht, aber gutes Altes auf's Neue. Der Geiftliche be- I
darf häufiger Abendmahlsfeier fo gut wie der Laie. Nur
in den feltenften Fällen kann er das Abendmahl aus den 1
Händen eines Amtsbruders empfangen. Alfo ift es
beffer, er adminiftrire es fleh felber. Das ift der kurze
Inhalt des Schriftchens. Kirchenhiftorifche und dogma-
tifche Beweife werden ins Feld geführt, um — das Recht
eines religiöfen Bedürfnifses zu erhärten. — Alle diefe
Beweife find felbftverftändlich auf confequent evangelifch-
proteftantifchem Standpunkt; alle brechen fleh an dem
fogenannt lutherifchen (in Wahrheit melanchthonifch-
katholifchen) Amtsbegriff. Ich kann dem Schriftchen
nur den beften Erfolg wünfehen, nicht um feines Pac-
tirens mit unechtem Lutherthum willen, wohl aber wegen J
feines an lieh gefunden Geiftes, der überall frifch und I
lebendig fleh erzeigt, wo er fleh nicht vor Verketzerung
furchtet. Die Quinteffenz liegt in den (von mir rückhaltslos
unterftutzten) Worten S. 22: ,Der volle Gemeindebegriff
gelangt eben fo wenig zur Darftellung,
wenn der Priefter ohne die Laien communicirt, als wenn
die Laien ohne den Priefter communiciren'.

Strafsburg iE. Alfred Kraufs.

Menegoz, Eug., La notion du catechisme. Etüde de theo- i
logie pratique. Paris 1882, Fischbacher. (47 S. 8.)
Fr. —. 60.

Die analytifche (wir würden fagen: die deduetive)
Methode wird für den Katechismus verworfen und nur
die fynthetifche (im Deutfchen würde es heifsen: die in-
duetive) zugelaffen. Aber ftreng deduetiv wird der kleine
lutherifche Katechismus als das Ideal nachgewiefen.
Ueber den Werth des Memorirens erfahren wir viel
Gutes und Treffliches. Die Notwendigkeit eines kurzen
, nur die Hauptpunkte enthaltenden Katechismus ift
unwiderleglich erzeigt. Wer es vergeffen kann, dafs
neben den angezogenen Katechismen auch noch andere,
fehr wenig von Rouffeau, dem fpäter Gekommenen, angehauchte
Lehrbücher des proteftantifchen Volkes exi-
ftiren, z. B. der alte Zürcher, der kleine anglicanifche,

! Der mag fleh imponiren laffen. Um aber in der angeregten
Frage, einen alle Proteftanten vereinigenden Katechismus
für Frankreich zu fchaffen, ein endgültiges
Urtheil abzugeben, dazu reicht das Schriftchen doch
nicht aus. Es ift frifch und gut gefchrieben, von ge-
fundem paftoralen Sinn durchweht; aber es trägt den
confeffionellen Bedürfnifsen in feinem eignen naiven und
liebenswürdigen lutherifchen Confeffionalismus zu wenig

) Rückficht. Schwerlich würde fleh je die Hoffnung rea-
lifiren, dafs ein auf die 5 Hauptpunkte (Dekalog, Credo,
Vater unfer, Taufe und Abendmahl) reducirter Katechismus
den Katholiken die Einficht vermitteln müfste.

j ihre übrigen Lehren wären nur des doctrines secondaires,
Strafsburg i/E. Alfred Kraufs.

Pfisterer, Sem.-Rekt. Guft. Friedr., Pädagogische Psychologie
. Ein Verfuch. Gütersloh 1880, Bertelsmann.
(XII, 340 S. gr. 8.) M. 6. —

Wir glauben, der Verf. ift durch die Bearbeitung der
vorliegenden Schrift einem vielfach gefühlten Bedürfnifse
entgegen gekommen. Auch uns ift noch keine umfaffen-
dere Darftellung der Pfychologie unter dem pädag. Ge-
flehtspunkte bekannt geworden. Was bis jetzt in diefer
Beziehung gefchehen ift, befchränkt fleh auf die Beigabe
pfychologifcher Abfchnitte in den Handbüchern der
Pädagogik. Um fo zeitgemäfser und nothwendiger war
eine ausführliche und gründliche Darfteilung der menfeh-
lichen Seelenlehre, da die bisher gerade in der Pädagogik
vorwiegend herrfchenden pfycholog. Grundfätze von
Herbart und Beneke in neuerer Zeit nicht ohne Erfolg
bekämpft worden find. Auch der Verf. erkennt wohl
die vielfache Förderung, welche die Pädagogik den erwähnten
beiden Syftemen verdankt, bereitwillig an; doch
fleht er fleh aufser Stand, dem einen oder dem andern
als ein treuer Anhänger zu folgen. Ihm fagen die neueren
pfychologifchen Syfteme von H. Lot ze, J. H. Fichte
und H. Ulrici u. A. mehr zu, doch hat er fleh weder
an das eine, noch an das andere fchlechthin gebunden.
Darum hat er fleh genöthigt gefehen, feiner fpäteren
Darfteilung der pädag. Pfychologie die Lehrfätze aus der
allgemeinen wiffenfehaftlichen voraus zu fchicken. Er
bezeichnet die Seele als einen Inbegriff (Organismus)
vieler und verfchiedenartiger, ihr urfprünglich angeborener
und zu ihr felbft gehöriger Triebe, und tritt damit in
grundfätzlichen bewufsten Widerfpruch mit der Her-
bart'fchen Pfychologie, fofern diefe von dem Satze ausgeht
, die Seele fei ein fchlechthin einfaches, in-
halts- und beziehungslofes Wefen, für welches alle
an es herantretenden Beziehungen etwas durchaus Frem-
des und Aeufserliches bleiben, gegen das es fleh nur ,felbft
behaupten'könne. Dafs die Beneke'fche Pfychologie ftatt
von einer fchlechthinigen Einfachheit und Beziehungsloflg-
keit der Seele vielmehr von einer Vielheit angeborener
, reizempfänglicher und die Reize felbftthätig aufnehmender
und verbreitender ,Urvermögen' ausgehe,
und dabei auch eine urfprüngliche individuelle
Verfchie denheit der angeborenen ,Reizempfänglichkeit
, Lebendigkeit und Kräftigkeit' der einzelnen Seelen
annehme, fei unzweifelhaft ein grofser, hoch anzufchlagen-
der Vorzug diefer Pfychologie gegenüber der Herbart-
fchen. Aber der verhängnifsvolle Grundirrthum der
Beneke'fchen Pfychologie beftehe darin, dafs ihre ,Urver-
mögen' nur die Kräfte der niederen, finnlichen,
animalifchen Seele (die Sehkräfte, Hörkräfte, Taftkräfte
u. f. w.) find und dafs fie höhere, geiftige, fpeci-
fifch menfehliche Urvermögen weder kenne, noch anerkenne
. Damit fehle es ihr aber, ganz wie der Herbart-
fchen Pfychologie, an einem irgend genügenden Erklärungsgrunde
für das Verftändnifs der höheren, eigentlich
geiftigen Seelengebilde. Auch fie fehe fleh vielmehr zu
dem nothwendig mifslingenden Verfuche genöthigt, die
höheren geiftigen Seelengebilde aus den niede-