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Ausgabe:

1882 Nr. 10

Spalte:

231-233

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baumgarten, Herm.

Titel/Untertitel:

Vor der Bartholomäusnacht 1882

Rezensent:

Schott, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 10.

232

ftellte Verhältnifs der vier Mächte: Curie, Deutfchland, I
Frankreich und Neapel 1309—1311 einer neuen Unter-
fuchung und vermögen — insbefondere auf Grund eines
höchft intereffanten Gefandtfchaftsberichtes, der bisher
in Deutfchland kaum Beachtung gefunden hatte (er wird |
aus Boutaric's Publication als Beil. 4 abgedruckt) die Re- |
fultate Pöhlmann's im Ganzen wie im Einzeln mannigfach j
richtig zu ftellen. Ich mufs mir aber vertagen, diefelben
hier genauer zu befprechen: es genüge, ausdrücklich auf
fie als fehr intereffant und belehrend hinzuweifen. Nur
eine Frage möchte ich zum Schlufs noch aufwerfen:
Wenck hat die Ueberfchätzung Clemens' V. mit Recht
grundfätzlich aufgegeben; wäre es nicht beffer gewefen,
dasfelbe auch Heinrich VII. gegenüber zu thunr Wenn
man diefen Luxemburger mit feinem Sohn Johann und
anderen Nachkommen feines Gefchlechts vergleicht, fo
wird man fo viel Gemeinfames an diefer Familie finden,
dafs ein guter Theil des idealen Bildes, das wir uns
von jenem Kaifer zu machen pflegen, verfchwindet und
Züge hervortreten, die uns ganz anders anmuthen. Der
Herr Verfaffer arbeitet mit ebenfo grofser Kenntnifs
des Quellenmaterials als ernftlichen Beftreben, fich bei
aller Sorgfalt der Einzelunterfuchung dennoch in der
Darftellung auf das Nothwendigfte zu befchränken und
die grofsen Gefichtspunkte feftzuhalten, die bei Ueberfülle
des Details nur zu leicht verloren gehen. Möge er nun
bald dazu fortfehreiten, feine umfaffenderen Studien zur I
Gefchichte des ganzen avignonenfifchen Papftthums,
die ich bei ihm vorausfetzen zu dürfen glaube, zu ver-
werthen und an die Oeffentlichkeit zu bringen.

Berlin. Karl Müller.

Baumgarten, Herrn., Vor der Bartholomäusnacht. Strafsburg
1882, Trübner. (XIX, 263 S. gr. 8.) M. 5. —

Die feit Jahrhunderten hch fortfpinnende literarifche
Fehde über den Urfprung der Bartholomäusnacht war 1
in den letzten Jahren durch die Schriften von Wuttke:
Zur Vorgefchichte der Bartholomäusnacht 1879, (vgl. 1
meine Recenfion darüber Theol. Lit.-Zeitung 1879 C- 452
und Zeitfchr. für Kirchengefchichte V, 112 ff.) und von
Bordier: La Saint-Barthelemy & la critique moderne 1879,'
aufs neue entbrannt. Beide Autoren waren zu dem
Refultate gelangt, dafs die Blutthat vom 24. Aug. 1572
das Werk einer langjährigen Verftellung, einer plan-
mäfsigen Verfchwörung gewefen fei. Befonders Bordier
hatte geglaubt, dadurch, dafs er den Bericht Miron's, die
Beichte Heinrich's III. über die Zeit unmittelbar vor
jener Zeit und über feinen Antheil an dem Verbrechen )
enthaltend, in feiner Unechtheit nachwiefe, gewonnen
Spiel für die Praemeditation zu haben und die entgegen- I
flehende Anficht von Soldan, des bedeutendften Vertreters
der Anficht, dafs jener That ein fchnell gefafster I
Entfchlufs zu Grunde lag, der dann eine entfetzliche
Kataftrophe zur Folge hatte, als unhaltbar dargeftellt
zu haben. Baumgarten in feiner trefflichen, ebenfo klaren
als den Gegenftand völlig beherrfchenden Schrift j
tritt wieder auf Soldan's Seite (abgefehen von dem eben j
erwähnten Discours Heinrich's III., deffen Unechtheit er j
auch vollftändig anerkennt), und das Refultat feiner fcharf- j
finnigen Unterfuchung ift in der Kürze folgendes: Der
Friede von St. Germain 1570, für die Hugenotten
fehr günftig, war keineswegs eine Falle für fie, fondern
eine politifche Nothwendigkeit, durch die Macht
der Proteftanten, durch die eigene Geldnoth und ähnliche
Gründe dem Hofe dictirt; es war das der Anfang
einer antifpanifchen Politik, welche feit dem Tode Heinrich
's II. (1559) zum erften Male lieh wieder geltend
machte und allmählich beinahe bis zum völligen Bruch,
zum Kriege mit Spanien führte. Diefe Politik war durchaus
keine Maske, fondern eine völlig ernft gemeinte; in
dem Bündnifs, welches mit England gefchloffen wurde, |
in der ziemlich offenen Unterftutzung, welche Adolf von |

Naffau in feinen Unternehmungen gegen die Niederlande,
Spaniens verwundbarften Punkt, zu Theil wurde, zeigte
fleh diefe Richtung fehr deutlich; die Annäherung an
die Hugenotten, die Berufung Coligny's an den Hof
ftand damit im engften Zufammenhang und endlich die
Hochzeit Heinrich's von Navarra mit Margaretha, welche
in fo vielen Darftellungen als das Mittel angegeben
wird, um die arglofen Proteftanten nach Paris zu locken,
um dort die Schlinge ihnen über den Kopf zu werfen,
follte — darüber laffen die Briefe Johanna's, der Mutter
Heinrich's, und die Verhandlungen mit dem Papfte über
den Dispens durchaus keinen Zweifel — zur Verhöhnung
der beiden Parteien dienen. Katharina von Medici,
der die Verforgung ihrer Kinder durch gute Heirathen
befonders am Herzen lag, hatte ihre Politik gegen die
Hugenotten dahin geändert, dafs fie durch gütliche
Mittel, Ehrenftellen etc. die Ketzer in den Schofs der
katholifchen Kirche zurückzubringen fuchte; durch Margaretha
hoffte fie Heinrich zu bekehren, und Johanna,
die dies ahnte und der an dem Seelenheil ihres Sohnes
unendlich viel lag, fträubte fleh deswegen fo lange
gegen diefe Heirath, und nur die überwiegenden poli-
tifchen Vortheile für ihren Sohn, ihr Reich und ihre
Partei entriffen ihr das Jawort. Die Niederlage der
Franzofen unter Genlis in den Niederlanden (17. Juli
1572) führte die Kataftrophe herbei; es gelang Katharina,
Coligny's gewaltigen Einflufs auf Karl IX. zu paralyfiren,
der k. Rath befchlofs, vom Kriege abzuftehen, Coligny
aber, durch Verfprechungen gegenüranien gebunden,gab
das ,flandrifche Project' durchaus nicht auf. Um alle
Complicationen, welche Frankreich in einen Bürger- oder
auswärtigen Krieg verwickeln konnten, abzufchneiden,
befchlofs Katharina, ihn ermorden zu laffen (etwa Mitte
Auguft); das Attentat mifslang, Coligny wurde nur verwundet
(22. Augult) und um der Rache der Hugenotten
zuvorzukommen, wurde die allgemeine Metzelei be-
fchloffen und in grauenvollftcr Weife ausgeführt.

Und auf welche Documente ftützt fich Baumgarten
für diefe Darftellung, welche ebenfo einfach als natur-
gemäfs erfcheint? Die beften Quellen führt er an, die
diplomatifchen Berichte jener Jahre, die in feltener Voll-
(tändigkeit (nur die Depefchen des englifchen Gefandten
Walüngham , die über die Vorgänge innerhalb der pro-
teftantifchen Partei Auskunft geben würden, fehlen vom
10. Aug. 1572 an) vorhanden find, die Berichte der
fpanifchen, florentinifchen, englifchen Gefandten, die
Correfpondenzen des päpftlichen Nuntius, des franzöfi-
fchen Hofes mit feinen Gefandten, überhaupt der leitenden
politifchen Perfönlichkeiten, bilden das Material,
aus welchem B. feine genaue zuverläffige Schilderung
jener Zeit aufbaut. Mit Recht fchreibt er allen Ge-
fchichtswerken, welche nach der Blutthat, fie vertheidi-
gend oder verdammend, gefchrieben wurden, und welchen
die geheimen Vorgänge am Hofe unbekannt waren,
eine für die Frage der Praemeditation untergeordnetere
Bedeutung zu; durch die täglichen gleichzeitigen diplomatifchen
Berichte aber, die fich überdies gegenfeitig
controliren und ergänzen, erhält man den ficherften Einblick
in die geheimften Gedanken und Pläne der leitenden
und befonders intereffirten Perfonen. Philipp II.,
Alba und der Papft hatten gewifs das gröfste Intereffe
an der Unterdrückung und Vernichtung der Hugenotten;
beftand eine Verfchwörung, fo mufsten diefe fie kennen;
nirgends findet fich aber eine Spur davon, nur von dem
Attentat auf Coligny erfuhr der päpftliche Nuntius wenige
Tage vor demfelben. Die Sendung des Nuntius
Aleffandrino, um die navarrefifche Heirath zu hintertreiben
, der monatelang fortgefetzte Kampf um den
päpftlichen Dispens find ganz unvereinbar mit der Praemeditation
. Wenn auch nicht alle Fragen gelöft find,
die Meinung: alles, was die franzöfifche Krone feit Aug.
1570 gethan habe, fei nur Vorbereitung auf den 24. Aug.
1572 gewefen, fcheint auch uns definitiv befeitigt zu fein.