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Ausgabe:

1882 Nr. 10

Spalte:

225-226

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nirschl, Jos.

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Patrologie und Patristik. 1. Bd 1882

Rezensent:

Harnack, Adolf

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225

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 10.

226

fchliefsen, ilt ein willkürliches Quidproquo. Dafs und 1
wie die Schrifterklärung jener Zeit zur Annahme eines
mehrfachen Schriftfinns kam, ift ja bekannt genug; aber
dafs man in ihr Gefchichte componirte, die diefen mehrfachen
Sinn intendirte, hat der Verf. nicht erwiefen. Es
mag eine fcheinbare Confequenz darin liegen, nachdem
man den vierten Evangeliften zum halben Gnofliker gemacht
, nun auch fein Evangelium im Sinne feiner Zeit
zu deuten; aber wenn man die völlig unwiffcnfchaftliche
Deutung jener Zeit als Beweis für feine angeblich wiffen-
fchaftliche Erklärung desfelben anrufen mufs, fo liegt
darin doch die fchärffte Verurtheilung der letzteren.

Berlin. Dr. Weifs.

Nirschl. Prof. Dr. Jof., Lehrbuch der Patrologie und
Patristik. 1. Bd. Mainz 1881, Kirchheim. (VI, 384 S.
gr. 8.) M. 4. 80.

Was die Anlage diefes Lehrbuches, de (Ten erfter
Band die voreufebianifche Literatur umfafst, betrifft, fo
unterfcheidet es fich nicht von den älteren katholifchen
Patrologien. Voran fleht eine Einleitung (,Allgemeine |
Patrologie'), in welcher vom Begriff der Disciplin, von 1
der Autorität der KW., von der Kritik, dem Studium
und der Leetüre der patriftifchen Schriften, endlich von j
der Gefchichte der Patrologie und von der patriftifchen
Literatur gehandelt wird. Es folgt die befondere Patrologie
nach dem Schema: Schriften der apoftolifchen
Väter, Apologeten und Polemiker des 2. Jahrhunderts,
die patriftifche Literatur des 3. und der erften zwei De-
cennien des 4 Jahrhunderts. Unterabtheilungen finden
fich überhaupt nicht (!). In formeller Hinficht wäre nur
noch anzumerken, dafs die apoftolifchen Väter auf IOO
Seiten abgehandelt werden, während der gefammten übrigen
Literatur bis Eufebius nur 240 Seiten gewidmet find.

Auf die Sache und die wiffenfehaftliche Methode ge-
fehen, bezeichnet das Buch einen Rückfehritt. Die Reihenfolge
: Moehler, Alzog, Nirfchl ift in mancher
Hinlicht eine abfleigende. Man begreift aber überhaupt
nicht, was diefes Lehrbuch neben denen von Moehler
und Alzog bedeuten foll, wenn man nicht die Hypo-
thefe zu Hülfe nimmt, dafs jene Werke noch nicht die
Nota völliger .Akribie' befitzen und defshalb zweck-
mäfsig durch ein anderes erfetzt werden follen. Der Verf.
felbft macht uns zwar in der Vorrede auf gewiffe Unter-
fchiede zwifchen feinem Werke und denen feiner Vorgänger
aufmerkfam, aber fie lind fo geringfügige und
zum Theil fo offenbare Rückfehritte (man vergleiche nur
die Darfteilung der Hauptpunkte der Lehre der verfchie-
denen Väter bei Moehler und bei Nirfchl), dafs lieh aus
ihnen das ganze Unternehmen fchwerlich erklärt. Was
aber der Verf. an neuerer Literatur beigebracht hat —
es ift fpärlich genug —, macht fein Buch nicht werthvoller
, und die theils alten, theils neuen Hypothefen, die
er vertheidigt (Echtheit des Barnabasbriefes — Hermas
identifch mit dem H. Rom. 16, 14, Apoltelfchüler, Bifchof
nach LA. 11,4], und zwar Bifchof von Cumä um 96n.Chr.,
Hermas, Bruder Pius' L, als Ueberfetzer des Werkes feines
Namensvetters — Ignatius als Mitfchüler des Polykarp
bei Johannes, von Paulus und Petrus dem hochbetagten
Evodius als Coadjutor beigegeben, vom Kaifer Trajan
perfönlich zu Antiochien verurtheilt u. f. w ), find gänzlich
haltlos. Sie waren aber auch fchon aus den Special-
fchriften des Verfaffers über die apoftolifchen Väter be- j
kannt. Was dann noch folgt, verräth aber nirgendwo
Kenntnifse, die fich über die Oberfläche oder über die
landläufigen Irrthümer erheben, und der Studirende, der
fich dem Verf. als P uhrer anvertraut, lernt an den KW. j
lediglich das heute gültige römifche Dogma kennen und
dazu noch .Individuelle Anflehten' der einzelnen Väter,
die fich nun freilich wie harmlofe Seltfamkeiten ausnehmen
(f. S. 157 f., 163 f., 199 f., die Behandlung des j
Origenes S. 236 b u. f. w.). Gefchichte giebt es auf

diefem Standpunkt überhaupt nicht, fondern nur Testi-
monia, die fich lediglich durch eine datirte Etiquette von
den ,Zeugnifsen' unterfcheiden, die heutzutage abgelegt
werden. Unftreitig haben es die katholifchen Patriftiker
leichter als die proteftantifchen, im 2. und namentlich im
3. Jahrhundert ihr eigenes Bild wiederzuerkennen; aber
fie beuten diefen Vortheil in einer Weife aus, der gegenüber
felbft die altproteftantifche Gefchichtsbetrachtung
den Namen einer kritifchen verdient.

Giefsen. Adolf Harn ack.

Harnack, A.. Die Ueberlieferung der griechischen Apologeten

des 2. Jahrhunderts in der alten Kirche und im Mittelalter
. Leipzig 1882, Hinrichs. (VIII, 300 S. gr. 8.)
M. 9. —

A. u. d. T.-. Texte und Untersuchungen zur Gefchichte der
altchriftlichen Literatur von Oscar von Gebhardt
und Adolf Harnack. I. Bd. Heft 1 und 2.

Die Werke der gricchifchen Apologeten des 2. Jahrhunderts
gehören im Allgemeinen nicht zu den vernach-
läffigten Stücken der altchriftlichen Literatur. Dennoch
fehlte auch für fie bisher noch eine Unterfuchung ihrer
Ueberlieferung. Der Unterzeichnete hat eine folche in
vorftehender Abhandlung unternommen. Da er felbft;
nicht in der Lage gewefen ift, die Handfchriften aufs
neue einzufehen — er hat die Parifer im Jahre 1877 nur
wenige Tage in den Händen gehabt —, .fo mufste er fich
wefentlichauf die reichhaltigen Angaben und auf die Colla-
tionen in der grofsen Ausgabe der Apologeten von v. Otto
verlaffen. Die Ergebnifse feiner Unterfuchungen werden
fich aber, foviel darf er mit Zuverficht fagen, in allen Hauptpunkten
auch bei einer erneuten Bemühung um die Texte
beitätigen. Ergänzungen und Berichtigungen im Einzelnen
find theils von v. Otto — in den noch ausgehenden Bänden
der neuen Auflage des Corpus Apologctarum — theils
von v. Gebhardt zu erwarten, welcher auf einer Reife
durch Frankreich und Italien auf Grund der Ergebnifse
meiner bereits abgcfchloffenen Arbeit die wichtigeren
Handfchriften fämmtlich unterfucht refp. collationirt hat
und über den Befund, fofern er von meiner Darltellung
abweicht, in einem der nächften Hefte Bericht erftatten
wird.

Die Abhandlung zerfällt in zwei Theile. In dem
erften ift die handfehriftliche Ueberlieferung der Apologien
im Mittelalter dargelegt (S. 1—97), in dem zweiten
die Benutzungsgefchichte derfelben in der alten Kirche
und im Mittelalter aufgedeckt (S. 98—298). Als das
wichtigfte Refultat des erften Theiles fei hervorgehoben,
dafs die gefammte handfehriftliche Ueberlieferung der
Apologeten (mit Ausnahme des Theophilus), foweit fie
uns bekannt ift, auf drei Codices zurückzufuhren ift,
nämlich auf den Paris. 451 (v. J. 914), auf den Paris. 450
(v. J. 1364) und auf den verbrannten Argentoratensis.
Alle übrigen Handfchriften (mit Ausnahme des J/arciau.
A,cß für Theophilus) find zu miffen und haben nur Werth
für die Gefchichte der Verbreitung. Von den drei genannten
Codices ift aber der ältefte, der Paris. 451, ein
kleines Corpus Apologctarum saec. II (einfchliefslich des
Clemens Alex.); die beiden anderen find Sammlungen
von Werken Jultin's. Der Paris. 451 ift für den gelehrten
Erzbifchof Arethas von Cäfarea gefchrieben, der in
der Gefchichte der Theologie als Commentator der
Apokalypfe bekannt ift. Er enthält zahlreiche Scholien,
die höchft wahrfcheinlich von Arethas felbft flammen,
ja zum gröfsten Theile von feiner Hand herrühren.
Doch habe ich hierüber die Unterfuchung nicht zu Ende
führen, refp. fie methodifch überhaupt nicht in Angriff
nehmen können, da mir die Einficht in die Handfchrift
felbft mangelte. Sicher aber ift, dafs wir die Erhaltung
des gröfsten Theils der Apologien jenem Erzbifchofe
von Cäfarea verdanken. In einem beigegebenen Ex-