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Ausgabe:

1882

Spalte:

1-3

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scholten, J. H.

Titel/Untertitel:

Das paulinische Evangelium 1882

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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Seite 1, Seite 2

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 1. lA- Januar 1882. 7. Jahrgang.

Schölten, Das pauHnlfche Evangelium (H.
Wendt).

Ufener, Acta Martyrum Scillitanorum (A.
Harnack).

Roller, Les Catacombes de Rome (Schultze).
Ochfenbein, Aus dem fchweizerifchen Volksleben
des 15. Jahrhunderts (Stähelin).
Hoffmann, Die Miffouri-Synode (Kattenbufch).

Walt her, Die Lehre von der Gnadenwahl

(Kattenbufchl.
Hafer mann, Miffourier outside and inside!

(Kattenbufch).
Ritfehl, Theologie und Metaphyfik (Flügel).

Lö ber, Alte Wahrheit in neuer Geftalt. 2. Band, j freiheit (A. Harnack)

(Lemme). |
Ratzinger, Die Volkswirthfchaft in ihren | Evers, „Siehe ich verkündige Euch grofse

Kübel, Über den Unterfchied zwifchen der
pofitiven und der liberalen Richtung in der
modernen Theologie (Ilerrmann).

Haupt, Die Kirche und die theologifche Lehr-

fittlichen Grundlagen (Uhlhorn). Freude". Predigten (Diegel).

Schölten. Prof. Dr. J. Ii., Das paulinische Evangelium.

Kritifche Unterfuchung des Evangeliums nach Lucas
und feines Verhältnifses zu Marcus, Matthäus und
der Apoftelgefchichte. Nach eigenhändiger Ueber-
arbeitung des Verfaffers aus dem Holländifchen überfetzt
von Dr. E. R. Redepenning. Elberfeld 1881,
Friderichs. (VIII, 326 S. gr. 8.) M. 8. —

Es ift nicht nur die 1870 erfchienene Schrift: ,Het pau-
linisch Iivangelie fondern mit ihr combinirt die 1873 erfchienene
Schrift: Js de derde Evangelist de Sclirijver
van liet Boek der Handelingen? welche hier in deutfeher
Ueberfetzung vorliegen. Diefe Combinirung war dadurch
geboten, dafs der Verf. in der zweiten der genannten
Schriften feine in der erfteren ausgefprochenen
Anfchauungen infofern verändert hatte, als er in der
Apoflelgefchichte nicht mehr ein Product der gleichen
fchroff paulinifchen Tendenz fehen konnte, wie im Lu-
casevangelium, und deshalb einen anderen, conciliato-
rifch gerichteten Verfaffer der Apoflelgefchichte annahm,
in welchem er zugleich einen Ueberarbeiter des Lucasevangeliums
fah. Jetzt hat nun der Verf. an die Stelle
des früheren Schluffes jener erfteren Schrift die zweite
Schrift eingefetzt und hat daneben einige durch diefe
Einfetzung nöthig gewordene Modificationen in dem
übrig gebliebenen Beftande jener erfteren Schrift vorgenommen
. Es mufs aber hervorgehoben werden, dafs
der Verf. bei diefer Zufammenarbeitung der beiden
Schriften fich auf die allcrnothwendigften Veränderungen
befchränkt hat, fo dafs man den Eindruck, es mit zwei
Schriften und nicht mit einer einzigen zu thun zu haben,
nicht verliert. Namentlich die im jetzigen Schlufstheile
gegebenen Befprechungen aller einzelnen Stellen, in
denen fich nach des Verf.'s Meinung die antijudaiftifche
Tendenz des Verfaffers des dritten Evangeliums zeigt,
wo doch nur wiederholt wird, was in den früheren Ab-
fchnitten des Werkes ebenfo ausführlich bereits erörtert
ift, waren nur gerechtfertigt, fo lange diefer letzte Theil
eine eigene Schrift bildete.

Die auf dem Titel bezeichnete eigenhändige Ueber-
arbeitung des Verfaffers' erftreckt fich aber auch nur
auf diefe Zufammenfügung der beiden früheren Schriften
. Die in der Einleitung gegebene ,Gefchichte der
Literatur des Evangeliums nach Lucas' ift bei dem
Punkte flehen geblieben, bis zu welchem fie 1870 geführt
war; es ift bezeichnend, dafs man nicht nur hier,
fondern auch weiterhin im Werke den Namen Weifs vergebens
fucht. Der Verf. hat aber auch feine Anfchau-
ung von der hyperpaulinifchen (vgl. S. 214. 222) Tendenz
des Verfaffers des dritten Evangeliums in Nichts
gemildert. Für faft alle, nicht nur in Geringfügigkeiten
des Ausdruckes beftehenden Veränderungen, Weglaffun-
gen oder Zufätze, durch welche fich das dritte Evangelium
von dem Marcus- und Matthäusevangelium unter-
fcheidet, hat der Verf. eine Erklärung aus der vorausgefetzten
Tendenz des Evangeliften zur Hand. Unter
der Fülle von Fällen, wo derjenige, welcher nicht im
Voraus die Gewifsheit des Verf.'s von dem Vorhandenfein
diefer Tendenz theilt, nur Hineintragungen einer
dem Evangeliften durchaus fernliegenden Abficht in den
Sinn des Textes erblicken kann, verfchwinden ganz die
einzelnen Fälle, wo man mit Recht die Veränderungen
und Weglaffungen, welche Lucas im Vergleiche mit
Marcus und Matthäus zeigt, aus einer paulinifirenden
Anfchauung herleiten kann. Bei folchen Stellen, welche
fich mit der behaupteten paulinifchen Tendenz des Evangeliften
gar nicht vereinigen laffen, bleibt dem Verf.
immer der Rückhalt, dafs er eine durch den fpäteren
Redactor herbeigeführteUmgeftaltung des urfprünglichen
Evangeliums annehmen kann (S. 293 ff.). — Dafs auch
bei einem fo bewufst kritifchen Standpunkte, wie ihn
der Verf. einnimmt, doch der Wunfeh, beftimmte Gedanken
im Texte ausgedrückt zu finden, bisweilen blind
machen kann gegenüber den beftbegründeten Forderungen
der Textkritik, dafür diene als Beifpiel, dafs der
Verf. in Luc. 9, 55 die Worte: nvx nidaxe o'iov nveviiaiäg
sote vueiQ; ,mit Meyer S. 358, ungeachtet der Hand-
fchriften, in welchen fie nicht vorkommen', für echt hält
(S. 61). Meyer's Commentar zu Marcus und Lucas ift
bei der angegebenen Seitenzahl nach der vierten Auflage
vom J. 1860 citirt!

Der bleibende Werth des Werkes liegt m. Er. in
den mit grofser Sorgfalt gegebenen Zufammenftellungen
aller einzelnen, gröfseren und geringeren Abänderungen,
welche das Lucasevangelium im Vergleiche mit dem
Marcus- und Matthäusevangelium hat. Für die Beur-
theilung des Verhältnifses, in welchem das dritte Evangelium
zu den beiden anderen fteht, liegt in diefen Zufammenftellungen
das Material auf's Befte geordnet vor.

Der Ueberfetzung gebührt wegen ihrer Gewandtheit
gröfstes Lob. Nur zwei kurze Notizen hat der Ueber-
fetzer feinerfeits als Anmerkungen dem Texte hinzugefügt
: auf S. 254 und S. 273. Die zweite derfelben beruht
aber auf einer irrthümlichen Auffaffung. Wenn
nämlich der Verf. dort im Texte fagt, dafs der Spruch
Matth. 5, 31 f. von Luc. 16, 18 da aufgenommen fei,
,wo von dem Ende des Gefetzes die Rede ift', fo hat
er dabei nicht, wie der Ucberfetzer meint, an die gichtige
' d. h. marcionitifche Lesart twv löytov /.iov ftatt tov