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Ausgabe:

1882

Spalte:

196

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gessner, Thdr.

Titel/Untertitel:

Das hohe Lied Salomonis erklärt und übersetzt 1882

Rezensent:

Stade, Bernhard

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Seite 1

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*95

Theologifche Litcraturzeitung. 1882. Nr. 9.

196

fehen) für die einzelnen Gefetzbücher von einem Jahrhundert
zum anderen fchwankt, daneben zu folcher
Sicherheit üch auffchwingt, um den heranreifenden legis-
latorifchen Gedanken eines einzelnen, zur Hälfte fingir-
ten Gefetzgebers zu verfolgen. Es ift dies ein eclatantes
Beifpiel der auf altteftamentlichem Gebiete augenblicklich
beinahe in erfchreckender Weife herrfchenden Sucht,
dem Einzelnen feinen ganz beftimmten Platz anzuweifen,
während doch für das Ganze die ungefähre Sicherheit
fehlt. Es ift ein bedeutfames Zeichen, auf welches nicht
zu oft hingewiefen werden kann, dafs Derjenige, auf
deffen Schultern die gefammte im eigentlichen Sinne
,moderne' altteftamentliche Kritik fleht, in feiner jüng-
ften zufammenfaffenden Darfteilung der altteftamentlichen
Gefchichtsentwickelung jeden gegebenen Anlafs benutzt
hat, um feinem berechtigten Mifsfallen an folcher verwegenen
. Hellfeherei einer jüngeren Generation Ausdruck zu
geben.

. Dafs Ref. in der Hauptfache mit dem Verfaffer
nicht übereinftimmen kann, hindert ihn nicht, in diefer
Erftlingsarbeit eine im Ganzen methodifch angelegte,
Scharffinn und Sorgfalt bekundende Leiftung zu erkennen
. Die Aeufserlichkeiten in Diction und Druck laffen
hie und da zu wünfchen übrig — zu entfchuldigen dadurch
, dafs der Verf. fich noch nicht ganz frei in der
deutfchen Sprache bewegt, wie er z. B. S. 37 ,Verfamm-
lung' fagt für .Sammlung'.

Marburg i. H. Wolf Baudiffin.

Knabenbauer, Prieft. Jof., S. J., Erklärung des Propheten

Isaias. Freiburg i/Br. 1881, Herder. (IX, 718 S. gr. 8.)

M. 10. —

Diefer mit .Approbation des Capitel-Vicariates Freiburg
' gedruckte, zunächft auf den Text der Vulgata zurückgehende
, aber die .Abweichungen des hebr. Urtextes
' erläuternde, Commentar ift eine für einen römi-
fchen Theologen nicht unebene Leiftung. Mindeftens
ift er derjenigen proteftantifchen Literatur ebenbürtig,
welche von unfern Heifsfpornen mit dem Argumente der
.negativen Kritik' verfchont wird. Dafs der Verf. von
denjenigen Problemen, welche das Buch Jefaias bietet,
keine Ahnung hat, ift eben damit ausgefagtr. Schliefs-
lich kann man das aber auch von der üblichen hiftorifch-
kritifchen Auffaffung des Buches Jefaias, wie fie in dem
ideenarmen Commentare Knobel's ihren charakteriftifchen
Ausdruck gefunden hat, nur mit Einfchränkungen behaupten
. Bis zu dem letztgenannten Buche reicht beim
Verf. im Durchfchnitte die Benutzung der Arbeiten kri-
tifcher Theologen. So wird ja jetzt auch in proteftantifchen
Kreifen, welche früher folche kritifche Arbeiten
perhorrescirten, diefe Leiftung mit ähnlichen verwandten
infolge der neueften Bewegungen auf altteftamentlichem
Gebiete citir- und discutirbar. Der herkömmliche, mit
der Wirklichkeit der Dinge in fo komifcher Weife con-
traftirende Uebermuth römifcher Autoren gegen die pro-
teftantifche Kirche und Wiffenfchaft begegnet dem Lefer
in dem Werke nicht allzuhäufig und wirkt lediglich erheiternd
. Die neueften Entdeckungen römifcher Theologen
über die hebr. Metrik find berückfichtigt worden.
Preis und Ausftattung beweifen, dafs römifche Geiftliche
mehr Bücher kaufen als proteftantifche. Soll man dies
dahin auslegen, dafs die erfteren in ihrer Art ein grö-
fseres Intereffe an der theologifchen Literatur nehmen
als die letzteren, deren wiffenfchaftlicher Sinn ja freilich
durch das Treiben der Kirchenzeitungen und der auf
gleichem Niveau flehenden Recenfirblättchen von Woche
zu Woche immer mehr untergraben wird?

Giefsen. B. Stade.

Gessner, Realfchuldir. Thdr., Das hohe Lied Salomonis
erklärt und übersetzt. Osnabrück 1881, Rackhorft.
(130 S. gr. 8.) M. 2. 50.

Dilettanten machen fich naturgemäfs immer an fchwie-
rigere und häufiger behandelte Theile der von ihnen
heimgefuchten Fächer. Unter den Büchern des A. T. ift
das Hohe Lied ein übel geplagter und viel mifshandelter
Märtyrer. Zu den vielen bereits vorhandenen unmöglichen
Auslegungen desfelben kommt hier eine neue unmögliche
, welche fich allerdings durch befondere Abge-
fchmacktheit vor den übrigen auszeichnet. Der Verf.
findet auf dem Wege .fchulmäfsigen Vorgehens', dafs die
Geliebte während der früheren Regierungsjahre Salomo's,
ungefähr zur Zeit der Tempelweihe, nach Jerufalem kam.
Sie kam vom Libanon. Ks ift ihr auf der Reife nicht
gut gegangen. Sie ift eine Friedebringerin und Volksheil-
fpendenträgerin {markeßdtf'ammi nadtß 6, 12), fie ift ,braun
doch wohlgeziemend', hat aber diefe Farbe früher nicht
an fich gefehen, hat die Höhe eines Palmbaums — fie
ift daher gefchmückt der Tempel, als Einwandernde war
fie das vom Libanon kommende Baumaterial. Die Einzelerklärung
und die Ueberfetzung bewegen fich auf der
ganzen Höhe diefer Gefammtauffaffung. Der Schlufs des
Buches enthält unter Anderm auch eine Erörterung des
Anrechtes des H. L. an die Schule. In die Volksfchule
gehöre es freilich noch nicht, aber für die obere Stufe
höherer Lehranftalten fei es ein ganz vorzüglicher Stoff.
Ob etwa für Realfchulen, welche ja jetzt als Hauptcultur-
träger ertappt worden find, wagen wir freilich nicht zu
entfcheiden, fürchten aber, der Verfaffer werde Zuftim-
mung zu diefer Behauptung nicht früher finden, als zu
feiner Erklärung des Liedes.

Giefsen. B. Stade.

Palm, Prof. Aug., Alt-Hebräische Lieder. Die in den hifto-
rifchen Büchern des Alten Teftamentes enthaltenen
poetifchen Stücke. 1. Teil. Strophifche Textausgabe
und Ueberfetzung. Zürich 1881. (Schaffhaufen, Selbft-
verlag.) (IV, 82 S. gr. 8.)

Giebt auf der linken Seite den ftrophifch geordneten
Text und je auf der gegenüberftehenden rechten die
Ueberfetzung der poetifchen Stücke in den Büchern Gen.
— 2 Sa., mit Ausfchlufs von 2 Sa. 22. Althebräifch möchten
nicht alle fein. Man wird gut thun, mit dem Ur-
theile über diefe Publication bis zum Erfcheinen des 2.
Theiles zurückzuhalten, welcher diefen erften Theil rechtfertigende
Unterfuchungen bringen foll.

Giefsen. B. Stade.

Würdter, Oberreallehr. F., Kurzgefasste Geschichte Baby-
loniens und Assyriens nach den Keilfchriftdenkmälern.
Mit befonderer Berückfichtigung des Alten Teftaments.
Mit Vorwort von Prof. Friedr. Delitzfch. Nebft 28
Abbildungen. Stuttgart 1882, Gundert. (VIII,279S. 8 )
M. 3. -

Diefes Büchlein will nach Friedr. Delitzfch's Vorworte
ein möglichft treuesBild des babylonifch-affyrifchen
Alterthums geben, fo wie es durch vereinigte fachmän-
nifche Kräfte aus dem Grabesftaube hervorgezogen fich
1 felber bezeugt und infoweit als das wiedererftandene innerhalb
eines Leferkreifes, welchem alles mit dem A. T.
Zufammenhängende von Wichtigkeit ift, auf Intereffe und
Verftändnifs rechnen kann. Alt-Babylonien und Affyrien
werden getrennt behandelt, auf beide folgt in Form eines
Anhanges Neu-Babylonien. In dem Alt-Babylonien be-
; handelnden Abfchnitte werden nach einer Einleitung be-
fprochen 1) Land und Leute, 2) Religion, 3) Künfte und
Wiffenfchaften, 4) Gefchichte. Unter 2 wird die affyri-
fche Gottesverehrung, weil im Wefentlichen mit der ba-