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Ausgabe:

1882 Nr. 8

Spalte:

185-187

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kögel, Rudolf

Titel/Untertitel:

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch. 3. Jahrg. 1882 1882

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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185 Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 8. 186

fen follten ihre Aufgabe darin finden, nicht Stoff zu I liehen Inhaltes und Tones auch über den Leferkreis der
häufen, der vielfach über das Niveau der Maffe der Chriftoterpe hinaus bekannt zu werden verdiente, endlich

Schüler und Schülerinnen hinaus liege. Wir können den
Wunfeh nicht unterdrücken, dafs der Geift, der das ganze
Buch durchdringt, immer mehr Beachtung und Beherzigung
finden möge.
Lang-Göns. K. Strack.

Muff, Dr. Chrn., Theater und Kirche. Vortrag. Halle
1882, Mühlmann. (55 S. 8.) M. 1. —
Die Darftellungen der Romantik von dem engen Zu- [ an deren ,goldenem Faden' ein wackeres, aber felbftbe

R. Kögel mit einer poetifchen Erzählung (,Die erfte
Predigt') von chriftlichem Humor im eigentlichen Sinne
des Wortes, der auf tiefernftem Hintergrunde den heitern
Scherz fpielen läfst. Den poetifchen Beiträgen am
nächften fteht eine Erzählung von N. Fries: ,Goldene
Fäden', die wie alle feine Erzählungen fein und finnD
angelegt und durchgeführt ift, an der namentlich der
durch das Ganze hindurchgehende Zug der fürforgenden
und fürbittenden Mutterliebe und Muttertreue anfpricht,

fammenhang zwifchen Kunft und Religion find mehr ver- 1 wufstes und eigener Kraft vertrauendes Seemannsherz unter

altet und vergeffen, als wirklich widerlegt; kein Wunder,
dafs lie bei uns noch fortwirken. Sie klingen auch an
im Anfang diefes Vortrags. Der Proteftantismus kann
aber der Kunft keine religiöfe, fondern einzig ethifche
Werthfehätzung zu Theil werden laffen. Und immer

Gefahren und Verfuchungen feftgehalten und zu Chrifto
geführt wird. Aber abgefehen davon, dafs die Fries'-
fchen Erzählungen von vornherein zu fehr auf Bekehrung
angelegt find, ftört uns an ihnen der Umftand, dafs bei
den inneren Wandlungen Taft regelmäfsig Krankheit mit-

fteht bei der Kunft in erfter Linie die Befriedigung des J hilft, als ob Gottes Gnade nicht auch an gefunden, na-
äfthetifchen Sinnes, erft in zweiter die fittlich veredelnde | turfrifchen Menfchen ihr Werk haben könnte, und als

Wirkung. Das weifs der Verf. allerdings, aber dann
auch wieder äufsert er fich, als wenn das Theater eine
Sittlichkeitsfchule fei. Es fehlt dem Vortrage eben überhaupt
hinfichtlich des Verhältnifses von Religion, Sittlichkeit
und Kunft die principielle Klarheit; und darum
fehlt dem gefchichtlichen Abrifs der Beziehungen zwifchen
Theater und Kirche, den der Vortrag geben will,
die Sicherheit der Stoffwahl und des Entwickelungsgan-
ges. Ganz unwichtige Dinge wie das Gefchick einzelner

ob feine erfinderifche Liebe nicht taufend andere Mittel
und Wege habe, Menfchenherzen zu fich zu ziehen, als
fie durch Krankheit mürbe zu machen. Chriftliche
Schriftfteller follten fich hüten, das in gebildeten, namentlich
äfthetifchen Kreifen weit verbreitete, nicht blofs
von Goethe, auch von Rückert u. A. gehegte Vorurtheil
zu nähren, das die ,kräftige Sinnlichkeit' des claffifchen
Alterthums in einen falfchen Gegenfatz zu dem angeblich
ätherifchen, blaffen und bleichen Chriftenthum ftellt.

Schaufpielertruppen werden mit breiter Ausführlichkeit i Die beiden Biographen der Chriftoterpe, W. Baur und

behandelt, dagegen höchft wichtige Dinge wie der fitt
liehe Werth des Shakefpeare'fchen Dramas mit kurzen
Bemerkungen abgefertigt, die doch zu fehr dem Bereich
der Gemeinplätze angehören. Man fuche überhaupt in
dem Vortrage keine tiefer gehenden Erörterungen über
das Verhältnifs von Religion und Drama. Nur das
wechfelnde Verhalten der Kirche zum Theater wird ge-
fchildert, ohne dafs ein ernfterer Verfuch gemacht würde,
in die letzten Gründe diefes Verhaltens einzudringen.
So hören wir von der Feindfchaft einzelner Pietiften gegen
das Theater, aber eine Einficht in das Wefen der
pietiftifchen Ethik in diefem Punkt fehlt völlig. Dafs
ein folcher Vortrag gehalten wird, ift mir völlig begreiflich
; zu welchem Zweck er aber gedruckt ift, ift mir
nicht erfichtlich geworden

M. Reichard, haben in hohem Grade anziehende Schilderungen
chriftlicher Lebensgänge von zwei bedeutenden
Männern diefes Jahrhunderts beigebracht, die beide
auf verfchiedenen Gebieten und mit verfchiedener Begabung
hervorragend gewirkt. Der eine ift der Hamburger
Syndicus KarlSieveking, deffen Lebensbild
W. Baur mit grofser Liebe und mit eingehendftem Ver-
ftändnifs für den mannigfach verfchlungenen inneren
Gang des vielfeitig und edel begabten Mannes nach
reichlicli fliefsenden Quellen darfteilt; nur find in das
Bild faft zu viel, wenn auch höchft anfprechende Nebenzüge
mit eingeflochten, namentlich in der einleitenden
Partie, in welcher der ehemalige Pfarrer von Hamburg
der Verfuchung nicht widerftehen kann, in einer den
Rahmen des Bildes durchbrechenden Ausdehnung auf

„ . I Lemme ; die Gefchichte diefer alten, merkwürdigen Reichsftadt und

__'__'__ ihrer edlen Patriciergefchlechter einzugehen. In der an-

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch, hrsg. von Rud. Kögel, dern Biographie läfst M. Reichard in feffelnder und be-
,imT n 1 17 -1 17 1 * -i i wegheher Darfteilung tiefe Blicke hineinthun in die n-

W.lh. Baur und Emil Frommel unter Mitwirkung , ^ Lebensentwicklung und den Charakter des lange
von Frz. Delitzfch, Nie. Pries, Max Prommel etc. 1 nicht genug im chriftlichen Deutfchland erkannten und
(3. Jahrg. 1882.) Bremen 1882, Müller. (404 S. 8.) bekannten grofsen, zumal für die apologetifche Arbeit
M. 4. —; geb. M. 5. —; mit Goldfehn. M. 5. 20; j der Gegenwart^ vorbildlichen Theologen Alexander
Liebhaberausg. in Halbfrz. M. 12. —

Die .neue Chriftoterpe', die bereits in weiten chriftlichen
Kreifen fich eingebürgert hat, bietet auch in ihrem
neuen Jahrgange viel intereffanten und anziehenden Stoff
zur Unterhaltung und Belehrung. Zu den bisherigen
Mitarbeitern find hinzugetreten J. P. Lange mit einem
Fragment aus einer nach diefem Bruchftück zu urtheilen,
grofsartig angelegten, fchwungvollen dramatifchen Dichtung
: ,Des Johannes Abfchied von Patmos'; Jof. Knapp

Vinet, wofür ihm namentlich eine kürzlich erfchienene
Biographie Vinet's von Prof. Rambert auf Grund fchrift-
licher und mündlicher Mittheilungen der Wittwe Vinet's
reiches Material geliefert.

Emil Froramel benutzt mit glücklichem Griff ein
Motiv aus dem Kirchenjahre, indem er einen, von Haus
aus fehr volksthümlichen, jetzt leider im Bewufstfein des
chriftlichen Volkes fehr zurückgetretenen, von Sage und
Kunft poetifch umrankten Fefttag, den Epiphanientag,
nach den verfchiedenften Beziehungen hin in feinen tie-

mit einem innigen, pietätvollen Gedichte auf feinen un- fen Gedanken deutet, und daran ergreifende, mit der

vergefslichen Vater, den Begründer der ehemaligen
Chriftoterpe, und eine Dichterin von erlauchtem Namen:
Eleonore Fürftin Reufs mit edel und warm empfundenen
poetifchen Gaben zum Preife des Gekreuzigten.
Andere poetifche Beiträge haben geliefert Jul. Sturm
mit zwei frifchen Liedern, K. Gerok mit verfchiedenen

Feier diefes Tages zufammenhängende Erinnerungen an
Lebensführungen knüpft, die ein leuchtendes Document
der erziehenden Weisheit Gottes find, und die, um weltlich
zu reden, beweifen, wie mehr Roman im Leben ift,
als oft Leben in den Romanen. O. Funcke, der felt-
fame und frappante Ueberfchriften liebt, bietet unter der

trefflichen Gedichten, unter denen namentlich das eine: | eigenthümlichen, an eine Bremer Gefchichte nicht un
.Der Lutherbaum bei Pfiffligheim' zu den bellen feiner
Mufe überhaupt zählt und wegen feines echt volksthum-

—fc>~.....—«»»».»»».Ii, du cm», »ncn.ci »jciciiicuLe nient un(,e-

fchickt anknüpfendenUeberfchrift: .Apologie eines Krüppels
' einen .Discurs über Heidenmiffion', der die Bedeut-