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Ausgabe:

1882 Nr. 8

Spalte:

182-185

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zezschwitz, Gerh. v.

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Pädagogik 1882

Rezensent:

Strack, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 8.

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Verkörperung der Wcltverachtung hat freilich die ältere
Zeit nicht gehabt. Aber was ift fchliefslich das anders
als der Niederfchlag derjenigen Gefammtrichtung auf
das Jenfeits, welche gerade in den erften Zeiten herrfchte?
Von anderem möchte ich nur das noch hervorheben,
dafs es mir fehr gewagt erfcheint, in der Arbeit der
Mönche im Gegenfatze zu der Stellung der Arbeit in
der damaligen bürgerlichen Welt den Anfang der freien
Arbeit zu fehen. Schliefslich möchte ich noch einmal
auf einen fchon im Eingang angedeuteten Nutzen der
Schrift, die wir zunächft nach dem Werthe ihres hifto-
riiehen Inhaltes anerkennen muffen, hinweifen, der fich
dabei ganz ungefucht ergiebt, und ich möchte hoffen,
dafs derfelbe um fo gröfser fein werde, gerade weil der
Verf. ihn nur durch die Unbefangenheit feiner hiftori-
fchen Auffaffung gewährt. Er ift nach allen Seiten un-
parteiifch, auch überall bereit, in dem, was wir katho-
lifch nennen, das gefunde anzuerkennen, ohne lieh je
durch den kirchlichen Schimmer blenden zu laffen. Aber
weiter hat er fein Werk in der vollen Begeifterung für
die Liebesaufgabe des Chriftenthums verfafst, und ift
doch auch aflen den falfchen Träumen von chriftlicher
Socialreform ferne geblieben. Möge fein Wort dazu
beitragen, dafs wir vor dem Umfichgreifen einer Ver-
irrung bewahrt bleiben, welche an das Chriftenthum
Anforderungen ftellt, deren Verfolgung, wenn es möglich
wäre, die Religion felbft Preis geben müfste.

Tübingen. C. Weizfäcker.

Föste, Ur. Carl Herrn., Die Reception Pseudo-Isidors unter
Nicolaus I. und Hadrian II. Ein Beitrag zur Gefchichte
der falfchen Dekretalen. Leipzig 1881, Böhme.
(39 S. gr. 8.) M. -. 75.

Der Verf. zählt zunächft in chronologifcher Reihen- ]
folge diejenigen Briefe und Allocutionen der genannten
Päpfte auf, in denen nach feiner Anficht pfeudoifidorifche
Grundfätze reeipirt find; wenn derfelbe aber bereits in
Briefen des Papftes Nikolaus I. v. J. 860 Spuren Pfeudo-
ifidor's finden will, fo kann ich ihm hierin nicht bei-
ftimmen; manche Aeufserungen des Papftes entfprechen |
der damals überhaupt herrfchenden oder doch nach i
Geltung ringenden Auffaffung, ja mehrfach find die
Päpfte, wie der Verf. felbft hervorhebt, in ihren abfolu-
tiftifch'cn Bcftrebungen noch über die pfeudoifidorifchen
Sätze hinausgegangen. Charakteriftifch-pfeudoifidorifche
Spuren find in den Briefen von Nikolaus, wie ich finde,
erft feit dem J. 863 nachweisbar, nicht fchon 860 oder
gar 858. Die Bearbeitung des vorliegenden Thema's
würde wefentlich gewonnen haben, wenn der Verf. näher
auf den Standpunkt der Päpfte in der Angelegenheit des
Bifchofs Rothad und in dem Streite zwifchen den beiden
Hincmar eingegangen wäre.

Was der Verf. über die vorzugsweife auf Hebung
und Kräftigung der bifchöflichen Gewalt gerichteten
Tendenzen Pfeudoifidor's und über die der Natur der
Sache nur theilweife Verwerthung der falfchen Briefe
für die curialiftifchen Zwecke der Päpfte hervorhebt,
entfpricht auch meiner Auffaffung, wenn aber (S. 39)
Pfeudoifidor als einer der Hauptpfeiler der Macht des
mittelalterlichen Papftthums bezeichnet wird, fo liegt
darin ficherlich eine grofse Uebcrfchätzung feines Werks.
Die pfeudoifidorifchen Sätze über den Begriff und Umfang
der cansae majores, fowie über die Appellationen j
würden gewifs nicht praktifch geworden fein, wenn fie {
nicht den allgemeinen kirchlichen Zufiänden und der j
durch eine hiftorifche Nothwendigkcit geftutzten Pnma-
tialidec entfprochen hätten.

Der Verf. hat die Abh. von Maafsen: E-ine Rede
des Papftes Hadrian II. v. J. 869 (Wien 1873), den Auf- .
fatz von Lapötre, Hadrien II et /es fausses decretales in
der Revue des questions historiques, XIV' annee, (Paris j

1880) und die Abh. von de Smedt, Uepiscopat franc et
la cour de Rome au IXe siecle in den Etudes relig., Jiistor.
et litter. . ... XVe annee, T. VI. (Paris 1870) gänzlich
unberückfichtigtgelaffen, obgleich diefe Abhandlungen mit
dem vorliegenden Thema unmittelbar zufammenhängen.

Dafs die Gefchichte der falfchen Decretalen durch
diefen .Beitrag' wefentlich gefördert worden fei, kann
nicht behauptet werden.

Giefsen. Wafferfchieben.

Zezschwitz, Prof. Dr. Gerh. v., Lehrbuch der Pädagogik.

Leipzig 1882, Hinrichs. (XII, 291 S. gr. 8.) M. 4. 80.

Der Verf. wünfehte in den Vorlefungen über Pädagogik
des Dictirens überhoben zu fein, ohne die bleibende
Frucht materialer Art bei feinen Zuhörern zu gefährden.
Doch glaubte er auch für ein Gebiet, das wie wenig andere
gemein menfehlichen Intereffes ift, und auf dem
jede Mutter fo gut und letztlich höheres Mitarbeiterrecht
hat, als jeder Lehrer, auch ein möglichft kurzge-
fafstes ,Lehrbuch' nicht in zu knappe Form zwingen zu
dürfen. Für Gebildete überhaupt follte dasfelbe immer
noch lesbar und namentlich in den wichtigeren prak-
tifchen Theilen leichter geniefsbar fein.

Wir glauben im voraus bemerken zu müffen, dafs
kein päd. Fachmann behaupten wird, das vorliegende
Lehrbuch fei von der Theologie allzufehr beeinfiufst.
Der Verf. erklärt gleich in § 1, dafs die Pädagogik als
Einzelwiffenfchaft den philofoph. Wiffenfchaften zuge-
wiefen werden muffe. An anderen Stellen erklärt er ausdrücklich
, dafs er nicht Theologie treibe, und die ganze
Darftellung zeigt, dafs dies keine blofse Redensart ift.
Doch fteht_ der Verf. als Pädagog mit dem Theologen
nicht in Widerfpruch, wie fchon die wenigen Schlufs-
worte beweifen: ,1m deutfehen Volke ein Pädagog und
dabei kein begeifterter Miffionar des Chriftenthums und
einer chriftlichen Bildung fein —, heifst der ganzen Gefchichte
der Pädagogik ins Angefleht fchlagen'. Er erklärt
fich gegen die Staatsomnipotenz, durch welche allezeit
und überall das Individualrecht nach Familien-,
Stammes- und Standesart, wie nach Seite der religiöskirchlichen
Ausübung desfclben vergewaltigt werde.
Auf der anderen Seite fpricht er fich auch dahin aus,
dafs man dem Staate nicht zumuthen könne, befonder
e confeffionelle Schulen zu gründen.

Das Ganze ift ftreng wiffenfchaftlich nach philof.
Principien bearbeitet, wie auch Sprache und Darftellung
durchweg den Philofophen verräth. Deshalb fürchten
wir, die Plrwartung des Verf.'s, dafs das Buch für die
Gebildeten noch lesbar und in den wichtigeren prak-
tifchen Theilen geniefsbar fein werde, fich wenigftens
nicht fo allgemein, als derfelbe hofft, bewähren wird.
Es gehört ein nicht geringer Grad von Bildung dazu,
um namentlich den zweiten Theil ,die anthropologifch-
pfychologifchen Vorausfetzungen'genügend zu verliehen.
Insbefondere werden nur wenige Mütter, auf deren Mitwirkung
bei der Erziehung grofser Werth gelegt wird,
von der Leetüre des Buches, felbft wenn fie bis zu Ende
ausharren follten, den rechten Gewinn davon tragen.
Es ift eben eine fchwer zu löfende Aufgabe, folche heterogene
Zwecke, ein Lehrbuch für Studirende und ein belehrendes
Buch für folche, welche einem wiffenfehaftlichen
Fache, von wie allgemeinem Intereffe dasfelbe auch fein
mag, trotz ihrer fonftigen Bildung immerhin als Dilettanten
gegenüberftehen, in gleicher Weife brauchbar zu
fchreiben. Für Studirende wäre wohl der Hinweis auf
die betreffende Literatur zweckmäfsig gewefen ; folcher
aber fehlt bis auf wenige Andeutungen im Context fall
gänzlich, was wir allerdings bei einer Schrift, welche
das Dictiren während der Vorlefungen entbehrlich machen
foll, für einen Mangel erklären müffen. Doch find
wir überzeugt, dafs der lebendige Vortrag des Verf.'s
diefen Mangel genügend erfetzen wird. Von Anfang bis