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Ausgabe:

1881 Nr. 7

Spalte:

153-155

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

The Hebrew Migration from Egypt. London 1879 1881

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 7.

154

Gott wirkt jetzt durch Tie hindurch'. S. 385: .Unzweifelhafte
.) würden die chriftlichen Ideen ohne eine ent-
fprechende nationalökonomifche Entwicklung und ohne
jene bereits befprochene Bildung des philofophifchen
Urtheils niemals fich haben durchfetzen können, aber
ebenfo unzweifelhaft (!) würde die principielle allgemeine
Anerkennung der Rechtswidrigkeit der Sclaverei niemals
erfolgt fein ohne jene chriftlichen Ideen'. Soviel ich
fehe, hat den Verf. feine Zu verficht Alles erklären zu j
können nur ein einzigesmal verlaffen. Das ift bei der j
Verföhnungslehre der Fall. Nach einer Ausführung darüber
(S. 359), die fchwerlich Jemand verliehen kann, j
fchliefst er: ,Hier ift zugleich die Grenze für unfer re-
flectirtes Erkennen. Denn dafs durch Leid Sünde fort-
gefchafft werden könne, dafs durch ein finnliches Wider-
fahrnifs perfönlichcs Wollen aufgehoben werden kann,
das führt uns allerdings auf die Idee des Argen, das
hinter beiden, Uebel und Sünde, fteckt, aber begreifen
läfst fich das nicht'. Das läfst fich freilich nicht begreifen
.

Ich breche hier in meinem Referate ab, obfehon j
von der unhiftorifchen Behandlung, welche der Verf. den
im N. T. befafsten Schriften angedeihen läfst, und von
feinen Ausflüchten gegenüber auch von ihm anerkannter
Schwierigkeiten des A. und N. T. noch vieles zu fagen I
wäre, fowie auch davon, dafs er S. 136 das Recenfenten-
thum als ,literarifchen Neid' vorforgend gebrandmarkt
hat. Es bedarf einer Erklärung, weshalb diefe Recen-
fion überhaupt fo umfangreich ausgefallen ift, und fie
mag hier flehen. Das vorliegende Werk ift bei feinem
Erfcheinen von einem Theile der Eachgenoffen gepriefen
worden; felbft ein Mann, dem fonft Gerechtigkeitsliebe
und wiffenfehaftlicher Sinn nicht abgeht, hat es ein geift-
und kenntnifsreiches Buch genannt. Für den Schwindel,
der fich hier breit macht und ungezogen wird, hatte man
alfo keine Augen. Sollte es unter uns bereits foweit
gekommen fein, dafs folch' ein Gebahren nachgefchen
wird, weil man den ,Glauben' des Verf.'s als correct befindet
? Ift die Vertretung gewiffer theologifcher Thefen
aucli ein Mittel, um das Abfurde vernünftig, das Unan-
ftändige anftändig zu machen, da ja ,das Wunder' folche
Wunder thun foll? Ift der Parteifanatismus bereits foweit
gediehen, dafs man bei offener Vergewaltigung der Gegner
nur ein fchadenfrohes Lächeln hat? Ich vermag
das noch nicht zu glauben und meine noch eine
andere Erklärung zu Hülfe nehmen zu müffen. Der
Verf. fpricht über ,das Ganze' und fchöpft ,aus dem
Vollen'; er fchwingt fich als Hiftoriker zu jenem ,abfo-
luten' Standpunkt der Betrachtung auf, auf dem man die
Welt überfieht. Der äfthetifche Reiz einer folchen Methode
wirkt noch immer, und je feltener heutzutage das
Verlangen nach folchen Reizmitteln gefüllt wird, defto
weniger wählerifch ift man geworden. Der Verf. ift ohne
Zweifel ein Talent; aber er verfchleudert und vergeudet
feine Gaben in's Leere. Sollte die Freude an feinen
Streifzügen in's Unermefsliche bei einigen feiner Lefer
nicht die Bedenken gegen feine offenkundigen Fehler
überwogen haben? Bedarf es nur wieder der Sammlung,
damit allerfeits gefehen werde, was Niemand hier über-
fehen darf? Oder kommt diefe Erklärung bereits zu fpät?
Ift man bereits entfchloffen, im Kampfe jedes Mittel gut
zu heifsen?

Giefsen. Adolf Harnack.

The Hebrew Migration from Egypt. London 1879, Trübner
& Co. (XI, 440 S. gr. 8. mit 1 lith. Karte.) geb.

An der Verfpätung diefer Anzeige trägt Ref. keine
Schuld. — Das aus Bacon entnommene Motto des anonymen
Buches: ,Es wäre beffer, gar keine Meinung von
Gott zu haben, als eine feiner unwürdige Meinung; denn
das eine ift Unglaube, das andere Befchimpfung . . . ,
und je gröfser die Befchimpfung Gott gegenüber, je

gröfser die Gefahr den Menfchen gegenüber' — wird dahin
angewendet, dafs der Verf. die Wundererzählungen
der biblifchen Berichte in der Weife des alten Rationalismus
auf einen natürlich zu erklärenden hiftorifchen Kern
zurückführt. Der Pocfie der Volksfage wird dabei wenig
Refpect erwiefen: die Erzählung, Gott habe den grofsen
Gefetzgeber Ifrael's beftattet, ift vielleicht entftanden
durch ein Verfehen, indem der Name des Menfchen,
welcher Mofe begrub, ausgelaffen wurde (S. 412); auch
die den Elia fpeifenden Raben verdanken vermuthlich
einem Abfchreiberverfehen ihre Exiftenz, welcher ärabhn,
eine Weidenart, von deren Gummi der Prophet fich
nährte, verwechfelte mit brebim .Raben' (S. 397 f.) u. dgl.
Auch ohne folche Tendenz findet der Verf. ein Gefallen
daran, in wenig überzeugender Weife den traditionellen
Text umzugcftalten : da es nicht wahrfcheinlich
fei, dafs dem Ifaak feine Braut aus dem fernen Mefo-
potamien geholt wurde, möge ihre Heimat nicht Aram-
naharajim gewefen fein, fondern Aram-Nachori.nl ,Aram
der Nahoriden', und diefes Land wäre zu fuchen in der
Nachbarfchaft Moabs und Edoms (S. 296). Diefe Bei-
fpiele, deren Kritik überflüffig, zur Charakterifirung des
hier durchweg beobachteten Verfahrens. Wie des Verf.'s
Luft darauf ausgeht, die Einzelheiten ohne Noth, noch
weniger zur Verbefferung anders zu gcftalten, als fie nach
der Ueberlieferung ausfeilen, fo dient fein ganzes Buch
einer ziemlich radiealen Umkehrung der gefammten bis herigen
Anfchauung von den Wanderungen Ifrael's nach
dem Auszuge aus Aegypten : die Auswandernden haben
die Sinaihalbinfel gar nicht betreten; der Horeb-Sinai
des Mofe ift auf der Sinaihalbinfel nicht zu fuchen, fondern
ift der Berg Hör bei dem fpäteren Petra im Edo-
mitcrlande — das find in Kürze die wichtigften unter
den vermeintlichen Ergebnifsen diefer in ermüdender
Breite angelegten Unterfuchung. Doch auch andere Züge
der Exodos-Gefchichtc werden kritifch beleuchtet. Der
wunderbare Durchzug durch das Meer war bis zum Exil
unbekannt (S. 61 ff.); die Localität diefer Gefchichte in
der fpäteren Darftellung, das jam-sfiph ,Sturm-Meer' (?) ift
nicht der Golf von Suez, fondern der von Akaba (S.
73 ff.); urfprünglich aber erzählte die Sage von einem
Durchzug einfach durch ,das Meer', d. h. das grofse mit-
telländifche Meer (S. 84), zwifchen deffen Geftaden und
den Bitteren Seen Ifrael feinen Weg einfehlug (S. 100 f.).
Vom Norden der Bitteren Seen zogen fie nicht über die
Halbin fei, fondern direct durch die Wüfte Et-Tili an die
Spitze des Golfs von Akaba (S. 184 f.), von dort an den
Gottesberg Hör (mit Bezug auf den feurigen Bufch auf
demfelben — sefteh — genannt Sinai, mit Bezug auf feine
Höhlen Horeb, Clibrcb von ckör,Höhle". S. 193). Diefer
Berg war den Hebräern feit alten Zeiten heilig; er liegt
am Rande jenes Gebietes, wo wir die Wohnfitze der Patriarchen
zu fuchen haben; denn derNcgcb, das Südland,
wo Abraham zeltete, ift nicht der Süden Juda's, fondern
das Gebiet füdlich vom Todten Meere im üften der
Araba (S. 315). — Man ficht aus diefem kurzen Referate,
dafs die ganze Wanderung umgemodelt wird auf Grund
der Identificirung des peträifchen Hör mit dem Sinai.
Dafs der Sinai in der .Sinaihalbinfel' zu fuchen fei, ift
eine Erfindung der Kopten in der Zeit nach Eufebius
(S. 330). Damals war die alte Tradition von der Lage
des Sinai verloren gegangen; aber aus dem A. T. foll
das Richtige noch zu erkennen fein: Dcbora's Lied Rieht.
5, 4 f- und Mofe's Segen Deut. 33, 2 verlegen, meint der
Verf., deutlich genug den Sinai in das edomitifche Gebiet
, indem fie von Se lr oder Edom aus (Deut. 33,2 von
Se'ir und Sinai aus) die Gottheit Ifraels vor dem Volke
wegbereitend herziehen laffen (S. 140 ff). Auf diefen
beiden Stellen beruht, wenn ich richtig fehe, die ganze
mühevolle Conftruction des Verf.'s. Da aber jene Worte
durchaus nicht den Gottesberg ins edomitifche Land verlegen
, fondern nur in allerdings etwas dunkler Weife zwei
Stationen der Wanderung: Gottesberg und Edom's

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