Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1881

Spalte:

145-148

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Eugen von

Titel/Untertitel:

Die Philosophie der Mythologie und Max Müller 1881

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung,

Herausgegeben von D. Ad. Hamack und ü. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 7. 26. März 1881. 6. Jahrgang.

Schmidt, Die Philofophie der Mythologie und 1 Neumeifter, Die Neuteftamentliche Lehre vom

Max Müller (Baudiffml. Lohn (Weifs).

Beflmann, Gefchichte der chriftlichen Sitte. Von Höfler, Papft Adrian'VI. (Kawerau).

.r, 'hrT- (A,I?ar"?ck)-f v , n, urr ' Körner, Tezel, der Ablafsprediger (Kolde).

The Hebrew Migration from Egypt (Baodiffin). : ' ' , , . „

Schiiedermann, De fidei notione ethica Pau- Muller, G. L. Leffing und feine Stellung zum

lina (Wendt). ■ Chnflenthum (Pünjer).

Zietlow, , Der Begriff 5°"/ nlwviof in den Kant's Kritik der Urtheilskraft. Hrsg. von

Schriften des Johannes (Weifs). Benno Erdmann (Pünjer).

Von Oettingen, Obligatorifche und facultative
Civilehe (Koehler).

- dasfelbc (Bertheau).

Die fechs Giftbüume im deutfehen Fehle und der

Lebensbaum (K. Strack).
Neue Chrifloterpe, Ein Jahrbuch, hrsg. von R.

K ögel, W. Baur und E. Frommel. 2.Jahrg.

(Meier).

Schmidt, Dr. Eug. v., Die Philosophie der Mythologie und manche andere auf dem Gebiete der Mythologie gegen-
Max Müller. Berlin 1880, C. Duncker. (III, 108 S. i wärtig arbeitende Philologen befchränken ftch im Wefent-
8) M 2 40 I l'cnen darauf, die Identität der Gottesnamen feftzu-

° ' '' Bellen, allzuwenig beachtend, dafs trotz Beibehaltung

Grundgedanke diefer Schrift ift, dafs ein trichoto- | desfelben Namens doch der Begriff ein ganz anderer ge-

mifcher Gang der vorchriftlichen (heidnifchen) Religions- j worden fein kann. Wenn ein ifraelitifcher Prophet

entwickclung zu beobachten fei: Verehrung des Körper- 1 feinen Gott mit Adonaj bezeichnete, fo dachte er ganz

liehen, Seclifchen, Geifligen in der Natur, ,die Gottheit

als Naturerfcheinung, als Naturfeele, als NaturgeifP.

Diefe drei Stufen werden zunächft in drei Abfchnitten

beleuchtet, man kann nicht fagen: aus dem religions

Anderes dabei als der zu Byblos den Adonis Anbetende,
und doch liegt derfelbe Gottesname vor. Wenn der
Chrift vom himmlifchen Vater redet, fo ift die Vorftel-
lung eine fehr verfchiedene von der des römifchen Ju-
gefchichtlichen Material entwickelt; denn damit giebt fich ] piter, und doch bedeutet diefer Name was jener. Das
der Verf. nicht fonderlich ab, wie denn überhaupt fein : find indeffen Thatfachen, welche auch M. Müller nicht

Material aus der alten Rcligionsgefchichte über Griechen,
Römer und etwa noch Ifracliten wenig hinausgeht. Sogleich
in dem erflen Abfchnitt (S. I—11) ift der Nachweis
zu vermiffen , auch der Vcrfuch eines folchen, dafs
wirklich die Naturerfcheinungen als folchc das erfte üb-
ject der Anbetung waren. Ebenfo fehlt ein gefchicht-
licher Nachweis für die Ausbildung der beiden fpäteren
Stufen. Auf der zweiten (S. Ii —17) find die Götter gedacht
,als die Seelen jener Erfchcinungcn, diefe felbft
als deren Körperlichkeit. . . . Zugleich zeigte fich diefe
Körperlichkeit bei den meiften als ungeheuer . . ., mit
den Sinnen kaum umfafsbar. Daher mufsten diefem
Bewufstfein die Götter in riefenmäfsiger . . ., oft thier-
ifcher, immer wunderlicher Geftalt erfcheinen' (Riefen,
Titanen, ägyptifche Götter mit Thierköpfen) S. 13 f.
Sobald der Menfch weiterhin ,den Unterfchied zwifchen
dem Thier und dem Menfchen oder zwifchen Seele und
Geift' erkannte, mufste demfclben .zugleich mit ihm
felbft die Gottheit auf einer höheren Stufe, nämlich als
geiftig erfcheinen' (S.. iS); es entftand die dritte Stufe
der Religionsentwickelung (S. 18—28), wo die Götter nicht
mehr riefenhaft oder thierifch find, fondern ,als wirkliche
Pcrfönlichkeiten zu menfehlicher Geftalt fich erheben'
(S. 18). Uranos, Kronos, Zeus find die Repräfentantcn
diefer drei Stufen (S. 20). Eben diefe drei Phafcn fallen
in den .Gottheiten der uncultivirten Völker unferer Zeit'
(S. 29—41) neben einander zu erkennen fein. — Auf
diefe Darfteilung des eigenen Standpunktes folgt eine
,Kritik der Max Müller'fchen Philofophie der Mythologie'
(S. 41 — 55), wie fchon in allem Vorhergehenden auf
M. Müller Bezug genommen war. Der Verf. hat an den
religionsgefchichtlichen Arbeiten desfelben insbefondere
zweierlei auszufetzen, einmal dafs er zu viel mit Wörtern
operire ftatt mit Begriffen, und dann, dafs er keine eigentliche
Entwickclung des Gottesbewufstfeins kenne, fondern
dasfclbe von vornherein fertig fein und nur Deprivationen
erfahren laffe. An der erfteren Ausftellung ift
etwas Richtiges. Nicht M. Müller allein, fondern noch

145 146

in Abrede ftellt, und wenn er fie nicht genugfam beachtet
, fo ift dies ein lfahler der Ausführung, nicht der
Grundlage feines Syftems. Und weiter: wenn wir in
vielen religionsgefchichtlichen Darftcllungen faft nur von
Götternamen, fehr wenig von dem Religionsinhalte erfahren
, fo ift das in zahlreichen Fällen eine traurige
Nothwendigkeit; das Namengerüfte mancher Religion
ift uns geblieben, von ihrem Gehalte nur das Wenige
und Unfichere, was eben die Namen befagen. Uebri-
gens wäre doch wohl wie auf die Erforfchung der reli-
giöfen Begriffe, fo auch auf die des religiöfen Lebens
Werth zu legen. Davon fchweigt der Verf. gänzlich
(M. Müller thut es nicht), auch hinlichtlich des Chriften-
thums, von welchem uns die wunderliche, mindeftens wenig
erfchöpfende Definition gegeben wird: ,Die Idee der
Unfterblichkeit des Menfchen und die fpeculativ zu
fallende göttliche Dreieinigkeit bilden das Wefen des
Chriftenthums' (S. 19). — Wenn indeffen in jenem erften
Punkte dem Verf. Mangelhaftigkeit der modernen Darftellungen
gewifs zugegeben werden mufs, fo kann ich
feine zweite Ausftellung nicht berechtigt finden. Er
wirft M. Müller vor, dafs er den Gottesbegriff von Anfang
an unabhängig denke von den Naturerfcheinungen,
denfelben in diefen nur ein Subftrat finden laffe. Eis
fei bei ihm die Gottheit von vornherein als geiftige gedacht
und eine durch die fortfehreitende Erkenntnifs der
Natur bedingte Entwickclung des an fie gebundenen
Gottesbegriffes falle weg. Der Verf. dagegen ftellt die
Behauptung auf, dafs zunächft finnliche Gegenftände
lediglich als folche feien verehrt worden, fo etwa die
materiell gedachte Himmelswölbung, aus deren Höhen
der Menfch fegnende und verderbende Gaben empfing.
Als dann der Menfch an fich felbft und an den Thieren
das feelifche Leben beobachtete, habe er auch dem verehrten
Gegenftände, dem Himmel, eine Seele beigelegt
und fo weiterhin einen Geift. Aber woher weifs denn
der Verf., dafs jemals der Himmel als ein Leblofes angebetet
worden ift? Wie das Kind auch den unbelebten