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Ausgabe:

1881 Nr. 6

Spalte:

128-131

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Amfilochy, Archimandrit

Titel/Untertitel:

Paläographische Beschreibung datirter griechischer Handschriften des IX. und X. Jhd 1881

Rezensent:

Gebhardt, Oscar

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 6.

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kenntnifsmittel und ein Ermahnungsmotiv für die rechte
Befolgung des göttlichen Willens. Der Verf. hat denn
auch nicht umhingekonnt, in feinem zweiten Thcile noch
einmal diefes Thema zu befprechen (S. 134 f.).

Mein Hauptbedenken gegen die Ausführung des
zweiten Theiles möchte ich in Anknüpfung daran geltend
machen, dafs der Verf., indem er den chrifUich-fittlichen
Wandel belchreiben will, a) die Liebe zu Chrifto, b) die
Liebe zu Gott, c) die Liebe zu dem Nächften erörtert.
Darauf, dafs die Titel ,Liebe zu Chrifto' und ,Liebe zu
Gott' wenig glücklich gewählt find, fei kein befonderes
Gewicht gelegt. Die eigenen Ausführungen des Verf.'s
zeigen, dafs die paulinifchen Formeln, aufweiche es hier
ankommt, find: .Chrifto leben' und ,Gott leben'; er hat
diele Formeln, wie es fcheint, nur deshalb nicht angewandt
, weil er nach Gal. 5, 6 in der Liebe die .innere
Einheit' des chriftlich-fittlichen Wandels glaubte finden
zu müffen. Aber wie kann die Liebe zu dem Nächften
coordinirt werden der Liebe zu Chrifto und der zu Gott?
Der Verf. fpricht es felbft aus, dafs die Liebe zu den
Menfchen eine Bethätigung der Gottesliebe ift (S. 143),
dafs fie auf Grund der Liebe zu Gott in Chrifto gefchieht
(S. 144), er erkennt alfo an, dafs fie thatfächlich der Liebe
zu Gott untergeordnet ift, und dennoch giebt er jene coor-
dinirende Eintheilung, indem er blofs auf die logifche
Möglichkeit, jene drei übjecte der Liebesthätigkeit nebeneinander
zu ftellen, Rückficht nimmt! Dies fcheint vielleicht
unwichtiger, als es in der That ift. Hätte der Verf.
die Nächftenliebe richtig in dem fubordinirten Verhält-
nifse belaffen, in welchem fie zu der Gottesliebe fleht, fo
würde er auch deffen eingedenk geblieben fein, dafs die
Nächftenliebe vielmehr coordinirt ift den übrigen Be-
thätigungsweifen der .Liebe zu Gott', auf welche er felbft
hinweift, nämlich dem kindlich vertrauenden Gebete zu
Gott, dem Bekenntnifse und dankbaren Lobpreife Gottes,
dem Gehorfam gegen den göttlichen Willen im Leiden,
coordinirt aber auch der frommen Betrachtung der göttlichen
Weltleitung und endlich der Hoffnung auf das zukünftige
Leben, — und der Verf. hätte dann wohl diefen
Thematen eine entfprechend ausführlichere Behandlung
gewidmet, zu welcher ihm die paulinifchen Briefe reich-
lichften, jetzt unbenutzt gebliebenen Stoff geboten hätten.
Er würde hierzu auch vcranlafst worden fein, wenn er,
was wir oben vermifsten, im erften Theile die verfchie-
denen Functionen, welche Paulus dem Gottesgeiftc im
Menfchen zuweift, aufgefucht hätte; denn eben diefen
einander coordinirten Functionen des Geiftes entfprechen
die verfchiedenen Functionen, in denen das chriftliche
Subject von fich aus das Lf>v i<?> xvfflu oder Xßp> %& vfeG
ausübt. Es ift eine eigenthümliche Probe des Mifsvcr-
hältnifses, in welchem die Aufgabe des Verf.'s, den
Gefammtumfang der Wirkungen des Geiftes in den Wiedergeborenen
zu fchildern, zu der engen Umgrenzung
fleht, welche er der Ausführung gegeben hat, dafs er
dieNothwendigkeit, auch die Hoffnung als eine Aeufserung
des pneumatifchen, chriftlich-fittlichen Lebens in Betracht
zu ziehen, wohl erkannt hat, dafs er die Erörterung über
diefelbe aber nicht in den Zufammenhang feiner übrigen
Ausführungen organifch einzugliedern, fondern fie blofs
als .Schlufs' denfelben anzuhängen gewufst hat.

Nach diefen Einwendungen allgemeinerer Art möchte
ich nun aber nicht meiner abweichenden Auffaffung einzelner
paulinifcher Begriffe und Ausfprüche, fondern nur
der Anerkennung Ausdruck geben, dafs in dem Detail
der Darftellung wirkliche Vorzüge des Buches liegen.
Der ruhige, fachliche Ton der Erörterung, das durchgängige
Streben des Verf.'s, nur die Gedanken des Apoftels
in ihrer richtigen Bedeutung und Verknüpfung darzulegen,
und die vorurtheilsfreie Art, in der die Einzelexegefe meift
geübt ift, verdienen rühmende Hervorhebung. Der Lefer
wird in dem Buche mannigfache werthvolle Anregung
finden zur genaueren Befchäftigung mit einer Seite der

paulinifchen Lehre, welche nur zu oft ungebührlich ver-
nachlaffigt wird.

Göttingen. H. Wen dt.

Am<]>naox 1 ß, ApxHMaBApHT'b, llu.i<M>i|>:u]HiwccKne nnucaiiiu rpei.ee-
khxt> pj'Konucen IX 11 X iitiKa onpeatiaeimbixii jrliTii, ci, 26-in
TafuiJuaMH chhmkobt,, bi> abI> itpacRH. Tomi> I. MocKBa 1879,
Tmiorpaopifi Omb. A. B. Ky^pHBuenow.

Amfilochy, Archimandrit, Paläographifchc Befchreibung
datirter griechifcher Handfchriften des IX und X
Jahrhunderts, mit 26 zweifarbigen Tafeln Schriftproben
. Band I. Moskau 1879, ehem. Kudrjawzew'-
fche Druckerei. (1 BL, 84, II S., 1 Bl., 26 Taf. fol.)

Ein Beitrag zur gricchifchen Paläographie aus dem
Kreife der neuerdings in erfreulicher Weife mehr und
mehr wiffenfehaftlichen Beftrebungen fich zuwendenden
ruffifchen Geiftlichkeit darf wohlwollender Aufnahme
auch dann ficher fein, wenn weder die Methode der Behandlung
noch die Ausführung im einzelnen den Anforderungen
entfpricht, welche man in Deutfchland,
England oder Frankreich an ein folches Werk zu ftellen
gewohnt und berechtigt ift. Die Verhaltnifse und Bedingungen
find dort eben andere; wer fie kennt, wird
von vornherein einen befcheidenen Mafsftab anlegen
und, ohne für die zu Tage tretenden Mängel blind zu
fein, fich dadurch doch die Freude an dem Gebotenen
nicht verkümmern laffen, fofern fich diefes nur in der
That als die Frucht ernften Strebens und Bemühens zu
erkennen giebt. Letzteres galt in hohem Grade von den
im Jahre 1863 in Moskau erfchienenen Spcävüna palaco-
grapliica des Bifchofs Sabas, einer Sammlung von Schriftproben
und Abbreviaturen, die noch heute allen denjenigen
unentbehrlich ift, die fich mit der Entwicklung
der griechifchen Minuskel näher bekannt machen wollen.
Mit diefer, abgefehen von methodifchen Fehlern, ganz
hervorragenden Leiftung, kann fich die neuefte, in ähnlicher
Abficht unternommene Publication allerdings nicht
meffen. Was fie aber mit ihr gemein hat, das ift die
liebevolle Behandlung des fchwierigen Stoffes und ein
fo unverkennbares Beftreben, das Beftmögliche zu leiften,
dafs der Kritik die Erfüllung ihrer ernften Pflicht nicht
leicht wird.

Der Plan des Verfaffcrs, aus einer gröfseren Reihe
datirter Handfchriften neben zufammenhängenden Schriftproben
auch vollftändige Alphabete, bemerkenswerthe
Ligaturen, Abkürzungen, Verzierungen und fonflige
Eigenthümlichkeiten mitzuthcilen, findet unferen vollen
Beifall. Nur hätte fich hierfür eine überfichtlicherc
Scheidung, wenn nicht völlig getrennte Behandlung der
verfchiedenen Schriftgattungen empfohlen. Zu bedauern
ift ferner, dafs auch die gröfseren Stücke nicht auf rein
mechanifchem Wege (durch Photo- oder Heliographie)
reproducirt, fondern anfeheinend nach Paulen oder Nachzeichnungen
lithographirt dargeboten werden. Ungeachtet
aller Sorgfalt, find ftürende Ungenauigkeitcn bei
diefem Verfahren gar nicht zu vermeiden; eine Erfahrung
, die fich auch an den vorliegenden, übrigens recht
gefchickt ausgeführten Proben überall da bewährt, wo
wir fie, wie z. B. die Subfcription des Evangeliencodex
vom Jahre 835, mit Photographien vergleichen können.
Bei der Auswahl der mitzutheilenden Einzelheiten wäre
eine gröfsere Befchränkung erwünfeht gewefen. Was
foll z. B. die Zufammenftellung fämmtlicüer Zahlzeichen
von 200 bis 300 auf Taf. VIII und von 1 —100 auf Taf. X?
Ein paar Beifpiele hier und dort hatten völlig genügt,
und für Wichtigeres wäre Raum geblieben. Dagegen
hätte die Befchreibung der Handfchriften, namentlich
der wichtigeren, etwas ausführlicher fein dürfen; auf
manche fehr nahe liegende Frage erhält man, wie fich
weiter unten an einigen Beifpielen zeigen wird, keine
oder doch nur eine ungenügende Antwort. Die Angabc