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Ausgabe:

1881 Nr. 5

Spalte:

102-108

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nippold, Friedrich

Titel/Untertitel:

Handbuch der neuesten Kirchengeschichte. 3., umgearb. Aufl. 1. Bd. Einleitung in die Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts 1881

Rezensent:

Weizsäcker, Carl

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ioi Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 5. 102

gründet ift Haas' Urtheil über die Tifchreden und die
Hauspoftille, bei denen von Unterfchiebung gar nicht
die Rede fein kann. Dafs in die Hauspoftille eine
Reihe nicht von Luther gehaltener Predigten mit aufgenommen
ift, dafs überhaupt in Luther's Werke kleinere
Schriften mit hineingerathen find, die ihm mit Unrecht
zugefchrieben werden, weifs ein Jeder, der nur einiger-
mafsen mit der Sache bekannt ift; in der Erlanger Ausgabe
B. 67 find die von Walch aufgenommenen Schriften,
die Luther nicht zugehören, aufgeführt: aber wem könnte
es einfallen, auf Grund deffen Walch der Fälfchung zu
befchuldigen? Es wäre alfo zu wünfehen gewefen, dafs
Herr Haas fich über die Dinge, über die er fo leichtweg
aburtheilt, vorher erft beffer unterrichtet hätte. Und
wenn er bisher den ,Titel des ungefälfehten Luther'
feinen Heftchen bona fide gegeben hat, woran bei feiner
warmen Verehrung für Luther wohl nicht zu zweifeln
ift, fo könnte doch die Beibehaltung diefes Titels, der
geeignet ift die Unwiffenden irre zu führen, bei einer
weiteren Fortfetzung der Heftchen nur als markt-
fchreierifche Reclame angefehen werden. Es ift von
ihm zu fordern, dafs er feine Verdächtigungen beweiskräftig
begründet oder fie ausdrücklich zurücknimmt.

fpiel die Richtigkeit feiner Umfetzung zweifelhaft, fo hat
er an einer Reihe von Stellen Luther gar nicht oder
falfch oder fchief verftanden. In dem Sermon vom
Wucher fchreibt er z. B. ftatt: ,wohlan, du nimmft mir
den Rock, dies und das; thueft du Recht daran? Du
wirfts müffen verantworten!' .wohlan, du nimmft mir den
Rock, dies und das thuft du recht daran, du wirfts verantworten
müffen'. Am fchlimmften fteht es mit der
Ueberfetzung der herrlichen und doch wenig gekannten
Tessaradecas consolatoria. Z. B. den Satz: ,nullum esse
possc in nomine cruciatum tantum, gut Pessimum sit mala-
nun, quae in ipso sunt1 (in dem Sinne: keine Empfindung
von Schmerz reicht heran an die Wirklichkeit der Uebel,
die der Menfch in fich birgt), überträgt er ganz falfch:
,dafs die gröfstc Qual für den Menfchen, das fchlimmfte
Uebel darin befteht, dafs er das Böfe in fich findet'.
Wenn er ,qui in nwdico puncto curani sui non ei cedunb
(L. fpricht von Menfchen, die felbft bei kleinen Dingen
nicht einmal der Fürforge Gottes vertrauen,) überfetzt:
.während nicht ein Weilchen die Sorge um fie ihm abgeht
', oder ,malum infernum seu ittfranos' .innerliches (!)
oder Uebel unterhalb uns' (!), fo find das Fehler, bei
denen man feinen Augen kaum traut. Den Namen des

Nach den hier gegebenen Proben ift freilich zu fürchten, ' Propheten Heliseus 4. Kön. 6 überträgt er nicht wie bei
dafs er, ftatt wirkliche Bcweife zu geben, mit Dingen ■ anderen Namen in die uns geläufige Form. Und für die

kommt, die alle Welt weifs, und die er nur in falfchem
Licht ficht, weil es ihm an einer zufammenhängenden
Kenntnifs des Lebens Luther's fehlt.

Wegen diefes bedenklichen Mangels ift denn fchon
die Abficht, nur .Urdrucke'herauszugeben, verunglückt.
Gleich die erfte Schrift, welche das erfte Heftchen eröffnet
, vom J. 1540 ,Von der Kirche, was, wer und wo
fie fei und woran man fie erkennen kann', ift nicht ein

Vcrgleichung der Schriftcitate Luther's mit dem Bibeltext
fcheint ihm überhaupt durchweg die Zeit gefehlt
zu haben.

Nach alledem wüfste ich nicht, wem diefe Heftchen
wirklichen Nutzen bringen könnten. Für die wiffen-
fchaftliche Verwendung find fie gänzlich unbrauchbar.
Und für den populären Gebrauch könnten fie doch nur
dann empfohlen werden, wenn aus diefem .ungefälfehten

Urdruck im ftrengeren Sinne, fondern nichts als ein Aus- Luther' alles geradezu Falfche entfernt würde, und wenn
fchnitt aus dem dritten Theil der im J. 1539 erfchienenen , die einzelnen Schriften von kundiger Hand mit Einlei-
bekannten Schrift Luther's ,Von den Conciliis und tungen und Anmerkungen verfehen würden, ohne welche

Kirchen'. Ferner fcheint Haas nicht gewufst zu haben,
dafs die deutfehe Schrift ,Von der Freiheit eines Chriften-
menfehen' nur ein Auszug aus dem lateinifchen Tractat
,Dc libertate Christiana1 ift. Von Luther's grofsem Sermon
vom Wucher hat Haas nicht ein ,Urdruck' von 1519,
fondern ein Abdruck vom J. 1520 vorgelegen, weshalb
er den Sermon fälfehlich von diefem Jahre datirt, — ein
Irrthum, der einem Herausgeber Luther'fcher Schriften
ebenfowenig nachgefehen werden kann, als es unverzeihlich
ift, dafs er es nicht einmal der Mühe für Werth
erachtet hat, fich nach der Entftchungszeit der Schrift

fie dem Volke zum grofsen Theil unverftändlich bleiben
müffen. Aber die Heftchen find billig, und fo mögen
fie manchen, dem fonft nichts von Luther in die Hände
fällt,in diefe oder jene Schrift von ihm einführen. Bei
der geringen Bekanntfchaft unferes Volkes mit Luther's
Schriften wäre ein Unternehmen wie das vorliegende
freudig zu begrüfsen, wenn es nicht mit fo hochgradigen
Anfprüchen und fo geringfügigen Leiftungen aufträte.

2. Der Vortrag giebt fich in befcheidener Form als
Mittel, in Luther's drei grofse Reformationsfchriften vom
J. 1520 einzuführen und fo zu einer Kenntnifsnahme der

Breslau. L. Lern nie.

,Von zweierlei Menfchen' umzufchen. Uebrigens verhält j reformatorifchen Quellen felbft zu ermuntern. Auf
er fich in der Aneinanderreihung der von ihm heraus- j gründlicher Arbeit beruhend und doch frifch und freudig
gegebenen Schriften, obgleich er an den Lutherausgaben j hingeworfen, ift er dazu gewifs vortrefflich geeignet
den Mangel chronologifchcr Ordnung tadelt, vollkommen
gleichgiltig gegen jede Zeit- und Sachordnung.

Legte er aber ein fo grofses Gewicht auf urfprüng-
liche Treue, fo follte man erwarten, dafs er feine .Urdrucke
', fo wie fie find, zum Abdruck brächte! Aber
das ift keineswegs der Fall! In dem Intcreffe, Luther's
Schriften dem Volke zugänglich, alfo lesbar und ver-
ftändlich zu machen, will er die lateinifchen Schriften
ins Deutfehe und die deutfehen in unfer heutiges Schrift-
deutfeh übertragen. Hierbei verfährt er aber derartig
flüchtig und ungenau, dafs von einer fachentfprechenden
oder wünfehenswerthen Treue gar nicht die Rede fein
kann. Er ändert Ausdruck und Satzbildung, wo nicht
die geringfte Nöthigung dazu vorliegt, fo dafs das eigen-
thümliche Colorit des Luthcr'fchen Stils vielfach ganz

Nippold, Friedr., Handbuch der neuesten Kirchengeschichte.

3. umgearb. Aufl. 1. Bd. Einleitung in die Kirchenge-
fchichte des 19 Jahrhunderts. Elberfeld 1880, Fri-
derichs. fXVI, 677 S. gr. 8.) M. 10. —

Nach der Einleitung des vorliegenden Bandes fteht
demnächft die dritte Auflage von des Verfaffers Kirchen -
gefchichtedes neunzehnten Jahrhunderts in Ausficht. Dieselbe
foll in der bisherigen Form erfcheinen, alfo auch
in einem Bande. Was hier vorausgefchickt wird, bietet
fich uns unter dem befcheidenen Titel einer Einleitung
in die Kirchengefchichte des neunzehnten Jahrhunderts,
verwifcht wird. Weshalb er z. B. die Bemerkung j aber diefe Einleitung bildet nicht blofs für fich felbft

Luther's zu Gen. 9, 6: .Welches mag nicht als von einer einen ftattlichen umfangreichen Band, fie ift auch ihrer

ganzen Anlage nach ebenfogut ein felbftändiges Werk.
D enn dafs die Gefichtspunkte vielfach fchon auf die Erfahrungen
des neunzehnten Jahrhunderts reflectiren, ift
ja bei jeder mit innerem Antheil in der gegenwärtigen
Zeit gefchriebenen Gefchichte der vorangehenden Jahrgegnet
auf Schritt und Tritt. Ift aber fchon bei diefem Bei- j hunderte überhaupt felbftverftändlich und unvermeidlich.

Plage und Strafe von Gott über die Mörder verftanden wer
den', um fetzt in: ,Das darf man nicht fo verftehen, als
habe damit Gott nur eine Strafe oder Plage für die
Mörder verhängen wollen', dafür ift kein Grund zu entdecken
. Derartiges ift aber nicht feiten, fondern be-