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Ausgabe:

1881 Nr. 3

Spalte:

64-66

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mohrmann, H.

Titel/Untertitel:

Jacobus Sackmann, Pastor zu Limmer bei Hannover. Erste Darstellung seines Lebens nach den Acten und eigenhändigen Schriftstücken und sorgfältig revidirte Ausgabe seiner Predigten 1881

Rezensent:

Bertheau, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 3.

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mit dem Inhalt jener Schrift bekannt, fondern führt auch
in den einleitenden Bemerkungen, denen feine ,hiftorifche
Unterfuchung' über die Schrift in den Jahrbb. f. proteft.
Theol. 1881, 1. S. 127—159 foeben erläuternd und ausführend
zur Seite getreten ift, die Unterfuchung über
die Entftehung der Schrift einen wichtigen Schritt weiter.
Neben den italienifchen und franzöfifchen Ausgaben
lernen wir auch englifche und holländifche kennen. Von
englifchen weift B. zwifchen 1529 und 1548 nicht weniger
als fünf, bis auf geringe Abweichungen denfelben Text
darbietende Drucke auf; von holländifchen benutzt er
nur Eine aus dem Jahre 1526, welche aber als ,no
weederom .... ghecorrigeerf felbft auf eine frühere zurückweift
, welche nach einer von B. beigebrachten Notiz
aus dem Jahre i524(Plakat Kaifer Karl's gegen ketzerifche
Bücher) vor diefem Datum und nach dem oben Bemerkten
nach der Anfang 1523 herausgegebenen Schrift Luther's
erfchienen fein mufs. Wie nun B. die beftimmte Angabe
nachweift, dafs der englifche Text aus dem niederlän-
difchen überfetzt ift, fo kommt er auch zu der Ueber-
zeugung, dafs letzterer auch als die Quelle für den
franzöfifchen und dem, wie es fcheint, von diefem abhängigen
italienifchen anzufehen fei. Die Beziehung des
21. Cap. auf Schwefterhäufer, wobei fichtlich die Schwertern
von Nonnen unterfchieden werden, läfst den Verf. wohl
mit Recht an die ja vor Allen in den Niederlanden
heimifchen Schwefterhäufer Groot'fcher Stiftung denken,
und fo führt auch diefe Erwägung auf diefelbe Heimath.
— In einem Capitel, dem 29., zeigt ftch ein auffälliger
Unterfchied zwifchen der holländifchen Ausgabe von
1526 und den andern Texten. .Während der Text in
allen Ausgaben fich in Cap. 26 fo eng an die genannte
Schrift Luther's fchliefst, ift das Verhältnifs in
C. 29 (ob Kriegführen dem Chriften geftattet fei) ein
anderes. Hier nämlich ift der holländifche Text ebenfalls
von Luther abhängig, nämlich von deffen Schrift:
Ob Kriegsleute auch in feiigem Stande fein können (Erl.
Ausg. 22, 244 ff. aus dem Jahre 1526!), auf welche ohne
Namennennung aber unzweifelhaft hingewiefen wird,
während der der Vorausfetzung nach von der erden
holländifchen Ausgabe (1523) abhängige franzöfifche und
italienifche Text eine fprödere Stellung zu der Frage
zeigt. Aufserdem aber wirft es nun ein eigenthümliches
Licht auf die Gefchichte de6 Buchs, dafs die Benrath
vorliegende holländifche Ausgabe der bisher allein bekannten
und in fich abgefchloffenen Schrift zweierlei
hinzufügt: a) eine kurze Abhandlung, Dat Testament
Jesu Cristi etc. welche nichts anderes ift als eine Ueberfetzung
von Oecolampad's kleiner Schrift: das Teft. J.
Chrifti, das man bisher die Mefs genannt hat, verteutfeht.
1523; b) einen ausdrücklich als folchen bezeichneten
zweiten Theil der Summa göttlicher Schrift oder ,deut-
fcher Theologie' (wie die holländifche Ausgabe auch
den erften Theil bezeichnet), von deffen Inhalt wir leider
faft nichts erfahren. — Auf die mehrfache Beeinfluffung
durch Luther auch in anderen Punkten weift Benrath
p. XXVIII hin. Wenn Düfterdieck hinfichtlich der Tauflehre
auf Abweichung von Luther und Annäherung an
Zwingli hinwies, fo will B. erfteres anerkennen, kann
aber eine Beziehung auf letzteren nicht nöthig finden,
glaubt vielmehr dies und Anderes (Empfehlung des
Schriftlefens der Laien) aus den längft in den Kreifen
der Brüder des gemeinfamen Lebens heimifchen An-
fchauungen erklären zu follen. Ich möchte dazu doch,
was die Lehre von der Taufe betrifft, ein Fragezeichen
fetzen. Ich beftreite aber überhaupt, dafs hinfichtlich der
Taufe eine ernftliche Abweichung vom Standpunkt, den
Luther in der Schrift de captiv. Bad. einnimmt, ftattfinde,
nämlich im Sinne einer gröfseren Annäherung an die
fchweizerifche Auffaffung. An Zwingli felbft zu denken,
würde ja ohnehin in diefer Frage bei einer Schrift
von 1523 einen groben Anachronismus enthalten. Wenn
nun fchliefslich B. die Vermuthung ausfpricht, die Schrift

möchte von jenem Heinrich Bommelius in Utrecht
(vermuthlich dort Rector des Schweftcrnhaufes zu Maria
Magdal.), fpäter in Wefel, herrühren, über welchen wir
Kr äfft nähere Mittheilungen verdanken (vgl. Monats-
fchrift für Rhein. Weftph. Gefchichtsforfchung Trier 1876
S. 224 ff.), fo beanfprucht diefe Anficht zunächft ausdrücklich
nur den Werth einer Conjectur; fie erfcheint
mir aber in der That als eine fehr anfprechende, auf
deren ausführlichere Begründung in der Fortfetzung des
oben berührten Auffatzes in den Jahrbb. f. prot. Theol.
man nach den kurzen Andeutungen gefpannt fein mufs.

Schliefslich kann Referent freilich nicht umhin, feinem
grofsen Bedauern darüber Ausdruck zu geben, dafs es
B. nicht gefallen hat, ftatt der modernen Uebertragung
uns lieber den mittelniederländifchen Text felbft zu geben,
der uns in den Stand gefetzt hätte, ein felbftändiges
Urtheil zu gewinnen. Es mögen ja äufsere Gründe und
Rückfichten dem entgegengeftanden haben. Für die
Forfchung aber ift das fehr zu beklagen, da hierfür die
von B. gegebene Ueberfetzung fchlechterdings keine
geeignete Grundlage abgiebt. Der einzige bis jetzt allgemein
zugängliche der alten Texte ift der italienifche,
auf deffen zahlreiche kleinere und gröfsere Abweichungen
vom niederländifchen B. felbft hinweift. Diefe würden
fich felbft unter der Vorausfetzung grofser Treue der
vorliegenden Ueberfetzung aus ihr nur unficher conftatiren
und beurtheilen laffen. Der Ueberfetzer hat aber, wenn
mich nicht Alles täufcht, auch fich recht erhebliche Freiheiten
genommen, die fich ja rechtfertigen laffen mögen,
wenn es blofs darum zu thun war, einem gröfseren
Publicum in einem möglichft lesbaren Texte Kenntnifs
von der Schrift zu geben, die aber für jede wiffenfehaft-
liche Benutzung den vorliegenden Text fo gut wie völlig
unbrauchbar machen. Hat doch der Ueberfetzer in dem
der holländifchen Ausgabe eigenthümlichen Schluffe des
Vorworts die von ihm felbft (Jahrbb. f. prot. Th. a. a. O.)
angeführten wichtigen und gerade für feine Auffaffung
fchwierigen Worte ,so heb ick dat overgeset' gar nicht
mit überfetzt. An vielen Stellen würde Ref. an der ihm
fonft einleuchtenden Vermuthung Benrath's, dafs der
holländifche Text der urfprüngliche fei, irre werden,
wenn er annehmen müfste, dafs B. genau überfetzt hätte;
es drängt fich ihm aber vielmehr die Vermuthung auf,
dafs dies oft nicht gefchehen fei. Es nützt aber nichts,
auf einzelne Stellen einzugehen, da eben jede fichere
Grundlage fehlt. Hoffentlich entfchliefst fich Benrath
zur Veröffentlichung des muthmafslichen Originals, von
welchem ebenfo wie von der franz. Ausgabe von 1523,
einer italienifchen des 16. Jahrh. und der englifchen von
1529 er in der obigen Schrift nur die faefimilirten Titel
mittheilt.

Kiel. W. Möller.

Mohrmann, Dri H., Jacobus Sackmann, Paftor zu Limmer
bei Hannover. Erfte Darfteilung feines Lebens nach
den Acten und eigenhändigen Schriftftücken und
forgfältig revidirte Ausgabe feiner Predigten. Mit
einer Handfchrifttaf. Hannover 1880, Hahn. (119 S.
8.) M. 1. 20.

Jacobus Sackmann, geboren den 13. Febr. 1643 zu
Hannover, feit dem 22. November 1680 Paftor zu Limmer
bei Hannover und geftorben am 4. Juni 1718, fleht in
dem Rufe, ein zwar braver, aber wunderlicher und derber
Prediger gewefen zu fein, der fich in feinen meift in
niederdeutfeher Sprache gehaltenen Predigten vielfach
witzige, aber nach den heutigen Begriffen jedenfalls ungehörige
, oft auch wohl kaum anftändige Angriffe auf
beftimmte Perfonen erlaubt und dadurch fchon zu feiner
Zeit grofses Auffehen gemacht habe. Zwar war aus
feinem Leben aufser den oben genannten Daten fo gut
als nichts bekannt; aber eine Reihe Anekdoten curfirten