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1881 Nr. 3

Spalte:

54-56

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Revue des Études Juives. Publication trimestrielle de la Société des Études Juives. No. 1: Juillet-Septembre 1880 1881

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 3.

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zu halten, entfchlofs fich R. Jehuda ein rabbinifches Gefetzbuch
anzulegen' (vgl. a. S. 49). — Einen weiteren
Beweis für das Vorhandenfein vielfacher Berührungen
zwifchen Juden und Chriften in Palüftina findet der Verf.
darin, dafs im Leben wie im Charakter Jcfu und Rabbi's
manche ähnliche Züge vorkommen: hier habe das rab-
binifche Judenthum entlehnt und feinen Zwecken gemäfs
gehaltet (S. 34. 54. 55. 94), wie auch der Simon ben
jochai betreffende rabbinifche Sagenkreis den chriftlichen,
auf Johannes den Täufer bezüglichen copirt habe
(S. 72 ff.).

Die Ausführungen des Verf.'s find intereffant, doch
von fehr ungleicher Beweiskraft. Seine Anflehten über
die Enthebung und den gcfchichtlichen Werth der Evangelien
ruhen auf einem zerbrochenen Rohrhabe, auf
Straufs' Leben Jefu (f. S. 48. 73), wie überhaupt fah
das ganze Judenthum von evangelifcher Wiffenfchaft nur
Dasjenige kennt und fmk Einfchränkungen) aeeeptirt,
was feitens der äufserhen Linken aufgehellt worden ih.
Was die Rcdaction der Mifchna betrifft, fo ih die gewöhnliche
Anficht (Citate f. in der Anm. S. 7—10),
Rabbi Jehuda fei zur Niedcrfchreibung des wichtighen
bis auf feine Zeit gefammelten Halachahoffes durch die
Befürchtung angeregt worden, dafs derfelbe bei weiterer
mündlicher Tradirung enthellt oder theilweife vergeffen
werden würde, jedenfalls nicht ganz unrichtig. Hätte
nur die chrihliche Literatur ihn vcranlafst, ,die rabbinifch
religiöfen Satzungen ebenfalls zu fammeln, feh zu gliedern
, niederzufchreiben und fie alsdann dem überfluthen-
den Chrihenthume entgegenzuhellen', fo würde die
Mifchna gewifs auch pofitiv der chrihlichen Lehre Entgegengefetztes
enthalten, namentlich in dogmatifcher Beziehung
.

Auch in Bezug auf das Einzelne haben wir nicht
wenige Ausheilungen zu machen. Die Monographie von
A. Bodek, Marcus Aurelius Antoninus als Zeitgenoffe
und Freund des Rabbi Jehuda ha-Nafi, Leipzig 1868
(a- unter dem Titel: Römifche Kaifer in jüdifchen
Quellen, Theil I), fcheint der Verf. nicht gekannt zu
haben. — S. 3 u. f. wird der Unterfchied zwifchen
Mythe und Sage nicht beachtet. — S. 6 u. 12 wird das
(ungenau citirte) Verbot (b. Talmud Tcmura I4b , Gittin
6ob): ,Diejenige Lehre, welche dir mündlich (traditionell)
gegeben worden, darfh du nicht aus einer Schrift, diejenige
Lehre, welche fchriftlich gegeben worden, darfh
du nicht mündlich (aus dem Gedächtnifs) vortragen' >uralt<
genannt. Mit welchem Rechte? — S. 19 und 75 find die
Stellen aus dem Tractat Pirqe Aboth III, 14 (im Gebetbuch
III, 18) und II, 13 (Geb. II, 181 mifsverhanden, fallen
daher auch die gemachten Folgerungen. — S. 27. 31
f. 34. 36 f. 40 finden wir die beliebte, aber ganz unbegründete
Behauptung der nahen Verwandtfchaft des Ur-
chrihenthums mit dem Effcnismus. — S. 33, die von Samuel
dem Kleinen abgefafste Gebetformel war nicht
gegen die ,Zaduccäer' [fo viermal auf derf. Seite!] gerichtet
, fondern gegen die Judenchrihen; denn |pjintt rena
ih die zweifellos richtige Lesart (f. Rabbinowicz zu
Berachoth 28b). — S. 37 Später, als die Effener Ebioniten
genannt wurden'. — S. 41 durfte der Spruch aus Aboda
fara 17» nicht citirt werden, da er von Mar Ukba, einem
Zeitgenoffen Rab's, alfo aus der erhen Hälfte des dritten
Jahrhunderts herrührt. —S. 46, Z. 3 muls es hatt R. Akiba
heifsen R. Eliefer, u.Z. IO ih der Anfang der Ueberfctzung
alfo zu verbeffern: ,Er [Eliefer] fprach zu ihm: Akiba,
du erinnerh mich'. — S. 59, dafs der in den Pirqe Aboth
erwähnte R. Jakob mit R. Jakob ben Qirfchai identifch
war, ih möglich, aber nicht bewiefen, vgl. Frankel,
Darkhe ha-mifchna S. 202. — S. 79 ih hatt Prachtthiere
zu lefen Maulthicre; daf. ih '0113, nicht 'p01i3, die richtige
Lesart. — S. 94, Z. 10 freiwillig' heht nicht im
Talmud; derfelbe bezeichnet an der vom Verf. citirten
Stelle das Leiden, welches über Rabbi kam, deutlich

genug als ein Straf leiden, als ein Leiden nämlich, das
ihn traf wegen Mangels an Mitgefühl mit einem Thiere.

Der Stil läfst zu wünfehen übrig, vgl. z. B. S. 16, 10.
17, 5. 37 Anm., Z. 6. S. 47 Z. 6. v. u. S. 53, 1. 81, 5;
die Citate find mehrfach nicht genau (S. 34 Anm. und
S. 73 ,p.' ohne folgende Seitenzahl!), zuweilen falfch
(S. 30 1. Sanhedrin 43" h. 67; S. 89, Z. 8 v. u. 1. Matth.
19, 23; S. 94, 19 1. Nedarim 50b). Die Correctur der
Druckbogen mufs als lüderlich bezeichnet werden; die
Interpunctionsfehler und die Fehler in den Eigennamen
kommen indefs wohl nur zum Theil auf Rechnung des
Setzers. S. 32 1. F. C. Baur, Dähne, Frankel'fche Monats-
fchrift; S. 34, Z. 4 v. u. 1. Baur; S. 38 1. Ritfehl, Jufti-
nus; S. 39 Anm. 1. Lücke, Gfrörer; S. 49 1. Abgar,
Kurtz; S. 72 1. Hieronymus (zweimal); S. 75 1. Aboth;
S. 85 1. Moed.

Die Vorrede ih unterfchrieben ,Carlhadt im Juni i88o;;
die Jahreszahl 1876 auf dem Titel rührt daher, dafs der
Verf. die hier befprochene Abhandlung im Jahre 1876
der Rohocker Univerfität als Promotionsfchrift überreicht
und trotz fpäterer theilweifer Umarbeitung des Manu-
feriptes die Beibehaltung der urfprünglichen Jahreszahl
für angemeffen' erachtet hat.

Wir haben nicht Weniges tadeln müffen; daher
fchliefsen wir gern mit der Anerkennung, dafs der Verf.
felbhändig nachgedacht hat, und ein erheblicher Theil
feines Büchleins das Prädicat ,anregend' verdient.

Berlin. Hermann L. Strack.

Revue des Etudes Juives. Publication trimestrielle de la
Societe des Etudes Juives. No. i: Juillet-Septembre
1880. Paris, ä la Societe des Etudes Juives, 17 rue
Saint-Georges. (VIII, 164 S. gr. 8.) ä Fr. 7. — Der
Jahrg. compl. Fr. 25. —

Während in Deutfchland feit geraumer Zeit mehrere
in deutfeher Sprache gefchriebene Zeitfchriften er-
fcheinen, welche der Pflege jüdifcher Wiffenfchaft gewidmet
find (gegenwärtig nicht weniger als drei: 1) die
,Monatsfchrift für Gcfchichte und Wiffenfchaft des Judenthums
' herausg. von Grätz, 2) das ,Magazin für die
Wiffenfchaft des Judenthums' herausg. von Berliner
und Hoffmann, und 3) die, freilich nicht regelmäfsig
erfcheinenden Jahrbücher für Jüdifche Gefchichte und
Literatur' von Brüll) — exiftirte in Frankreich bisher
noch kein Unternehmen ähnlicher Art. Eine vor Kurzem
conftituirte Societe des Etudes Juives hat fich nun in
erftcr Linie die Aufgabe geflellt, diefe Lücke auszufüllen
und eine Vierteljahresfchrift zu gründen, welche
,gelehrtcn Untcrfuchungen und der Veröffentlichung bisher
unedirter Werke' aus dem Gebiete der jüdifchen
Wiffenfchaft gewidmet fein foll. Die erfte Nummer der-
felben liegt uns hier vor; und man darf fagen: wenn
die Fortfetzung das hält, was diefer Anfang verfpricht,
fo wird die franzöfifche Revue ihren deutfehen Colleg-
innen nicht nur ebenbürtig, fondern überlegen fein.
Namentlich berührt fehr angenehm die Eleganz der
äufseren Form, fowohl was Stil und Darfteilung als was
Correctheit des Druckes und Sauberkeit der Ausftattung
anlangt. Während man bei der Mehrzahl der Publica-
tionen deutfeher jüdifcher Gelehrter es faft als etwas
Selbftverftändliches hinnehmen mufs, dafs fie in fchwül-
ftigem, oft barbarifchem Dcutfch gefchrieben find, und
von Druck- und Schreibfehlern wimmeln, wird man bei
diefer franzöfifchen Revue durch keine diefer unangenehmen
Eigenfchaften an ihren jüdifchen Urfprung erinnert
. Sie theilt vielmehr in allen genannten Beziehungen
die bekannten Vorzüge der franzöfifchen Literatur
Auch an wiffenfehaftlichem Wcrthc feheinen mir die
mitgetheilten Arbeiten im Durchfchnitte höher zu liehen,
als z. B. diejenigen der Grätz'fchen Monatsfchrift. Das