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Ausgabe:

1881 Nr. 26

Spalte:

623-626

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schultz, Herm.

Titel/Untertitel:

Die Lehre von der Gottheit Christi. (Schluß.) 1881

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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623 Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 26. 624

fchichte und das Wefen des A. einführendes zur Leetüre
empfehlen.

Strafsburg i. E. R. Zoepffel.

Schultz, Dr. Herrn., Die Lehre von der Gottheit Christi.

Communicatio idiomatum. Gotha 1881, F. A. Perthes.
(XII, 731 S. gr. 8.) M. 13. -

[Schlufs.]

Das III. Buch fchickt zunächft einen kritifch-metho-
difchen Unterbau voraus (a. die dogmatifche Gewifsheit
der Lehre S. 470—548), erörtert dann die theol. und
anthropol. Vorausfetzungen (b. die Lehre von der Gottheit
Chrifti und die Lehre von Gott S. 549 — 627, c. die
Lehre von der Gottheit Chrifti und die Lehre vom
Menfchen S. 628- 669), ehe die abfchliefsende Darfteilung
gegeben wird (d. die dogmatifche Entfaltung der Lehre.
Communicatio idiomatum. S. 670—712). Thatfächlich wird
freilich die ganze dogmatifche Löfung in jedem Ab-
fchnitt vorgetragen.

Wie gelangen wir zum Glauben an die Gottheit
Chrifti? Nicht auf metaphyfifch-fpeculativem Wege, der
uns nur zu einer neuen Form der Verborgenheit, ftatt
zur Offenbarung Gottes führen würde; ohnehin ift die
alte Metaphyfik aufserchriftlich und heut nicht mehr
gültig; nicht durch Betrachtung der Einzelperfönlichkeit
Jefu ohne Rückficht auf fein Lebenswerk und feine
Gemeine, das ergäbe im beften Fall eine den alttefta-
mentlichen Vorausfetzungen diametral entgegengefetzte
gefühlsmäfsige Beziehung der Einzelnen zu Jefu ; fondern
von der Erfahrung deffen aus, was die Gemeinde aus
feiner Perfönlichkeit empfängt. Die nichterlöfte Menfch-
heit befindet fich, unter der Herrfchaft weltlicher Motive
ftehend, in Widerfpruch mit den Liebeszwecken
Gottes, ift in der ünfeligkeit der Gefetzesreligion befangen
, ift zur Beherrfchung der Welt unfähig, von ihr
geknechtet. Und die Wirkungen Chrifti auf die Gemeine
beliehen darin, dafs er ihr den göttlichen Liebeszweck
geoffenbart und fchöpferifch in ihr zur Geltung gebracht,
und damit fie in die Erlöfungs- und Glaubensreligion
und das diefer eigene Verhältnifs der Kindfchaft und
Sündenvergebung gefetzt, fowie fie aus der Knechtfchaft
der Welt befreit und zum göttlichen Zweck der Welt
gemacht hat. Wohl läfst fich das Werk Chrifti in diefen
Beziehungen auch ethifch auffaffen als Opfer an Gott,
als Bundes- und Verföhnungsopfer, als Kampf gegen die
Mächte der Welt und als ftellvertretendes Leiden, aber
die ethifche Beurtheilung geht in die religiöfe über, nach
der Chriftus in feiner Berufswirkfamkeit für die Gemeinde
die fchöpferifche Offenbarung des auf fie bezogenen Weltzweckes
Gottes, die gnädige Offenbarung der Licbes-
gefinnung und Treue Gottes und die königliche Offenbarung
der Herrfchaft Gottes über die Welt ift. Da
diefe Offenbarung aufserhalb des Lebenswerkes Chrifti
nicht vorhanden ift, fo mufs für die Gemeine die menfeh-
liche Perfönlichkeit Jefu als Gegenftand vollkommener 1
religiöfer Abhängigkeit (Glaube, Liebe, Vertrauen) d. h
als Gott in Betracht kommen. Die chriftliche Sittlichkeit,
Seligkeit, Freiheit fordern die Gottheit Chrifti.

In diefer Auffaffung der Heilswirkungen Chrifti ift
eine nicht unwefentliche und m. E. nicht glückliche Abweichung
von Ritfehl nach Schleiermacher und Schweizer
hin zu bemerken, infofern die fchöpferifche Offenbarung
der gnädigen übergeordnet, die Schuld anfehei-
nend als ein nur der principiell falfchen Knechtsreligion
angehöriges Phänomen betrachtet und im Zufammenhang
hiermit hier und anderswo die der chriftlichen Religion
eigene teleologifche Beurtheilung der Sünde als des Nicht -
feinfollenden zu Gunften ihrer caufalen Erklärung und
einer entfprechenden Beurtheilung derfelben als eines in
einem gröfseren Zufammenhange Nothwendigen verkürzt
wird. Endlich läfst fich die Ueberordnung der Gemeine
über den Einzelnen im Heilswerk Chrifti wohl begreifen,

wenn die gnädige Offenbarung Gottes, d. i. das Willens-
urtheil Gottes, welches uns zu ihm und zur Welt eine
andere Stellung giebt, der fchöpferifchen, welche die
I Aenderung des Willens hervorruft, übergeordnet wird,
nicht aber im umgekehrten Falle.

Das Prädicat der Gottheit Chrifti beftimmt fich nun
näher, indem darauf reflectirt wird, inwiefern es ihn mit
feiner Gemeinde verbindet und von ihr trennt. Des
Athanafius' Kanon trabe iykveto av&gconos iva fifietg &so-
j Tcoirj&mutv kommt hier auf höherem, auf perfönlichem,
[ religiös-fittlichem Gebiet zu voller Geltung. Wie Chriftus
; trägt auch die Gemeinde als vom Geift erfüllte Gottes
Motive und Zwecke, Liebesgefinnung und Macht über
die Welt in fich, und zwar wie er in menfehlicher Lebensform
; aber er ift für dies ihr Leben die Quelle und
der Mafsftab: fie bleibt darin von ihm abhängig. Denn
er ift als die vollkommene Offenbarung der das Leben
der Gemeine fchaffenden Gottesgedanken gleichwerthig
(wie die Kraft mit den Wirkungen) mit dem, was fie
als Einheit charakterifirt, mit dem Geilte Gottes: für Gott
wie für ihre einzelnen Glieder hat fie nur in ihm Wirklichkeit
; er ift die Quelle der ,Gottheit' der Gemeine
[n. b. doch ein unglücklicher Ausdruck, nicht als mit ihr
identifcher Repräfentant der Gemeine, fondern als von ihr
verfchiedene Urfache derfelben ift er für uns Gott]. —

Für das Eingehen der wahren und wefenhaften Gottheit
in menfehliche Lebensform bietet nun die chriftliche
Gottesidee die Möglichkeit. Trefflich weifs der Verf.
den principiellen Gegenfatz zwifchen diefer und dem
Naturalismus in jeder Geftalt darzulegen. Während die-
fem die perfönliche Beftimmtheit in Gott aus der Tiefe
feiner in ihrem Kern ftets unbegriffen bleibenden meta-
phyfifchcn Subftanz auftaucht, die überweltlich fein foll
und doch weltartig ift, ift jener in dem (perfönlich)
zweckfetzenden auf das fittliche Gottesreich gerichteten
Willen, der die Welt fetzt, erhält, regiert, das Wefen
Gottes vollkommen und ohne Reit erfchloffen. Der Verf.
macht mit der Ueberweltlichkeit Gottes und feines Wirkens
Ernft, indem er fie durch Entfaltung des pofitiven
Inhaltes jener Idee beftimmt, fie nicht nur in Negationen,
oder gar nach der Analogie eines in das Unendliche
ausgeweiteten endlichen Geiftes befchreibt. Gott ift die
Liebe, fofern er mit den gefchaffenen Geiftern in dem
höchften Zweck Gemeinfchaft fucht, die heilige Liebe,
fofern er darin diefen feinen Zweck aufrecht erhält. In
der Totalität feiner Eigenfchaften, die die Arten des
göttlichen Wirkens ausdrücken, wird fein ganzes Wefen
offenbar. Allmacht Ewigkeit Allgegenwart und — die-
felben Eigenfchaften geiilig beftimmt — Allweisheit AU-
wiffenheitUnVeränderlichkeit find für (ich gefafst inhaltlofe
Abftractionen, fie kehren in den eigentlichen Eigenfchaften
Gottes, in Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit einerfeits,
mit der er feinen Zweck, Güte und Treue andererfeits,
mit der er feinen Liebeszweck durchführt, wieder und
gewinnen erft Sinn. fofern fie die innere Ueberweltlichkeit
, die weltbeherrfchende Unwandelbarkeit und Einheitlichkeit
des göttlichen Wirkens in der räumlich-zeitlichen
Welt (I. Reihe) und die innere Freiheit Vernünftigkeit
Klarheit desfelben (II. Reihe) ausdrücken. Diefe Ueberweltlichkeit
Gottes kann auch in einem weltlichen, an
Zeit und Raum gebundenen Wefen offenbar werden. Denn
es find nicht Güte und Gerechtigkeit u. f. w. als menfehliche
Tugenden, auf die es bei dem Prädicat der Gottheit
ankommt, fondern, fo wie fie in Gott find, allmächtig
allwiflend u. f. w., müffen diefe Eigenfchaften auch in
Chriftus offenbar werden. Und fie werden es, wenn er
den göttlichen Liebeszweck fchöpferifch verwirklicht,
indem er die Welt d. h. die Gefammthcit der äufsern
Zuftändc und Bedingungen für diefen Zweck behenfeht
und ausgeftaltet. So ift er ewig und allgegenwärtig, indem
er, ob auch zeitlich und räumlich wirkend, die Unver-
änderlichkeit, innere Nothwendigkeit, Einheitlichkeit des
göttlichen Wirkens perfönlich zum Ausdruck bringt,