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Ausgabe:

1881

Spalte:

598-603

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schultz, Herm.

Titel/Untertitel:

Die Lehre von der Gottheit Christi 1881

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Trennung des Natürlichen und Uebernatürlichen gestanden
und daher nur behauptet, dafs die Unterfcheidung
zweier Phafen im Urftande, derjenigen derpura naturalia
ohne fittliche Qualitäten und ohne die Lebensgemein-
fchaft mit Gott und derjenigen mit diefen als bona
graiuita der Gnade hinzugekommenen Eigenfchaften,
zeitlich nie exiftirt habe; ideell aber hätten fie die
Unterfcheidung doch gelten laffen; nur der Abt Petrus
de la Celle wäre nachdrücklicher diefer Lehre entgegengetreten
; aber feine Oppofition hätte nicht durchdringen
können; die officielle Kirchenlehre hätte befonders durch
Bonaventura und Uuns Scotus immer mehr dem Ziele
zugedrängt, welches fpäter durch das Tridentinum als
alleingültiges Dogma feftgeftellt worden fei. — Ich bin
überzeugt, dafs es dem Verf. unmöglich gewefen wäre,
diefe Gruppirung und Beurtheilung der Scholastiker hinsichtlich
der Lehre vom Urftande zu geben, wenn er die
betreffenden Quellenwerke felbft zur Hand genommen
hätte. Denn auch nur flüchtige Blicke hätten ihm gezeigt
, dafs nicht Hugo v. St. Victor und Thomas gegenüber
Bonaventura und Duns, fondern Hugo und Bonaventura
gegenüber Thomas und Duns flehen. Bonaventura
hat (ich ganz eng an die Beurtheilung Hugo's
angefchloffcn und hat nachdrücklichste Oppofition gemacht
gegen die philofophifch-empirifche Betrachtung
der menfchlichen Natur, welche von Thomas und nachher
von Duns vertreten wird. Die Auffafiung Bonaventura
^, dafs die Ueberkleidung Adam's mit den übernatürlichen
Gaben zeitlich dem Stande der pura naturalia
gefolgt fei, — welche Auffaffung übrigens von Duns
gar nicht vertreten wird, obgleich fie ihm zugefchrieben
zu werden pflegt, — ift von ganz nebenfächlicher Bedeutung
, oder vielmehr bei der Motivirung, welche ihr
Bonaventura giebt, dafs nämlich der erste Menfch vermöge
der in feinen Naturgaben fich darstellenden gratia
gratis data fich zum Empfange der übernatürlichen Gaben
der gratia gratum faciens habe disponiren müffen, gerade
ein Beweis für das berechtigte Widerstreben des Bonaventura
gegen eine blofs äufserliche Verbindung der natürlichen
und der übernatürlichen Gaben. Der ent-
fcheidende Punkt aber ift, dafs Bonaventura trotz der
auch von ihm behaupteten übernatürlichen Gaben die
iustüia originalis mit zur urfprünglichen Natur des Men-
fchen rechnet und deshalb in ihrem Verluste eine Ver-
derbnifs der Natur anerkennt, während Thomas und
Duns in dem Urtheile zufammenftimmen, dafs die innere
rcbellio zur urfprünglichen Natur des Menfchen gehört
habe und dafs demgemäfs auch keine Verderbnifs der
menfchlichen Natur in Eolge des Falles eingetreten fei.
Denn die ,Wunden', welche Thomas {Summa II. i qu. 85)
der ganzen menfchlichen Natur durch den Fall zugefügt
fein läfst, können, wenn man auf die nähere Erklärung
diefes Urtheiles bei Thomas achtet, doch nur in ganz
uneigentlichem Sinne als Wunden der Natur verstanden
werden.

Den zweiten, kritifchen Theil des Buches halte ich
für den bedeutenderen. Er theilt die hohen formellen
Vorzüge des erften und ift zugleich in feinem Inhalte
eine fchöne Probe des Strebens, bei aller Schärfe der
an der überlieferten Lehrform geübten Kritik doch zugleich
den pofitiven religiöfen Gehalt des Dogmas zu
wahren und zur Darstellung zu bringen. Wenn die Er-
gebnifse einer folchen kritifchen Reconftruction auch
diejenigen, welche in den meiften principiellen Fragen
einverstanden find, doch nicht in allen Punkten befriedigen
, fo ift dies bei der grofsen Schwierigkeit der Aufgabe
nicht verwunderlich. Ich hebe hier nur einen
Punkt hervor, welcher für den Gedankenzufammenhang
des Verf.'s befondere Wichtigkeit hat, aber wohl am
Wenigsten auf weitere Zustimmung rechnen dürfte. Der
Verf. glaubt die Wahrheit der kirchlichen Lehre von der
Erbfünde darin gefunden zu haben, dafs er dem Menfchen
in feiner phyfifch-pfychifchen Anlage eine Nothwendig-

[ keit des Böfen gegeben fein läfst; diefelbe foll zwar
j nicht in der Sinnlichkeit an fich, wohl aber in der finn-
[ liehen Luft, fofern diefe trotz und wider die Forderungen
des Gefetzes fich geltend macht, bestehen. Als eigent-
! liehe Sünde aber foll diefe objectiv böfe Befchaffenheit
I nicht betrachtet werden, weil fie doch für den Menfchen
nothwendig und unvermeidlich ift; die als Schuld zurechenbare
Sünde foll nur in dem durchgeführten Siege
des natürlichen Hanges wider die höhere Natur oder
! göttliche Bestimmung des Menfchen gefehen werden
(S. 209 ff.). Mit welchem Rechte kann nur die finnliche
Luft, fo weit fie nothwendig in der Anlage des Menfchen
begründet und keine fchuldvolle Sünde ift, als böfe
1 bezeichnet werden? Durch ,böfe' ift eine fittliche
Qualität bezeichnet, und wir würden uns doch eines fehr
verwirrenden Rückfalls in die für unfere Anfchauung
glücklich überwundene Vermengung des phyfifchen und
des ethifchen Lebens fchuldig machen, wenn wir Zustände
und Vorgänge, welche ganz ohne Betheiligung
des Willens des Menfchen zu Stande kommen, als Zu-
ftände und Vorgänge fittlicher Art beurtheilen wollten.
Der Verf. meint zwar, man dürfe jene finnliche Luft
deshalb böfe nennen, weil das Gewiffen dem Menfchen
fage, diefe Luft, welche da fei, folle nicht da fein und
müffe unterdrückt werden (S. 2io). Aber dies fcheint
mir nicht ganz genau zu fein. Das fittliche Bewufstfein
fagt dem Menfchen nur, diefe Luft, fo weit fie dem Gefetze
widerftrebe, folle nicht da bleiben, bezw. folle
nicht wirkfam werden; denn diefes Bleiben und Wirkfamwerden
ift vom Willen des Menfchen abhängig. Das
blofse Dafein der Luft aber, fo weit es unabhängig vom
Willen des Menfchen mit Nothwendigkeit aus dem Wefen
des Menfchen entfprungen ift, beurtheilt das fittliche
Bewufstfein keineswegs als ungehörig und böfe. Dafs
für die Löfung des Problemes, auf welches es der christlichen
Dogmatik ankommt, weshalb nämlich in dem
Kampfe des freien, auf das Gute gerichteten Willens des
Menfchen gegen die Anfprüche der ungeregelten Luft
der Wille aller Menfchen auch da unterliegt, wo er liegen
könnte, alfo weshalb die fubjective Sünde in der Menfch-
heit allgemein ift, der Hinweis auf das allgemeine Vorhandenfein
der zu bekämpfenden Luft nichts beitragen
kann, hat der Verf. felbft wohl gemerkt, wie feine Erörterung
S. 216 ff. zeigt.

Göttingen. H. Wen dt.

Schultz, Dr. Herrn., Die Lehre von der Gottheit Christi.

Communicatio idiomatum. Gotha 1881, F. A. Perthes.
(XII, 731 S. gr. 8.) M. 13.

In diefem Werke wird nicht eigentlich ein neuer
Löfungsverfuch des chriftologifchen Problems geboten.
Der Verfaffer fpricht es felbft aus, dafs das Bewufstfein
eines in weiten Kreifen erreichten Confenfus über die
Chriftologie ihn bei der Arbeit gehoben habe, und
nennt als folche, in deren Gemeinfchaft er fich (teilt:
,Schleiermacher, Schweizer, Lipfius (?), Beyfchlag,
Rückert, Ritfehl u. f. w.' Es ift im Allgemeinen die
Betrachtungsweife Schleiermacher's, die auch er vertritt,
nur — und dies ,nur' hat dann freilich weittragende
Modificationen im Gefolge — mit der Erfetzung der
naturaliftifchen Motive der Theologie Schi.'s durch die
chriftlich-ethifchen. Am meiften berührt er fich nach
Methode und Refultaten mit Ritfehl, obwohl nicht ohne
Modificationen, die in der Richtung auf Schweizer liegen.
Eigentümlich ift ihm das Beftreben, die allgemeine
Ueberzeugung jener Theologen, dafs die dem Glauben
unveräufserliche fpeeififeh-religiöfe Würde Chrifti auf
dem göttlichen Inhalt feines fittlich-religiöfen, inmeufch-
licher Lebensform verlaufenden Perfonlebens ruhe,
dergeftalt mit der gefchichtlichen Entwicklung der Chriftologie
in Continuität zu fetzen, dafs der Lehrtropus
der communicatio idiomatum an Stelle der Zweinaturenlehre