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Ausgabe:

1881 Nr. 2

Spalte:

578-579

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schuster, C. F. Th.

Titel/Untertitel:

Der gute Vortrag, eine Kunst und eine Tugend. Praktisch-theologische Studie 1881

Rezensent:

Diegel, J. Gustav

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577

Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 24.

Hände der Lehrer, damit diefe fich überzeugen, dafs
Naturwiffenfchaft und Chriftenglaube keineswegs unvereinbare
Gegenfätze bilden, und damit diefelben Bedenken
tragen, den ungläubigen Vertretern der fog. exac-
ten Wilienfchaft blindlings zu folgen, und fo an ihrem
eigenen Glauben Schiffbruch zu leiden und ihre Schüler
in den unheilvollen Strudel des Unglaubens hinein zu
ziehen.

Lang-Göns. K. Strack.

Eucken, Prof. Rud., Zur Erinnerung an K. Ch. F. Krause.

Feftrede, gehalten zu Eifenberg am 100. Geburtstage
des Philofophen. Leipzig 1881, Veit & Co. (63 S. 8.)
M. 1. 20.

Diefe das Gedächtnifs eines mit Unrecht über Schel-
ling und Hegel faft vergeffenen Philofophen feiernde
Feftrede will die Bedeutung des Gt fammtftrebens des-
felben für die geiftige Bewegung der Gegenwart darlegen.
E. hält dafür, dafs die Grundanfchauung der fpeculativcn
Philofophen nach Kant, in deren Reihe Kraufe gehört,
ihr gutes Recht habe, dafs es eine Aufgabe der Philo-
fophie fei, in einer Natur und Gcfchichte umfpannenden
Gefammtweltanfchauung die Welt als ein finnvolles
Ganze zu erfaffen, die Üeberzeugung von einem wahren
und dafeinerfüllenden Inhalt des Lebens auszuprägen.
Und er zeichnet nun Kraufe's eigenthümliche Stellung in
diefer Philofophie, zunächft der Methode nach: Kr. bemühe
fich mehr als die Andern, diefe Erkenntnifs von
der Welt als einem Ganzen dem Bewufstfein des Einzelnen
zu vermitteln; alle Kräfte des Geifles, Verftand
und Gefühl, Begriff und Anfchauung, Wiffenfchaft und
Kunft gleichmäfsig in Anfpruch nehmend, ftelle er dem
Einzelnen die Aufgabe, ein ganzer Menfch zu werden;
fodann dem Inhalt nach, fofern er den ganzen Weltinhalt
auf das Menfchheitsleben, deffen Idee ihm als die
eines innerlich verbundenen Ganzen vorfchwebe, in
1< bendige Beziehung zu fetzen beflrebt fei. — Ausführliche
Anmerkungen belehren noch über Kraufe's Erkennt-
nifslehre, Religionslehre, feine Philofophie der Ge-
fchichte und des Rechtes. — Von dem warmen idealen
Hauch, der das ganze Streben, und nicht nur das wiffen-
fchaftliche, Kraufe's belebt, gewinnt man aus dem Vortrag
einen Eindruck. Ob freilich die Philofophie, auch
wenn eine exactere Methode eingefchlagen wird und die
pofitiven Factoren neben den rationellen mehr Berück-
fichtigung finden, wie der Verf. meint, jenen Grundgedanken
des Idealismus feilzuhalten habe, ift eine andere
Frage. Vielleicht ftehen das reine Wiffen und der
Glaube an einen Sinn der Welt fich beide beffer, wenn
das erftere fich feine Probleme niedriger fteckt und der
zweite fich darüber klar wird, dafs er nicht ungeftraft
fich feine Lebenswurzeln abfchneiden darf, die nirgend
anders als in der pofitiven Religion liegen.

Magdeburg. J- Gottfchick.

Runze, Dr. Max, Kants Bedentung auf Grund der Entwicklungsgeschichte
seiner Philosophie. Feft-Vortrag, zum
100jährigen Geburtstage des Erfcheinens der Kritik
der reinen Vernunft am 28. März 1881 zu Berlin gehalten
. Berlin iSBl, C. Duncker. (40 S. 8.) M. 1. —

Der Verf. fucht den Nachweis zu führen, dafs aufser
der rationaliftifchen und empiriftifchen Periode der vor-
kritifchen Zeit Kant's noch eine fkeptifche anzufetzen
fei; diefelbe falle ins Jahr 1769, fei übrigens durch keine
literarifchen Denkmale bezeugt. Richtig ift daran, dafs
Kant die fkeptifchen Confcquenzen des Empirismus in
diefer Zeit fich klar gemacht hat. Selbft Skeptiker kann
aber nicht gewefen fein, wer fo oft erklärt, dafs der wirkliche
Skepticismus gar nicht ernfthaft gemeint fein könne.
Weitere Andeutungen des Verf.'s über eine Fortbildung,

I die Kant erfahren müffe oder von einem bisher ,unbe-
l kannter' gebliebenen Philofophen erfahren habe (von
1 Baader?), indem man den Mafsftab des unbedingten
Skepticismus an ihn felbft anlege, bleiben unverbindlich
. Der Wahrheitsgehalt von Kant's Schaffen liegt
| dem Verf. nicht in einem Gedanken feiner Philofophie,
I fondern in der ,mit Demuth gepaarten moralifchen Kraft
| feines Gemüths'. Kant ift, wie er fagt ,erhaben in Kritik'.

Magdeburg. J. Gottfchick.

Schuster, Superint. Paft. C. F. Th., Der gute Vortrag,

eine Kunft und eine Tugend. Praktifch-theologifche
Studie. [Aus: .Mancherlei Gaben und Ein Geift'.]
Wiesbaden 1881, Niedner. '56 S. gr. 8.) M. 1. —

Erfcheinen und Inhalt obigen Schriftchens begrüfst
Ref. um fo mehr mit grofser Freude, da er feit 21 Jahren
als Profeffor der Homiletik am Friedberger Prediger-
j feminar befondere Veranlaffung hatte, fich mit dem behandelten
Gegenftande zu befchäftigen. Sehr richtig bemerkt
der Verf. im Eingang, dafs für den Predigtvortrag
vielfach zu wenig gefchieht, weil deffen grofse
Wichtigkeit unterfchätzt wird. Natürlich wird man in
verfchiedenen Ländern nicht völlig diefelben Wahrnehm-
| ungen machen. So kann ich die Behauptung S. 15, dafs
[ wir bezüglich der Achtfamkeit auf den äufseren Vortrag
I ,auf abfehüffiger Bahn zu einem gewiffen Tiefpunkte ge-
1 langt find', für die hiefigen Gegenden nicht ganz zutreffend
1 finden, indem, auch nach öfteren Zeugnifsen ganz unbefangener
Laien, fich der Kanzel Vortrag fchon feit längerer
| Zeit im Ganzen merklich gebeffert hat. Namentlich tritt
j das falfche Kanzelpathos feltener hervor. Aber dafs ,ein
j tapferes Aufwärtsftreben' noch fehr noth thut, fleht vollkommen
richtig, und auch die Klage des Verf.'s, dafs
in den letzten Jahrzehnten die homiletifchen Lehrbücher
im Unterfchiede von früheren über den Vortrag als über
etwas, was weniger Sache des Studiums als freier Ent-
i Wicklung der Natur fei, öfter zu rafch hinweggehen, er-
j fcheint begründet. Allerdings war die Behandlung früher
häufig eine zu äufserliche, und die gerügte Zurückfetzung
hing mit Fortfehritten der fich mehr dem Inhalte der
Predigt und der ganzen Perfönlichkeit des Predigers zu-
I wendenden Homiletik zufammen. Aber ehe man fich
1 der Natur überläfst, mufs diefelbe gebildet und veredelt
I werden, vgl. S. 14. Der Verf. fagt S. 35: ,Es ift faft unbegreiflich
und jedenfalls ift es unverantwortlich, in welchem
Zuftande der Rohheit und Ungefchliffenheit gar
manche Stimmen in den Dienft des Heiligften geftellt
, werden', und: ,Man kann noch heutzutage Vorträge von
| Predigten hören, welche ihrem äufseren Charakter nach
ein Gemifch find von allem Möglichen, von Singen,
Klagen, Heulen und Schreien, alles andere, nur kein
ordnungsmäfsiges Sprechen, während wir doch im Uebri-
gen unter cultivirten Völkern leben'. Diefe Sätze klingen
hart, aber fie bezeichnen wirklich vorkommende
Schäden. Ref. hat es für Pflicht gehalten, möglichft häufig
ältere Prediger in verfchiedenen Gegenden zu hören, und
zu feinem anfänglichen Elrftaunen gefunden, dafs öfter
der Vortrag als der Inhalt der Predigten deren Wirkung
hinderte. Deshalb hat er dem Vortrage der Candidaten
immer fteigende Aufmcrkfamkeit zugewendet. Daran
konnte natürlich die Wahrnehmung nicht hindern, dafs
fich viele und ftarke Fehler meift erft im fpäteren Amtsleben
einftellen, und zwar trotzdem, dafs es an Warnungen
davor nicht gefehlt hat. Es gilt eben durch
gröfsere Befeftigung im Richtigen vorzubeugen. Dem
Hellt fich namentlich der Mangel an Zeit wegen der
Menge fonftiger Anforderungen an die jungen Theologen
entgegen. Aber die rechte Einficht in die Wichtigkeit
der Sache, welche die obige Schrift trefflich fördern
kann, mufs mehr Zeit für den Vortrag frei machen helfen
. Mit Recht erinnert der Verf. S. 8: ,Die Signatur
der Gegenwart auf allen Gebieten des öffentlichen Le-