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Ausgabe:

1881 Nr. 23

Spalte:

548-549

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kayser, Joh.

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Geschichte und Erklärung der ältesten Kirchenhymnen. Mit besonderer Rücksicht auf das römische Brevier. 2., umgearb. u. verm. Aufl 1881

Rezensent:

Bertheau, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 23.

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handlung ,in den Bereich der allgemeinen Literatur' gehört
, zumal in einer Zeit, in welcher der Auffchwung
literarifcher Cultur zwar, wie der Verf. wiederholt und
gefliffentlich bemerklich macht, üch keineswegs lediglich
durch kirchliche Gefichtspunkte beftimmen läfst, ge-
fchweige denn etwa auf theologifche Gegenftände üch
befchränkt, die Schule aber, von welcher jetzt die Literatur
ausgeht, denn doch noch aufs engfte mit der
Kirche verknüpft und von ihr getragen, das geiftige In-
tereffe der Zeit in hohem Grade von theologifchen Fragen
in Anfpruch genommen erfcheint. In dem Vorwort zum
I. Bde. (p. VII) hatte der Verf. von den theologifchen
Werken die apologetifchen, die praktifch-moralifchen und
asketifchen wie die hiftorifchen ganz dem Gebiete feiner
Darfteilung vindicirt, die dogmatifch-fpeculativen und
polemifchen nur ausnahmsweife. Jetzt erweitert der Verf.
(S. 230) letzteres doch dahin: ,fo wenig die dog-
matifche und felbft die philofophifche Literatur an üch
in den Kreis unferer Betrachtung fällt, fo haben doch
die Hauptwerke, welche jenen Fragen damals gewidmet
find, meift indirect foviel Intereffe für uns, um ihrer kurz
zu gedenken. Denn fie fpiegeln einmal die Cultur, welche
die literarifche Entwicklung damals bedingte, von einer
fehr wichtigen Seite ab, und fie haben ferner auf die
Folgezeit einen grofsen Einflufs gehabt'. Die Grenze
wird eine fliefsende bleiben und es wird fich immer im
einzelnen Falle mit dem Verf. über Befchränkung oder
Ausdehnung feiner Aufgabe disputiren laffen. So kann
man es beanftanden, dafs er ein für die geiftige Auf-
faffung der Zeit fo charakteriftifches Werk, wie des
Amalarius de eccles, officiis nur bei Gelegenheit der Polemik
Agobard's dagegen flüchtig erwähnt, dafs die Literatur
der Bufsbücher nach der Seite ihres Zufammen-
hangs mit den vom Verf. wohl beachteten Aufftellungen
über Tugend und Lader, wie er fich namentlich in
Halitgar's Schrift de vitiis et virtutibus et de ordine
pocnitentium zeigt, nicht herangezogen hfl, dafs der VerP
das moralifche Vademecum der Herzogin Dodana von
Septimanien an ihren Sohn (Mabill. Acta Sand. IV., Bcned.
IV, i.p. 704 squ. cd. Veit, aifo ein ,Laienbrevier' vgl. S. 20
über Alcuin's Schrift an Wido), hier aber aus Laienmund
nicht beachtet u. dergl. Das find indeffen untergeordnete
Punkte. Selbftveritändlich wird Niemand dem Verf. einen
Vorwurf daraus machen, wenn er den Inhalt der theologifchen
Controverfen, namentlich der eigentlich dogma-
tifchen.wie z. B. der Gottfchalk'fchen, der adoptianifchen
nur eben berührt; dabei kann es denn freilich kaum fehlen,
dafs kurze Andeutungen, wie die über Radbert's Schrift
de partu virginis (S. 235), die correfpondirende über
Ratramnus (S. 246) ungenau und dem Mifsverftand ausgefetzt
bleiben. Allein fpeciell theologifche Belehrung
wird auch Niemand hier fuchen. Dagegen leidet das
gut gefchricbene Buch gerade dem Theologen den hochwillkommenen
Dienft, ihm aus grofser Vertrautheit mit
der gefammten literarifchen Entwickelung der Zeit heraus
feine Geftalten in die volle literar-hiftorifche Beleuchtung
zu rücken. Die emfige Arbeit der neuern Zeit von ge-
fchichtlicher und literargefchichtlicher Art, die grofse
Menge der hier einfchlagenden einzelnen Unterfuchungen
hfl vom Verf., foweit Referent fich ein Urtheil darüber
zutrauen darf, in trefflicher Weife verwerthct. Das kommt
nicht nur den hier gezeichneten Bildern der Hauptfiguren
(Alcuin, Agobard, Theodulf v. Ork, Claudius v. Turin,
Raban, Walahfried Strabo u. f. w.) zu Gute, fondern
vermittelt auch lebendige und concrete Anfchauungen
für ganze Literaturzweige. Wir heben befonders hervor
die eingehende Erläuterung der für den jugendlichen
Auffchwung der Zeit und ihre Freude an Handhabung
der Sprache der Alten fo charakteriftifchen reichen
poetifchen Literatur, für welche der Verf. zwar die feit-
dem begonnene GefammtveröffentlichungDümmler's noch
nicht benutzen konnte, wohl aber deffen werthvolle
Vorarbeiten. Auch auf die Literatur der Heiligenleben

läfst der Verf. manches bedeutfame Licht fallen, nicht
minder auf die Epiftolographie und vieles andere. So
begrüfsen wir auch im Intereffe der kirchengefchicht-
lichen Arbeit die Fortfetzung des tüchtigen und gefchmack-
vollen Werks mit Freuden, welches den immer noch
unentbehrlichen, wenn auch recht veralteten Bähr und
Karl Werner's fleifsige aber geifflofe und nicht immer
zuverläffige Compilation, Alcuin und fein Jahrhundert,
in der wefentlichften Weife ergänzt.

Kiel. W. Möller. ■

Kays er, Prov.-Schulrath Dr. Joh., Beiträge zur Geschichte
und Erklärung der ältesten Kirchenhymnen. Mit befon-
derer Rückficht auf das römifche Brevier. 2., um-
gearb. u. verm. Aufl. Paderborn 1881, F. Schöningh.
(XIV, 477 S. gr. 8.; M. 5. 40.

Die erfte Auflage diefes Werkes, welche in den
Jahren 1866 bis 1869 in drei Heften erfchien, hat nach
den Angaben des Verf.'s in der Vorrede zu der uns vorliegenden
zweiten Auflage .allgemein eine günftige Be-
urtheilung gefunden'; und in der That lauten die Aus-
fprüche von Daniel, v. Hefele und dem Bifchof Martin
über das Werk, die der Verf. ausführlich mittheilt, überaus
lobend. Bei der Bearbeitung der zweiten Auflage
hat der Verf. fodann, vgl. Vorrede S. VII, ,die chrono-
logifche Ordnung [der Hymnen] ftreng einzuhalten ge-
fucht, fo dafs in den hiftorifchen Erörterungen nunmehr
ein erfter Anlauf zu einer Gefchichte der kirchlichen
Hymnodik bis auf Gregor den Grofsen gemacht ift.
Auch find die mit Sicherheit aus diefem Zeitraum nachweisbaren
lateinifchen Kirchenhymnen fämmtlich vorgeführt
und mit Angabe der Beweisftellen datirt. Endlich
find diefe Hymnen fämmtlich commentirt bis auf die
letzten des fechsten Jahrhunderts'. — Nach diefen Worten
erwarteten wir vor allem, dafs der Verf. fich eingehend
mit der neuerdings befonders von Ebert, Allgemeine
Gefchichte der Literatur des Mittelalters I, S.
123. 129. 165. 168 u. fonft, fowie von Huemer, Unterfuchungen
über den jambifchen Dimetcr u. f. f., f. S. 8
und fonft (vgl. Sp. 210 diefer Zeitung) vertretenen Anficht
aus einander fetzen würde. Diefer Anficht gemäfs
haben wir bekanntlich weder die dem Hilarius noch die
I dem Damafus zugefchriebenen Hymnen für echt zu hal-
] ten, und von den dem Ambrofius beigelegten nur die
j vier Dens creator omnium, Aeterne verum condilor, Jam
1 surgit hora tertia und Veni redemtor gentium. Unfer Ver-
faffer ift auch mit diefem Refultat der neueren Kritik
wohl bekannt; er geht auch auf Ebert's Forfchungen
mehrfach ein und beruft fich auf fie, wo fie ihm günftig
find (vgl. S. 70); auch Huemer's Forfchungen, deffen
Arbeit über Sedulius er S. 337 anführt, find ihm bekannt;
— aber er möchte doch noch wo möglich einige der
dem Hilarius und Damafus in der kirchlichen Tradition
zugefchriebenen Hymnen für diefe Dichter retten. Gegen
einen folchen Vcrfuch läfst fich nun auch an fich nichts
einwenden; aber wenn er gemacht werden follte, fo kam
es darauf an, die gegen die Abfaffung diefer Hymnen
durch die genannten Hymnendichtcr vorgebrachten
Gründe klar und deutlich zu widerlegen. Das hat der
Verf. aber fich viel zu leicht gemacht. Was er z. B.
S. 71 bis 73 anführt, um die Möglichkeit, dafs der
Hymnus Beata nobis gaudia von Hilarius herrühre, zu
erweifen, wird niemanden überzeugen, der, nicht von
vornherein die Hauptfache zugiebt, nämlich dafs Am-
! brofius und feine Vorgänger fchon accentuirende Hymnen
verfafst haben; das für unfern Verf. doch wohl
fchliefslich entfeheidende Zeugnifs Caffiodor's wird dabei
weder S. 73 noch S. 243 feinem Wortlaute nach angeführt
. Noch viel weniger wird die S. 103 ff. gegebene
Auseinanderfetzung als ein Beweis dafür gelten können,
dafs Damafus den Hymnus Martyris ecce dies Agatliae