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Ausgabe:

1881 Nr. 21

Spalte:

503-504

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmid-Sonneck, Otto

Titel/Untertitel:

Die evangelische Diaspora Württembergs nach Entstehung und gegenwärtigem Bestand. Ein Beitrag zur kirchlichen Geschichte Württembergs 1881

Rezensent:

Bilfinger, A.

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Seite 1

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503 Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 21. 504

folge des Conflictes ausgefchieden waren, nicht durch
andere Laienmitglieder ergänzt wurde, und warum man,
nachdem lieh herausgeftellt, dafs der Kaffenführer der
Gemeinde über die Gemeindegelder eigenmächtig verfügt
hatte, nicht fofort eine Unterfuchung vorgenommen
hat, um feftzuftellen, wohin die Gelder denn eigentlich
gekommen feien. Man kann das nach dem Lefen aller
mitgetheilten Schriftftücke nur vermuthen.

Friedberg. K. Koehler.

Schmid-Sonneck, Pfr. a. D. Otto, Die evangelische Diaspora
Württembergs nach Entftehung und gegenwärtigem
' Beftand. Ein Beitrag zur kirchlichen Gefchichte
Württembergs. Stuttgart 1879, Belfer. (VII, 133 S.
gr. 8.) M. 1. 60.

Dem Verf. der vorliegenden Schrift, derzeit Herausgeber
der Blätter des württ. Guftav Adolfs-Vereins, lag
bei Abfaffung derfelben nach dem Vorwort ein doppelter
Zweck im Sinne. ,Einmal' wollte er ,nachdem die
württembergifche Diafpora denn doch zu namhaften
Jahren gekommen — — fammeln, was in diefer Hinficht
irgend von Intereffe war, um damit einen kleinen
Beitrag zur württembergifchen Kirchengefchichte zu
leiften. Für's andere hat ihn der Wunfeh geleitet, we-
nigftens mit dem einen oder andern Abfchnitt feinen
Amtsbrüdern, denen es oft an geeignetem Stoff für Guftav
Adolfs-Stunden, dem Hauptmittel zur Erhaltung und
Belebung des Intereffes für die theure G. A. V.-Sache in
den einzelnen Gemeinden, fehlt, Material an die Hand
zu geben'. — In 5 Abfchnitten durchwandert er mit uns die
Diafpora Oberfchwabens, der Alb, des Schwarzwalds,
des Kocher- und des unteren Neckargebietes und zeigt
uns je die Entftehung und den dermaligen Beftand der
einzelnen Gemeinden. Hinfichtlich des letzteren machen
wir namentlich auf das ebenmäfsige gefunde Verhältnifs
aufmerkfam, nach welchem die Selbfthilfe der Gemeinden
, die Staatshilfe und die Vereinshilfe des G. A.-Vereins
fich in die Tragung der Kotten für die gottesdienft-
lichen und Schullocale fowie für die Paftoration theilen.
— In der That ift es ein intereffantes Stück württem-
bergifcher Kirchengefchichte, das uns hier vorgeführt
wird. Namentlich kann man lernen, wie der Satz: cujus
regio ejus religio auch für unfere Zeit noch in be-
fchränktem Sinn feine Bedeutung hat, fofern die meiften
württembergifchen Diafporagemeinden ihren Urfprung
lediglich ihrer politifchen Vereinigung mit dem evang.
Württemberg verdanken. Gewöhnlich bilden die nach
diefer Vereinigung in bisher rein katholifche Gegenden
verfetzten evang. Beamtenfamilien den Grundftock diefer
evang. Gemeinden. Aber es fehlt auch nicht an Beiträgen
zur Beleuchtung der allgemeinen kirchengefchicht-
lichen Verhältnifse Deutfchlands feit der Reformation.
Ein Beleg dafür ift die Gefchichte der Gemeinde Attcn-
weiler bei Biberach, die, 1531 zu zwei Drittheilen evan-
gelifch geworden, 1551 auf Befehl Karl's V. einen ka-
tholifchen Magiftrat aus der Mitte der beim alten Glauben
gebliebenen Gefchlechter (ftatt des bisherigen aus
den Zünften hervorgegangenen) erhielt, in der Folge
ihres evang. Predigers beraubt wurde, und bis in unfer
Jahrhundert herein der fchwerften Vergewaltigung feitens
der kathol. Kirche preisgegeben war, wie dies in einer
.hier abgedruckten Bittfchrift der Evangelifchen an den
Markgrafen von Baden fräs. 13. 12. 1802 lebendig ge-
fchildert ift. — Dergleichen Abfchnitte eignen fich ge-
wifs auch zu dem von dem Verf. weiter beabfichtigten
Zweck, dem praktifchen Geiftlichen geeigneten Stoff für
abzuhaltende G. A.-Stunden zu geben; und es wird
diefer Zweck noch gefördert durch die lebensfrifchen
Farben, in welche, wenn auch nicht alle, fo doch einzelne
der gegebenen Bilder, z. B. das der Diafporage-
meinde Ravensburg, getaucht find.

Die Vollftändigkeit des Gegebenen läfst im Ganzen
nicht viel zu wünfehen übrig. Doch ift dem Ref. aufgefallen
, dafs der bedeutenden Diafporagemeinde Oberndorf
a. N., welche mit der Einrichtung einer kön. Gewehrfabrik
dafelbft im erften Viertel unferes Jahrhunderts
entftanden ift und jetzt ca. 800 Seelen zählt, gar nicht
gedacht wird. Es mag dies daher kommen, dafs der Verf.
fein Abfehen wefentlich auf die vom Guftav Adolfs-
Verein unterftützten Gemeinden richtet. Die genannte
Gemeinde aber verdankt ihre ökonomifche Exiftenz
lediglich der Staatsverwaltung und fich felbft. — Mit
Rückficht auf nichtwürttembergifche Lefer wäre die Vor-
anftellung eines allgemeinen Abfchnitts über die Verhältnifse
beider Confeffionen hinfichtlich ihrer geographischen
Vertheilung fachdienlich gewefen. — Als Druckfehler
bemerken wir die Schreibung Fisharmonica ltatt
Physharmonica p. 4.

Ulm. A. Bilfinger.

Evers, früher Paft. Geo. Ghilf., Katholisch oder protestantisch
? oder: Wie war's möglich, dafs ein orthodox-
lutherifcher Paftor ,nach Rom gehen konnte?' Hildesheim
1881, Borgmeyer. (434 S. gr. 8.) M. 3. —

In vier Capiteln legt der ehemalige lutherifche Pfarrer
Evers die Gründe feiner Converfion zum Katholicismus
dar. Nachdem er zuerft in drei Capiteln Einiges von
feiner perfönlichen Entwicklung, feiner Stellung zu den
Bewegungen der hannoverfchen Landeskirche während
der Zeit etwa feit 1860, fpeciell von feinen Beftrebungen
in feinen ehemaligen Gemeinden (zuletzt und wie es
fcheint hauptfächlich in Urbach, Graffchaft Hohnftein),

j fchliefslich von dem letzten Anlaffe feiner Amtsniederlegung
und Converfion (S. 6—71) mitgetheilt hat, geht
er über zu einer fehr eingehenden Charakteriflik Luther's.
Derfelben ift das vierte Capitel mit fünfundzwanzig Paragraphen
(S. 72—431) gewidmet. Er ift nämlicli hauptfächlich
durch das Studium der Schriften und Briefe
Luther's zu der Ueberzeugung gelangt, dafs der Mann
nicht, wofür er ihn gehalten und als was er ihn lange
verehrt hatte, ,ein von Gott zur Reformation der Kirche
gefandter und beglaubigter apoftolifcher Mann' gewefen
fei. So will er denn in einer ,Skizze' das Bild wiederzugeben
fuchen, das Luther's eigene Worte vor feinen
,immer mehr erftaunenden und erfchreckenden Augen'
von dem Manne ihm entrollt haben.

Das Bild, welches E. von Luther entwirft, ift nun
ohne Zuthat und Abzug dasjenige, welches uns die moderne
ultramontanc Gefchichtsfchreibung zeigt. Wer die
Schriften der Jörg, Höfler, Janffen, Paftor, des ehemaligen
Döllinger, wer die ,hiftorifch-politifchen Blätter', den
.Katholiken' etc. kennt, fleht fofort, wo E. fein ,Ver-
ftändnifs' Luther's gefunden. Dafs er jener Auffaffung
Luther's je länger je mehr Vertrauen und Glauben ge-
fchenkt, ift ja nicht zum Verwundern. Es foll mit ihm
nicht darüber gerechtet werden. Dafs uns die fogen.
,Quellenbelege' nicht imponiren, wird ihn, wenn er es
fleh überlegen möchte, vielleicht auch nicht verwundern.
Von zeitgefchichtlichem Intereffe find wohl für man-

! chen die Notizen des Verf.'s über feine Ausgangspunkte
und allmähliche Entwicklung. ,Wodurch das mit grofser
Begeifterung ergriffene lutherifche Pfarramt mir allmählich
zu einer faft unerträglichen Bürde wurde,' fo lautet
die Ueberfchrift des zweiten Capitels. In nicht näher
bezeichneten Jugenderlebnifsen erfuhr E. die Gnade
Gottes. ,Sohn eines ftreng orthodoxen lutherifchen

j Pfarrers konnte ich auf keinen anderen Gedanken kommen
, als den, dem Dienfte der Kirche zu beftimmen,
was Gott an Leben und Kräften mir noch fehenken
würde. Und es war gar keine Frage, dafs ich keiner
anderen dienen konnte, als der, in welcher ich meinen
Vater thätig fah. So liefs ich die Anfchauungen, Beftrebungen
und das Bild der Amtsthätigkeit meines