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1881 Nr. 20

Spalte:

474-475

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Soldan‘s Geschichte der Hexenprozesse. Neu bearbeitet von Heinr. Heppe. 2. Bde 1881

Rezensent:

Weizsäcker, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 20.

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{seil, wo der gegenwärtige Zuftand der Kirche kritifirt
wird) (ich ärgert oder fehadenfroh darauf hinweifen
möchte, den wollen wir hinführen zu unfern grofsen
Domen, den erhabenften Zeugen katholifchen Glaubens
und echt kirchlichen Lebens. Da hat der Meiftcr in
Farbe und Stein denfelben Gedanken dargeftellt, den
wir bei Dante lefen — in den Bildern des jüngften Gerichts
. In den Wolken erfcheint Chriftus der Richter,
und während zu feiner Rechten die Seligen eingehen in
den Himmel,'öffnet zu feiner Linken die Hölle ihren
Rachen. Und wer find Jene, die vor allem in den Abgrund
geftürzt werden? Papft und Kaifer. Da behauten
denn die Völker . . . wie in einem aufgefchlagenen
Buche den grofsen Grundfatz von der Gleichheit Aller
in Chriftus und vor Gott'. Indefs wie weit darf wirklich
mit diefem Grundfatz heute fchon Ernft gemacht
werden und nicht erft beim jüngften Gericht?

Die Anlage des Werkes anlangend, fo hat H. keinen
ausführlichen Commentar zur G. K. fchreiben, fondern
das Gedicht als ein Ganzes verftändlich machen wollen.
Die G. K. ohne die Commcntare zu lefen ift für den
Anfänger ebenfo fchwierig, als die ftete Rückfichtnahme
auf die Erläuterungen läftig und ftörend. So wird diefes
Werk, in welchem die geftelltc Aufgabe vorzüglich ge-
löft ift, dem Bedürfnifse einer Vorbereitung auf die Leetüre
trefflich dienen, aber auch noch nach Abfchlufs der-
fclben dem Lefer zu Statten kommen. H. hat den Stoff
zvveckmäfsig eingetheilt. In dem erften Capitel handelt
er von Dante's Leben und Schriften, in dem 2.—4. von
der Grundidee und dem Charakter der G. K., fowie von
drei grofsen Theilen, Hölle, Fegfeuer, Paradies. Die
drei letzten Capitel, die werthvollften des Werkes, find
der Idee der fittlichen Weltordnung in der G. K., der
Theologie und der Politik derfelben gewidmet. Die
letztere wird freilich hauptfächlich aus dem Tractat de
monarchia entwickelt, was nicht gerade empfehlenswerth
ift, da fo Gedanken, die für Dante fecundären Werth
haben, in den Vordergrund treten. Vermifst hat Ref.
bei diefer Eintheilung eine Ueberficht über die Ge-
fchichtsbetrachtung in der G. K. Das 8. Cap. enthält
zwar einiges hier Einfchlagende, aber lange nicht
genug. In Dante's Gcfchichtsbetrachtung laufen die ver-
fchiedenften Linien, deren Urfprung theilweife in ein
hohes Alterthum hinaufragt, zufammen. Eine Analyfe
derfelben ift darum für den Hiftoriker eine der fchwer-
ften, aber auch lohnendften Aufgaben. Uebrigens ift
Dante's Gefchichtsbetrachtung durchweg die mittelalterliche
; kein Zug verräth noch den Anbruch einer neuen
Zeit: man kann die Renaiffance — von der Reformation
zu fchweigen — in die G. K. lediglich nur hineininter-
pretiren. Aber doch ift Dante zugleich der Bürger einer
kommenden Zeit, nicht durch das, was er gefchrieben,
fondern durch die Art, wie er fein Eigenftes der Welt
geboten hat. Ich meine nicht nur, dafs er in der Volks-
fprache gedichtet hat — das einzige Moment, welches
H. in diefem Zufammenhang hervorhebt und in feiner
Weife würdigt —, fondern vor allem ,das Hervortreten
feiner männlichen felbftbewufsten Perfönlichkeit, die der
Welt ihr Ich zu bieten wagt'. Und fo ift es auch fchon
der blendende Gedanke des Nachruhms, der den Dichter
treibt, und uns in ihm den Vorläufer Petrarca's erkennen
läfst. Dante ift noch einmal mit der Kraft des
Genius eingetreten für die höchften Ideale des Mittelalters
; ,aber gerade das', fagt H. mit Recht, ,was ihn
grofs und unfterblich gemacht, wodurch er in das Herz
feines Volkes für immer feinen Namen eingefchrieben,
feine G. K., fchuf feinem Volke eine nationale Sprache
und mit ihr die Möglichkeit und den Ausdruck eines
nationalen Sonderlebens gegenüber dem Kosmopolitismus
des lateinifchen Idioms' — und fügen wir hinzu —
der römifchen Kirche. In feiner Schlufsausführung fucht
H. zu zeigen, dafs die Staaten und die Reformation den
Sieg des Particularismus über den Univerfalismus, des

Nationalismus über den Katholicismus herbeigeführt
haben. Er preift dem gegenüber das Zeitalter der humanen
Aufklärung im 18. Jahrhundert. Hier fei doch
wieder — freilich ,als abftractes, formlofes und inhaltleeres
Ideal' — das Streben erwacht, den Gedanken
einer grofsen Völkerfamilie wieder einzuführen und die
Geifter zu einem höheren Leben als dem abgefchloffe-
nen politifchen und nationalen zu leiten. Aber wer ift
im MA. mehr für den Niedergang der Ideale verantwortlich
zu machen als das Papftthum, und in welchem
Sinne hat es das weltumfpannende Gottesreich und den
grofsen Bund der Völker zu Wahrheit und Gerechtigkeit
verftanden und zu realifiren verfucht?

Giefsen. Adolf Harnack.

Soldan's Geschichte der Hexenprozesse. Neu bearbeitet
von Dr. Heinr. Heppe. 2 Bde. Stuttgart 1880,
Cotta. (XI, 524 u. III, 410 S. gr. 8.) M. 13. —

Soldan's Gefchichte der Hexcnproceffe ift im Jahre
1843 erfchienen, und hat fich fo fchr als gediegene Leift-
ung Bahn gebrochen, dafs bei längft vergriffener erfter
Auflage nach dem Tode des Verfaffers die Aufforderung
an den Schwiegerfohn desfelben, den nun auch heim-
gegangenen unermüdlichen Arbeiter Heinrich Heppe
herantrat, durch eine Neubearbeitung das Werk zu erhalten
. Der Tod hat auch ihn ereilt vor Abfchlufs
diefer Veröffentlichung, diefelbe ift mit einem Vorworte
feiner Wittwe eingeleitet. Die Neubearbeitung hat fich
in den richtigen Grenzen gehalten; fie ift, obwohl das
Buch zu zwei Bänden und damit beinahe zum doppelten
Umfange der erften Auflage angevvachfen ift, doch nichts
anderes als eine zeitgemäfse Ergänzung, wie fie der Zwi-
fchenraum von faft vierzig Jahren bedingt. Allerdings
hat diefer Zeitraum weniger für das Gefammtthema als
für einzelne der vielfachen Verzweigungen und namentlich
der allgemeinen Vorausfetzungen desfelben Neues,
was aufzunehmen oder zu berückfichtigen war, gebracht.
Aber nachzutragen war auch fo immer noch genug.
Dafs Heppe in der Hauptfache fich darauf befchränkt
hat, werden ihm alle, die das Buch früher gefchätzt, nur
Dank wiffen ; er hat damit bewirkt, dafs wir aufs neue
den Eindruck gewinnen und beftätigt erhalten, wie doch
Soldan's Werk eine anfehnliche gediegene Leiftung in
deutfeher Kirchen- und Culturgefchichte ift. An der
Anlage viel zu ändern, war übrigens auch nicht gut
möglich, ohne das Ganze zu etwas anderem zu machen.
Man kann darüber zweifeln, ob es richtig war, die vorbereitenden
Abfchnitte über Dämonenglauben und Magie
im Alterthum noch zu erweitern, die doch der Natur der
Sache nach nicht auf Selbftändigkcit Anfpruch machen
können; es ift dadurch auch diefer einleitende Theil im
Verhältnifse zum Hauptthema zu gröfserer Breite ange-
wachfen. Auch in der Kirchengefchichte des Mittelalters
ift zum Theil weiter ausgegriffen als gerade nöthig
war. Doch follen diefe und andere fachliche Bedenken,
die ja bei einem gerade nach diefen allgemeinen reli-
gions- und kirchengefchichtlichen Beziehungen fo weit-
fchichtigen Gegenftand nicht fehlen können, hier nicht
weiter zumal dem Verdorbenen gegenüber geltend gemacht
werden, deffen Andenken in der Anerkennung
feiner Arbeit zu ehren fo viel näher liegt. Dafs er den
Entwurf feines Vorgängers im allgemeinen beibehalten,
rechtfertigt fich übrigens auch noch unter einem anderen
als dem eben befprochenen Gefichtspunkte, nämlich damit
, dafs gewiffe Grundgedanken Soldan's fich bewährt
haben und ohne Zweifel nur noch mehr bewähren werden
. Sie betreffen die Auffaffung der ganzen Erfchein-
ung, welche neben allem hier ficher für jeden unvermeidlichen
fittlichen Pathos doch den Stempel der hifto-
rifchen Objectivität und Univcrfalität in hohem Mafse
trägt. Ich rechne dazu in erfter Linie nicht nur, dafs
alle künftlichen und gewaltfamen Erklärungen vermieden

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