Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1881 Nr. 20

Spalte:

471-474

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hettinger, Franz

Titel/Untertitel:

Die göttliche Komödie des Dante Alighieri nach ihrem wesentlichen Inhalt und Charakter dargestellt 1881

Rezensent:

Harnack, Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

47i

Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 20.

472

vius siccaretur et Sallustins elinguis otnnitnodis rema-
neret. Et ut alienos indignos rei tantae praeteream, si Cae-
sariensis surgeret Eusebius ad hoc opus idoneus, aut ejus
trauslator Graecae facundiac Latinisque ßoribus Rufinus
ornatus — et quid multar — non Ambrosius, non Hiero-
nimus, nec ipse noster sufficeret Augustinus . . . Nonnulli
qni barbaros diligitis et eos in condemnationem vestram
aliquando laudatis, discutite nonten et inte lieg ite mores . .
Quos quautiscumque muneribus foveris, quantiscumque de-
linieris obsequiis, Uli aliud nesciunt nisi invidere Romanis.
Et quantum ad eorum adtinet voluntatem, Semper cupiunt
splendorem et genus Romani nominis nebulare, etc.' Die
Barbaren fiegen und den Römern bleibt nur das Ge-
dächtnifs an ihre grofse Vergangenheit und ihre grofsen
Schriftfteller. Schon ift die Auswahl getroffen: Cicero,
Salluft, Eufebius-Rufin und die drei Väter, Ambro-
fius, Hieronymus und Auguftin. Mit ihnen ift man in
das Mittelalter hinübergegangen. Für die Dogmenge-
fchichte ift namentlich der eingefchaltete Uber fidei ca-
tholicae II, 56—101 von Wichtigkeit, die Eingabe der
africanifchen Bifchöfe an den König v. J. 484. Sie enthält
eine klare und verftändliche Darlegung und Rechtfertigung
des orthodoxen Glaubens auf Grund von Bi-
belftellen, ohne Recurs auf die Tradition der Patres und
ohne philofophifches Raifonnement. Von der Theologie
des Auguftin wird wenig Gebrauch gemacht. Die anti-
quarifche Ausbeute ift fehr erheblich; vgl. III, 34 über
die Zahl der Cleriker zu Carthago (damals c. 500), über
die Manichäer in Africa (II, 1), über tractatus — omeliae
(I, n), über die folennen Formen, Gelänge und
Reden beim Begräbnifs (I, 16,■ II, 34), über Kirchenhymnen
(II, 33. 49), ,alleluiatiatml melos, quod a lectore in
pulpito staitte canitur (I, 41), Wachskerzen und F'ackeln
in der Kirche (II, 18. 34), Bibelcodices und ihre Verbrennung
(I, 39. 41. III, 10. 20), Altareinfaffung (I, 42),
pallia altaris vel velaminum (I, 39. II, 18), bifchöflicher
Thron (II, 6. 8. 53), Taufbecken = fons, alveus fontis
(I, 21. II, 34. 47. 50. III, 34—36), Taufkleid (III, 36),
Ordination der Bifchöfe und Cleriker (passim), lectores
infantuli (III, 34), Märtyrerverehrung und -Kirchen (II,
34. I, 16 [die beiden Cypriankirchen|. I, 9 [die Kirchen,
wo die Gebeine der h. Felicitas, Perpetua, Celerina und
der Scilitaner ruhen]), Iiospitia (III, 15), kirchliche Fefte
(II) 33- 38- 47), ecclesiasticum aurum vel argentum (I, 5) etc.
Ueber Auguftin fteht I, 11 eine intereffante Notiz.

Victor's Gefchichte liegt nun in zwei trefflichen kri-
tifchen Ausgaben vor: das ift wahrlich des Guten genug:
für Eufebius und Rufin — von anderen kirchengefchientliehen
Quellen erften Ranges zu fchweigen — befitzen
wir noch nicht eine einzige brauchbare Ausgabe. Wie
befchämend ift diefer Thatbeftand für uns! Wir Kir-
chenhiftoriker find, was die Texte anlangt, bereits in der
Lage, warten zu müffen auf das, was man uns aus un-
ferem eigenen Gebiete fchenkt und vorlieb zu nehmen
mit dem, was gerade kommt. Auch ift keine Ausficht
vorhanden, dafs diefer Zuftand fo bald fich beffere;
denn wie viele Theologen find heute im Stande, den ein-
fachften lateinifchen oder griechifchen Text zu ediren.
Von der Gefahr aber, den Betrieb der alten Gefchichte
auf die Kritik ihrer Quellen herabzufetzen, find wir weit
genug entfernt.

Giefsen. Adolf Harnack.

Hettinger, Dr. Franz, Die göttliche Komödie des Dante

Alighieri nach ihrem wefentlichen Inhalt und Charakter
dargeftellt. Ein Beitrag zu deren Würdigung und
Verftändnifs. Mit Dante's Bildnifs (in Stahlft.). Freiburg
i/Br. 1880, Herder. (XII, 586 S. gr. 8.) M. 5. —

Wie alle Arbeiten aus Hettinger's Feder fo ift auch
die vorftehende durch gründliche Gelehrfamkcit und lichtvolle
Darfteilung ausgezeichnet. Unter den deutfehen

römifch-katholifchen Theologen wird es kaum einen
zweiten geben, der bei aller Gebundenheit an das giltige
Dogma einen fo umfaffenden hiftorifchen Blick fich
bewahrt hat wie der Verf. Er erfcheint daher befon-
ders zur Würdigung der Göttlichen Komödie berufen,
und man merkt es ihm auf jedem Blatt ab, dafs die
Ehrfurcht, Liebe und Bewunderung, welche er dem
Dichter entgegenbringt, dem ganzen Manne gilt, dafs
der Standpunkt, von welchem aus Dante fein Gedicht
gefchrieben hat, auch dem Verfaffer der höchftc ift.
Freilich auch Dante hat geirrt: die Thefis, welche der
Dichter namentlich in dem Tractat de ntonarchia durchzuführen
fich bemüht hat, dafs das Kaiferthum unmittelbar
von Gott abhängt, ift nach Hettinger unbedingt
falfch. Indeffen ift es ein befonderes Verdienft des Verf.'s
gegenüber modernen Mifsdeutungen gezeigt zu haben,
dafs Dante trotz feiner Kaifer-Schwärmerei in jeder Hinficht
ein mittelalterlich-katholifcher Schriftfteller gewefen
ift, dafs er fich auch mit feinem Kaiferideale ganz an die
Kirche gebunden wufste und dafs fomit die Beurtheilung
feiner ftaufifchen Politik und der Grundfätze, auf die er
fie zurückführt, nicht ifolirt werden darf von feiner re-
ligiöfen Weltanschauung. H. hätte es m. E. leichter gehabt
, diefen Nachweis zu führen, wenn er mehr beachtet
hätte, dafs die Theologie und die religiöfe Weltbeur-
theilung Dante's durchweg die franciskanifche ift.
Von hier aus erklärt fich, foviel ich fehe, die Kritik voll-
ftänd ig, welcher Dante das Papftthum, die Päpfte und
die weltherrfchende Kirche unterzogen hat. Hier hat
man daher einzufetzen, nicht nur, um die Kaiferfchwär-
merei und alle an diefe fich heftenden Illufionen in ihrem
Urfprunge zu erklären, fondern auch um das Mafs von
reformatorifchem Streben richtig zu deuten, welchem in
der Göttlichen Komödie ein fo gewaltiger Ausdruck verliehen
ift. SchonF1 a ci u s hat bekanntlich den Dichter in den
Catalogus testium veritatis evangelicae aufgenommen, und
feitdem haben ähnliche Verfuche in Deutfchland und im
jungen Italien nicht aufgehört. ,VorIäufer der Reformation
', ,Albigenfer', ,kirchenfeindlicher Humanift', ,Socia-
lift' u. f. w. foll Dante gewefen fein. Der Verf. hat
volles Recht, alle diefe Titel als gänzlich ungehörige ab-
zuweifen. Die kennen, meint er, die katholifche Kirche
nicht, welche fo urtheilen. Gerade in feiner Oppofition
erweift fich der Dichter als echter Sohn der Kirche, als
ein Gefinnungsgenoffe eines Damiani, Bernhard, Bonaventura
, Hadrian VI.; denn fie gehört jener Art der
Oppofition an, ,welche die Einheit der Kirche und den
göttlichen Charakter des Papftthums nicht leugnet, fondern
nur gegen eingefchlichene Mifsbräuche kämpft'.
Aber der Verf. kann doch felbft nicht umhin, zuzuge-
ftehen, dafs Dante die ganze Entwicklung des Papftthums
und der Kirche feit Conftantin als eine verfehlte
bezeichnet hat. Er geht über diefen Punkt rafch hinweg
, ohne ihn feft in's Auge zu faffen. Hier reicht die
Bemerkung (S. 563), dafs die Kirche nie die Perfonen
mit den Inftitutionen verwechfelt hat, lange nicht aus.
Der Verf. hätte unbefangen einräumen müffen, dafs der
Dichter die Grenzen der berechtigten' Oppofition —
von der heute geblatteten ganz zu fchweigen — über-
fchritten hat. Ucberfchritten freilich in einer Zeit, in
welcher das anerkannte Ideal der Kirche gepredigt wurde
von Männern, die in folcher Oppofition nicht zurück-
ftanden. Aber Hettinger will augenfeheinlich von der
franciskanifchen Bewegung in dem Buche nichts wiffen:
kaum dafs der Name des h. Franciskus und feiner Söhne
genannt wird. Allerdings ift Thomas der Theologe, von
welchem Dante am meiften beeinflufst ift; aber feine
praktischen Mafsftäbe find die franciskanifchen. Alfo
gewifs keine ,evangelifchen' im Sinne des 16. Jahrhunderts
, aber ebenfo gewifs auch nicht ganz diejenigen,
welche in der heutigen römifchen Kirche zum Siege gelangt
find. Oder ift dem anders? Der Verf. fehreibt
zwar (S. 563): ,Wer immer an folchen Stellen der G. K.