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Ausgabe:

1881

Spalte:

456

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baumann, Eug.

Titel/Untertitel:

Das Selbstcommuniciren des evangelischen Geistlichen aus Geschichte, heiliger Schrift und Bedürfnis gerechtfertigt 1881

Rezensent:

Hartung, Bruno

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 19.

456

über die Trinitätslehre: ,Aus der Kritik der einfeitigen
Auffaffungen . . . ergiebt fich als die bleibende Wahrheit
der Trinitätslehre, dafs das göttliche Sein nicht ein
abftract einfaches, in fich verfchloffenes und jenfeitiges
ift, fondern fich felbft in diefe drei Momente unter-
fcheidet: 1) Gottes Sein in fich als unendlicher Geift
gegenüber dem endlichen Weltdafein und als die ewige
reale Potenz von deffen zeitlichem Wirklichwerden : der
Vater, 2) Gottes Aus-fich-herauswirken und Innewirken
in der Welt als das die Potenz ins Dafein fetzende Le-
bensprincip des Endlichen überhaupt und des gotteben-
bildlichen endlichen Geiftes insbefondere — der Sohn,
3) auf Grund fowohl jener Transfcendenz (1) wie diefer
Immanenz (2) und beide zur Einheit aufhebend: Gottes
Sichfelbftmittheilen nach feinem Wefen als unendlicher
Geift innerhalb des endlichen Geiftes und für diefen zur
Aufhebung feines natürlichen Zwiefpalts im Bewufstfein
der Gotteskindfchaft oder zur Verwirklichung realer gott-
menfchlicher Lebenseinheit: — der heilige Geift als
die ,Gemeinfchaft' Gottes und des Menfchen oder Gott-
menfchheit, der concrete Weltzweck'. § 107 Allweisheit
Gottes: ,Die religiöfe Ausfage der göttlichen Allwiffen-
heit bezeichnet die Vollkommenheit feiner zweckfetzenden
Intelligenz, wonach er die ganze Welt,
Natur, Gefchichte und insbefondere Heilsgefchichte in
der feinem Zwecke angemeffenften Weife ordnet und
lenkt. Der Zweck der göttlichen Weisheit darf weder
blofs im Endlichen gefucht werden (rationaliftifch: Wohl
der Gefchöpfe oder enger: der Menfchen), noch blofs
im abftracten göttlichen Willen (reformirt: gloria Dci),
fondern in der Vereinigung von beidem, die aber nicht
als äufserlich coordinirte Verknüpfung von göttlichem
und endlichem Zweck vorzuftellen ift (lutherifch = gloria
Dei et sqlus kominum), fondern als die innere Einheit
beider Seiten: Verherrlichung Gottes durch Offenbarung
feines unendlichen Wefens (als Macht, Geift, Liebe) im
Lebensprocefs des Endlichen überhaupt, im Geiftesleben
der gottebenbildlichen und gottliebenden Geifter insbefondere
, kurz: Reich Gottes'. Alfo das Reich Gottes
bildet fich ,im Lebensprocefs des Endlichen überhaupt'
und nur ,insbefondere' unter den Menfchen. Die Stellung
der Menfchen im Reiche Gottes vergegenwärtigt nur
zuhöchft, nicht überhaupt den Willen Gottes. Und das
Reich Gottes ift die ,Öffenbarung feines unendlichen
Wefens'. Das Wefen Gottes wird angefchaut in den
äufserlichen, mechanifchen Beziehungen Gottes zur Welt.
Alfo unter den Menfchen ift das Reich Gottes die ver-
ftändnifsvolle, willige Unterordnung des Menfchenge-
fchlechts unter die überall gleiche, d. h. die naturgefetzliche
Ordnung der Dinge, deren Vollzug als Erfcheinungsform
Gottes der Zweck und in Einem die Seligkeit Gottes
und der Menfchen ift. Wenn wir Menfchen nun aber
nicht feiig find in dem Gedanken, dafs wir einer Ordnung
unterftehen, die zwar ,weife' ift, uns aber zumuthet,
uns nur als Naturwefen höchfter Art anzufehen? Und
als Chriften find wir nie feiig bei folchem Gedanken. Als
folche finden wir uns vielmehr heruntergezogen von
unferer Höhe, wenn wir uns in eine Reihe ftellen follen
mit den fonftigen Weltwefen. ,Die Speculation' ift nichts
Anderes als die Anwendung der Mafsftäbe der Romantik
auf die Probleme der Theologie. Aber mit äfthcti-
fchen Mafsftäben reichen wir nicht heran an das Ver-
ftändnifs der Weltftellung des Menfchen und an die Gröfse
feiner Hoffnung und feines Glaubens im Chriftenthume.
Die Speculation betrachtet ihre Sätze als .Refultat' der
Entwicklung des religiöfen Verftändnifses. Hörte für Pfl.
nicht die Gefchichte, die er der Beachtung werth findet,
auf, wo die Speculation eintritt, fo würde er vielleicht
auch das Ergebnifs der Gefchichte der Erwägung werth
finden, dafs aus dem äfthetifchen Optimismus der Speculation
der Peffimismus hervorgegangen ift. Es bedarf
zur Zeit wahrlich anderer als der alten romantifchen
Richtpunkte in der Deutung der Welt, wenn wir das Leben

wieder verftändlich und werth finden follen. Und nur
darum ift das Chriftenthum auch für unfere Zeit die Löfung
der Räthfel unferes Lebens, weil es richtig verftanden diejenige
hohe Schätzung desfelben, die es uns eingeflöfst
hat, nicht bei der Weisheit höchftem Schluffe kraft der
Speculation wieder zu ertödten heifsen mufs, fondern kraft
der Erkenntnifse, die es befitzt, fichert.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Baumann, Archidiac. Eug., Das Selbstcommuniciren des
evangelischen Geistlichen aus Gefchichte, heiliger Schrift
und Bedürfnifs gerechtfertigt. Berlin 1880, Schleiermacher
. (82 S. gr. 8.) M. 1. 50.

Wir haben es dem Vorworte nach mit einer Jugend-
fchrift des Verfaffers zu thun, welche er, durch die
neuerdings u. a. durch die preufsifche Generalfynode
veranlafsten Verhandlungen über den Gegenftand bewogen,
veröffentlicht hat. Sie zeichnet fich zunächft dadurch
aus, dafs mit feltener Vollftändigkeit der literarifche Stand
der Frage bis zum Jahre 1853 regiftrirt ift — nur fchade,
dafs die Ueberficht nicht weiter reicht, und z. B. die allerdings
weit über das Ziel hinausfchiefsende Schrift Ebel's
u. a. unerwähnt bleibt. Mit vollem Recht tritt Verf. für die
Berechtigung der Selbftcommunion ein, ohne ihre Noth-

) wendigkeit zu behaupten; für die Einführung fpricht er

j jedoch mit einer nach feinen eigenen Prämiffen kaum
gerechtfertigten Entfchiedenheit. Weder in der Gefchichte,
noch in der Schrift läfst fich ja genug Material zu einer
principiellen Entfcheidung der Frage finden. Denn wenn
auch, wie Verf. behauptet, in dem angezogenen Befchlufs
des Concils von Nicäa Selbftcommunion vorausgefetzt
fein follte, fo läfst fich doch daraus nicht auf die allgemeine
Praxis der vorconftantinifchen Zeit fchliefsen. Und
wenn auch unfraglich nach Act. 20, 11 Paulus fich felbft
das geweihte Brod reicht — vom Abendmahl ift die Stelle
fichcr zu verliehen — fo liegt darin um fo weniger ein
Gefetz für die Zukunft, als die freie Einordnung des
Abendmahles in die Agapen noch keim; Norm für

. die liturgifche Geftaltung der felbftändigen Feier hat
aufftellen können. Für diefe wird das Empfangen auch
des Geiftlichen, zumal des evangelifchen, entfprechender
fein, weil es die dem Abendmahl eigenthümliche döoig
und Ar/i/'ic zum beften liturgifchen Ausdruck bringt, auch
zugegeben, dafs der Gebende im eigentlichen Sinn Chriftus

i ift. Die praktifchen Unzuträglichkeiten find allerdings oft
grofs, befonders in einer einfamen Dorfgemeinde oder
wenn die Sitte der Gegend ein Feftmahl an dieWochen-
communion des Pfarrers anknüpft, doch find fie meift

i nicht unüberwindlich, wie Verf. felbft zugiebt. In befon-
deren Fällen mag dann die an fich gar wohl berechtigte
Form der Selbftcommunion eintreten und dann dürfte
auch das Fehlen der Beichte kein Hindernifs fein.

j Dagegen dürfte aufserordentliche Sehnfucht keinen Ausnahmefall
begründen. Es mufs auf die Gemeinde doch den

j Eindruck einer gewiffen Bevorzugung machen, wenn fie
den Geiftlichen willkührlich oft unter Hintanfetzung einer
Ordnung, an die fie fich felbft gebunden weifs, commu-
niciren lieht.

Leipzig. Härtung.

Beck, Pfr. Herrn., Homiletische Lectionen, zur kirchlichen
Vorlefung aus den Werken der Väter und Erbauungs-
fchriftfteller der evangelifchen Kirche. Nach der
Ordnung des Kirchenjahres zufammengeftellt und
bearbeitet. 2. Hälfte. Die Trinitatiszeit. Erlangen
1881, Deichert. (XIII u. S. 245—442. gr. 8.) M. 1. 60. '

Der in Nr. 9 des laufenden Jahrgangs diefer Zeitung
angezeigten erften Hälfte der homiletifchen Lectionen
ift die zweite rafch gefolgt. Diefelbe enthält Betrachtungen
für die neben und zwanzig Sonntage nach Tri-