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Ausgabe:

1881 Nr. 19

Spalte:

444

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Simchowitz, S. Sch.

Titel/Untertitel:

Der Positivismus im Mosaismus, erläutert und entwickelt auf Grund der alten und mittelalterlichen Literatur der Hebräer 1881

Rezensent:

Giesebrecht, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 19.

444

fein. Dafs es aber den Moabitern felbft ihn abgewonnen
habe, davon weifs die ältefte Tradition nichts, die
doch fond das Verhältnifs zwifchen Israel und feinen
Vettern Moab, Ammon und Edom nicht gerade fenti-
mental auffafst, cf. Gen. 27. Num. 24. Rieht. 3, 12. Alles
erklärt fich, fobald es mit dem ofbjordanifchen Amoriterreich
zu Hesbon feine Richtigkeit hat — gerade das Beliehen
diefes Reichs, welches fich wie ein Keil zwifchen Ammon
und Moab eingedrängt hatte, konnte für die israe-
litifchen Nomaden den Anlafs bieten, fich gleich diefen
und vielleicht mit ihrer Hilfe die erften feften Nieder-
laffungen zu fchaffen. Ebenfowenig läfst fich das Eindringen
Israels in das Weftjordanland und der Gang
der fpäteren Gefchichte bei der Annahme begreifen,
dafä Israel als friedlicher Metoeke in Kanaans Haufe
geweilt hat. Die Ueberwindung des Hausherrn wird ein
Räthfel ohne die Annahme, dafs Israel feine Superiori-
tät über Kanaan mit den Waffen in der Hand bewies.
Ueberdem kann ein Kampf, in dem zwei Stämme, Simeon
und Levi, aufgerieben wurden, kein ganz unbedeutender
gewefen fein. Von einer lange anhaltenden
Reibung zwifchen beiden Völkern zeugt auch das Deboralied
: von den Tagen Schamgar's bis Debora find
die Strafsen aus Furcht vor den Kanaanitern verödet,
ihre Ueberwindung begrüfst das Lied als ein Zeichen,
dafs Israel fich felbft wiedergefunden hat. Freilich foll
nicht bezweifelt werden, dafs Israel die in ihren Städten
geficherten Kanaaniter jahrhundertelang zu friedlichen
Nachbarn gehabt und fich erft allmählich amalgamirt
hat. Dennoch bezeugen die meiden aus der Richterzeit
bekannten Thatfachen, dafs es fich jenen ,Bürgern' gegenüber
nicht ,erd allmählich als adeliges Herrenvolk
fühlen lernte'. Israel id es, welches die Kriege gegen
Eindringlinge wie Amalek, Midian und Philidaea führt;
aus ihm denen ritterliche Ufurpatoren auf, wie Abimelek,
der das kanaanitifche Sichern durch einen Vogt be-
herrfcht und die aufrührerifche Stadt bedraft; nach der
kecken Raubthat der Danitcn Rieht. 17 und 18 fragt
kein Kanaaniter; gegenüber Gen. 34, 30 cf. 48, 22.
Wäre wirklich Israel ,erd feit der Königszeit in erheblichem
Mafse auf Eroberung kanaanitifchen Gebietes
ausgegangen', wie anders müfste doch die Gefchichte
Saul's, David's und Salomo's ausfehen! Wie nebenfächlich
erfcheint hier der Kampf mit Gibeon, die Eroberung
von Jebus, Gezer etc. gegenüber den grofsen
Kriegen mit Philidaea etc. — Leider id es mir nicht
möglich, auf das intereffante Detail diefer Auffätze näher
einzugehen, doch fei dasfelbe, z. B. Stade's Unterfuchung
über die Raheldämme und Meyer's Kritik des Liedes
Num. 21, 27—30 nochmals wärmdens empfohlen. —
Im weiteren theilt Harkavy die Titel einiger Hand-
fchriften der Petersburger Bibliothek (II. Sammlung Fir-
kowitzfehj mit. Excerpte aus den Texten, meid Com-
mentaren rabbinifchen und qaraeifchen Urfprungs, werden
für die Zukunft in Ausficht gedellt. — Hoffmann
macht auf eine Gloffe zu Bar Bahlül (Cod. Huntingdo-
nian.) über die Tradition des Pefchittatextes aufmerk-
fam. — Die Bemerkungen Stade's über das Buch Micha
fuchen in Mich. 4 u. 5 einen fpäteren nachexilifchen
Einfchub nachzuweifen. Ich glaube, dafs hier ein wunder
Punkt getroffen id, denn auch mir dand die Un-
echtheit des 4. Capitels fed, ehe die Stade'fche Arbeit
erfchien. Dagegen fcheint mir die Streichung des 5.
Capitels fchon aus dem Grunde fehr bedenklich, weil
nach Stade's eigener Ausfage, wenn dies Capitel unecht
id, .Micha in einer Weife der vorexilifchen Prophetie
widerfprochen haben müfste, die auch an Nahum und
Habakuk kein volldändiges Analogon hat'. Auf die .vielen
Völker' aber die Behauptung nachexilifcher Abladung
zu bauen, id wegen Jef. 8, 9. 29, 7. Jer. 3, 17
höchd preeär. — Dagegen erweid fich gerade bei Vor-
ausfetzung der Echtheit von Capitel 5 die Unechtheit
des 4. durch den eclatanten Widerfpruch zwifchen 5, 4 f.

und 4, 8—10, dadurch dafs mit 4, 8—10 auch 4, 11—14
deht und fällt, endlich durch das vergebliche Bemühen,
für nnNl 5, 1 und die folgenden Schilderungen einen
Anfchlufs in 4, 1—7 zu finden, während die Anlehnung
von 5, 1 an 3, 12 einen fchönen Gegenfatz zwifchen
dem dolzen Zion und dem verachteten Bethlehem er-
giebt. 4, 1—7 aber find lauter z. Th. wörtliche Citate
aus vorexilifchen und exilifchen Schriftdellern.

Greifswald. F. Giefebrecht.

Simchowitz, S. Sch., Der Positivismus im Mosaismus, erläutert
und entwickelt auf Grund der alten und mittelalterlichen
philofophifchen Literatur der Hebräer.
Wien 1880, Gottlieb. (XXIV, 206 S. gr. 8.) M. 3. —

Der Geid, welcher diefe Schrift befeelt, id einerfeits
die Begeiderung für eine materialidifche Weltanfchauung,
welche Gott nur als erden Beweger der Materie fedhält,
und anderfeits der Hafs gegen das Chridenthum mit
feinem Idealismus und feinem lebendigen Gott. Nur aus
diefem Sturm und Drang der Leidenfchaft id es zu begreifen
, wie der Verf., der fich auf S. 183 einen Hebräer
nennt, auf den Gedanken kommen konnte, Mofe
fei der Begründer eines philofophifchen, auf dreng na-

| turwiffenfchaftlicher Grundlage erbauten Sydems von
deidifch-fenfualidifchem Charakter gewefen. Der Nachweis
hierfür wird aus den Talmudiften und noch fpäte-

I ren jüdifchen Schriftdellern zu führen gefucht, auf welche
die echte mofaifche Geheimlehre durch die Propheten-
fchulen etc. hindurch fich fortgepfianzt haben foll. Doch
mufs hier und da auch das arme A. T. Beweismaterial
liefern; mitexegetifchenGefchmacklofigkeiten theils älterer
theils eigener Fabrik bewirthet uns der Verf. hierbei
nur allzureichlich. Ueberhaupt erhellt der feichte Ratio-

i nalismus und die eudaemonidifche Ethik des nachbibli-

I fchen Judenthums aus diefer Schrift wieder fo deutlich,
dafs die religiöfe Unfähigkeit desfelben kaum klarer
hätte in's Licht gedellt werden können.

Greifswald. F. Giefebrecht.

Westerburg, Gymn.-Lehr. Eug., Der Ursprung der Sage,
dass Seneca Christ gewesen sei. Eine kritifche Unterfuchung
, nebd einer Rezenfion des apokryphen Brief-
wechfels des Apodels Paulus mit Seneca. Berlin
1881, Groffer. (III, 52 S. gr. 8.) M. 1. 50.

Die Frage, wie und wann die Sage entdanden id,
dafs Seneca Chrid gewefen, id bisher erd fehr ungenügend
beantwortet worden, trotz der vielfachen Unter-
fuchungen, die über .Seneca und Paulus' in älterer Zeit
und dann wieder durch Fleury, Aubertin, Baur,
Lightfoot.Lipfius, Kraus, Boiffier und Br. Bauer an-

| gedellt worden find. Der Verf. vordehender Monographie
hat fich entfehieden fchon dadurch ein Verdiend erworben,
dafs er die Behandlung jener Frage aufs neue angeregt
hat. Darüber hinaus verdient feine Recenfion des apo-

i kryphen Briefwechfels zwifchen Paulus und Seneca mit
handfehriftlichem Commentar Anerkennung. Zur Löfung
der Frage nach dem Seneca Christianus fah er fich natürlich

1 vor allem auf die Unterfuchung jenes Briefwechfels gewie-

fen. Die Recenfion beruht auf den beiden beden Hand-
(chriften, dem Argentoratensis, der leider im J. 1870 ver-

! brannt, aber zum Glück noch im J. 1867 von Kraus
verglichen worden id (Tüb. Theol. Quartalfchr. 1867),

1 und dem Mediolanensis, deffen Varianten der Verf.
der Güte des Prof. Wachsmuth verdankt. (Jener Codex
id aufserdem von Büchel er, Begrüfsungsfchrift der
Trierer Philol.-Verfammlung 1879, diefer von Koch,
Senecae Dialogi 1879 befchrieben worden). A und M
follen aus ei n er Handfchrift dämmen, welche in A treuer
wiedergegeben id. Der überlieferte Text id verzweifelt
fchlecht oder doch fprachlich vielfach ganz unerträglich.