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Ausgabe:

1881 Nr. 18

Spalte:

434

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beck, Herm.

Titel/Untertitel:

Die innere Mission in Bayern diesseits des Rheins 1881

Rezensent:

Lehmann, Ernst

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 18.

434

zu betreten. Man folle die biblifchen Gefchichten erzählen
und erzählen laffen, wie die frommen Sagen der
Vorzeit es berichteten, möge die klügelnde Vernunft
kalter Begriffsmenfchen auch dagegen fagen, was fie
wolle. Lägen die Gefchichten des A. T. unferer Zeit
auch ferne, dem Gemüthe der Kinder lägen fie nahe.
Die Sprache und Ausdrucksweife fei ganz wie für die
Kinder gefchrieben. Wie Timotheus von Kindheit auf
die H. Schrift wufste, fo folle auch unfere Jugend fie von
Kindheit auf lernen. Luther fage mit Recht: ,Wo in
einer Schule die Heil. Schrift nicht regiert, da rathe ich
fürwahr Niemand, dafs er fein Kind hinthue. Es mufs
alles verderben, was nicht Gottes Wort ohne Unterlafs
treibet'

Die Ausfcheidung der chriftlichen Religion aus der
Schule fei eine Forderung, die der Volkserziehung keinen
Segen bringen könne. Was es heifsen folle, der
Lehrer habe der Jugend blofs Moral beizubringen, fei un-
verftändlich. Unfere deutfehe Pädagogik bringe überhaupt
nichts bei, fuche nur aus dem jugendlichen Geifte
zu entwickeln. Das jedem Kinde innewohnende Gottes-
bewufstfein alfo kühn bei Seite fchieben, wie einige fo-
genannte Herren Diffidenten und Freigemeindler verlangten
, der Religion nicht die geringfte Bedeutung und
für die Schule gar keine Berechtigung mehr zufchreiben,
heifse doch die ganze hiftorifche Entwickelung unferes
Volkes verleugnen, die Kindesnatur in völlig rückfichts-
lofer Weife verkennen. Religion und Sittlichkeit gehörten
unbedingt zufammen; nur in der Gottesfurcht lägen
die Keime wahrer Sittlichkeit, die man fich ohne Frömmigkeit
nicht denken könne. Dafs letztere für manche
Leute recht unbequem fei, weil fie gottergebenen Sinn
und Selbftverleugnung verlange, fei allerdings begreiflich.
Eine Moral, die fich mit der Verehrung des goldenen
Kalbes vertrage, möge freilich bequemer und befonders
denen willkommen fein, deren Wahlfpruch lautet: Das
Geld regiert die Welt. Wer aber den Sitz der Weltregierung
nicht in den abftracten Geboten eines kalten
Gefetzes, fondern an dem Throne des Höchften fuche;
wer an einen lebendigen Gott glaube, der ihm als der
verkörperte Inbegriff alles Guten und Heiligen erfcheine;
wer in Jefu Chrifto ein leuchtendes und zu begeifterter
Nacheiferung aufforderndes Vorbild erblicke : der werde
fich wohl lieber an ein Bibelwort halten, wie es uns aus
dem Munde des heiligen Sängers erklinge, und wie es
zu allen Zeiten eine pädagogifche Richtfchnur gewefen
fei, die fich fchwerlich durch eine andere werde erfetzen
laffen.

Wir theilen die freien religiöfen Anflehten des Verf.'s
nicht und können namentlich feine wiederholten Ausfälle
gegen die Orthodoxie nicht billigen; aber wir können
doch nicht umhin, den Wunfeh auszufprechen, dafs
die mitgetheilten Anflehten über den Religionsunterricht
unter den liberalen und theilweife ultraliberalen
Schulmännern Beachtung und Beherzigung finden möchten
. Es ift in der That zu bedauern, dafs manche derfel-
ben in falfcher Aufklärungsfucht und vermeintlicher Wahrheitsliebe
die fcheinbar ficheren Refultate der Geologie
und anderer naturwiffenfehaftlicher Disciplinen, fowie
ihre Anflehten über die heilige Schrift, über die darin
erzählten Wunder u. f. w. den Kindern als baare Münze
mittheilen und auf diefe Weife den Grund zu religiöfen
Zweifeln und zum Unglauben bei denfelben legen. Das
glauben wir von jedem Lehrer, der in einer chriftlichen
Schule unterrichtet, verlangen zu dürfen, dafs er nicht
durch feine unzeitige Polemik gegen die religiöfen An-
fchauungen einer chriftlichen Gemeinde und durch un-
befonnene Aufklärerei die Köpfe der Kinder verwirrt.
Dafs der Verf. dahin ftrebt, dies zu verhindern, dafür
fagen wir ihm herzlichen Dank, ohne dafs wir ihm fonft
unfere Uebereinftimmung erklären können.

Lang-Göns. K. Strack.

Beck, Pfr. Herrn., Die innere Mission in Bayern diesseits
des Rheins. III. Band von dem Sammelwerk: Die
innere Miffion in Deutfchland, hrsg. von Th. Schäfer.
Hamburg 1880, Oemler. (VIII, 240 S. gr. 8.) M. 4. —

Die innere Miffion ift eine Himmelspflanze, aber
Farbe und Geftalt erhält fie von dem Kirchenboden, auf
dem fie fleht. Sie gedeiht überall, wo Glaube und Liebe
wohnt, aber fie entwickelt fich auf mannigfache Art und
Weife, der Mannigfaltigkeit der Gaben und Kräfte ent-
fprechend, welche Gott jedem Volksftamme und jeder
Landeskirche gefchenkt hat. Diefe Wahrheit wird fpre-
chend illuftrirt durch die in erfreulicher Weife fortschreitende
Veröffentlichung der Darftellungen über die
i. M. in den verfchiedenen Landeskirchen Deutfchlands,
wie fie P. Schäfer in feinem Sammelwerke veranlafst
hat. Der oben bezeichnete Band über die i. M. in
Bayern ift befonders freudig willkommen zu heifsen. Aus
Bayern haben wir im Ganzen weniger Berichte über die
dortigen Liebestliätigkeiten erhalten, als es fonft gebräuchlich
ift. Die Arbeiten der dortigen Miffionskreife ge-
fchehen vielfach ftill und verborgen. Und das ift ja vielmehr
ein Lob als ein Tadel. Doch aber ift's nothwen-
dig, dafs des gegenfeitigen Lernens wegen ein gewiffer
Austaufch ftattfindet. Darum begrüfsen wir freudig in
dem Werke Becks die erfte gründliche, zufammenftel-
lende Darftellung der Liebcsthätigkeit in Bayern. Und
wahrhaftig, die lutherifche Kirche Bayerns ift nicht arm
an folchen. Von allen Kennern der i. M. wird der Bericht
über die Enwicklung und den Gang derfelben in
Bayern mit befonderem Intereffe gelefen werden, weil man
dort von Anfangan innere Miffion, im Sinne der lutherifchen
Kirche' zu treiben befliffen war, wie fchon im Jahre 1850
durch Gründung der ,Gefellfchaft für i. M. im Sinne der lutherifchen
Kirche' dargelegt wurde. Löhe ift von Anfang
an der geiftige Mittelpunkt gewefen und die Schilderung
feines Einfluffes und feiner Wirksamkeit auf diefem Gebiete
ift der intereffantefte und lehrreichlte Theil des
Buches. Auch hier find die erften Anfänge von wirklicher
Mifiionsarbeit auf die Anregungen zurückzuführen,
die im Jahre 1848 und 1849 von Wichern ausgingen und
die man im Löhe'fchen Kreife freudig aufnahm (vgl.
S. 18). Aber man fuchte das Werk alsbald in confeffionelle
Bahn zu leiten. — Der Verf. handelt nach einem einleitenden,
gefchichtlichen Ueberblick in vier Capiteln über die Organe
der innern Miffion, die innere Miffion im Dienfte
der Glaubensweckung und Glaubensftärkung, die innere
Miffion im Dienfte fittlicher Bewahrung und Befferung
und die innere Miffion im Dienfte leiblicher Hilfleiftung.
Es ift fchwer, eine gänzlich befriedigende fyftematifche
Eintheilung der vielgeftaltigcn Arbeiten der i. M. zu
geben, die logifch richtig aus- und einfchliefst. Wir
können die von Beck gegebene nicht für befonders
gelungen halten, allein darauf kommt es wefentlich auch
nicht an. Genug, wenn die praktifchen Arbeiten in über-
fichtlicher Form unter entfprechende Titel geftellt find,
welche den Ueberblick erleichtern. Der Lage der lutherifchen
Kirche in Bayern entfpricht es, dafs auch die
Thätigkeit der Guftav-Adolf-Vereine und des lutherifchen
Gotteskaftens mit in den Kreis der Betrachtung gezogen
find. Die Schilderungen Beck's find warm und lebendig,
des Stoffs hat er fich in fichtbarem Fleifse Herr zu machen
gewufst, und wir find ihm für feine treffliche Gabe
zu grofsem Danke verpflichtet.

Eythra. E. Lehmann.