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Ausgabe:

1881 Nr. 18

Spalte:

429-431

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lemme, Ludwig

Titel/Untertitel:

Die Nächstenliebe 1881

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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429 Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 18. 430

dann Strafe, ohne dafs die Befferung des Einzelnen als
folchen zu deren Wefen gehörte. Richtet man dagegen
den von Lotze ausgehenden Einwand, dafs Werth eben
nur infoweit Werth fei, als er von fühlenden Wefen als
folcher empfunden werde, fo räumen wir dies ein, gehen
aber eben darum zu der Forderung fort, dafs auch die
einfame, für die Gefammtheit fcheinbar werthlofe Sittlichkeit
in ihrer Bedeutung inmitten des Ganzen von
einem Wefen jetzt fchon gewürdigt werde und einmal
voll gewürdigt werden könne, d. h. zur Forderung eines
Reiches Gottes, ein Begriff, den bekanntlich Kant felbft

müth' zu verftehen gewohnt find, fondern vielmehr die
ganze Gefinnung als der Sitz vorzugsweife auch des Denkens
und Wollens, welche beiden Functionen wir in unterem
Sprachgebrauche dem ,Herzen' oder ,Gemüthe'
nicht beizulegen pflegen. Dafs nun die chriftliche Liebe
eine Thätigkeit des Willens ift, erkennt der Verf.
felbft dadurch an, dafs er gelegentlich einmal die fehr
correcte Definition giebt: ,Die Nächftenliebe ordnet ihre
Beziehungen zu den Mitmenfchen dahin, dafs fie die
ganze Reihe der Selbftzwecke des Nächften mit Rückficht
auf die Beftimmung des Menfchen zum Reiche

fchon in die Ethik einführt. Es kommt uns nicht in Gottes in den eigenen Lebenszweck aufnimmt' (S. 25);
den Sinn, der philofophifchen Ethik die ihr zukommende j denn diefes ,Aufnehmen in den eigenen Lebenszweck'
Selbftändigkeit zu beftreiten, aber, gedeckt durch die. ift lediglich eine Willensleiftung. Aber der Verf. räumt

gröfste Autorität auf ihrem eigenen Gebiete, behaupten
wir, dafs auch ihre Brincipien nur dann feftitehen, wenn
fie, nicht mit Ketten an den Himmel gebunden find, aber
in ihren letzten Spitzen zum Himmel aufftreben. Manche
Stellen auch in vorliegender Schrift weifen darauf hin,
dafs wir uns damit keineswegs im principiellen Gegen-
fatz zum Verf. befinden, der bei aller Schärfe philofo-
phifcher Deduction die Bedeutung der Religion für die
Sittlichkeit wiederholt hervorhebt.

Leipzig. ' Härtung.

Lemme. Privatdoz. Infp. Lic. Ludw., Die Nächstenliebe.

Breslau 1881, Köhler. (IV, 64 S. 8.) M. 1. —

Die fehr inhaltreiche kleine Schrift gliedert fich in
drei Haupttheile: zuerft fuhrt der Verf. aus, welche Ent- j intenfiv fein, dafs der Menfch nicht nur in feinem äufseren

diefer Definition leider keine grundlegende Bedeutung
für feine Erörterung ein; er bleibt immer dabei, von der
Liebe als von einer Gemüthsbeftimmtheit zu reden. Dies
halte ich für einen erheblichen Mangel. Denn nur wenn
die chriftliche Liebe beftimmt dem Willen zugewiefen
wird, erhellt einerfeits ihre Verfchiedenheit von jeder
finnlich-natürlichen Liebe, und anderfeits die Möglichkeit
, fie unter allen Umftänden gegenüber allen Menfchen
zu bewähren. Denn die Willenserregungen können
wir jederzeit fpontan erzeugen, die Gemüthserreg-
ungen und Gefühle aber nicht, fondern diefe können
wir nur, wenn fie vorhanden find oder entliehen wollen,
beherrfchen, bezw. unterdrücken. Selbftverftändlich ift
nun freilich die chriftliche Liebe gegen die Gefühle und
Stimmungen des Menfchen nicht indifferent; fie foll eben fo

wicklung und welche Schranken die Nächftenliebe auf Handeln und Reden den rechten Zwecken des Andern zu

dem Boden der altteftamentlichen Frömmigkeit gehabt
hat; darauf befchreibt er den Umfang und die Art der
im N. T. geforderten Nächftenliebe; endlich zeigt er,
dafs diefe chriftliche Nächftenliebe einerfeits von der
Sittlichkeit des talmudifchen Judenthums nicht erreicht
wird, anderfeits aber auch in der römifch-katholifchen
Kirche wegen der dort in erfter Linie geforderten Liebe
zur Kirche keine reine Verwirklichung findet, während
fie dagegen in der evangelifch.cn Kirche zur vollen Dar-
Itellung gelangen kann und mufs. Von diefen drei Thei-
len ift m. E. der erfte am Berten gelungen: er ift ebenfo
durchfichtig in der Form wie lehrreich im Inhalte und
beruht offenbar auf forgfältigen altteftamentlichen Studien
des Verf.'s. Der dritte Theil leidet an ganz unver-
hältnifsmäfsiger Breite; übrigens wäre es mir billig er-
fchienen, wenn der Verf. hier bei der überaus fcharfen
Kritik, welche er an der in der römifchen Kirche waltenden
Sittlichkeit übt, zugleich hervorgehoben hätte,
dafs leider auch bei den Evangelifchen fich die prak-
tifche chriftliche Liebesübung keineswegs immer fo ,von
felbft' eingeftellt hat, wie es theoretifch zu erwarten wäre,
und dafs fpeciell im Verkehre mit folchen Menfchen,
welchen man keinen rechten Glauben zutraute, z. B. im
Verkehre von Lutheranern mit Calviniften, fich auch bei
den Evangelifchen oft genug eine Lieblofigkeit gezeigt
hat, welche dem von den Römifchen gegen Häretiker
bewährten Mangel an chriftlicher Nächftenliebe kaum
nachfteht. An den mittleren Haupttheil der Schrift
möchte ich nun aber noch zwei wichtigere Bemerkungen
anknüpfen.

Die erfte richtet fich dagegen, dafs der Verf. durchweg
das ,Herz' oder ,Gemüth' als Sitz und Organ der
Liebe geltend macht. Er thut dies hinfichtlich des er-
ftxren Ausdruckes freilich im Anfchluffe an den bibli-
fchen Sprachgebrauch (S. 8. 26), aber doch infofern unrichtig
, als er den Ausdruck eben als gleichbedeutend
mit ,Gemütlft fafst und annimmt, dafs das Herz nach
biblifcher Auffaffung von dem Verftande und Willen
verfchieden fei (S. 8). Thatfächlich ift nun aber im Alten
und Neuen Teftamente unter dem ,Herzen' durch

dienen fucht, fondern dafs er auch feine Gedanken und
Gefühle fo beherrfcht und leitet, dafs fie ebenfalls jenen
Zwecken fich unterordnen. Aber diefe Beherrfchung und
Leitung ift eine Willensthätigkeit.

Meine zweite Bemerkung richtet fich dagegen, dafs
der Verf. die chriftliche Nächftenliebe unmittelbar der
den Chriften obliegenden allgemeinen Menfchenliebe
gleichfetzt. Er vermittelt diefe Gleichfetzung durch den
Gedanken, dafs an Stelle der nationalen Gemeinfchaft,
auf deren Glieder fich im A. T. der Titel des ,Nächften'
bezog, im N. T. das Reich Gottes getreten fei, welches
keine nationalen Schranken kenne, dafs aber auch diejenigen
, welche noch nicht zu diefem Reiche gehören, doch
infofern von den Chriften gleichfalls als, Nächfte' zu betrachten
feien, als auch fie alle zur Mitgliedfchaft des Reiches
Gottes berufen feien (S. 20 ff.). Er erläutert diefe Auffaffung
des chriftlichen Nächftenbegriffes an dem Gleich-
nifse vom barmherzigen Samariter, indem .er dasfelbe
auf folgende Grundfätze deutet: ,Die Nächftenliebe befiehl
nicht im nationalen Gemeingefühl, fondern ganz
abgefchen von allen äufseren Schranken irgend einer
äufserlich abgegrenzten Gefellfchaftsfphäre in der Gemeinfchaft
thatfächlicher Liebesbeweifung. Zur Erfüllung
der Forderung der Nächftenliebe bedarf es alfo nicht
erft der Frage, wer der Nächfte fei, diefe Frage hebt

vielmehr fchon die Nächftenliebe auf.--Der Jünger

Jefu foll als folcher von Liebe befeelt fein, und die Liebe
macht fich den zum Nächften, dem fie fich als thatkräf-
tig erweift. Alfo nicht ift jemand dein Nächfter mit Aus-
fchlufs anderer kraft irgend welcher natürlicher Schranken
in der Menfchcnwelt, fondern dadurch wird jeder
dein Nächfter, dafs du Liebe gegen ihn übft: du aber
follft voll Liebe fein' (S. 23). Ich glaube, dafs diefe
Deutung, für welche L. freilich faft alle Erklärer auf
feiner Seite hat, fich nicht rechtfertigen läfst. Sie wäre
dann richtig, wenn die Schlufsfrage und -antwort, in welchen
die Abficht, in welcher Jefus die Gefchichte erzählt
hat, hervortritt, folgendermafsen lauteten: ,Wer fcheint
dir der Nächfte diefer drei gewefen zu fein?' Antwort:
Der unter die Räuber Gefallene'. Thatfächlich heifst es

aus nicht blofs der Sitz der inneren Stimmungen und j aber (Luc. 10, 36 f.): ,Wcr von diefen dreien fcheint dir
Gefühle verftanden, welche wir unter ,Herz' und ,Ge- ! Nächfter des unter die Räuber Gefallenen geworden zu