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Ausgabe:

1881 Nr. 18

Spalte:

428-429

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfleiderer, Edmund

Titel/Untertitel:

Eudämonismus und Egoismus. Eine Ehrenrettung des Wohlprincips 1881

Rezensent:

Hartung, Bruno

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427 Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 18. 428

wirrung, dem Heilsplan, den übernatürlichen Offenbarungen
Gottes, der Offenbarung in Chriffo, der Durchführung
des Heilsplans und der Zukunft des Menfchenge-
fchlechts, der Erde und Weltkörper überhaupt. Mancherlei
Neues wird von Glaubrecht dargeboten, aber wir
fürchten, dafs dies Neue nicht gut fei. Zur Begründung !
diefer Befürchtung möge nachfolgender kurzer Bericht
über Einzelnes dienen.

Was zunächft die exegetifchen Refultate betrifft, fo
notiren wir beifpielsweife, dafs nach Glaubrecht der in |
Hebr. 1, 3 befchriebene Glaube der Glaube an die
Schöpfungsgefchichte ift (S. 15); im Zufammenhang mit
feiner bekanntlich auch fchon von Anfelm vorgebrachten
Theorie, dafs Gott erft in Folge des Falles der Engel
befchloffen habe, die Menfchen zu fchaffen, leugnet der
Verf., dafs in Stellen wie 1 Cor. 2,7; Eph. 3, n u. a.
gefagt werde, der Heilsplan Gottes fei von Ewigkeit her
gefafst (S. 52. 53) — Gr3: in Gen. 2, 4 mufs heifsen:
,am Tage, da', kann aber nicht mit ,wann' überfetzt
werden' (S. 55). — ,Es giebt in der Schrift keine Stellen,
in denen eine trichotomifche Anfchauung des Menfchen
fich kund thut, auch I. Theff. 5, 23 kann für eine folche
nicht angeführt werden' (S. 100—103). — Gegen die Grammatik
(vgl. Ewald, Ausf. Lehrb., 1844. S. 554) wird be- j
hauptet, die hebr. Sprache könne zwifchen ,einem Engel j
des Herrn' und ,dem Engel des Herrn' keinen Unter-
fchied machen (S. 214).

Zeigt üch in einzelnen Aeufserungen des Verf.'s eine
gewiffe Nüchternheit, z. B. wenn er vor einer Ueber-
fchätzung der Beweiskraft des teleologifchen Arguments
warnt (S. 16. 17), oder die ausnahmslofe Allgemeinheit
des Glaubens an Göttliches noch nicht für erwiefen er- 1
klärt (S. 24), fo findet fich doch in der Hauptmaffe feiner |
Ausführungen eine in fo hohem Grade zügellofe Phan- !
tafie, wie man es kaum für möglich halten follte. Aus I
dem Umftande, dafs das Licht in der Schrift jederzeit
als Ausdruck der göttlichen Herrlichkeit betrachtet werde, !
folgert Glaubrecht, dafs die Engel wenigftens in ,phyfi-
kalifchem Lichte' wohnen müffen, fo dafs jeder leuchtende
Weltkörper die Wohnftätte vieler Millionen Engel
fei (S. 49). — ,Der Satan und feine Anhänger haben
wahrfcheinlich vor Gründung der Erde die ihnen von
Gott angewiefene Wohnftätte verlaffen und die ihnen
reizender erfcheinende Sonne occupirt' (S.«5i,). — ,Adam
ift ein Hermaphrodit oder gefchlechtslos gewefen; denn !
nur auf diefe Weife war die Entftehung des Gottmen- |
fchen möglich' (S. 82-87). — ,Die Schlange des Parä-
diefes war vielleicht eine Eidechfe aus der Art der
,Skinks', auf deren Körper der Genufs der Baumblätter
die Wirkung hatte, dafs fie ihre Beine verlor und Stammvater
oder Stammmutter des ganzen Schlangengefchlechts
wurde' (S. 109. 110). — ,Aus der Zertrümmerung des
Afteroiden - Planeten mufs gefchloffen werden, dafs
feine Bewohner, wie die Menfchen gefallen find' (S.
136. 137).

Von fonderbaren und zum Theil ketzerifchen Behauptungen
des Verf.'s notiren wir noch folgende. Indem
er das Trinitätsdogma befpricht, meint er, die
Schwierigkeit, drei Perfonen in Einem Wefen zu denken,
liege nur immer darin, dafs wir fogleich an Unterfchiede
der Eigenfchaften, an Meinungsvcrfchiedenheiten und
dergleichen denken (S. 40). — ,Das Gewiffen, wie es von
Natur ift, verurtheilt die fündlichen Lüfte und Begierden
an fich nicht, fondern nur die Ausführung derfelben'
(S. 120). — ,Die Sünde hat ihren Sitz im Leibe, nicht
in der Seele, denn wäre auch die Seele des Menfchen
fündig, fo wäre er keiner Erlöfung mehr fähig' (S. 127).

— ,Die Vererbung der Sünde ift theilweife in einer be-
fonderen Structur des Gehirns zu fuchen' (S. 117). —
,Gott weifs die freien Handlungen der Menfchen nicht,
fondern bedarf, fei es durch Naturkräfte, fei es durch
Ifngel, wirklicher Nachricht über diefelben' (S. 31-33).

— ,In Bezug auf die Anfchauung von der Vereinigung

der beiden Naturen in Chrifto ift Apollinaris im Rechte
gewefen' (S. 250).

Wir zweifeln nicht, dafs Glaubrecht es mit feiner
Vertheidigung des Glaubens gut gemeint hat, aber offenbar
hat er durch fein Buch der apologetifchen Wiffen-
fchaft unferer Zeit keinen Ruhm eingetragen.

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Pf leiderer, Edm., Eudämonismus und Egoismus. Eine
Ehrenrettung des Wohlprincips. [Aus: Jahrbb. f.
prot. Theol.'] Leipzig 1880, Barth. (IV, 112 S. gr. 8.)
M. 1. 50.

Die fcharfe Unterfcheidung, ja Entgegenfetzung der
beiden feit Kant vielfach vermifchten Begriffe bildet
den eigentlichen Gegenftand der vorliegenden Schrift.
Eudämonismus ift im allgemeinen die Richtung des Willens
auf das Wohlbefinden. Nun ift aber Wohlwollen
als Ziel des fittlichen Strebens durchaus nicht abzuweifen,
vielmehr ift Luft und Unluft das eigentlich Werthbe-
ftimmende im Leben. Wie ift nun aber der in jedem
Fall verwerfliche Egoismus vom Eudämonismus auszu-
fcheiden? Nicht durch irgendwelche Verfeinerung des
zu erftrebenden Wohls bis ins geiftigfte, ja ins religiöle
Gebiet hinauf, denn auf jedem höheren Standpunkt
kehrt die Selbftfucht nur in verfeinerter Geftalt wieder,
überhaupt nicht durch Veränderung des Erkenntnifs-
ortes, fondern des Genufsortes. Das felbftlofe, auf das
Wohl anderer gerichtete Wohl-wollen, d. h. die Liebe,
diefer berechtigfte Eudämonismus ift das höchfte fitt-
liche Princip. Sie ift es trotz des von Kant erhobenen
Einwandes, dafs ja die Sittlichkeit dann ihre Grundfätze
nicht a priori, fondern aus der Erfahrung entwickeln
müffe, denn auch dem Luftgefühl kommt, wie der theo-
retifchen Erkcnntnifs, eine gewiffe Allgemeingültigkeit zu;
noch darf man fagen, dafs fie einem unterperfönlichen
Gebiet angehöre oder felbft mit gewiffen egoiftifchen
Trieben verquickt fei, denn wenn beides von niederen
Standpunkten derfelben gelten mag, fo ift es gerade
die fittliche Aufgabe, fie darüber zu erheben. Vielmehr
ift in der Selbftgenügfamkeit des fittlichen Menfchen,
wie ihn Kant will, felbft der Keim eines wenn auch noch
fo feinen Egoismus befchloffen. So bleibt wohl der
Ernft der kantifchen Ethik und ihres Pflichtbegriffs ein
xzijfia eig det, aber eben die Liebe hat den Inhalt der
Pflicht zu beftimmen, fo entfehieden, dafs felbft die
Strafe nur unter den Gefichtspunkt der beffernden Liebe
zu ftellen ift. — Mit überzeugender Klarheit hat Verf.
das Recht der Liebe als fittlichen Princips vertreten,
jedoch nicht ohne eine gewiffe Einfeitigkeit, die nur durch
eine tiefere Faffung des Begriffs und der Aufgabe der
Liebe überwunden werden kann. Gelegentlich wird gefagt
— und das ift charakteriltifch —, dafs ,ein auf Wülfer
Infel ohne genealogifch-hiftorifchen Zufammenhang
mit analogen Wefen und ohne Beziehung auf eine Gottheit
lebender Menfch' keine Pflichten haben könne.
Allein fo weit fich ein folches, vom Verf. felbft als chi-
märifch bezeichnetes Wefen denken läfst —, es läfst fich
fchon darum nicht denken, weil ohne Erziehung ein
,normaler fertiger' Menfch unmöglich ift und damit
wäre auch die Dankbarkeit als Triebfeder fittlichen Handelns
gegeben — fo weit wird auch das natürliche
Gefühl ihm die fog. Pflichten gegen fich felbft zufchrei-
ben, z. B. Mäfsigkeit. Und warum? Weil wir ihn uns
unwillkürlich als Glied einer idealen, transfcendentalen
Gemeinfchaft denken, als deren Glied er, auch abgefehen
von praktifchem Nutzen, welchen er etwa ftiften kann,
über fich zu wachen hat. Und fo wird er der wahren
Liebe erft fähig, welche nicht mit Wohlwollen für
andere fchon identifch ift, fondern die Dahingabe des
ganzen Ich an diefen Zweck in fich fchliefst und darum
da fein mufs und werthvoll ift, auch wo ihr Bethätigung
unmöglich ift. Die Zwecke diefer Gemeinfchaft erfordern