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Ausgabe:

1881 Nr. 17

Spalte:

407-409

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heman, C. F.

Titel/Untertitel:

Die Erscheinung der Dinge in den Wahrnehmungen 1881

Rezensent:

Kaftan, Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 17.

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Sept. 1868 in Angriff genommenen Publicationen aus den
preufs. Archiven auch ein Werk von Hrn. Dr. Keller:
,Die Gegenreformation in Weftfalen' angeführt wird.

Elberfeld. C. Krafft.

Heman, C. F., Die Erscheinung der Dinge in der Wahrnehmung
. Eine analytifche Unterfuchung. Leipzig 1881,
Hinrichs. (VI, 170 S. gr. 8.) M. 3. —

An der Hand der neueren Phyfiologie unterfucht
der Verf. die Thatfachen der finnlichen Wahrnehmung,
um auf diefem Wege den Grund zu einer Erkenntnifs-
theorie zu legen. Als Ausgangspunkt dient der Nachweis
, dafs die Theorie von der fpecififchen Energie der
Sinnesnerven den Thatfachen nicht gerecht wird, dafs
diefe vielmehr dazu nöthigen, einen caufalen Zufammen-
hang zwifchen dem objectiven Reiz und der Empfindung
anzunehmen, fo nämlich, dafs die verfchiedenen Reize
je die ihnen adaptirten Sinnesorgane zur Function nöthigen
, und auf diefe Nervenfunction hin in der Seele
die immaterielle Empfindung producirt wird. Weiter
wird der Unterfchied, ja der Gegenfatz von Empfindung
und Vorflellung betont. Während jene unabhängig vom
Willen durch die Nöthigung des objectiven Reizes ent-
fteht, ift diefe immer zugleich vom Willen abhängig.
Auch wird die Empfindung auf die Nervenfunction hin
von der Seele, die mit dem Leib zur effentiellen Einheit
verbunden ift, im Sinnesorgan produirt, ohne durch eine
Gehirnfunction zum Bewufstfein kommen zu müffen,
wenn fie fich gleich erft darin vollendet, dafs fie das
thut; die Vorftellung dagegen entfteht allem Anfchein
nach nur im Gehirn. Auf diefer Grundlage ftellt der
Verf. dann feft, dafs der von der Seele in Folge der
Gefichts- und Taftempfindungen producirte pfychifche
Raum zwar ein anderer ift als der materielle phyfifche
Raum, dafs beide aber zufammenfallen, weil die Seele
durch den Leib, der die Sinnesempfindungen vermittelt,
fich felbft an einem beftimmten Ort im materiellen Raum
befindet und vorzüglich am Taftfinn ein hinreichendes
Mittel befitzt, die Verhältnifse ihres pfychifchen Raums
denen des phyfifchen zu adaptiren. Hier wird die Unterfuchung
unterbrochen, um zu zeigen, dafs der kri-
tifche Idealismus Kant's und der Pofitivismus mit den
Thatfachen derSinneswahrnehmung in Widerfpruch ftehen,
erfterer indem er die Objectivität des Raumes leugnet,
letzterer indem er den fundamentalen Unterfchied von
Vorftellung und Empfindung unbeachtet läfst. Der Verf.
führt dann feine Darlegung zu Ende durch Hervorhebung
der Intention, der eigenthümlichen Gefühlserregung,
welche mit der Empfindung verbunden ift und vollends
gewifs macht, dafs wir es in derfelben mit einer objectiven
(ausgedehnten, wenn auch nicht leuchtenden und
tönenden) Welt zu thun haben. Und nun folgt in den
drei letzten Abfchnitten feine Erklärung der Thatfachen
in Rückficht auf den Anfangs erwähnten Zweck der Unterfuchung
. Es handelt fich dabei vorzüglich um das
Problem, wie zwifchen der immateriellen Empfindung
und der materiellen Bewegung der Dinge ein caufaler
Zufammenhang ftattfinden kann, um das Problem alfo,
welches in der Thatfache gegeben ift, die den Ausgangspunkt
bildete. Die Erklärung lautet aber dahin,
dafs es die intelligible Natur der Dinge ift, welche
durch ihre materielle Befchaffenheit und den materiellen
Leib der Seele hindurch die letztere zur Production der
Wahrnehmungsbilder nöthigt. Die unerkennbare Materie
dient nur als Vermittlung, die finnliche Wahrnehmung
macht uns gerade nicht mit der materiellen Befchaffenheit
der Dinge (Aetheroscillationen etc.) bekannt, fondern
offenbart uns in fenfibler Form die intelligible Natur
der Dinge. Der Intellect ift daher im Stande, mitteilt
der Wahrnehmung die intelligible wahre Natur der
Dinge zu erkennen. Es giebt wie eine empirifche Wif-

fenfchaft von den finnlich exiftirenden Dingen fo eine
folche von ihrem wahren Wefen d. h. Metaphyfik.

Es ift dem Verf.'alfo nicht darum zu thun, einen
neuen philofophifchen Standpunkt zu gewinnen, fondern
darum, aus der vielfach anders gedeuteten Phyfiologie
der Sinneswahrnehmungen Beftätigung und Beweis für
die ariftotelifch-thomiftifche Philofophie zu entnehmen.
Dafs diefer von ihm vertretene Standpunkt heute bei
vielen als ein überwundener gilt, trägt ja an und für fich
nichts aus. Es kann bei der Wichtigkeit des erkennt-
nifstheoretifchen Problems der Sache nur förderlich fein,
wenn dasfelbe von den verfchiedenften Seiten her bearbeitet
wird. Und dem Verf. wird Niemand die Anerkennung
verfagen können, dafs er fich feiner Aufgabe
mit eindringendem Scharfsinn unterzogen und die Er-
gebnifse feiner Arbeit in klarer durchfichtiger Form vorgelegt
hat. Auch dürfte manches wie z. B. der Nachweis
, dafs die Refultate der Phyfiologie und die Erkennt-
nifstheorie Kant's fich keineswegs gegenfeitig fordern,
aller Beachtung werth fein, ganz unabhängig davon, ob
die Argumentationen des Verf.'s im ganzen stichhaltig

I find. Wenigstens fcheint mir jenes wohl begründet, während
ich im ganzen dem Verf. nicht beizuftimmen vermag.

Was der Verf. beabfichtigt und was er wirklich
leiftet, dürfte doch wohl zweierlei fein. Denn während
er der Abficht nach aus den Thatfachen der Sinneswahrnehmung
einen grundlegenden Beweis für feine Er-
kenntnifstheorie entnehmen will, hat er doch nur gezeigt
, dafs fich diefe Thatfachen feiner philofophifchen
Gefammtanficht ganz wohl einordnen und mitteilt derfelben
,erklären' laffen. Was er beweifen will, fetzt er
bei Formulirung feines Ausgangspunktes fchon voraus,
wenn er dazu die ,Vernunftnothwendigkeit' wählt, nach
welcher ein caufaler Zufammenhang zwifchen Reiz und
Empfindung ftatuirt werden müffe. Denn in dem Sinn,
in welchem in der That alle es anerkennen müffen, ift
das nur eine Verftändigung über einen Vorgang in der
Erfcheinungswelt, und lediglich auf Grund feines Standpunktes
nimmt es der Verf. in einem Sinn, in welchem
es die Entfcheidung der erkenntnifstheoretifchen Frage
fchon enthält. Auch im weiteren Verlauf wird, wer feine
Vorausfetzungen nicht theilt, die Thatfachen anders betrachten
und beurtheilen. So kann es z. B. auf einem
andern Standpunkt lediglich als eine Frage der Zweck-
mäfsigkeit erfcheinen, ob man zwifchen Empfindung und
Vorftellung definitiv unterfcheiden und ob man von un-
bewufsten Empfindungen reden foll oder nicht, während
das für den Verf. Fragen von fundamentaler Bedeutung

| find. Schliefslich ift es auch nur diefe feinem Ziel zu-
ftrebende Betrachtungsweife des Verf.'s und nicht die
Thatfachen felbft, was dazu nöthigt, die Schluftfolger-
ungen der letzten Abfchnitte zu ziehen, während man
auf einem andern Standpunkt vollkommen befriedigt fein
kann, fobald ein möglichft genaues und vollftändiges

j Wiffen vom Zustandekommen der finnlichen Wahrnehmung
ermittelt ift, und dafürhalten kann, damit genau
fo weit gelangt zu fein, als auf diefem Weg überhaupt
zu gelangen ift. Wenn nicht für den Kant'fchen
Idealismus, fo läfst fich doch auch für des Verf.'s Anficht
kein Capital aus den Thatfachen felber fchlagen,
weil es ganz verfchiedene Fragen find, wie die finnliche
Wahrnehmung zu Stande kommt, und was das bedeutet,
dafs wir es in derfelben mit einer objectiven Welt zu
thun zu haben unmittelbar überzeugt find. Ebenfowenig
trägt die wiederholte Berufung auf den fogen. naiven
Realismus aus, deffen Unvermeidlichkeit im praktifchen
Leben Niemand in Frage ftellt, auf den man fich aber
auch nicht berufen darf, wenn einem die Einficht in
feine Unhaltbarkeit einmal zu Gebote fteht. Vollends
ift es für die Sache irrelevant, wenn der Verf. bisweilen
zu verstehen giebt, dafs er abweichende Meinungen als
Skepticismus beurtheilt. Dadurch kann er höchstens die
Antwort hervorrufen, dafs es einen fehr nützlichen Skep-