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Ausgabe:

1881 Nr. 16

Spalte:

387-388

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kapff, Carl v.

Titel/Untertitel:

Casualreden 1881

Rezensent:

Löber, Richard

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 16.

388

dadurch, dafs den bei Erlafs des Gefetzes im Amte fliehenden
Geifllichen die Wahl zwifchen dem alten und dem
neuen Recht freigeftellt wurde. Der Verf. giebt über das
hierbei zu Beachtende eingehende Anweifungen, welche
Vielen von denen, die vor die Qual der Wahl gehellt
waren, gute Dienfte geleiftet haben mögen. Treffend ift

überall am Platze; aber diefe Lebensnormen müffen im
Zufammenhang aller göttlichen Heilsgedanken erfafst
und fo erfl recht in die Praxis eingeführt werden. Nur
wer mit kindlicher Einfalt dem ganzen Reichthum der
Gottesgedanken fleh offen hält, wird fie einigermafsen
reproduciren können, ftatt ihren concreten, die Gewiffen

feine Bemerkung S. 7: ,Am fchwierigften find gewöhnlich [ fchärfenden Inhalt in wenige dogmatifch-ethifche Lieb
die Uebergangsbeftimmungen, durch welche das alte j lingsfätze aufzulöfen. Es ift nicht biblifch, wenn der
Recht mit dem neuen vermittelt werden foll. Man ift Verf. diefer Cafualreden die ,Wahrheit' als einen Com-
bei der Gefetzgebung oft zu zart gegen die „erworbenen | plex von göttlichen Offenbarungen betrachtet, die der
Rechte", deren Schmälerung von Vielen als etwas Unzu- | Menfch in fich aufzunehmen und zu verarbeiten hat;
läffiges angefehen wird. Anftatt durchgreifenden Ge- | vielmehr befteht die Wahrheit in dem durch Chriftus
danken Geftalt zu geben, verfällt man dabei in Vermitte- i begründeten und vermittelten Ineinanderleben Gottes
lungsverfuche, welche dem Beften die Spitze abbrechen und des Menfchen, und nur die, welche aufrichtig in der
und Schwierigkeiten fchaffen, welche man mit fcharfem Wahrheit wandeln, werden auch begrifflich über fie mehr
Schnitt befeitigen könnte'. und mehr zur Klarheit kommen. Da dem Verf. die

Friedberg. K. Koehler.

Kapff, weil. Präl. Stiftspred. Dr. Sixt Carl v., Casual-

reden. Hrsg. von Oberhelfer Carl Kapff. Stuttgart ue" r=CBl ,fu W.IU,S"*. 111 Ulc VV" ^11™S auf"

lssn t p c^:„urt„f /-,- c cir st M n An gehende allgemeine Geifterbewegung einzugliedern. In

Wahrheit vor Allem Dogma ift, fo kann es ihm nicht
gelingen, das nach wirklicher Lebenswahrheit ringende,
von unausgefprochenen religiöfen Motiven bewegte Streben
recht zu würdigen und in die von Chriftus aus-

1880, J. F. Steinkopf. (535 S. gr. 8.) M. 5. 40,

Aus des Verfaffers Nachlafs wird uns hier eine fehr
reiche und mannigfaltige Auswahl ,Leichenreden', ferner
eine Sammlung von Confirmations- und Traureden, von
Synodal- und Miffionsfeftpredigten u. dergl. dargeboten.
Ueberall tritt uns das Bild des Mannes entgegen, der
als eifriger und vielbegehrter Seelforger mit inniger
Theilnahme und verftändnifsvoller Weisheit die mannig-
faltigften Lebensverhältnifse in das Licht des göttlichen
Wortes zu ftellen fuchte. Manche Seelforger und Cafual-
redner werden hier für ihre Thätigkeit anregende Vorbilder
finden und auch Nicht-Geiftliche werden hier in
analogen Lebensverhältnifsen durch geiftliche Zufprache
fich geftärkt fühlen.

Charakteriftifch ift es, dafs der Verfaffer in den Cafualreden
die betreffenden Lebensverhältnifse mit peinlicher
Gründlichkeit fchiidert, ftatt fie den damit vertrauten
Zuhörern in befonders hervortretenden Momenten
der Rede zart andeutend in Erinnerung zu bringen. Es
ift noch eine von den bündigften Specialmittheilungen,
wenn der Verf. an dem Grabe einer Jungfrau (p. 184)
fagt: Vor 7 Jahren wurde fie von einer Typhuskrankheit
dem Tode nahe gebracht, vor 3 Jahren von einer Lungenentzündung
und dann von der Nierenkrankheit, die

einer Predigt (p. 374) ruft der Verf. aus: ,Vergebens
fucht man anderswo (aufser Chrifto) die Wahrheit, welche
Friede und Leben giebt. Wie lang hat man in Deutfch-
land fie geflieht durch den gewaltigften Aufwand von
Philofophie und anderer Wiffenfchaft! Was wurde erreicht
? —■ Früchte für den Himmel?' Da erfcheint es als
eine unvermittelte Behauptung, wenn der Verf. jenes
Urtheil zu mildern fucht durch die Worte: ,Es wurde
durch jenes Suchen nach Wahrheit erreicht viel fchöne
Verbefferung und Bildung des Geiftes', und das ihm felbft
vorfchwebende Object des Suchens und Strebens ift
nicht mit Klarheit zu erkennen aus der Verfichcrung:
.Unlere Beftimmung (?) ift das Ebenbild Gottes!' (p. 375).
Da er in den Kämpfen der Gedankenwelt nicht Symptome
einer den ganzen Menfchen erfaffenden Lebensbewegung
zu erkennen vermag, fo fleht er (p. 374) in dem
Geftändnifs ,eines Philofophen der Hegelfchen Schule'
und in dem bekannten Abfchiedsworte de Wette's nicht
die Aeufserung redlichen Suchens, fondern eines troft-
lofen Scepticismus, in welchen viele redliche Zweifler
bei dem Wechfel der einander ablöfenden Syfteme ver-
funken find. Der Verf. fcheint die fuchenden Gemüther
doch nicht ganz verftanden zu haben, wenn er p. 425
mit rhetorifcher Virtuofität ausruft: ,Die Chriftenheit (?)

Kopfgichter und todesähnliche Betäubungen herbeiführte, • hat lange nur gebetet (?): Unfer Reich komme! Des

dafs fie einmal 48 Stunden lang wie todt da lag. Wohl
zehnmal glaubte man, es fei nicht mehr möglich, dafs
fie ins Leben zurückkehre u.f. w; da ift es ja doch ein wohl-
thuender Gedanke, dem Himmel einen Engel (!) geben
zu dürfen (p. 186). Auch würde das mit heiligem Ernfte
einer Kindertaufe zugewandte Gemüth kaum etwas ver-
mifst haben, wenn dabei nicht in byzantinifcher Form
gedacht worden wäre ,des künftigen Herrfchers des
deutfehen Reiches, der aus Liebe felbft fich erboten hat,
Pathe diefes lieben (adligen) Kindes zu werden und der
fo ihm fürs ganze Leben ein leuchtendes Vorbild ift von
den edelften Tugenden, wie wir alle fie an ihm bewundern
, als an dem liebenswürdigften Menfchenfreund,
tapferften Helden und fegensreichften Fürften' (p. 5.).
Ferner ift nicht abzufehen, wozu bei einer Privatconfir-
mation .zweier Gräfinnen aus Kurland' die Bemerkung
nöthig war: ,Es find hier in unfrer Mitte zwei liebe
Töchter einer edlen, chriftlich gefilmten Familie erfchie-
nen, die aus weiter Ferne zu uns gekommen find, um
in unfrer Kirche nach forgfältig erhaltenem (oder er-
theiltem?) Unterricht ihr Glaubensbekenntnifs abzulegen'.

Das göttliche Wort wird durch folche Mittheilungen
bisweilen fehr zurückgedrängt oder auf allgemeine chrift-
liche Gedanken befchränkt, die dann unabhängig von
dem betreffenden Familienereignifs weiter ausgefponnen
werden. Die dem Verf. befonders geläufigen Ermahnungen
zur Weltverleugnung und Jefusliebe find gewifs

Papftes Reich, der Geiftlichkeit Reich, der Kirche Reich,
der Dogmatik Reich, der Wiffenfchaft und Vernunft
Reich, des Staates Reich, der Freiheit Reich, der Humanität
Reich, das foll kommen!'

In diefen Predigten und geiftlichen Reden ftört es
nicht, fehr oft Namen wie Hegel, de Wette, Hartwig,
Ziegler und Gerftäcker mit polemifchem Waffengeklirr
erklingen zu hören; in wahrhaft geiftlichen, von bibli-
fcher Einfalt befeelten Reden würde folche Polemik unerträglich
fein, auch wenn die zur Anbetung verhimmelte
Gemeinde mit jenen Namen und alfo auch mit Hegels
.Syftem' hinreichend bekannt wäre.

Der Verf. hat in feiner Heimath mit diefen Predigten
und Cafualreden viele Herzen gewonnen und feine
zahlreichen Verehrer werden in den hier vorgetragenen
Gedanken eine grofsartige Entfaltung des Evangeliums
bewundern, zumal da fie die ihnen geläufigen Schlagworte
und Vorftellungen mit religiös-rhetorifcher Salbung
in ftetem Gegenfatz zu den tief unter ihnen flehenden
.Namenchriften' ausgefprochen finden. Freilich die,
welche in der Einfalt wandeln, werden diefe Bewunderung
nicht theilen.

Dresden. Löber.