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Ausgabe:

1881 Nr. 16

Spalte:

380-384

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dorner, J. A.

Titel/Untertitel:

System der christlichen Glaubenslehre. 2. Bd. Specielle Glaubenslehre 1881

Rezensent:

Schultz, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 16.

380

Landrecht findet Maurenbrecher die geradlinige Fort-
fetzung der überkommenen kirchlichen Politik. Während
bis dahin das Verhalten der Herrfcher zur evang. Kirche
im Vordergrunde fteht, wird dies im Weiteren bei Seite
gelaffen und ausfchliefslich noch die Stellung zur kathol.
Kirche, welche feit Friedrich d. Gr. für den preufsifchen
Staat eine immer höhere Bedeutung erlangt, befprochen.
Die Reftauration des Katholicismus feit 1815, das Aufkommen
des Ultramontanismus, dann der Kölner Kirchen-
ftreit kommen zur eingehenden Darftellung bis zu dem
fchliefslichen, zwar in coulanter Form fich vollziehenden,
aber darum nicht minder demüthigenden Rückzug des
Staates unter Friedrich Wilhelm IV und der Siegesfeier i
des Ultramontanismus beim Kölner Dombaufeft 1842.
In der Kirchengefetzgebung feit 1873 erkennt Maurenbrecher
die Rückkekr zu der gefunden preufsifchen
Staatstradition, vorbehaltlich der Correctur von Mifs-
griffen, welche im Einzelnen in der Hitze des Kampfes j
vorgekommen fein mögen. Endziel der preufsifchen !
Kirchenpolitik fei die Herftellung des friedlichen Einvernehmens
zwifchen Staat und kathol. Kirche, wie es in
den Tagen Friedrichs d. Gr. und noch zu Anfang diefes j
Jahrhunderts zum Vortheil beider Theile beftanden habe.
,Es ift Sache des Staates' — fagt er (S. 120) — ,fich
flets des tiefgreifenden Unterfchiedes bewufst zu blei- !
ben, der zwifchen den religiöfen und den hierarchi- 1
fchen Elementen im Katholicismus, zwifchen den religiöfen
und den ultramontanen Intereffen vorhanden ift.
Es ift Sache des Staates, die religiöfen Bedürfnifse der
Katholiken durch feinen Schutz und feine Hülfe zu j
pflegen und zu fördern und dennoch gleichzeitig das
Ueberwuchern der ultramontanen Herrfchaftsgelüfte :
zurückzudämmen und niederzuhalten'. Das ift wahr
und treffend geredet; nur freilich ift es leichter, die
principielle Forderung hinzuftellen, als die Wege zu I
ihrer Durchführung in der Wirklichkeit zu zeigen. Denn
das ift eben die unvergleichliche Schwierigkeit, dafs jene j
Unterfcheidung zwifchen religiöfem und hierarchifchem
Element der katholifchen Idee widerftrebt, vielmehr
gerade das Hicrarchifche für fie von religiöfem Werthe
ift, fo dafs eine katholifche Frömmigkeit, wie M. felbft
an betreffender Stelle fehr gut zeigt, endlich immer in
Ultramontanismus umfehlägt.

Die Gefchichtsdarftellung ift von echt hiftorifchem
Geifte getragen. Echt hiftorifch ift es auch, dafs mit
den treibenden Principien überall die handelnden Men-
fehen zum Rechte kommen. Die Charakteriftik der auftretenden
Perfönlichkeiten, Droftc-Vifchering's, Bunfen's, |
Geiffel's u. A., ift meifterlich gelungen, man erkennt die
Schule Ranke's. — Ob dem Verf. in feinem unbedingten
Lobe des A. L. R. beizuftimmen fei, möchte doch von
feinem eigenen Standpunkte zu bezweifeln fein. Dafs
der Grundfatz, ,das Kirchenregiment bilde einen Ausflufs
und Theil der Landeshoheit', mit andern Worten der
Territorialismus, ein ,wefentlich proteftantifcher' fei (S. 44),
ift zu beftreiten, die Bemerkung S. 3, ,dafs alle fpäteren
Erhebungen der kirchlichen Ideen nur blaffe Copien des
mittelalterlichen Programms zu wiederholen vermocht
haben', trifft wohl nur die Vorgänge auf katholifchem
Boden, fonft wäre auch dagegen entfehieden Einfpruch
zu erheben. Sehr zu bezweifeln ift auch, ob es richtig
ift, die perfönlich ablehnende Stellung Friedrichs d. Gr.
zu Chriitenthum und Kirche fo, wie vom Verf. gefchieht,
als für die Sache unerheblich aufzufaffen. Es ift wahr,
er hat die Religion feiner Unterthanen nicht nur nicht
antaften wollen, fondern auch ihren Schutz und ihre
Pflege als feine Regentenaufgabe erkannt; aber das hat
die Gefchichte doch zur Genüge gelehrt, dafs eine Pflege,
welche dem Chriftcnthum ohne Glauben an feine Wahrheit
, nur aus Gründen der Staatsraifon zu Theil wird,
auf die Länge das Verderblichfte ift, was es geben kann.

Friedberg. K. Koehler.

Protestantische Zeitstimmen. Ein Beitrag zur Gefchichte
der evangelifchen Landeskirche in Preufsen
während der Jahre 187918S0. Von einem Laien.
Berlin 1881, Springer. (VIII, 84 S. gr. 8.) M. 1. 40.

Eine Reihe von Artikeln, welche während der Jahre
1879—80 in Berliner Blättern, meift in der National-
Zeitung , erfchienen find und die in diefe Zeit fallenden
dortigen kirchlichen Vorgänge, namentlich die Pfarrwahl
an der Jacobi-Kirche, befprechen. ,Wir Laien' — fagt
der ungenannte Verf. im Vorwort — ,fehen es mit ungläubigem
Staunen, wie die Wächter des Evangeliums
felbft das Werk ihres Meifters von Grund aus unterwühlen
, und zwar in der beften Abficht, indem fie es zu
ftützen meinen. Diejenigen unter uns, denen es auch Ernft
um diefes Werk ift, erfafst ein heiliger Ingrimm ob diefer
Verblendung. Sind wir doch darum, weil wir uns nicht
in der Weife diefer Zionswächter an der Erweckung und
Fortbildung des chriftlichen Lebens in unferen Familien,
in unferen Gemeinden, in unferem Volke beteiligen
können, dem Zurufe ihrerfeits ausgefetzt, dafs wir überhaupt
gar keine Chriften feien. Und dagegen bäumt fleh
unfer proteftantifches Gewiffen auf'. Es läfst fleh Einzelnes
in der Brochüre bemängeln; aber aus dem Ganzen
fpricht ein ernfter, verftändiger Sinn, welchem es
treulich um die Pflege chrifflicher Frömmigkeit und das
Gedeihen der Kirche zu thun ift. Stimmen wie diefe
verdienen gehört und beachtet zu werden.

Friedberg. K. Koehler.

Dorner, Dr. J. A., System der christlichen Glaubenslehre.

2. Bd. Specielle Glaubenslehre. Berlin 188081, Hertz.
(1018 S. gr. 8.) M. 18. —

Mit den vorliegenden beiden Hälften des zweiten
Bandes, welche die fpecielle Glaubenslehre enthalten,
ift das dogmatifche Werk Dorner's abgcfchloflcn, deffen
erften Theil der Unterzeichnete in Jahrg. 1879 Sp.
498, zur Anzeige gebracht hat. Auf Grund der im erften
Theile gegebenen ,apologetifchen' Vorausfetzungen foll
diefer zweite Theil darftellen, ,wie um der wirklich gewordenen
Sünde willen die Vollendung fleh durch Er-
löfung hindurch vollführt'. So wird zuerft die Lehre
von der Sünde gegeben, und zwar wird das Wefen des
Böfen, der Urfprung des Böfen und das Böfe nach feinem
Verhältnilse zur göttlichen Weltordnung (Uebel,
Schuld, Strafe) gefchildert. Dann folgt die Lehre vom
chriftlichen Heile. Den erften Haupttheil derfelben
bildet die Lehre von Chriftus, — und zwar 1) Prac-
exiftenz Chrifti, 2) Chrifti Gegenwart auf Erden (gott-
menfchliche Natur, ethifche Gottmenfchheit, amtliche
Gottmcnfchheit), 3) Chrifti Poftexiftcnz oder Chrifti Per-
fon nach ihrem irdifchen Wandel. Als zweiter Haupttheil
folgt die Lehre von der Kirche oder dem Reiche
des heiligen Geiftes, — und zwar 1) die Entftehung der
Kirche durch Glauben und Wiedergeburt, 2) das Be-
ftehen der Kirche (die wefentlichen und unveränderlichen
Grundlagen der Kirche, und die die Welt fich aneignende
, in und aus ihr organiflrte Kirche), 3) die Vollendung
der Kirche und Welt, Lehre von den letzten
Dingen.

Die Anlage des Werkes ift meiner Anfleht nach im
Einzelnen nicht immer glücklich. So fcheinen mir die
Gründe Dorner's für die Voranftellung der Lehre von
der Heilsaneignung des Einzelnen vor die Lehre von
der Kirche felbft nur dann zutreffend, wenn man die
Kirche als Gnaden anftalt fafst, nicht wenn man fie
dogmatifch als Gnadengemeinfchaft anfleht, welche
an Wort und Sacrament kenntlich ift. Denn als folche
Gnadengemeinfchaft ift fie die Vorausfetzung des chriftlichen
Heils fchon für die Jünger Jefu, als in feinen Kreis
aufgenommene, und ohne fie ift chriftliches Heil fo
wenig verftändlich, wie bürgerliche Tugend ohne den