Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1881 Nr. 15

Spalte:

361-363

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulz, C.

Titel/Untertitel:

Das Wort von dem Gekreuzigten und Auferstandenen 1881

Rezensent:

Hartung, Bruno

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

361

Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 15.

362

barung gerade bei ihm nicht ungefährlich zu fein. Ich
würde nicht wünfchen, dafs ein religiöfes Subject, welches
fo über die Offenbarung urtheilt, jene wichtige Rolle
in der evangelifchen Theologie und Kirche fpielte. Der
Verf. verräth auch felbft ein Gefühl für das Bedenkliche

ftandene Gottes vollkommenftes Abbild, fo wird das
Spiegelbild des Wortes von ihm in uns die denkbar voll-
kommenfte Erkenntnifs Gottes darbieten. So wird denn
auf analytifchem Wege aus demfelben entwickelt, was
von dem Leiden Chrifti insbefondere und. von feiner

jenes Ausdrucks; denn er fährt fogleich fort: ,oder viel- 1 Perfon überhaupt, was von Wefen und Wirken Gottes,
leicht noch richtiger (sie), dafs fie dorther die Stützpunkte I und zwar nicht nur auf fpeeififeh heilsgefchichtlichem
nehmen kann, von welchen das menfehliche Erkennen j Boden, fondern auch in Natur und Menfchenleben im

die Netze des Denkens ausfpannen kann'. In fo un-
ficheren Ausdrücken redet der Verf. über fchwere Fragen
, für deren Behandlung er neue Anregung geben und
Gefichtspunkte bezeichnen wollte. Eine Förderung der
der darin berührten Probleme kann das Schriftchen nicht
gewähren. Es ift aber merkwürdig als ein Zeichen des
Irrthums, dafs man über diefe Dinge etwas fruchtbringendes
reden könne, ohne daran gearbeitet zu haben,
weil es ausreiche, das mit innerer Erfahrung ausgeftattete
und zweckmäfsig reagirende Subject zu fein. Möchte
es dem Herrn Verf. gefallen, fein nach früheren Leift-
ungen anerkanntes Talent auch auf diefem Gebiete nicht
blofs fpielen zu laffen.

Marburg. W. Herrmann.

Schulz, Infp. adj. Dr. C., Das Wort von dem Gekreuzigten

und Auferstandenen. Erörterungen über den gewiffen
Grund chriftlicher Erkenntnifs. Halle 1881, Strien.
(XV, 143 S. gr. 8.) AI. 2. 25.

Vorliegende Schrift bildet ein Glied, und zwar eins
der äufserften, in der Kette der Beftrebungen, der Dog-
matik ihr eigenes, von der Philofophie unabhängiges Gebiet
anzuweifen. Das Wort von dem Gekreuzigten und | hin erft durch die Offenbarung in Chrifto das Auge für

Allgemeinen, was über das Wefen des Alenfchen, was von
der Geftalt, die fich die göttliche Wahrheit in der Kirche
und durch die Infpiration innerhalb der Menfchheit gegeben
hat, gefagt werden kann. Man fieht, wie das
concretefte an den Anfang geftellt ift und, fo ganz abweichend
von fonftiger Gewohnheit, Theologie im engeren
Sinne und Anthropologie erft hintennach kommt. —■
Nun ift ja gewifs das Wort vom Gekreuzigten und Auf-
erftandenen der Mittelpunkt apoftolifcher Predigt und
wenigftens die paulinifcheLehranfchauung hat fich wefent-
lich von diefem Punkte aus entwickelt. Allein man kann
nicht das Gleiche etwa von Johannes fagen, fondern hier
find von vornherein allgemeinere dogmatifch-ethifche Beziehungen
, die xoivvjvia oder wie man es ausdrücken
»will, beftimmend, natürlich in jener Grundthatfache
realifirt. Und wo ftellt denn felbft Paulus den loyog toi
aravQOv als folchen in den Vordergrund? In den prak-
tifchen Briefen, wo er den Corinthern gegenüber die fuoQi'ct
und den Galatern gegenüber das o/Midcc/.oy des Kreuzes
rechtfertigen will. Im fyftematifchen Römerbrief hat er
dem Evangelium gleich zu Anfang Rom. 1, 16 einen allgemeineren
, mit den Hauptbegriffen religiöfen Denkens
fich berührenden Ausdruck gegeben. Und mag immer-

Auferftandenen, mit welchem das Chriftenthum in die 1 das Dunkel menfehlicher Sünde einerfeits, und für die
Welt eingetreten ift und welches fich immer noch dem I Herrlichkeit vorauslaufender Gottesoffenbarung anderfeits
chriftlichen Verftändnifsunmittelbar als Wahrheit bezeugt, j völlig empfänglich gemacht fein: nicht aus dem Evange-
foll der Grund fein, auf dem fie fich erbaut. Bei einem j lium von Chrifto hat Paulus beides abgeleitet, fondern
Vergleich mit anderen derartigen Verfuchen fieht man j anerkannt, dafs diefe Erkenntnifs fchon vor ihm möglich
fofort, wie dabei das Grundprincip der Dogmatik ftatt i und in der That vorhanden war, dafs das Evangelium
eines fubjectiven, wie religiöfes Gefühl oder Glaubens- ; alfo zugleich in fich felbftändige Erkenntnifsquellen wie-
bewufstfein, ein objectives, und auch hier nicht ein ab- | der aufdeckt. Die Dogmatik "kann davon lernen. Ge-
ftractes oder allgemeines, wie Gemeinfchaft mit Gott, I wifs ift es richtig, ftatt weitfehichtiger Prolegomena in
Verföhnung, Reich Gottes u. a., fondern ein concretes, j einer „Glaubenslehre" in engerem Sinn das Wefen des
dem Chriftenthum eigenthümlichftes geworden ift. Ge- i Chriftenthums und aus diefem die Hauptbegriffe und
wifs, wenn die Dogmatik kein weiteres fucht und braucht, j Hauptthatfachen desfelben zu entwickeln und ebenfo
als diefes, welches der auf fich felbft fufsenden Philo- richtig ift es, eine befondere Erkenntnifstheorie für
fophie noch immer als /uatgla gilt, fo kann ihre materielle ' Glaubensobjecte vorauszufchicken. Allein wenn doch
Unabhängigkeit nicht mehr, als es gefchieht, gewahrt j auch die phyfifche und fittliche Welt in ihrer Weife ein
werden. — Die Dogmatik nun, welche fich daraus ent- j Spiegelbild göttlicher Gedanken in uns reflectirt und zuwickelt
, zerfällt in eine Glaubenslehre im engeren. Sinn j gleich gefchichtlich, wie fachlich die Vorausfetzung des
und eine Erkenntnifslehre. Die Glaubenslehre ent- ! fpeeififeh Chriftlichen bildet, giebt dann jene Erkennt-
faltet den Glaubensinhalt, wie er im Wort vom Gekreu- ! nifstheorie ein Recht, davon zu abftrahiren? Mögen im-
zigten und Auferftandenen enthalten ift, als folchen und | merhin kosmogonifche Speculationen und neuerdings
ftellt die Hauptthatfachen der chriftlichen Verkündigung j Naturwiffenfchaft mit Unrecht in die Dogmatik verpflanzt
eben als Thatfachen im Zufammenhange dar. Der Er- werden, ift darum die Schöpfung des Menfchen und der

kenntnifslehre fchickt Verf. eine Erkenntnifstheorie
voraus, d. h. der fyftematifchen Darfteilung des Erkannten
, nach der etwas fchiefen Terminologie des Verf.,
die Lehre von der Erkenntnifs felbft und deren Bedingungen
und Schranken und um diefe letztere ift es ihm
befonders zu thun. Denn ein gut Theil der dogmatifchen

Welt, für fich betrachtet, ohne religiöfe Bedeutung? Eben-
fowenig foll die ganze Gotteslehre fammt Vorfehung und
Weltregierung wieder, wie traditionell, in den fog. erften
Theil der Dogmatik hinein. In der Erfahrung höheren
und niederen Schulunterrichts ift Ref. zu der Ueber-
zeugung gekommen, dafs z. B. die Lehre von der Vor-

Irrthümcr komme daher, dafs man fich begnügt mit j fehung nur im Sinn von Rom. 8, 28 ff. fruchtbringend
materieller Unabhängigkeit von der Philofophie, die j darzuftellen ift d. h. auf Grund der Verföhnungsthatfache
von ihr gebotenen Sprachformen und Denkformen [ und des Kindesbewufstfeins. Aber gerade der Gott der
dagegen unbefehen als wahr herübernimmt. Denn | Offenbarung wird je nach den verfchiedenen Stufen
diefefben find, fo wird im Anfchlufs an Lotze ent- j derfelben fortfehreitend erkannt, auf jeder höheren gewickelt
, durchaus nichts primäres oder der Wahrheit i langen wir jedesmal zu einer höheren Gotteserkenntnifs,
adaequ'ates, "efchweige denn mit ihr identifches, fondern I bis auf der höchften fich der volle chriftliche Gottesbedas
Verffändnifs und die Gedankenwelt, welche diefes j griff erfchliefst. Damit ift allerdings auch erft die Vor-
in fich aufnimmt, find eher da, ehe Denken und Sprache 1 ausfetzung für die völlige chriftliche Würdigung der
einen immer nur unzureichenden Ausdruck dafür , Welt und des Lebens gegeben. —

fehaffen So ift auch unfere Gotteserkenntnifs nicht fowohl Der zweite Theil der Schrift ,die gefchichtliche Be-

cine Erkenntnifs feines Wefens felbft, fondern unferer deutung des Wortes vom Gekreuzigten und Auferftan-
Gedanken von ihm, und ift der Gekreuzigte und Aufer- denen' enthält etwas anderes, als man auf den erften Blick