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Ausgabe:

1881 Nr. 14

Spalte:

339-341

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Debes, Hermann

Titel/Untertitel:

Das Christenthum Pestalozzi‘s 1881

Rezensent:

Strack, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 14.

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und überflüffig, ftatt deren eine Angabe der Liederdichter
beffer angebracht gewefen wäre.

Diefe Texte für die Gemeinde, welche in einzelnen
Blättern zu fehr billigem Preife (je 100 zu 1 M.) zu haben
find, erhöhen fehr die praktifche Brauchbarkeit diefer
Arbeit, der wir trotz der gemachten kleinen Ausheilungen
unfere hohe Anerkennung und den herzlichen Wunfeh
entgegenbringen, dafs fie in vielen Gemeinden Eingang
finden und dazu helfen möge, die ,fchönen Gottesdienfte
des Herrn' unferer Gemeinde wiederzugewinnen.

Giefsen. G. Schloffer.

Debes, Pfr. Herrn., Das Christenthum Pestalozzis. Neue
Unterfuchungen einer alten Streitfrage. Gotha 1880,
Thienemann. (71 S. gr. 8.) M. 1. —

Mit Recht nennt der Verf. den von ihm behandelten
Gegenftand eine alte Streitfrage; denn über die Stellung
des einflufsreichften- Pädagogen neuerer Zeit zur
chriftlichen Religion find die verfchiedenften, wider-
fprechendften Urtheile gefällt worden. Während v. Raumer
behauptet, dafs Peftalozzi fchliefslich doch nur ein
episcopus in partibus infidelimn gewefen fei, hat ihm K.
Schmidt in feiner ,Gefch. der Päd.' feine Stellung geradezu
,im CentrodesChriftenthums'angewiefen. WährendHagen-
bach behauptete, ,das Chriftenthum fei dem edlen Geilte Pe-
ftalozzi's nicht klar geworden, vielmehr ein heiliges Dunkel
geblieben, wenn ihm auch in diefem Dunkel fo mancher
Stern aufgegangen', erklärt Nippold, dafs der Begründer
der neueren Pädagogik ,die tiefften Einblicke in
das eigentliche Wefen des Chriftenthums gethan'.

Die Verfchiedenheit der Meinungen bewog den Verf.,
den Gegenftand aufs neue zu unterfuchen und das gewonnene
Refultat in einem im Theolog. Verein zu Gotha
gehaltenen Vortrag mitzutheilen. Diefer Vortrag liegt
uns in neuer Bearbeitung vor. Wir glauben den Inhalt
am beften charakterifiren zu können, wenn wir die Zu-
fammenfaffung diefes Refultates mit den Worten des
Verf.'s mittheilcn. S. 63 fagt derfelbe: ,Nimmt er (Peftalozzi
) auch die Uebernatürlichkeit der Bibel auf Treu
und Glauben hin, ohne fich darüber irgend welche Scru-
pel zu machen und folche bei Andern zu erregen, fo
fehen wir ihn doch ftets, geleitet vom Zuge feines edelen
Herzens, darauf ausgehen, mit ficherem Griffe den unvergänglichen
religiöfen Kern aus der vergänglichen
Hülle herauszuheben und für Herz und Leben fruchtbar
zu machen. Zieht man aber den dünnen fupranaturalen
Schleier, der fich über feine religiöfen Anflehten ausbreitet
, hinweg, fo zeigt die ganze religiöfe Richtung unverkennbar
die innigfte Verwandtfchaft mit derjenigen,
welche uns heutzutage in den Schriften von Heinrich
Lang, Carl Schwarz und Alexander Schweizer entgegentritt
. Ja, die Verwandtfchaft ifl fo grofs, dafs fie, wie
dies fchon die Citate aus den Schriften Peftalozzi's bezeugen
, felbft in der religiöfen Sprache fich kund thut.
Wir find darum auch feft überzeugt, dafs Peftalozzi,
käme er heute wieder, eine Richtung, welche die Zurück-
führung der chriftlichen Gemeinde aus all' den erftarren-
den und erftarrten Dogmen zu den frifchen Quellen des
urfprünglichen und unverfälfehten, noch fo ganz und echt
und lebendig religiöfen und fo gar nicht dogmatifchen
Chriftenthums Chrifti als ihre Aufgabe betrachtet, mit
Freuden begrüfsen würde'.

Der Verf. glaubt alfo nachgewiefen zu haben, dafs
das Chriftenthum Peftalozzi's mit der liberalen kirchlichen
Richtung, welcher er felber huldigt, übereinftimme. Wir
können nicht leugnen, dafs ihm diefer Nachweis gelungen
ift. Damit wollen wir doch nicht gefagt haben, dafs
Peftalozzi, wenn er in unferer Zeit gelebt und der Ent- !
Wickelung des religiös-kirchlichen Lebens, wie es fich
feit mehreren Decennien geftaltet hat, angefchaut und
durchgemacht hätte, auf demfelben religiöfen Standpunkt,
auf dem wir ihn finden, geblieben wäre. Aendert ja

doch derfelbe Menfch unter dem Einftuffe feiner Lebenserfahrungen
feine Anflehten, wie viel weniger dürfen wir
annehmen, der Peftalozzi des 19. Jahrh. wäre ganz derfelbe
gewefen, wie der des 18. Er war wie auch andere
Menfchenkinder, ein Kind feiner Zeit, der, wenn er auch
in fehr vieler Beziehung beftimmend auf diefelbe einwirkte
, doch auch von folcher beeinflufst und beftimmt
wurde.

Wir erkennen es mit Freuden an, dafs er in reli-
giöfer Beziehung himmelhoch über Voltaire und Rouf-
feau, ja auch über den Philanthropiften, über Bafedow
und Campe ftand, dafs er die Frivolität eines Bahrdt
nicht theilte und der flach-rationaliftifchen, ja verftandes-
mäfsigen Auffaffung des Chriftenthums, wie wir folche
vielfach am Ende des vorigen Jahrhunderts finden, nicht
zugethan war. Ebenfowenig fühlte er fich zu der orthodoxen
'oder pietiftifchen Glaubensrichtung hingezogen, und zwar
um fo weniger, da die Geiftlichen diefer Richtung in der
Schweiz in enger Beziehung mit der fchweizerifchen Ari-
ftokratie, welche Peftalozzi in feiner Liebe zum Volke
hafste und glaubte bekämpfen zu muffen, in Verbindung
ftanden. Irreligiös war Peftalozzi gewifs nicht zu nennen.
Ein Inftitutsvorfteher, der täglich mit feinen Zöglingen
und fonftigen Hausgenoffen morgens und abends betete,
und dafür forgte, dafs für die evangelifchen und katho-
lifchen Schüler Sonntagsandachten abgehalten wurden,
ift gewifs nicht irreligiös.

,Er war', wie der Verf. fagt, ,weit davon entfernt, die
Religion blofs aus menfehlichen Quellen abzuleiten, und
wufste nur zu gut, wie der Menfch, um von der Sünde
loszukommen und unbeirrt von ihr dem religiöfen Zug
feines Innern folgen zu können, der helfenden und er-
löfenden Gnade Gottes nicht zu entbehren vermöge.
Darum bekennt er fich wiederholt zu Chrifto, als dem
Erlöfer der Welt, der durch die Kraft des von ihm ausgehenden
religiöfen Geiftes den Menfchen diefe Gnade
Gottes vermittelt und mit ihrer Hülfe die Erlöfung der
verlorenen Gotteskinder auf Erden, die Wiederherftellung
des verlorenen Kinderfmnes vollbringt'.

Er behauptete, dafs es die ei lten Gesichtspunkte einer
Staatsregierung, der es wirklich ernft fei, dafs das Volk
zu weifen, gerechten, mäfsigen Sitten emporgebildet
werde, fein müffe, Achtung des Volkes für den Gottes-
dienft des Landes zu erhalten und zu fördern. In ,Chri-
ftoph und Elfe' fagt Peftalozzi: ,Du kannft ficher fein,
dafs alle die Zucht- und Findelhäufer, der Feftungsbau
und alle Hochgerichte zum eigentlichen Hausglück der
Nation nicht fo viel beitragen, als das ftille Thun eines
Pfarrers, der Kopf und Herz für feinen Polten recht in
der Ordnung hat'.

Schon aus diefen Aeufserungen ergiebt fich, dafs
Peftalozzi hauptfächlich die Religion und insbesondere
das Chriftenthum wegen des heilfamen Einfluffes auf die
Gefinnungen und Sitten des Volkes hoch fchätzte. Sein
eigener religiöfer Sinn bewies fich in feinem, den Grund-
fätzen des Evangeliums entfprechenden Lebenswandel.
Darin ftimmen ja alle Schriftfteller, welche fich über Peftalozzi
's Religiofität ausgefprochen haben, überein, dafs
derfelbe die chriftlichen Tugenden: Liebe, Befcheiden-
heit, Demuth in reichem Mafse ausgeübt hat. Ihm war
das Chriftenthum das Höchfte, wonach der erhabenfte
Menfch ftreben könne, weil es ihm die gröfste Kraft
gebe, den Geilt herrfchen zu machen über das Fleifch.
Das Chriftenthum fei ganz Sittlichkeit, darum auch ganz
die Sache der Individualität des einzelnen Menfchen.
Für die eigentümlichen chriftlichen Dogmen und namentlich
die dogmatifchen Streitigkeiten hatte er keinen
Sinn. Bei dem Religionsunterricht legte er Sowohl den
Heidelberger wie den Lutherifchen Katechismus bei
Seite. Nur die heil. Schrift, befonders das N. T. tollte
bei dem Unterricht benutzt werden ; doch legte Peftalozzi
mehr Gewicht auf die religiöfe ETziehung, als auf
den religiöfen Unterricht. Dabei ftellt er den Glauben