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Ausgabe:

1881 Nr. 12

Spalte:

287-289

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Usener, Hermann

Titel/Untertitel:

Legenden der heiligen Pelagia 1881

Rezensent:

Bonwetsch, Gottlieb Nathanael

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 12.

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blofser Duldung des Chriftenthums beruhendes Verhält-
nifs unmöglich. Da erkannte Conftantin mit genialem
Blick, dafs der Staat das Chriftenthum als weltgefchicht-
liche Macht in feinen Dienft zu nehmen habe, und dem
Staat felbft war dies feit etwa der Mitte des 2. Jahrh.'s
nicht mehr feind. Diefen Plan hat Conftantin fehr be-
fonnen durchgeführt, ohne Kataftrophen das Reich in
die neue Ordnung hinübergeleitet, zugleich aber auch
die Kirche zur ergebenen Dienerin des Staates gemacht.
Verdienftlich ift der Nachdruck, mit welchem Brieger
hervorhebt, dafs Conftantin das Chriftenthum nicht zur
Staatsreligion erhoben, vielmehr nur ein durchaus paritäti-
fches Verhältnifs hergeftellt, aber als Ziel die Herrfchaft
der chriftlichen Kirche angeftrebt und bewufst im Auge
behalten habe. — Brieger hat unzweifelhaft endgiltig
dargethan, dafs gewifs perfönliches Chriftenthum nicht
das treibende Motiv des Lebens Conftantin's ge-
wefen, und, wie mir fcheint, die Beweggründe für feine
Kirchenpolitik durch ftreng methodifche Unterfuchung
in durchaus treffender und überzeugender Weife klar
gelegt. Dennoch halte ich dafür, dafs wir über Conftantin
's religiöfe Motive nicht blofs auf Vermuthungen
angewiefen find, fondern dafs folche als mitwirkend fich
wahrfcheinlich machen laffen, und daher vom Hiftoriker
nicht unberückfichtigt bleiben dürfen. Im Monotheismus,
dem fchon fein Vater gehuldigt Eus, V. C. I, 17, war
die Befähigung zur Erkenntnifs der welthiftorifchen Bedeutung
des Chriftenthums gegeben. Und gerade der
Monotheismus ift es ja, was Conftantin vom Chriftenthum
erfafst und in deffen Sinn er es verwerthet. Durch
jenen erften Schritt in chriftlicher Richtung 312 ficht ja
auch Brieger S. 15 und 29 den Gott der Chriften als
Schlachtengott aufgeboten gegenüber den Kriegsgöttern
des Olymp und polytheiftifcher Mantik; ein folches
Recurriren auf göttlichen Beiftand erfcheint aber als
religiöfer, wenn fchon hier fuperftitiöfer, Act. Auf poli-
tifche Motive hierfür liefse fich nur fchliefsen, wenn
Conftantin feines Sieges von vorn herein ficher .gewefen
wäre, während doch vielmehr Maxentius über eine grofse
Uebermacht verfügte (vgl. Burckhardt S. 358 ff.). Auch
Gafs (Realenc. 2. Aufl.) hat daher eine gewiffe Mitwirkung
religiöfer Motive anerkannt. — Nur beiläufig mochte
ich Bedenken erheben gegen das S. 26 ff. von der un-
verföhnlichen Feindfchaft der älteften Kirche gegen den
Staat Gefagte. Damit kann ich nicht vereinen die Lehre
der Schrift von der Obrigkeit als göttlicher Ordnung
und der Pflicht der Fürbitte für fie und die Haltung der
Apoftelgefchichte, fowie Clem. Rom. I, 61 und die Sitte
des Gebetes pro mora finis Tcrt. apol. 39, welches letztere
fchwerlich eine Neuerung war. — Sehr intereffant ift in
zwei Beilagen der Erweis, dafs jenes Bekenntnifs zum
Chriftenthum 312 kein mifsverftändliches gewefen, und
dafs die Kunde von der Aufftellung der Bildfäule Conftantin
's mit dem Kreuz gleich nach dem Sieg über
Maxentius, in Fuf. KG. 9, 9 vielleicht erft durch fpätere
.Ueberarbeitung gekommen, unglaubwürdig fei.

Dorpat. Bonwetfch.

Usener, Herrn., Legenden der heiligen Pelagia. Bonn 1879,
Marcus. (XXIV, 62 S. gr. 8.) M. 2. —

In Bewältigung ihrer Aufgabe, die Welt zu chriftia-
nifiren hat die alte Kirche fich vielfach den Vorftellungen
und Sitten der heidnifchen Völker anbequemt und ihnen
in modificirter Geftalt den Eingang verftattet, zumal im
4. Jahrhundert. Sie hat ihren Glauben zum Syftem ausgebildet
mit den Mitteln einer auf heidnifchem Boden
erwachfenen Philofophie, hat ihrem Cultus Myfterien-
charakter aufgeprägt, heidnifche Cultustage durch chrift-
liche Fefttage erfetzt u. a. m. Von der Erkenntnifs
diefer Thatfache aus hat nun Ufener den Nachweis unternommen
, wie auch die chriftliche Legende an die Stelle
der alten Mythe getreten ift, fo dafs wir unter der Hülle

des chriftlichen Gewandes eines Heiligen noch die alte
heidnifche Localgottheit fchauen können. Er hat dazu
die Legenden der heil. Pelagia gewählt, für welche er
den Untergrund in der Mythe von der Aphrodite erblickt.
Auf eine Reihe verwandter Legenden hinweifend, hat er
zwei Formen von Legenden der Pelagia edirt, die Reue
der Pelagia von Antiochia, verfafst vom Diakonus Jakob
(im 2. Viertel des 5. Jahrhunderts) ,und die Legende der
Pelagia von Tarfos. — Eine Edition Ufener's, bei welcher
demfelben Gildemeifter, Wright, Bonnet und Mau Handreichung
gethan, zu kritifiren, wird natürlich ein Theologe
fich nicht unterfangen. Ihre Muftergiltigkeit ift ja
bekannt. Nur bemerken möchte Ref., dafs eine Hand-
fchrift der Moskauer Synodalbibliothek — nach Matthai
No. 175 (gegenwärtig wohl 174), ein Pergamentcodex aus
dem 11. Jahrhundert, welcher von Fol. 17—27 die erftci e
Legende enthält — unberückfichtigt geblieben ift. —
In der Reue der Pelagia erfcheint diele als Ballettänzerin,
Margarito ihres Perlenfchmucks wegen genannt, die durch
die Predigt vom zukünftigen Gericht zur Bufse geführt
wird und nach Ablegung des Taufkleides im Männergewand
als Mönch Pelagios in einer Zelle am Oelberg
| asketifchen Uebungen lebt. Eine gefchichtliche Erinnerung
von einer bekehrten Buhlcrin liegt diefer Erzählung
zu Grunde, ihre hiftorifche Einkleidung aber ift
apokryph. Ambrofius wie Chryfoftomus zeigen, wie in
Antiochia noch eine andere hl. Pelagia gefeiert wurde,
welche als Braut fich zur Bewahrung ihrer Virginität den
Tod giebt. Mit ihr berührt fich die Pelagia von Tarfos,
die Verlobte des Kaiferfohnes, welche lieber den Tod
als die Ehe erwählt; und mit diefer das von der An-
thufa zu Seleukeia Berichtete, fowie die Legenden von der
Marina im pifidifchen und der Margarita im fyrifchen
Antiochien, deren Väter und Verfolger gleichen Namens
find. Durch die gleiche anrüchige Vergangenheit ift mit
j der antiochenifchen Pelagia die tyrifche verknüpft. Der
gleiche Gedächtnifstag mit jener kommt auch der be-
! kehrten Buhlerin Taifis zu. — Eine Ausfpinnung des
t fcheinbaren Gcfchlechtswechfels zu feinen Confequenzen
i durch den gegen den vermeintlichen Mönch erhobenen
Vorwurf auf Verführung eines Mädchens findet fich bei
einer Margarita-Reparata, einer Marina, Tochter des
Eugenios in Bithynien, einer Eugenia, der Kaifertochter
Apollinaris, der Alexandrinerin Theodora. Einfacher ift
' die Erzählung von der Euphrofyne und der Matrona aus
Perge (die 7 Letzteren bei Migne 114—116). — Scharf-
finnig hat Ufener die Beziehungen vieler von diefen
Legenden untereinander darzuthun gewufst. Den ge-
I meinlamen Stamm aber, welchem diefes reiche Geäft von
Legenden entfproffen, erblickt Ufener in der Aphrodite,
! dem Idealbild buhlerifcher Schönheit. Denn fie ift die
Göttin des Meeres Pelagia-Marina; Margarito, Anthufa
find ihre Beinamen. Buhlcrei und Sprödigkcit aber ver-
! eint die femitifche Hermaphrodite, deren Verehrung eben
dort im fyrifchen Winkel des Mittelmecrs blühte, wo die
I Variationen der Pelagialegende zu Haufe find. — Ein
' Zufammenhang diefer verfchiedenen Legenden läfst fich
[ nicht bezweifeln. Zwar, dafs in Ablehnung ehelicher
! Anträge die Märtyrerinnen geftorben find, ift ein ziemlich
flehender Zug der fpäteren Märtyrerlegende, ja fchon
feit Thekla, die Braut des Thamyris, Märtyrerin werden
follte. So ift auch der fcheinbare Gefchlechtswechfel
] häufig genug in der Legende (man vergl. nur die bei
| Migne 114—16 dem Simeon zugefchriebenen). Aber die
I Gleichheit der Namen, oft auch der Fefttage, bei Ver-
wandtfehaft des Motivs zeigt die Zufammengehörigkeit,
I fo wenig feiten auch die Namen Pelagia und Marina
find. Man kann an einen gefchichtlichen Ausgangspunkt
denken, nicht unwahrfcheinlich ift; aber auch die mythifche
Wurzel. Wenn dann namentlich in den egyptifchen Legenden
noch Verwicklungen aus dem Gefchlechtswechfel
folgen, fo kann die Ifismythe mit eingewirkt haben,
mufs es aber nicht, da auch das Bemühen der Novclliften