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Ausgabe:

1881 Nr. 11

Spalte:

265-266

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnisch, F. W.

Titel/Untertitel:

Das Leiden, beurtheilt vom theistischen Standpunkt 1881

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. II.

266

mit der modernen Speculation nähere Berührungspunkte,
ausgenommen höchftens den Beweis für die Subftantia-
lität der Seele bei Lotze und Teichmüller und die darauf
fufsende Behauptung derUnfterblichkeit bei letzterem.
Bei der Art, wie der Herausgeber die Judenfrage erwähnt
, läfst fich die Vermuthung fchwer unterdrücken,
dafs apologetifches Intereffe für das Judenthum ein
Hauptmotiv für die Herausgabe gewefen ift; da wäre
denn der Erfolg zu wünfchen, dafs Mendelsfohn'fcher
Geift durch diefe Ausgabe neu unter den Juden belebt
würde. Doch ftehe es mit den Motiven diefer Ausgabe
und mit ihrer Berechtigung, wie ihm wolle, was der Herausgeber
geleiftet, ift jedenfalls vortrefflich. Auf 90 Seiten
ift zunächft M.'s Leben und feine Bedeutung für Philo-
fophie und Literatur des 18. Jahrhunderts dargeftellt; er
ift gewürdigt als Popularphilofoph, als einer der Schöpfer
unferer deutfehen claffifchen Profa und als Reformator
des Judenthums. Diefe Charakteriftik giebt, anfeheinend
mit Abficht, über die geiftige Bewegung, in die M. eingreift
, nur ein fkizzenhaftes Bild, fie befchränkt fich in
diefer Hinficht gewiffermafsen auf Ueberfchriften; dafür
hat fie ihre Stärke in dem lebendigen Bilde feiner Per-
fönlichkeit, das fie auf Grund feiner Correfpondenz entwirft
, und in dem fehr forgfältig beigebrachten Detail
der literarifchen Notizen. Den einzelnen Schriften find
Einleitungen vorausgefchickt, in denen über die Entfteh-
ung derfelben berichtet und ihr Gedankengang dargelegt
wird, fowie vielfach literargefchichtliche Noten beigegeben
. Aufser den philofophifchen Hauptwerken erhalten
wir eine Auswahl kleiner Effais über äfthetifch-ethi-
fche Fragen, die M. in den mit Nicolai refp. Leffing
herausgegebenen Zeitfchriften veröffentlicht hat. Die
dritte Rubrik ,Schriften zur Apologetik des Judenthums'
umfafst aufser Jerufalem' und der Einleitung zur Ueber-
fetzung einer Rettung der Juden Mittheilungen aus der
Correfpondenz M.'s mit Lavater, Bonnet, dem Erbprinzen
von Braunfchweig, fowie ,Betrachtungen über Bonnet's
Palingenefie'. Die typographifche Ausftattung läfst nichts
zu wünfchen übrig.

Magdeburg. J. Gottfchick.

Harnisch, F. W., Das Leiden, beurtheilt vom theiffifchen
Standpunkt. Ein hiftorifch-kritifcher Verfuch. Halle
1881, Niemeyer. (108 S. 8.) M. 2. —

Die Schrift will vom Standpunkt des ,concreten'
(ethifchen) Theismus aus die Frage beantworten: warum
leiden wir, warum leiden überhaupt lebende Wefen? Zunächft
wird die Vorfrage nach Realität und Quantität
des Leidens erörtert gegenüber dem Optimismus und
dem Peffimismus; das Refultat ift eine ^ermittelnde' Anficht
, d. h. nach der Meinung des Verf.'s überwiegen die
Leiden. Eine fchon hier fich verrathende Neigung des
belefenen Verf.'s zu fchematifiren findet ein weites Feld
fich ausgiebig zu bethätigen in der folgenden hiftorifchen
Ueberficht über die hauptfächlichen Löfungsverfuche.
Es werden zunächft diejenigen, welche das Leiden aus
metaphyfifcher Nothwendigkeit begreifen, dargeftellt und
widerlegt. Verf. ftimmt fchliefslich Ulrici zu, der das
Leiden als Bedingung des Endlichen anfleht, fofern das-
felbe wird; doch ergänzt er U., indem er zeigt, dafs die
Gemeinfchaft der perfönlichen Geifter mit Gott, d. h.
der Endzweck der Welt, fich nur durch felbftthätige
Entwicklung der letzteren verwirklichen kann, dafs die
Entwicklung nur auf Grund der finnlichen, Leiden ver-
urfachenden Natur möglich ift, dafs die Menfchen zu
ihrer Erhaltung und Entwicklung einer finnlichen, d. h.
dem Leiden unterworfenen Thierwelt bedürfen, wobei
er zugefteht, dafs für das über diefen Zweck weit hinausgehende
Mafs der Leiden der Thiere keine Löfung
zu finden ift. Dann folgt eine Ueberficht über die Theorien
, welche das Leiden aus ethifchen Gefichtspunkten
erklären. Natürlich findet fich auch wieder das traditio-

nelle Mifsverftändnifs Kant's, als ob diefer die Sünde
aus einer Freiheitsthat des homo voaviievog {sie!) erkläre.
Der Verf. betrachtet eine grofse Anzahl von Leiden als
pofitive Strafe (nicht blofs natürliche Folge) für die
Sünden der Einzelnen, indem er die abfolute Nothwendigkeit
der äquivalenten Strafe für jede einzelne Sünde
und das Recht des Sünders auf Strafe behauptet, womit
denn freilich wunderlich genug contraftirt, dafs der ab-
foluten Straftheorie fofort die der Bcfferung fubftituirt
wird. Zudem verwahrt er fich dagegen, dafs die A11-
fchauung vom Leiden als Strafe auf die einzelnen Leiden
praktifch angewendet werde. Endlich rechtfertigt er das
Leiden als nothwendige Bedingung für die Entwicklung
des fittlichen Charakters und des religiöfen Glaubens.
Im Intereffe der Seligkeitshoffnung weift er die Vorftel-
lung der ewigen Verdammnifs ab und fetzt an ihre Stelle
die fchliefsliche Vernichtung der Verftockten.

Die Schrift ift mit anerkennenswerthem Fleifse gearbeitet
. Doch ift die Reproduction mancher Anflehten z. B.
vonBiedermann undLipfius ungenau und die Widerlegung
bisweilen oberflächlich. Der Verf. verfetzt fich nicht hinreichend
auf den Standpunkt der zu widerlegenden Anficht.
So ift bei der Kritik der metaphyfifchen Theorien aufser
Acht gelaffen, dafs von ihnen das Leiden nicht nur caufal
erklärt, fondern diefe Erklärung der Teleologie untergeordnet
wird. Als Hauptmangel erfcheint dem Ref. der
Gefichtspunkt, von dem der Verf. an das Problem herangegangen
ift; er behandelt den Theismus als eine wiffen-
fchaftliche Hypothefe, die anfeheinenden Widerfprüchen
der Erfahrung gegenüber gerechtfertigt werden foll: in
Wahrheit ift derfelbe eine praktifche Weltanficht, deren
Bedürfnifsgrund in dem Contraft des perfönlichen Selbft-
gcfühles des Menfchen mit feiner Leidenslage in der
Welt liegt. Von da aus wird die Frageftellung eine ganz
andere. Bei der dreifachen Erklärung des Leidens, welche
der Verf. vorträgt, wird es aber nur dadurch allenfalls
möglich, den Theismus praktifch anzuwenden, dafs er
der II. Erklärung (Strafe) die Spitze abbricht.

Magdeburg. J. Gottfchick.

Bibliographie

von Dr. Caspar Rene" Gregory.
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