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Ausgabe:

1881

Spalte:

253-256

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Biesenthal, Joh. H. R.

Titel/Untertitel:

Das Trostschreiben des Apostels Paulus an die Hebräer 1881

Rezensent:

Schmiedel, Paul

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253

Theologifche Literaturzeitung.. 1881. Nr. II.

254

Gefchichtsauffaffung bekundet p. 90: ,Beide, Juden- und
Heidenchriften, achteten fich als Gefchwifter und
erkannten in dem ungläubigen Theil der Juden wie der
Heiden ihren Bruder'. Und zum Minderten fehr läp-
pifch irt die — zudem nur durch ein höchft merkwürdiges
Rechenexempel gelingende —Allegorifirung der 12 Körbe
voll Brocken (Joh. 6, 13) als der von den Jüngern ,uns
hinterlaflenen Schriften' (p. 46)!

Solche und noch manche andere Proben gewalt-
famer oder fader oder fabulirender .Auslegung' fowie der
nicht feltene {cf. p. 26. 37. 48. 65. 99. 108. in u. a.)
Mangel einer fpringenden und verbindungslofen Gedan-

den geiftigeren und höheren Gaben dagegen nirgends
die Rede (215). Die Art der Behandlung irt nicht die
gloffatorifche, fondern mehr die reproducirende, wobei
vieles andeutungsweife und meift richtig erledigt wird.
Fremde Anflehten werden nur feiten erwähnt, freilich
manchmal überhaupt nicht berückfichtigt, fo dafs man
über eine Anzahl ganz wichtiger exegetifcher Streitfragen
keine Auskunft erhält (1, 6 7iüliv. 2, 9 o/rcog. 2, 14 xpdroe.
3, 1 o/aoXoyLag. 3, 2 Tton^aavTi und avvov, 3, 10 öiö. 10, 20
ociQ/iög. 11, 1 slnL'Qoiitviov und ov ßlsnofisviov. 11,40. 13,
10. 20. iv ai'fiazi).

Das Hauptgewicht fällt eben auf den Nachweis der

kenentwicklung berühren um fo unangenehmer, als der hebräifchen Urfprache. Während der Verf. feinem rabb_
Verf. anderwärts {cf. z. B. nur Nr. 10. 12. 13. 28 u. a.) fehr nifchen Comrnentar von 1857 (2. Aufl. 1858, cf. S. 92, 1)
einfach, fachgemäfs und finnig auszulegen und fchön j nach Delitzfch, Comm. zum Hebr. S. XL die englifche
darzuftellen verfteht, und da er durch fo Manches, wie ! hebräifche Ueberfetzung zu Grunde legte, bietet er jetzt
z. B. feine fchönen Erörterungen über das h. Abendmahl j einen Text, der gegenüber allen hebräifchen Ueber-
(p. 42. 45. 102 f.), feine gefunde und gefchichtliche Auf- ! fetzungen, die Ref. vergleichen konnte, vollkommen felb

faffung der Gethfemane-Scene (p. 107) und des Kreuzes
Wortes Matth. 27, 46 (p. 113 f.) u. a. m. eine fehr löbliche
Gcirtesfreiheit und chriftliche Weitherzigkeit ä la
Phil. 1, 18 an den Tag legt.

Ref. wünfeht dem warm gefchriebenen und überall
für .innerlich-wahre Frömmigkeit' (p. 128) eintretenden
Schriftchen, deffen Mängel bei einer zweiten Auflage fich
gewifs befeitigen laffen, weite Verbreitung bei Geiftlichen
fowie bei Lehrern und Schülern höherer Lehranftalten.
Befonders Prediger wird die Leetüre der nicht weniger
als 30 der altkirchlichen Perikopen befprechenden

ftändig ift. Ref. irt nicht in der Lage, zu beurtheilen, obdiefer
oder einer andern fprachlich der Vorzug gebührt. Sicher
aber irt, dafs, wenn der Ueberfetzer (vielleicht Lucas) nach
des Verf.'s eigenem Zugertändnifs (38,1) den Stil gänzlich
verändert hat, eine Rücküberfetzung, die fich fo eng an den
griechifchen Text anfchliefst, dafs fie deffen umfängliche
und tadellofe Perioden meift fo ziemlich nachbildet, fo-
gar Citate ihm zu Liebe ändert (2, 6 f. 3,9. 9,20. 12,5
f. 15), dem Original unmöglich wirklich nahe kommen
kann. Und in der That braucht man nur Stellen wie
}, 3- 2, 1—3- 6, 19 f. 7, 1—3. 9, 11 f. 10,19—23. 11, 7. 14.

kurzen Abhandlungen zu neuen Ideen anregen. in der Rücküberfetzung zu lefen, um fich zu fagen, dafs

Giefsen. Wilh. Weiffenbach. j ein hebräifches Original fo nicht gelautet hat. Bei gröfse-

rer Abweichung vom griechifchen Texte wäre freilich
die Wahrfcheinlichkeit, das Urfprüngliche zu treffen, noch
Biesenthal, Dr. Joh. H. R., Das Trostschreiben des Apo- weit geringer. Wir verkennen alfo keineswegs dieSchwie-
stels Paulus an die Hebräer, kritifch wieder hergeftellt ! rigkeit der Aufgabe; im Gegentheil, wir müffen fie, fo
und fprachlich, archäologifch und biblifch-theologifch , gefafst, für unlösbar halten. Der Werth der Rücküberfetzung
concentrirt fich daher für uns und vielleicht auch
für den Verf. (S. VIII; in dem Nachweis von Ueber-
fetzungsfehlern, deren S. 362 20 aufgezählt werden (dazu
kommt noch 3, 16 SlXprjOavteg für uMi aavteg). Die Ver-
änderungsvorfchläge find faft fämmtlich fehr fcharffmnig;
aber die Anftöfse, welche durch fie befeitigt werden follen,
find theils kaum vorhanden (8, 2. 1,2. 3, 16 4,12. 5,7 [nicht
17]. 7,4. 16 [nicht 15]. 12, 18 [nicht 28]), theils nur für

erläutert. Leipzig 1878, Fernau. (XII, 362 S. gr. 8.)
M. 10. 50.

Ein ganz eigenartiger Comrnentar, durch und durch
felbrtändig, mit dem Motto: ,nicht Leier noch Pinfel —
eine Wurffchaufel für meine Mufe, die Tenne heiliger
Literatur zu fegen!' Hauptzweck irt der Nachweis, dafs
der Hebräerbrief von Paulus und urfprünglich in der

Sprache der Mifchna gefchrieben fei. Daher irt es be- ! den dogmatifchen Standpunkt des Verf.'s, der trotz der

greiflich, dafs bezüglich des griechifchen Textes nicht
nur grammatifche Erläuterungen abgelehnt (S. IX), fondern
auch die fchwierigen Fragen der Conftruction, mit
welcher der Ueberfetzer natürlich frei fchaltet, meift
ubergangen werden (4, 12. 6, 1 f. 18. 9, 9 f. etc.). Wenig
Berückfichtigung findet fodann die Textkritik. Verwerfirrungen
des Ueberfetzers den Infpirationsglauben (S. IX),
insbefondere die Uebereinftimmung mit dem A.T. aufrecht
erhalten will (7, 5 Xevtv (ütlctöv. 11, 26), theils wenig-
ftens find fie nicht beweiskräftig (2, 13. 4, 13. 6, 19. 11, 27J.
Leider fehlt der Raum, dies zu begründen. Wir können
auch die noch übrigen wichtigften Vorfchläge nur an-

liche Lesarten des t. nee, darunter deoftnig (jap 10, 34 führen. Das tägliche Opfer des Hohenpriefters 7,27 wird
und di/.iaog ohne fiov 10, 38, werden ohne jede Recht- j ein nTt trqv (= an jedem Verföhnungstage) in ein jähr-
lertigung befolgt, textkritifche Anmerkungen überhaupt | liches verwandelt, die Beweiskraft von 2, 3 gegen pauli-
nur feiten gemacht; von ywfig ötov 2, 9 glaubt der nifche Abfaffung dadurch gebrochen, dafs c-rTin a
Verfaffer ,um fo weniger Notiz nehmen zu müffen, da comparativ gefafst wird: das Heil ift uns, die wir es felbft
die andere Lesart die Pefchito und alfo den älterten ; gefehen, feft geworden mehr als denen, die es am
Zeugen für fich hat'. Bezüglich des .dogmatifchen Lehr- ! Sinai blofs gehört. Der Gebrauch von öiaobjzr, 9, 17 be-
begriffs' verweift der Verf. einfach aufRiehm (IX), der i weife für hebräifche Urfprache durch Zurückgehen auf
doch die paulinifche Geiftesart des Briefs gerade fcharf [ die Etymologie von rvng = Zerfchneidung des Opfer-
bertreitet. Eine Gliederung des Inhalts wird nicht ver- 1 thiers^ (diefes alfo ift gemeint mit dia&£(.ievog und Lei
fucht, fondern lediglich die Capiteleintheilung befolgt, ; VSXQois). Befonders beachtenswerth ift der Vernich,
gegenüber dem Beginnen eines Hauptabfchnitts mit 4, 14 IO, I—II nicht auf den Verföhnungstag, wogegen 10, 2. 11,
fogar gerechtfertigt (142). Verhältnifsmäfsig den meiften fondern auf das tägliche Opfer zu beziehen. Für etg
Raum nimmt eine freie Wiedergabe des Textes mit Be- to dirjve/.kg 10, 1. 12 ftand nren als Subftantivum, yiQoa-
gründung feiner fachlichen Richtigkeit ein, die zur Er- j SQXOfievöi 10, 1 find die Standmanner, d. h. die Vertreter
läuterung zwar nicht immer unbedingt nöthig wäre, aber j des Volks, die als Zeugen dem täglichen Opfer beizu-
auf jeder Seite von der warmen Begeirterung des Verf.'s wohnen hatten, xaT faiavxov 10, 1 ift Mifsverftändnifs von
für den Inhalt des Briefs und von der tiefen Durch- ! r?. -v n?« (in der Mifchna = .täglich'), 7iollav.ig 10, 11
dringung feines Denkens mit dem religiöfen Gehalte irrige pluralifche Auffaffung von or:s e = Morgens und
desfelben zeugt. In dem Preis des neuen Bundes geht Abends. Allein Beweiskraft haben alle diefe Aufteilungen
er fogar fo weit, zu behaupten, in den Verheifsungen auch abgefehen von dem Zweck der Befeitigung dogma-
des A. T. fei nur von Korn, Moft und Oel u. f. w., von i tifcher Anftöfse fchon an fich nicht, noch viel weniger