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Ausgabe:

1881 Nr. 11

Spalte:

251

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spiess, F.

Titel/Untertitel:

Der Tempel zu Jerusalem während des letzten Jahrhunderts 1881

Rezensent:

Schürer, Emil

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251

Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 11.

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genfatz zu gefchichtlicher Entwicklung ift. Dafs fie das
nicht ift, fucht Smith mit beftem Erfolg in den beiden
einleitenden Vorlefungen zu zeigen. Es ift nur zu wün-
fchen, dafs er damit nicht nur feine Freunde überzeugt,
fondern auch feine Widerfacher beruhigt. Jedenfalls
liegt es im Intereffe der Schottifchen Freikirche, fich mit
der Wiffenfchaft und dem geiftigen Leben in Contact
zu erhalten; es werden aber wenige Leute fich finden,
die ihr diefen Dienft fo gut leiften können und fo bereitwillig
leiften wollen, als Prof. Robertfon Smith.

Greifswald. Wellhaufen.

Spiess. F., Der Tempel zu Jerusalem während des letzten
Jahrhunderts feines Beftandes nach Jofephus. Mit 1
lith. Taf. [Sammlung gemeinverftändl. wiffenfchaftl.
Vorträge, 358. Hft.] Berlin 1880, Habel. (36 S. gr. 8.)
M. 1. —

Eine in allem Wefentlichen correcte, auf forgfältiger
Leetüre des Jofephus beruhende Befchreibung des hero-
dianifchen Tempels. Der Text giebt nur die Refultate
in knapper Zufammenfaffung. Die Belegftellen find am
Schlufs (auf drei Seiten) zufammengeftellt. Gelehrte Erörterung
des Details ift ausgefchloffen. Zu bedauern ift,
dafs der Verf. fich auf Jofephus befchränkt und die Mifchna
nicht — oder doch nur ganz fporadifch und offenbar nicht
auf Grund eigener Leetüre — benützt hat. Die Dar-
ftellung ift infolge deffen an manchen Punkten lückenhaft
. Namentlich ift die Befchreibung des eigentlichen
Tempelhaufes (des vaoe) nicht fo deutlich und genau,
wie fie unter Berückfichtigung jener andern Quelle hätte
ausfallen können. Der Verf. hätte dann auch auf manche
Fragen, die er jetzt unentfehieden laffen mufs, eine be-
ftimmte Antwort erhalten. So ift ihm z. B. (S. 27) nicht
klar, auf welchem Wege man in das Obergemach, welches
über dem eigentlichen Tempelraum fich befand,
gelangte. Die Mifchna fagt dies ganz genau (nach Mid-
doth IV, 5 gelangte man nämlich mitteilt einer Wendeltreppe
auf das Dach der kleinen Gemächer, welche den
Tempel auf drei Seiten umgaben; und von diefem Dach
führte auf der Südfeite eine Thüre in das Obergemach).
— Hier und da finden fich auch kleine Incorrectheiten.
So fchliefst der Verf. z. B. (S. 15) aus Jos. Ant. XVIII,
2,2, dafs die Tempelthore für gewöhnlich fchon um
Mitternacht von den Prieftern wieder geöffnet wurden,
während dies nach der angeführten Stelle doch nur am
Paffafefte gefchah. S. 18 ift die Angabe des Jofephus,
dafs der Tempelplatz je ein Stadium in der Länge und
Breite gemeffen habe, gegen den ausdrücklichen Wortlaut
des Jofephus auf den inneren Vorhof bezogen. —
Für eine populäre Darfteilung wäre an manchen Punkten
auch eine gröfsere Anfchaulichkeit und Deutlichkeit
wünfehenswerth gewefen. So wird es z. B. den wenig-
ften Lefern klar werden, dafs die drei Thore, welche S.
19 unten erwähnt werden, identifch find mit den auf S.
21 unten erwähnten drei Thoren. Diefer letztere Mangel
wird allerdings ausgeglichen durch den beigegebenen
lithographirten Plan des Tempels.

Giefsen. E. Schürer.

Vogel, Sem.-Oberlehr. Jul., Die Wunder Jesu als Gleichnisse
. Eine erbauliche Auslegung der Lebensge-
fchichte des Heilands. Löbau 1880, Walde in Comm.
(140 S. 8.) M. 1. —

Unter vorftehendem Titel erhalten wir vom Verf.
eine .erbauliche Auslegung' nicht ,der', fondern eines
Ausfchnittes der Lebensgefchichte des Heilandes, in
specie des Wunderbaren in und an diefem Leben. Zwar
darf (laut der .allgem einen Darlegung' p. 128—136),
zumal bei der durchfehnittlich ablehnenden Stellung un-
ferer Zeitgenoffen dazu, ,der wahre Chriftenglaube fich

nicht mehr auf die Wunder als folche gründen, fondern
er mufs in der feften Ueberzeugung wurzeln, dafs
! im Chriftenthum göttliche Gedanken verkörpert
| find, welche der Menfchheit das Heil auf immerdar
fichern' (p. 133). Nichtsdeftoweniger haben die Wunder
nach dem Verf. ihr gutes gefchichtlichcs und religiöfes
I Recht: ihr gefchichtlichcs, infofern ,des Heilandes Leben
j ohne die Wunder nicht Wunder gewirkt hätte' (p. 131),
ihr religiöfes, da ,auch in den Wundern göttliche Heils-
gedanken enthalten find' (p. 133). Letzteren nachzuspüren
und auf dem Grunde der zeitlichen Begebenheit
(aber ohne deren Verflüchtigung zu blofsen Ideen)
die in jener enthaltene .ewige Idee', den vom Streit um
den äufseren Hergang unabhängigen ,tieferen Sinn',
den dem nagenden Zweifel entrückten .Kern' der Wunder
(p. 134) ins Licht zu ftellen, ift Zweck der Vogel'-
fchen Schrift. Was fchon Jefus felbft(?) bezüglich
einiger feiner Wunder gethan hat (p. 135 f.), das dehnt
I jene auf alle aus, indem fie diefelben als .Sinnbilder
höherer Wahrheiten' fafst.

Gegen das Recht und den Werth einer folchen Betrachtungsweife
kann kaum etwas eingewendet werden.
Dagegen mufs Ref. gegen die Betitclung der Wunder
j ,als Gleichnifse' Einfpruch erheben. Ift das Gleich-
1 nifs die bildliche Erzählung eines erdichteten, aber
1 an fich möglichen Vorgangs behufs Verfinnlichung oder
! Verdeutlichung einer beftimmten religiös-fittlichen Wahr-
| heit, fo kann man die Wunder Jefu zwar als .Sinnbil-
! der höherer Wahrheiten' (p. 136), aber nicht als .Gleich-
| nifse' auffaffen. Aber auch noch in anderer Hinficht
1 harmoniren Titel und Inhalt des Büchleins nicht. Nach
dem Titel follen ,die Wunder Jefu', d. h. doch die von
Jefus verrichteten wunderbaren Thaten (,feine Natur-
thaten, feine Krankenheilungen, feine Todtenauferweck-
ungen' p. 33—91) befprochen werden: in Wirklichkeit
behandelt der Verf. auch, und zwar in gleicher Raum-
I Breite, die an Jefus vollzogenen (Gottes-)Wunder,
welche feine Anfänge fp. 7—32) und feinen Ausgang
(p. 92—127; umgeben. Solche willkürliche Begriffserweiterung
ift aber abzuweifen.

Die Ausführung feines Stoffes giebt der Verf. in
I 34 Perikopen, deren jeder durchfehnittlich 3—4 Seiten
gewidmet find. Dem ,in möglichft engem Anfchlufs an
| Luther's Ueberfetzung' und nur feiten nach dem Grundtext
revidirt an die Spitze geftellten Bibelabfchnitte folgt
jedesmal zunächft ein kurzer Excurs über die Erzählung
als folche, worauf der Verf. fofort, öfters recht unvermittelt
, zur pneumatifch-allegorifchen Auslegung
übergeht. Diefe ift meiftens eine kurze und gute, aus
dem Texte felbft herauswachfende und mit Ausfprüchen
hervorragender Geifter, Bibelfprüchen, .geiftlichen lieblichen
Liedern' u. a. dgl. luvüna orationis anmuthig durch-
flochtene. Doch fehlt es andererfeits auch nicht an künfteln-
I den oder gefchmacklos-fpielenden oder geradezu mit den
Haaren herbeigezogenen und innerlich unwahren Analo-
gieen und Deutungen, an poetifch fehr geringwerthigen
Liederverfen fowie an unpaffenden oder doch ungefchickt
j und mit verftimmender Abfichtlichkeit eingefügten (bib-
lifchenund fonftigen)Citaten. So verwandelt fich, um nur das
Gröbfte zu nennen, der Zuruf: Fahre aus auf die Höhe!
(Luc. 5, 4) unter des Verf.'s Händen fchliefslich in die
Aufforderung an Petrus zu ausgedehntefter Heiden -

wirkfamkeit ,von Antiochia bis--nach Rom' (p.

34). Oder zur Wafferverwandlung in Cana wird p. 39
die mofaifche Verwandlung des Nilwaffers in Blut (Ex. 7)
allegirt. Gelegentlich der Verklärungsgefchichtc Teiltet
der Verf. den Satz: .Petrus als das Haupt(?) der Gemeinde
ift in gewiffem Sinne der Statthalter Chrifti
{sie!), Jacobus [den Verf. offenbar mit dem Herrnbruder
J. verwechfelt] als der ftrenge Vertheidiger des mo-
faifchen Gefetzes ift der Sachwalter Mofes', und Johannes
, diefer feurige Prophet des N. B., gleicht in
feinem Feuereifer dem Elias' (p. 94). Eine höchft naive