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Ausgabe:

1881

Spalte:

243-244

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baur, August

Titel/Untertitel:

Die Weltanschauung des Christenthums 1881

Rezensent:

Krauss, Alfred

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243

Theologifche Literaturzeitung. 18S1. Nr. 10.

244

Geheimnifse wie der Sünde fo des facramental vermittelten
myftifchen Lebens mit Chriftus, welches erft das
eigentlich chrifUiche', nämlich das religiöfe ift. So ,fehen
wir uns einer doppelten Ordnung unterworfen, wovon
jede die andere voll und rein beftehen läfst
und fordert'(?) S. 15. So viel geiftvolle Anfätze nun
auch in den allgemeinen Erörterungen über die zu löfenden
Antinomien des fittl. Lebens gegeben find, fie
kommen über der durchgehenden Herrfchaft diefer Grund-
anfchauung nicht zur durchfchlagenden Geltung. So
bereitwillig das natürliche Gefellfchaftsleben in feiner
naturgefetzlichen und gefchichtlichen Entfaltung anerkannt
wird und die Gegenwart eigentlich als vollbe-
friedigendc Erfcheinung des Gottesreiches erfcheint; fo
entfchieden das Bemühen ift, der vitaSecularis fittl. Vollwerth
zu bewahren; — immer wieder fchlägt die Anficht
von der höheren Vollkommenheit der vita religiosa
durch. Die Ergänzung durch die übernatürliche Heilsordnung
, welche der Weltordnung jenen befriedigenden
Charakter geben foll, drückt ihren Werth immer wieder
herab. Das Sittengefetz hört neben den evangelifchen
Rathfchlägen doch auf, ein Gefetz der Freiheit zu fein;
diefe Rathfchläge aber beziehen fich auf die pofitive,
gefchichtliche Heilsordnung, auf den Dienft der Kirche.
Ohne ihre Erfüllung, die zuletzt nur der Clerikale üben
-kann, gäbe es keine vollkommene, nämlich auch körperliche
Nachahmung Chrifti; wären fie aber zwingendes
Gefetz, wo bliebe die Freiheit, deren höclifte
Aeufserung dann etwa darin erfcheint, in zweifelhaften
Fällen fittlich ,etwas zu riskiren' S. 133. Man vgl. die
Verhandlungen über das Gefetz (bef. auch die Epikie
S. 79) und über die ev. Rathfchläge S. 126 f. S. 400 f.,
in denen das Schillernde des Standpunktes in höchft
lehrreicher Weife heraustritt. Möchte man fich an den
Satz halten: ,Die Pflichtenlehre im Geifte des Evangelium
ift nichts anderes als die Tugendlehre' S. 249 und
mithin nur die Vertiefung des Legalismus in die Ge-
finnungsfittlichkeit fuchen, immer wieder bricht vorwaltend
das Nebeneinander der zwei Ordnungen, der reli-
giöfen und der bürgerlich-focialen Pflichten als inhaltlich
gefchiedener Bethätigungsgebiete heraus. Jene gut-
römifche Faffung des Natürlichen im Verhältnifs zum
Religiöfen, der Freiheit im Verhältnifs zur Gnade tritt
recht kennzeichnend in der Behandlung der Hoffnung
*^ 91. 92 heraus, welche uns ,als theologifche' ,über den
Mangel an Heilsgewifsheit tröftet'.

In mehr als einem Betrachte wird es hienach für
den evangel. Theologen lehrreich fein, diefe katholifchc
Moral aufmerkfam zu lefen; und dabei hat fie den grofsen
Vorzug, dafs fie nirgend den feineren Takt verletzt und
mciflens ihre Gegenltände feffclnd befpricht.

Halle. Martin Kähler.

Baur, Aug., Die Weltanschauung des Christenthums. Blaubeuren
1881, Mangold. (VII, 271 S. 8.) M. 4. —

Der Verfaffer dedicirt nicht blofs feine Schrift dem
Profeffor A. Schweizer, fondern fchreibt fie als Schüler
und Verehrer des vielfeitigen und gründlichen Theologen,
dem er feine eigene theologifche Anficht verdankt. Man
könnte das Buch eine Apologie vom Standpunkt Alexander
Schweizer's aus nennen. Vor allem ift es eine Apologie
, aber durchaus den modernen Bedürfnifsen ange-
pafst. Mit Heiden und Juden hat fich der chriftliche
Apologet nicht mehr herumzufchlagen. Was gegen das
Chriftenthum in's Feld geführt wird, das find die von der
modernen Philofophie und Naturwiffenfchaft hergenommenen
Einwürfe. In neueftcr Zeit ift namentlich die
Erkenntnifstheorie (im Unterfchiede von Logik und von
Mctaphyfik), was das philofophifche Intereffe in Anfpruch
nimmt. Die Neu-Kantianer und Andere haben diefe
Richtung in Aufnahme gebracht. Baur wandelt ganz
auf diefer Strafse. Er fucht zuerft das Recht zu bewei-

fcn, Weltanfchauung als einen wifienfchaftlichen Begriff
zu behandeln. Dann vertheidigt er die religiöfe Weltanfchauung
überhaupt. Endlich legt er die chriftliche
Weltanfchauung als die rationelle dar. Dies alles — die
Einleitung und das Schlufswort inbegriffen — in 7 Ab-
fchnitten.

Es ift mitunter anziehend und immer anregend, diejenigen
Probleme, welche man gewöhnt ift, fchulmäfsig
zu behandeln, in freierer Weife dargeftellt und der Löfung
näher gebracht zu fehen. Manche Linien, welche man
feftgezogen wähnte, werden durchkreuzt und damit manche
Verbindungen angebahnt, manche Zufammenhänge
zerriffen oder wenigftens gelockert. Für ,die Gebildeten'
mögen auch folche Schriften lesbarer fein, als fyftematifch
angelegte und fyftematifch durchgeführte Arbeiten. Im
Allgemeinen aber werden Fachmänner doch die Facharbeiten
vorziehen. Man wird zwar dem Verf. weder
Verftändnifs, noch Scharffinn, noch ausgebreitete Leetüre
beftreiten ; aber um auf das Einzelne einzugehen, müfstc
das Schema genauer, die Methode weniger journaliftifch
fein. Ich begrüfse jeden geiftvollen Verfuch einer Apologie
des Chriftcnthums auf das Lebhaftefte und fo auch
diefe Schrift. Wiffenfchaftlich ift fie befonders dadurch
intereflant, dafs fie fowohl die modernen BedUrfnifse der
Apologetik fo klar hervortreten läfst, als auch mit wün-
fchensvverther Energie denfelben gerecht zu werden fich
bemüht. Dafs aber defshalb die Apologieen älteren
Styles fchon veraltet feien, möchte ich nicht behaupten.

Strafsburg iE. Alfred Kraufs.

Kurzgefasste Mittheilungen über eingelaufene Bücher.
Griechisch - deutsches Testament. Trjg xaivrjg rfiac^x^g
anetria. Das Neue Teftamcnt unteres Herrn und
Heilandes Jefu Chrifti nach der deutfehen Uebcrfetz-
ung Dr. Martin Luther's. Berlin, gedruckt für die
britifche und ausländifche Bibelgefellfchaft 1880. (4,
681 S. 16.) In Leder geb. mit Goldfchnitt. M. 2. 10.

Diefer, von der Firma l'öfchel & Trepte in Leipzig trefflich und ge-
fchmackvoll gedruckten neuen Ausgabe des griechifch-deutfehen N. Tefta-
I mentes liegt, wie allen griechifchen Ausgaben der Brit. Bibelgefellfchaft,
der Text der Elzeviriana von 1624 zu Grunde. Capitel- und Verszahlen
flehen an der Seite. Die deutfehe Ueberfetzung ift comprefs, aber fcharf
gedruckt. Citate au» dem A. T. find durch Anführungszeichen als folche
bezeichnet, die Nachweife fowie die Parallelflellen fehlen.

Molchow, E., Ist der Pentateuch von Moses verfasst ? Eine
populäre Darfteilung. Zürich 1881, Verlags-Magazin.
(40 S. gr. 8.) M. —. 80.

Hin unbedeutendes Schriftchen, in welchem einige Gründe gegen die
mofaifche Abfaffung des Pentateuch zufammengeflellt find.

Faculte de Theologie protestante de Montauban. Seance
publique de Rentree le 19. Nov. 1879. Discours pro ■
nonce par M. le profeffeur A. Wabnitz. Montauban,
1880, Typogr. de Macabicau-Vidallet. (VI, 49 p.
gr. 8.)

. Diefe Schrift enthält einen Vortrag des Prof. A. Wabnitz über Hille]
und jefus.

I Die Einheit des ersten und letzten Evangelii. Leipzig 1881,
Htnrichs in Comm. (48 S. gr. 8j M. 1. —

In diefem wunderlichen Büchlein wird ,bewiefen', dafs das erfte Ev ,
welches der Apoftel Matthäus verfafst habe, von Johannes ins Griechifche
überfetzt worden fei, und dafs die Evangelien des Matthäus und Johannes
eben defshalb und nur defshalb Wort Gottes feien, weil ihr Inhalt ohne
jede Schwierigkeit zu einem Ganzen verbunden werden kann. Diefes
.Wunder' — denn als folches betrachtet es der Verf. — ift der Beweis
für Apoftolicität und Göttlichkeit der Schriften. Der Verf. führt die
.Einheit' der beiden Ew. in txienso nach dem Grundtext vor. Die Ew.
I des Marcus und Lucas find ,Berichte zweier Männer, die ohne Autorifa-
I tion der Apoflel gefchrieben haben' (5. 32 not. 1); ihnen kommt defshalb
auch ein Werth für den Glauben nicht zu. So mufs man wenigftens
1 aus den überaus confufen Sätzen des Verf.'s fchliefsen.