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Ausgabe:

1881 Nr. 9

Spalte:

218-219

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holst, Val. v.

Titel/Untertitel:

Predigten für alle Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. 2. Sammlung 1881

Rezensent:

Wächtler, August

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 9.

218

Man fieht fchon aus diefer kurzen Inhaltsangabe,
dafs nichts Wefentliches übergangen iil. Bisweilen merkt
man, dafs der Verf. gern ausführlicher fein, dafs er eine
genauere Begründung feiner Auffaffungen und anderen
Anflehten gegenüber einer fpeciellere Rechtfertigung geben
möchte, als dies nach dem oben erwähnten Zweck
des Werks möglich war. Dafs er dies nicht hat thun
können, ift allerdings zu bedauern — denn ein volles
Gegenftück zu Prantl's Gcfchichte der Logik, wie es
wünfehenswerth wäre, wird die Arbeit Siebeck's nach
ihrer Anlage nicht —, freilich fichert diefer Umftand dem
Buche einen gröfseren Leferkreis.

Dafs man im Einzelnen hier und da Etwas anders
haben möchte, ift bei derReichhaltigkcit des Stoffs nicht
zu verwundern. Doch will ich an der vortrefflichen Arbeit
nicht viel herummäkeln, fondern nur einige Kleinigkeiten
erwähnen. Ich würde bei Demokrit nicht, wie der Verf.
es thut, von einem vollen Dualismus zwifchen Stoff und
Kraft fprechen, deffen eine Seite die Vielheit der Atome,
die andere die Bewegung in Verbindung mit dem leeren
Raum fein foll. Die Bewegung ift doch nicht etwas
irgendwie neben den Atomen Stehendes. Auch möchte
ich es nicht unterfchreiben, dafs Anaximandcr für die
Grundlegung des pfychologifchen Problemes von hervorragender
Bedeutung gewefen fei. Zweifelhaft ift es
mir ferner jetzt, nachdem ich früher geneigt war, es anzunehmen
, dafs hi nMyov %qovov ftetaßswvda, bei der
Darftellung der Lehre Anaximanders gebraucht von den
Thieren, die aus dem Waffer ans Land gediegen und
nun Landthiere geworden feien, heifsen kann: Ihre Lebensweife
verändern. Es wird doch wohl nur bedeuten
können, dafs fie einige Zeit lang nachher noch gelebt
hätten. Schliefslich will ich noch bemerken, dafs Siebeck
die (HocpQOOvvr] bei Piaton zu einfeitig dem tnifrv-
fiijt/.nv zufchreibt. Sie gehört nicht nur dem begehrenden
, fondern auch dem muthigen Theile an.

Möge es dem Verf. vergönnt fein, recht bald die
zweite Hälfte des elften Bandes zu bringen und dann
das ganze Werk rafch feiner Vollendung entgegen zu
führen!

Leipzig. M. Heinze.

Beyschlag, D. Willibald, Zur deutsch christlichen Bildung.

Gefammelte populär-theologifche Vorträge. Halle
1880, Strien. (VII, 375 S. gr. 8.) M. 6. —; geb. M. 7. 20.
Gegen populär-wiffenfehaftliche Vorträge befteht in
Gclehrtenkreifen ein ftarkes, oft nicht unberechtigtes Vor-
urthcil. Wenn wiffenfehaftliche Hypothefen oder höchft
discutable Fragen als fertige Refultatc in cinigermafsen
geniefsbarer Form dem grofsen Publicum, das kein eigenes
Urtheil haben kann, vorgetragen werden, fo mufs
dadurch die Oberflächlichkeit oder doch die Einfeitigkeit
befördert werden, wie dies in neuefter Zeit namentlich
von Seiten der Naturwiffenfchaft oft in unverantwortlicher
Weife gefchehen ift. Ref. gefleht offen, dafs er
auch an die vorliegenden Vorträge nicht ohne einiges
Mifstraucn herangetreten ift. Dasfelbe hat fich jedoch
im Lauf der Lecture zu immer ungeteilterer Anerkennung
umgewandelt. Wenn der Verf. verfchiedentheh die
Frage aufwirft: ,Wird es hinfort erlaubt fein, zwar auf
allen Gebieten weltlicher Bildung zeitlebens fortzuarbeiten
, aber die religiöfe mit dem Confirmationsunter-
richt für abgefchloffcn zu halten?', fo berührt er damit
einen Punkt, der gewifs forgfältige Beachtung verdient.
Denn es wird wohl kaum zu leugnen fein, dafs die Indifferenz
vieler gebildeten Kreife gegen Chriftenthum und
Kirche zum grofsen Theil, wenn auch nicht allein, auf
reiner Unwiffenheit beruht. Dicfem Uebclftand abzuhelfen
, bezeichnet der Verf. als eine der Aufgaben der
wiffenfehaftlichen Theologie, und dazu follen diefe Vorträge
einen Beitrag liefern. In diefem Sinn ift der etwas

auffallende Titel ,zur deutfeh-chriftlichen Bildung' nicht
unglücklich gewählt.

Dafs ein grofser Theil der Vorträge polemifch-apo-
logetifchcn Inhalts ift, liegt in der Richtung der Zeit.
Es ift namentlich die das gebildete Bewufstfein noch immer
ftark beeinfluffende Strömung, welche fich an die
Namen Renan — Straufs knüpft, gegen welche der Verf.
Front macht. Bald kritifirt er direct, wie in den Vorträgen
: 3. das Leben Jefu von Renan, 5. die Auferftehung
Chrifti und ihre neuefte Bcftreitung durch Straufs, 9. ein
antiker Spiegel für den neuen Glauben von D. F. Straufs,
IO. D. F. Straufs. Bald weift er auf die praktifchen Con-
fequenzen der Straufs'fchen Weltanfchauung hin wie in
dem fehr beachtenswerthen Vortrag 16. die fociale Frage
im Lichte des evangelifchen Chriftenthums; bald ftellt
er den negativen Refultaten pofitive entgegen wie in den
beiden erften Vorträgen: über die Sündlofigkeit und
menfehliche Fintwickelung und über das Jugendleben
Jefu. Mit voller Objectivität reproducirt der Verf. den
Gedankengang feines Gegners und hebt dann die einzelnen
fchwachen Punkte hervor, in die feine Polemik
einfetzt. Als ein Mufterftück in der Darftellung kann
die Zufammenfaffung der Straufs'fchen Einwürfe gegen
die Auferftehung Chrifti bezeichnet werden. In feinen
Widerlegungen muthet der Verf. dem Lefer nicht mehr
zu, als man von Jedem, der auf wirkliche Bildung An-
fpruch mach^ verlangen kann, und kämpft doch mit rein
fachlichen Argumenten. Es mag auch hierfür auf den
ausführlichen Nachweis hingedeutet werden, dafs es
Straufs nicht gelungen fei, die Auferftehungsbotfchaft
ohne Auferftehungsthatfache erklärlich zu machen. Von
den übrigen Vorträgen greifen zwei auf das äfthetifche
Gebiet hinüber: über Leffing's Nathan und Goethe's Fauft,
wobei zu bemerken ift, dafs der Verf. zu einem der vulgären
Anfchauung entgegengefetzten Refultat kommt,
indem er (nach des Ref. Meinung mit vollem Recht) in
der Tendenz des Nathan ,eine Verkennung und Verleugnung
der Wohlthaten Chrifti ficht, wie fie fchneidiger
kaum gedacht werden kann', dagegen umgekehrt in dem
Dichter des F"auft ,einen Propheten des Evangeliums,
erkennt. Am wenigften geeignet, dem von dem Verf.
verfolgten Zweck zu dienen, erfcheinen die beiden Vorträge
über kirchliche Fragen, über die Union (14) und
über die Selbftändigkeit der Kirche (15). Beide find auch
urfprünglich nicht vor einem ,gemifchten' Publicum gehalten
, fondern der erfte als akademifche Feftrede, der
zweite vor einer kirchlichen Conferenz.

Auf Einzelheiten einzugehen, würde bei der Mannigfaltigkeit
des Inhalts zu weit führen. Ref. kann fich mit
einzelnen Vorausfetzungen, von denen der Verf. ausgeht,
nicht einverftanden erklären. Das hindert ihn aber nicht,
bereitwillig anzuerkennen, dafs diefe Vorträge, deren
fchöne Form nicht erft hervorgehoben zu werden braucht,
zur Aufklärung der Gebildeten über religiöfe Zeitfragen
einen fehr fchätzenswerthen Beitrag geben.

Nuffe- H. Lindenberg.

Holst, weil. Paff Val. v., Predigten für alle Sonn- und
Festtage des Kirchenjahres. 2. Sammlung. Dorpat
1880, Karow. (VI, 544 S. gr. 8.) M. 8. —; geb. M. 9. 20.

Die Predigten find aus dem Nachlafs des Verf.'s
durch Th. Harnack in Dorpat herausgegeben; eine voll-
ftändige Poftille, aus mehreren Jahrgängen über Peri-
kopen und freie Texte zufammcngeftellt, und zwar fo,
dafs nicht nur die fämmtlichen Sonn- und Fefttage des
Kirchenjahres, fondern auch die andern Feiertage der
evang. Kirche, Bufstag, Ernte-, Reformations- und Bibel-
feft mit einer Predigt bedacht find. Den 71 Predigten
des Verf.'s hat der Herausgeber noch eine von ihm felbll
1858 in Nürnberg gehaltene Miffionspredigt hinzugefügt,
offenbar um das Buch für den Hausgebrauch zu ver-
vollftändigen. Das livländische evang.-luther. Confifto-