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Ausgabe:

1881

Spalte:

192-193

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mühlhäusser, K.

Titel/Untertitel:

Die Zukunft der Menschheit 1881

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 8.

* 192

der Theologie befchäftigt, aber unverkennbar fühlt er
fich auf diefem Gebiet nicht fo heimifch, wie in feinen
fonftigen über Naturgefchichte, Gefchichte und Philo-
fophie gefchickt dahingleitenden Speculationen. Darunter
leidet die Leichtigkeit feines Stils, die Allgemeinver-
ftändlichkeit feiner Ausführungen. — Unter Theologie
ift nur die von Biedermann, Lipfius, Pfieiderer gemeint.
Denn dafs die von denfelben an den weiter nach rechts
gehenden Richtungen geübte Kritik richtig ift und dafs
letztere einen überwundenen Standpunkt darfteilen, wird
einfach vorausgefetzt. Allein auch was jene drei übrig
gebliebenen felbft aufgeftellt haben, kränkelt an feiner
Verwandtfchaft mit noch nicht ganz überwundenen chrift-
lichen Gedanken. Sie fühlen's gar wohl, dafs nur der
Pantheismus, und zwar in der Form, die Hartmann ihm
giebt, die Grundlage für religiöfe Neubildungen abgeben
kann, aber fie haben als Theologen nicht den Muth, die
letzten Stricke von fich zu werfen, welche fie an chrift-
liche Gedanken binden. Nun mag man der ausge-
fprochenen Kritik in mancherlei Punkten beiftimmen.
Man mag es erkenntnifstheoretifch für eine Degradirung
des Chriftenthums auf den Boden blofser Phantafie-
gebilde halten, wenn mit F. A. Lange das Reich der
Wahrheit auf das Gebiet empirifchen Forfchens be-
fchränkt wird. Doch wenn nach Lipfius, der ihm in
vielen Dingen folgt, die Antinomie dogmatifchen Fragen
nothwendig, wenn auch in immer geringerem Mafs anhaftet
, fo ift dies ein anderes, fofern ja damit die Realität
der Sache nicht geleugnet wird. Man mag gegen
Biedermann der Ueberzeugung fein, dafs der perfönliche
Gott die nothwendige Grundlage wahrhaft chriftlichen
Denkens bildet. Man mag mit Recht den wunden Punkt
diefer Syfteme in der ungenügenden Vermittelung zwi-
fchen dem Princip der Frlöfung und der Perfon des
Erlöfers fuchen. Ref. bekennt felbft, fich angefichts der
Biedermann'fchen Anfchauungen oft gefragt zu haben:
Ift das noch chriftliche Theologie? — und, nachdem er
fich durch die gewaltige Gedankenarbeit des Lipfius'fchen
Werkes hindurchgerungen, unbefriedigt vor dem Ergeb-
nifs geftanden zu haben. Allein ift denn darin eine
Krifis des Chriftenthums, d. h. im Sinne des Verf.'s, eine
tödtliche Krifis zu erblicken? Chriftenthum ift nach
Hartmann die Religion derErlöfung durch JefumChriftum.
.Die Chriftologie beftimmt fich aus der Erwägung, welcher
Art die Perfon und Wirkfamkeit Chrifti gedacht
werden müffe, um ihn als den alleinigen wahren Erlöfer
nnd feine Thätigkeit als die Erlöfung der Menfchheit
betrachten zu können'. Zugegeben. Aber was haben
jene für ein Intereffe daran, ihn fo zu betrachten.
Hartmann antwortet: Diefe Männer find Theologen.
Warum find fie es? An äufsere Gründe denkt Hartmann
felbft nicht. Alfo weil fie Theologie ftudirt haben und
den alten Sauerteig nicht ganz losgeworden find. Doch
das tübinger Convict und mancher theologifche Hörfaal
hat etliche gefehen, denen man nichts davon anmerkt,
obwohl einer der Anhänger Hartmann's, irre ich nicht,
Venetianer, gelegentlich felbft Straufs den Vorwurf theo-
logifcher Befangenheit nicht erfpart. Nein, fie find Theologen
, weil die chriftliche Religion eine innere und
äufsere Thatfache für fie ift, eine Lebensmacht ift,
welche auf eine einzigartige Wirkfamkeit und Perfön-
lichkeit Jefu zurückweift. Davon hat Hartmann keine
Ahnung. Ihm ift das Chriftenthum eine Lehranfchauung,
von der man nicht recht einfieht, warum die Menfchen
fich fo viel Mühe geben, fie unter irgend einer Form
feilzuhalten. Charakteriftifch, dafs er Lipfius die Meinung
imputirt, Jefu Gotteserkenntnifs fei feine d. h. Lipfius'
dogmatische gewefen, als ob der orthodoxefte Orthodoxe
dies jemals von der feinen behauptet hätte, als
ob wir nicht alle uns bewufst wären, dafs wir in die
Formen der Wiffenfchaft umzugiefsen beftrebt find, was
bei ihm unmittelbarer Bewufstfeinsinhalt war und trotz
des höchften Werthes, den wir auf feine Lehre legen,

von ihm in einzigem Sinn fagen müffen: quod nos doce-
mus, vixit ille. Als Trägerin und Vermittlerin diefes
Lebens Hellt Lipfius die Gemeinde fo hoch, um fo
höher allerdings, weil er ein unmittelbar perfönliches Ver-
hältnifs zum Erlöfer feiner Chriftologie nach nicht kennt.
In Hartmann's Studierzimmer freilich fcheint von diefer
Gemeinde und ihrer neuerftarkenden Lebenskraft, welche
fich auf den verfchiedenartigften Gebieten erweift, herzlich
wenig gedrungen zu fein, aufser kirchenpolitifchen
Streitigkeiten und freifinnigen Dogmatiken. Allein gerade
angefichts der letzteren hätte fich ihm der Gedanke aufdrängen
müffen: es mufs doch etwas ganz befonderes
an diefem Chriftenthum fein, etwas, wovon fich die
Weltweisheit nichts träumen läfst, dafs es Denker, deren

I Metaphyfik von der in der chriftlichen Theologie herkömmlichen
fo abweicht, in feinen Bann nimmt, Denker,

j denen man Unkenntnifs oder Geringfehätzung des Pantheismus
wahrlich nicht zum Vorwurf machen kann;
dafs es fie veranlafst, unter Anwendung folcher Geiftes-
mittel zu verfuchen, ja es als die Aufgabe ihrer wiffen-
fchaftlichen Lebensarbeit anzufeilen, ob fich nicht unter
veränderter Form der Inhalt bewahren, bez. noch lau-

I terer ausprägen läfst. Uns wenigftens fcheint darin
durchaus kein Symptom einer tödtlichen Krifis zu liegen,
fondern ein Beweis für den ungefchwächten Einflufs,
welchen es auf jeden ausübt, der wirklich in feinen
Gedanken- und Wirkungskreis eingetreten ift. Ob jene
Verfuche von Erfolg gewefen find, ift eine andere Frage.
Ref. beftreitet es, ift jedoch weit entfernt, ,mit dem Ausdruck
blofser Schadenfreude', wie Verf. die von pofitiv
kirchlicher Seite gekommenen Beftätigungen feines Ur-
theils kennzeichnet, fich auf deffen Seite zu Hellen.
Vielmehr Rheinen diefe Angriffe hervorkehren zu follen,
was hüben und drüben leicht vergeffen wird, dafs bei
aller Zerklüftung unter den Theologen es doch eines
giebt, was fie alle, foweit fie fich chriftlich-evangelifch
nennen, nach aufsen fcheidet und unter fich verbindet,
ja, was ihnen allein das Recht giebt, Theologie zu
treiben, das Bewufstfein nämlich, dafs das Chriftenthum
die grofse Lebensmacht der Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft, und dafs, Der ihm den Namen und das
Dafein gegeben, der Eine ift, vor dem fich alle neigen.
Mit diefer Illufion meint der Verf. definitiv fertig zu fein,
indem er ihr die denkbar äufserfte Form, unter die fie
fich geflüchtet hat, zerfchlägt. Bis nun die nächfte Dog-
matik erfcheint, die er zerpflücken kann, die aber nunmehr
Biedermann, Lipfius und Pfieiderer weit rechts laffen mufs,
um folcher Ehre werth zu fein, laffen wir uns von Goethe
fagen: ,Die Feinde fie bedrohen dich, das mehrt von
Tage fich, wie dir doch gar nicht graut! Das feh' ich
alles unbewegt, Tie zerren an der Schlangenhaut, die
jüngft ich abgelegt. Und ift die nächfte reif genug,
abftreif ich die fogleich und wandle neu belebt und jung

! im frifchen Götterreich'.

Leipzig. Härtung.

Mühlhäusser, Dr. K., Die Zukunft der Menschheit. [Zeitfragen
des chrifti. Volkslebens, 35. Heft.] Heilbronn
1881, Henninger. (59 S. gr. 8.) M. 1. 20.

Der Verfaffer hat vor drei Jahren aus Rothe's Nach-
lafs den erften Brief Johannis herausgegeben und im Vorworte
dazu Mittheilungen über feinen theologifchen Bildungsgang
gemacht, welche durch die vorliegende letzte
Kundgebung, die wir der «inft fo rührigen Feder des
Entfchlafenen verdanken, beftätigt werden. Er ift ein
treuer und begeifterter Schüler Rothe's gewefen und
geblieben, nicht zwar des fpeculativen und noch weniger
des kirchenpolitifchen, wohl aber des ftreng fchriftgläu-
bigen und confequent fupranaturaliftifchen Theologen.
Das Thema zu vorliegender Schrift dürfte in den genannten
Vorlefungen S. 78 gefunden werden: ,Auf der