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Ausgabe:

1880 Nr. 7

Spalte:

170

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dorner, August

Titel/Untertitel:

Predigten von dem Reiche Gottes 1880

Rezensent:

Kleinert, Hugo Wilhelm Paul

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Seite 1

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169 Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 7. 170

erfehen wir aus dem Vorwort der vorliegenden zweiten
Auflage. In diefer ift die Zahl der Lieder von 411 auf
505 vermehrt. Der Haupttheil des Buches enthält jetzt
487 Lieder von 69 Dichtern in alphabetifcher Folge der
Namen der Dichter; den Liedern eines jeden gehen bio-
graphifche Mittheilungen über ihn voraus. In einem An-
hange folgen darauf 18 Lieder von 16 im Haupttheil
noch nicht berückfichtigten Verfaffern ohne Angaben
über deren perfönliche Verhhltnifse; hier findet fleh auch
das fchöne Advcntslied Rückert's; über die übrigen 15
hat der Herausgeber vermuthlich nichts zu fagen ge-
wufst, fo dafs ihre Lieder wohl aus diefem Grunde in
den Anhang verwiefen fein mögen. Den Schlufs bildet
aufser einem Namensverzeichnifs der Dichter, das fleh
jedoch nur auf den Haupttheil des Werkes bezieht, ein
Verzeichnifs, in welchem die Lieder nach ihrem Inhalt
geordnet find, und ein alphabctifches Regifter derfelben.
Einige wenige Lieder katholifcher Sänger find auch aufgenommen
, wie z. B. von Brentano, und das Lied ,Stille
Nacht', das letzte im Anhang, deffen Verfaffer, ,ein Geift-
licher Namens Mohr im Salzburgifchen', doch wahrfchein-
lich auch Katholik war.

Es ift eine grofse Reihe geiftlicher Liederdichter
unferer Zeit, unter ihnen auch einige noch lebende, die
uns in diefer Sammlung vorgeführt werden. Die Auswahl
der Lieder bietet demnach auch eine grofse Mannigfaltigkeit
des Inhalts und der Form, des Gefchmacks
und der Begabung dar; neben Bekanntem und mehr
oder weniger allgemein Anerkanntem findet fleh auch
Unbekannteres und auch wohl einiges, was der Beachtung
kaum werth fcheint; die gröfsere Menge des
Dargebotenen ift gewifs geeignet, den Beweis zu liefern,
dafs der deutfehen evangelifchen Kirche, feitdem in ihr
wieder ein neues Leben begonnen, auch wieder gottbegnadigte
Sänger geiftlicher Lieder gegeben find, — nur
dafs ein geiftliches Lied noch kein Kirchenlied ift. Aber
zur Erbauung im Haufe und, namentlich fofern fie fangbar
find, auch fonft in kleinern Kreifen mögen viele
diefer Lieder wohl dienen; als eine zur Erbauung be-
• ftimmte fcheint der Herausgeber auch diefe Sammlung
veröffentlicht zu haben. Je brauchbarer fie für diefen
Zweck ift, defto weniger wollen wir ihm zum Vorwurf
machen, dafs er doch recht bekannte Liederdichter, von
denen fogar zum Theil Lieder in.Gemeindegefangbücher
übergegangen find, unbeachtet liefs. Wie grofs die Zahl
derer ift, die zu berückfichtigen wären, wenn es fleh um
eine hymnologifche Ueberficht über die deutfehen evangelifchen
Dichter geiftlicher Lieder unteres Jahrhunderts
handelte, mag daraus hervorgehen, dafs unter den 85
Dichtern unferer Sammlung fich nicht befinden: Afchen-
feldt, Bahnmaier, Caroline von Danckelmann, Diefflenbach
, Freudentheil, Johannes Geibel, Glück, Grüneifen,
Carl Augult Georgi, Göring, Harlefs, Kern, Langbecker,
Lefchke, Mann, Aug. Herrn. Niemeyer, Nötel, J. W. Rautenberg
, Rother, J. J. Schneider, ü. E. Schott, Strom- j
berger, Voget u. a. Sollte der Herausgeber bei einer
dritten Auflage abermals eine Erweiterung feiner Sammlung
vornehmen, fo würden diefe Genannten wohl in
erfter Linie zu berückfichtigen fein; vielleicht könnte
dann auch einer oder der andere der jetzt Aufgenommenen
als zu unbedeutend fortbleiben.

Die biographifchen Angaben find eine angenehme
Zugabe; der Verf. hat auf fie vielen Fleifs gewandt; fie
halten die Mitte zwifchen kurzen Notizen und ganz j
ausführlichen Lebensbefchreibungen und geben gröfsten-
theils ein wirkliches Bild von der betreffenden Perfön-
lichkeit. — Die ,Verborgene', von welcher S. 557 ff-
Lieder mitgetheilt werden, ift Caroline Zeller, geborne
von Eisner; der Dichter der unter dem Namen ,Feld- j
blumen' erfchienenen Lieder (S. 592) heifst Adolph Waitz.

Hamburg. Carl Berthe au.

Dorn er, Prof. Dr. A., Predigten von dem Reiche Gottes.

Berlin 1880, Hertz. (VII, 143 ö. 8.) M. 2. 40.

Im Hinblick auf die profefforale Thätigkeit des Ver-
faffers am Wittenberger Predigerfeminar, dem auch die
vorliegende Predigtfammlung gewidmet ift, wird man an
diefelbe mit der Erwartung treten dürfen, dafs fie neben
dem unmittelbaren Zweck der Erbauung auch dem diene,
homiletifche Mufter für angehende Prediger zu bieten.
Damit harmonirt auch die Gefialt des Buches. Das
Schema des Kirchenjahrs, das bei blofsem Erbauungszweck
immer das angezeigte fein wird, liegt der Zu-
fammenftellung nicht zu Grunde; fie befchränkt fich auf
die Zahl von elf Predigten, deren Anordnung durch
die Beziehung auf den Centraigedanken des Gottesreichs
ein fyftematifcher Charakter aufgedrückt ift. In mehreren
, und zwar in Hauptbeziehungen wird der Lefer
jene Erwartung nicht getäufcht finden. Wie der vom
Verfaffer in der Vorrede ausgefprochenen Grundanfchau-
ung beizupflichten fein wird, dafs der vornehmfte Anknüpfungspunkt
für die Wirkfamkeit der Kirche zumal
in der Gegenwart auf ethifchem Gebiet zu fuchen ift, fo
berührt überall wohlthuend die Art, wie diefe Anfchau-
ung in den Predigten durchgeführt ift. Es ift eine
reiche Mannigfaltigkeit ethifcher Anwendung, die der
Verf. mit pfychologifcher Feinheit an feine Texte anzuknüpfen
weifs; und überall find es nicht flache Moralismen
, eudämoniftifche und gefetzliche Gefichtspunkte,
fondern in evangelifcher Reinheit erfafste Principien der
Ethik, auf welche jene Mannigfaltigkeit mit durchfichtiger
Klarheit und Sicherheit bezogen wird; das myltifche
Element der Gottesgelaffenheit ift in harmonifch.es Gleichgewicht
gefetzt mit der Thatfreudigkeit, zu der die chrift-
liche Predigt anregen foll. Möchte die häufig zu fche-
matifch gehaltene Faffung der Themata — ,das Innere
die Macht über das Aeufsere im Gottesreiche'; ,die Mannigfaltigkeit
und Einheit im Reiche Gottes'; ,die innere
Freiheit des Chriften' u. ä. m. — die Beforgnifs nahelegen
, dafs auch die Ausführung concreto Darftellung
werde vermiffen laffen, fo überrafcht vielmehr die Fülle
von concreten Beziehungen aufs chriftliche Leben, welche
diefelbe darbietet. Und es ift nicht ohne Intereffe, das
homiletifche Wachsthum des Predigers felbft namentlich
in diefer Beziehung in den Predigten fich deutlich mar-
kiren zu fehen: unter den elf Predigten, welche aus
einer mehr als zehnjährigen Wirkfamkeit an verfchie-
denen Orten ftammen, find die letzten, im Sommer 1879
in Wittenberg gehaltenen (Nr. 5. 7. 9.) in jedem Betracht
die gclungenften. - Allerdings tritt hinter den hervorgehobenen
materiellen Vorzügen der Sammlung die formelle
Seite zurück. Man möchte wünfehen, dafs die
Combination Auguftin's und Schleiermacher's, welche
der Stil des Verf.'s aufweift, eine Zuthat von dem Charakter
der grofsen griechifchen oder franzöfifchen Redner
hätte. Raitlos fchreiten die knapp ausgefprochenen Gedanken
, und laffen der anfehauenden Sammlung des
Hörers wenig Raum. Gewifs ift ja Comenius im Recht,
wenn er das proprie dicere als das allenthalben Unentbehrliche
gegenüber dem ornate dicere bezeichnet; aber
etwas mehr Rcdefchwung, zumal wo die Sache felbft
darauf hinweift, wäre der Sammlung zu wünfehen: die
Meditation ift nicht überall in Rede geformt, fondern
oft Meditation geblieben. Und wenn der Verf. durch
die verhältnifsmäfsig häufige Einflechtung dichterifcher
Citate beweift, dafs ihm jene Schlichtheit des Stils nicht
aus falfcher Affectation hervorgegangen, fo macht fich
durch diefelben der Contraft nur noch fühlbarer. Edel
aber und rein ift die Sprache durchaus, und wer fich
hinein lieft, wird auch das Herzliche des Tons nicht
vermiffen, in dem das fpeeififche Charisma der deutfehen
Predigt liegt.

Berlin- Kleinen.