Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1880 Nr. 7

Spalte:

167-168

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nordmeier, A.

Titel/Untertitel:

Protestantische Agende. Zum Gebrauch für evangelische Geistliche hrsg 1880

Rezensent:

Krauss, Alfred

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

i67

Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 7.

168

nügenden Erfatz für die ,religiöfe Idee' oder die Ver-
heifsung des allerdings innerhalb der Immanenz nicht
denkbaren Welt-Abfchluffes finden mag, welcher Ge-
fchichte und Sittlichkeit zufammenfaffend ausgleicht.
Ref. bleibt der Meinung, dafs diefe ,Kosmodicee', weit
entfernt die alte Theodicee befriedigend auszuftechen,
gar fehr der Anlehnung an die biblifche Theodicee, die
der Reichshoffnung bedarf. Indefs, auch wer das nicht
vermag, wird den umfichtigen und fein beobachtenden
Erwägungen mit Theilnahme und Belehrung folgen, durch
welche die Abhandlung fich den Weg zu jenem Ergeb-
nifse bahnt. Indem fie die Gegenftände unaufhörlich
auf Avers und Revers hin prüft, dient fie dazu , manche
allgemeine Einfeitigkeiten richtig zu ftellen. Sie wehrt mit
Nachdruck dem Uebergreifen der Statiftik auf das fitt-
liche Gebiet; fie unterfucht mit zarter Hand die feinen
Geflechte, welche Gefittung und Sittlichkeit verbinden;
fie befleifsigt fich einer rühmlichen Befcheidenheit in
Behauptungen. Mufs fie mit Beobachtungen aus Ge-
fchichte und Seelenleben rechnen, die keine fertige und
wiederholbare Thatfächlichkeit befitzen, und kann fie
dabei nicht ins Breite gehen, fo entfteht nothwendig ein
leichter Bau; doch kann ja ein folcher feft fein. Selbft-
verfländlich ift hier fchon bei dem Stoff, aus dem er
aufgeführt wird, nicht von einer unwiderfprechlichen
Evidenz wie bei Naturdaten zu reden; daher begründen
Bedenken gegen einzelne zufammenfaffende Beobachtungen
noch kein Mifstrauen gegen das Verfahren im
Grofsen. Dazu kommt eine mafsvolle, ernfte und von
Herzen zu Herzen gehende Betrachtung der Gegenwart,
die Vielen reichlich zu denken giebt. Alles aber ift in
einer fo anmuthigen und durchfichtigen Form geboten,
dafs ein Nachdenkender dem Forfcher ohne Ermüdung
folgen kann und wird.

Ift auch Ref. der Ueberzeugung, dafs nicht der Idealismus
über die pofitive Religion, genannt Chriftenthum,
fondern umgekehrt diefe über jene edelfle, aber immerhin
einfeitige Richtung der autonomen Philofophie hinausliegt
, fo freut er fich doch jeder Regung eines Idealismus
, welcher feiner alten Sendung nicht untreu wird,
in den tieferen, aufs Nachdenken gerichteten Menfchen
die Probleme in Achtung und Bewegung zu halten, welche
der Empirismus kurzer Hand todt zu fchlagen oder
fchweigen fucht, und welchen allein der Glaube eine befriedigende
Löfung verbürgt.

Halle a. S. M. Kahler.

Nord m ei er, Ffr. A., Protestantische Agende. Zum Gebrauch
für evangelifche Geiftliche hrsg. Gera 1879,
Griesbach. (VI, 166 S. gr. 8.) M. 2. 40.

Wer jemals öffentliche Kirchengebete, die zu officiel-
lem Gebrauche bettimmt waren, zu verfaffen gehabt hat,
weifs, wie fchwer es ift, liturgifch fchöpferifch aufzutreten
. Andererfeits weifs aber auch jeder praktifche
Geiftliche, wenn er ein Herz für die aus dem Zwiefpalt
zwifchen moderner Bildung und alterthümelnden Formen
hervorgehenden Nöthe befitzt, dafs unfere Agenden
lange nicht allen berechtigten Anforderungen ent-
fprechen. Es darf daher jeder Beitrag zur Herftellung
befferer Agenden willkommen geheifsen werden, und fo
freue ich mich auch über den hier zur Befprechung vorliegenden
.

Mit allgemeinen Redensarten kann aber hier nicht
gedient fein, wenn erfpriefslich recenfirt werden foll.
Ich mufs Einzelheiten herausgreifen. Nur wenige prin-
cipielle Bemerkungen zum Voraus.

Ich kann das Rhetorifche in Gebeten nicht billigen.
Als Vorwurf merke ich deshalb rhetorifch im Folgenden
an. Ferner glaube ich nicht, -dafs es richtig fei, bald
Vater unfer und bald Unfer Vater zu fagen. Was (felbft
nach Luthers' Bibelüberfetzung) das Richtigere von den
Beiden ift, brauche ich nicht erft zu betonen; aber ein-

I heitlich mufs eine Agende gehalten fein. Endlich ift es
zwar fehr fchön, wenn die Gebete nicht durch über-
mäfsige Länge langweilig werden; aber fo fehr kurz,
wie die vorliegenden, brauchen fie darum auch nicht aus-

| zufallen. Entweder jdas Gebet vor (mehr lutherifcher)
oder das Gebet nach der Predigt (mehr reformirter Typus
) darf zu einem felbftändigcn Theil des Gottesdienftes

j werden und mehr Bedeutung in Anfpruch nehmen, als
nur den Rahmen für die Predigt zu bilden.

Die Eintheilung in Gebet und Handlungen ift man-

j chen Orts beliebt, aber unlogifch, da unter den foge-
nannten Handlungen doch im Wefentlichen auch nur
wieder Gebete kommen. Unrichtig erfcheint mir auch
die Voranftellung der Feftgebete. Das jeden Sonntag

| Wiederkehrende ift voranzuftellen und jedenfalls für Ad-

I vent und Paffion eine Collecte zum gewöhnlichen Sonn-

! tagsgebet paffender, als ein förmliches befonderes Gebet
, da die Advents- und Paffionsfonntage doch prin-
cipiell und auch im kirchlichen Bewufstfein des Volkes
uur die Mitte inne halten zwifchen Fefttagen und ge-

: wohnlichen Sonntagen.

Rhetorifch nun find S. 9 Nr. 4 Anfang, S. 15 Nr. 1
uuten: ,Aus der Familienftube etc.', S. 24 Nr. 2 Anfang,
S. 31 Nr. 5, S. 48 Nr. i: ,Wir freuen uns etc., S. 63
Nr. 3, S. 70 Nr. 2: ,Dein guter Geift führe uns Alle
auf ebener Bahn' ift das ,Alle' durch Pf. 143, 10 nicht
indicirt, S. 71 ,herrlicher' ein falfches Epitheton, S. 71
Nr. 1 ,ganz befonders heute einen Wiederhall finden in
unferm Innern', S. 81 f. die Paraphrafe des Unfer-
vaters (froftig wie alle diefe Paraphrafen), S. 105 oben,
S. 107 Nr. 3 eine fentimentale Predigt, S. 109 Nr. 4
Anfang, S. Iii f. Nr. 5 Predigt ftatt eines Gebetes,
S. 116 Nr. 3 ,fei mit Euch, auch in diefer Stunde', S. 119
,tiefinnerfte Ueberzeugung', S. 123 ,Segne du in ihnen
... in ihnen wirke', S. 131 Nr. 2: ,in dem erhabenen
Bewufstfein etc.', das Uebrige diefes Gebetes ift Predigt,
nicht Gebet, S. 155 Nr. 4 das ganze Gebet.

Dazu kommen noch einige Gebete, welche überhaupt
beffer weggeblieben wären, z. B. ein befonderes
Gebet beim Begräbnifs eines unehelichen Kindes, ein
Gebet bei Errettung des Landesherrn aus Lebensgefahr
(wir wollen doch nicht hoffen, dafs ein folches ein bleibendes
Bedürfnifs in einer Agende fei, befonders wenn
dabei nur auf die Gefahr des Meuchelmordes Rückficht
genommen wird).

Bei den Sonntagsgebeten fehlt faft durchweg die
offene Schuld. Als Einleitung zur Segenertheilung
bei der Confirmation werden die Worte gefprochcn:
,Doch ich laffe Euch nicht, ich fegne Euch denn'. Die
hiemit wachgerufene Erinnerung an Genef. 32, 26 ift
höchft unglücklich, fowie denn auch fonft die Exegefe
manchmal mit fich rechten liefse. Für die Formel bei
der Einfegnung: ,Nehmet hin den h. Geift etc.' S. 120
verweife ich den Verf. auf Nitzfeh, Prakt. Theol. Bd.
II» S 37^> wo das Notlüge über diefes unevangelifche
Wort im Munde eines evangelifchen Geiftlichen fich
findet.

Der Verf. bekundet ein entfehiedenes liturgifches
Talent, und als Beitrag und Vorarbeit für eine künftige
evangelifch-proteftantifche Agende ift fein Buch dan-
kenswerth; unverändert aber möchte ich es nicht als
officielle Agende eingeführt fehen.

Strafsburg i. E. Alfred Kraufs.

Kraus, Otto, Geistliche Lieder im 19. Jahrhundert. 2., ftark
verm. Aufl. Gütersloh 1879, Bertelsmann. (VII,
624 S. 8.) M. 6. —

Die erfte Auflage diefes Werkes, welches eine Anthologie
deutfeher (evangelifcher) geiftlicher Lieder aus
unferm Jahrhunderte darbietet, erfchien im J. 1863 zu
Darmftadt; dafs Männer, die als Hymnologen und Theologen
bekannt find, fie beifällig aufgenommen haben,