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Ausgabe:

1880 Nr. 7

Spalte:

164-167

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfleiderer, E.

Titel/Untertitel:

Die Idee eines goldenen Zeitalters, ein geschichtsphilosophischer Versuch, mit besonderer Beziehung auf die Gegenwart ausgeführt 1880

Rezensent:

Kähler, Martin

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 7.

164

Aber zu diefer Erklärung fteht die nachfolgende Ge-
fchichtsbetrachtung nur in der lofeften Beziehung. Der
Verf. will in derfelben den Gang zeichnen, den der Individualismus
durch die Gefchichte genommen hat. Dabei
kommt ihm aber der eben gewonnene Begriff des
Individualismus fo völlig in's Schwanken, dafs der Lefer,
nachdem er über Griechenthum und Römerthum, Romanismus
und Proteftantismus, Aufklärung und Romantik,
ja gelegentlich auch über Epik und Lyrik mancherlei
und nicht eben viel Neues erfahren, endlich gänzlich im
Ungewiffen darüber bleibt, was eigentlich der Verf. noch
unter Individualismus verfteht. Denn wie ftimmt es zu
der oben angeführten Definition, wenn der Verf. von
einem ,fchrankenlofen Individualismus' redet, als deffen
Gegner Luther in feinem Kampf gegen Karlftadt aufgetreten
fei, und wenn er weiter das Jahrhundert der Aufklärung
als dasjenige bezeichnet, ,in welchem der Individualismus
als folcher eine neue Blüthezeit erlebte'?

Im zweiten Abfchnitt: Berechtigung des Individualismus
' verfucht nun der Verf. eine tiefere Begründung
der fittlichen Anfchauung des Individualismus. Das
Recht der Individualität wird da hervorgehoben und als
die Aufgabe, die der Individualismus dem Einzelnen zu-
weife, ,die Verklärung der menfchlichen Perfönlichkeit
in ihr Urbild durch die vollkommene Darftellung der
Individualität' bezeichnet. Aber am längften verweilt
der Verf. auch in diefem Abfchnitt bei gefchichtlichen
Betrachtungen. Er charakterifirt, ausführlich die fittliche '
Anfchauung in der griechifchen Philofophie, im alten
und neuen Teftament, im Proteftantismus und Katholicis-
mus, um den gefchichtlichen Nachweis zu führen, dafs
der Individualismus in dem evangelifchen Chriftenthum
feinen entfprechendften, höchften Ausdruck gefunden
habe. Um fo mehr befremdet es, wenn nun im nächften
Abfchnitt: ,Kritik des Individualismus' doch wieder behauptet
wird, dafs die Theorie desfelben eine einfeitige,
abftracte fei, dafs er nichts wiffe von den Aufgaben und
Zwecken der Gefammtheit, an welchen der Einzelne
Theil zu nehmen habe, ja dafs er aufser Stande fei, die
Bedeutung der Gefchichte zu erfaffen. Freilich ift der
Verf. gar nicht gemeint, diefe Behauptungen gegen den
Individualismus geltend zu machen, der im Chriftenthum
feinen Ausdruck gefunden habe. Im letzten Abfchnitt:
,Refultat' hebt er vielmehr diefelben zu einem guten Theile
wieder auf. Da heifst es: ,Das Ganze der Gemeinfchaft
und der Einzelne find Zwecke, von denen der eine den
anderen einfchliefst, oder vielmehr zwei Seiten der einen
fittlichen Aufgabe, die dem Menfchen geftellt ift.' ,Einen
fittlichen Fortfehritt für den Einzelnen giebt es nicht,
ohne felbftvergeffene Hingabe an die Gemeinfchaft.' ,Es
ift das Chriftenthum, welches ebenfo wie es der Wahrheit
des Individualismus den höchften Ausdruck gegeben,
fo auch die hier verluchte, die Wahrheit des Individualismus
und des Socialismus zufammenfaffende Anfchauung
zuerft in die Welt eingeführt, ihr die tieffte Grundlage gegeben
und zugleich fie zur Vollendung gebracht hat'. Von
diefer ganz richtigen Erkenntnifs hätte der Verf. aber
nur von vornherein fich leiten laffen follen. Dann würde
manches fchiefe und vage Urtheil unterblieben fein, und
insbefondere feine Charakterifirung des evangelifchen
Chriftenthums fich weniger abftract und einfeitig geftaltet
haben. Wie feine Schrift vorliegt, ift fie nichts weniger
als die Unterfuchung eines fittlichen Problems. Sie ift
die Darfteilung einer fittlichen Lebensanfchauung und
zwar wefentlich derfelben, die der Verf. in feiner Erlt-
lingsfchrift mit fo anerkennenswerthem Ernft geltend gemacht
hat. Es ift nicht zu verkennen, dafs er feitdem
redlich bemüht gewefen ift, durch vielfeitiges Studium
diefe Anfchauung zu vertiefen und die ihr noch anhaftende
Einfeitigkeit zu überwinden, insbefondere eine klare
Stellung zu dem ethifchen Gehalt des pofitiven Chriftenthums
zu gewinnen. Als ein erfreuliches Zeugnifs dafür
verdient die vorliegende Schrift alle Anerkennung,

wenn es auch dem Verf. nicht gelungen ift, feiner Aufgabe
gerecht zu werden und die gewonnene Bereicherung
und Vertiefung feiner Erkenntnifs zu völlig abgeklärtem
Ausdruck zu bringen.

Taucha. Diaconus Dr. Wetzel.

Pfleiderer, Prof. Dr. E., Die Idee eines goldenen Zeitalters
, ein gefchichtsphilofophifcher Verfuch, mit
befonderer Beziehung auf die Gegenwart ausgeführt.
Berlin 1877, G. Reimer. (IX, 172 S. gr. 8.) M. 2. 40.

Der Materialismus hat fich fchon an die Erklärung
der Weltgefchichte gemacht, um auch fie als Provinz
feines Erkenntnifsgebietes in Anfpruch zu nehmen. In
der Geftalt des Peffimismus wird ihm der Idealismus
diefes Gebiet kaum mit Erfolg vor dem öffentlichen
Urtheile ftreitig machen. Ein Idealismus, der von wirklichem
Glauben an die höhere Realität des Ueberfinn-
lichen, wenigftens an deffen überwiegenden Werth im
Vergleiche mit dem Sinnlichen getragen wird, kann fich
um fo weniger dabei beruhigen, fein eigenftes Heimatsland
ohne Streit aufzugeben. Unter den dahin zielenden
Vertheidigungsverfuchen ift auch die Schrift E. Pflei-
derer's zu nennen, ,ein gefchichtsphilofophifcher Verfuch'.

Den Philofophen befriedigt nicht che anfangs- und
endlofe Reihe des Fortfehrittes, deffen Inhalt die Bewältigung
des Objectes durch das Subject bildet. Trotzdem
er faft jedesmal, wo ein teleologifcher Gefichts-
punkt aus feinen Gedankenreihen hervorbricht, beforgt
nachweift, dafs die Sache auch unter ausfchliefslich ätio-
logifchem Gefichtspunkte zurecht befteht, geht doch
der Grundzug der Schrift darauf hinaus, für die gefchicht-
liche Entwickelung vermuthungsweife einen Ausgangspunkt
und einen Zielpunkt zu gewinnen, die nicht nur
negative Grenzen feien, fondern ein inhaltliches Verhält-
nifs zu jenem Gange der Menfchheit haben. Bei diefer
Betrachtung wird mit Abficht von dem Religiöfen und
feiner Stellung in diefem Vorgange Umgang genommen;
felbft als blofses Phänomen kommt es ziemlich kurz
fort. Dagegen fpielt die Frage nach der Beziehung
zwifchen Gefchichte und Sittlichkeit überall hinein. Das
alles macht diefe Unterfuchung für einen Theologen,
der nicht darauf verzichten mag, mit Verftändnifs und
zur Verftändigung um fich zu fehen, anziehend und
wichtig.

Unter dem mythifchen Bilde des goldenen Zeitalters
verfteht der Verf. die begründende und die abfchlielsende
Entwicklungsftufe der menfchlichen Gefchichte; jene
wird verhältnifsmäfsigkurz, diefe ausführlicher befprochen ;
knüpft fich doch auch an fie die Entfcheidung darüber, ob
die Gefchichte ein Ziel, und damit, ob fie einen Inhalt
hat, der über das blofs und fchlecht Gegenwärtige hinausragt
. Der Verf. ift geneigt, einen ,idealen Kern' in
beiderlei Beziehung feilzuhalten, dort eine unmittelbar
den Zufammenfchlufs von Arbeit und Ernte vorausnehmende
Jugendzeit der Menfchheit, hier einen Ab-
fchlufs. Das letzte ift der eigentliche Prüfftein für den
allgemeinen Werth des Ergebnifses. Die Abhandlung
unterfucht, ob der Begriff des FVrtfchrittes fich anwendbar
zeige; er wird feilgehalten für die Theorie
und innerhalb der Praxis für die technifche Bewältigung
der Sinnlichkeit, fowie auch für die Legalität, für die
menfehenwürdigere Geftaltung der Anfchauungen von
dem Geziemenden und in Folge deffen auch für die
Ausbildung der entfprechenden gefellfchaftlichen —
nicht etwa nur gefelligen — Gewohnheiten oder der
Sitten und Einrichtungen. Ein Fortfehritt in dem eigentlich
Sittlichen wird geleugnet. Es ift hoch erfreulich,
dafs hier gegen die Verfchleifung von Sittlichkeit und
Sitte Verwahrung eingelegt ift und das Urtheil dem
Selbftwerth des Sittlichen zu gut darauf verzichtet, aus
dem fog. Objectiv-fittlichen etwas mehr als eine uneigentliche
Redewendung zu machen. Damit ift nun aber auch die