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Ausgabe:

1880 Nr. 6

Spalte:

137-140

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Warneck, Gust.

Titel/Untertitel:

Die gegenseitigen Beziehungen zwischen der modernen Mission und Cultur. Auch eine Culturkampfstudie 1880

Rezensent:

Wurm, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 6.

läge exacter Wiffenfchaft ruhend zu denken habe. Nicht |
metaphyfifche, nicht hiftorifche, nicht allgemein reli-
giöfe Gründe genügen, um den Glauben an die neu-
tt ttamentlichen Wunder zu ftützen; fie räumen höchftens
Gegengründe aus dem Wege. Das Einzigartige der
Zeit und der Perfönlichkeit Chrifti giebt den einzigen
pofitiven, aber nur dem Glauben zugänglichen Beweis.
Das weifs auch der Verf. Umfomehr hätte er fich vor
einer Apologetik hüten follen, die zu viel beweifen will, 1
und deren feine Schrift, die nach vielen Seiten hin In-
tereffantes bietet und in der Himmelfahrt mit grofsem
Gefchick einen befonders beziehungsreichen Punkt in
die Mitte geftellt hat, gar nicht bedarf.

Leipzig. Härtung.

Warneck, Paft. Dr. Gufh, Die gegenseitigen Beziehungen
zwischen der modernen Mission und Cultur. Auch eine
Culturkampffludie. Gütersloh 1879, Bertelsmann. (XI,
326 S. gr. 8.) M. 4. 50.
Wenn der neuefle Culturhiftoriker, v. Hellwald,
zwar anerkennen mufs, dafs ,die moderne Cultur auf der
dem Chriftenthum entfproffenen Weltanfchauung beruht',
aber trotzdem alles Chriftenthum fo viel als möglich in
den Koth tritt und felbft behauptet, dafs .Recht, Sittlichkeit
und Moral nur ein leerer Schall feien', und dafs
die fogenannte Sittenverderbnifs in directem Verhältnifs
zum Wachsthum der Civilifation ftehe; wenn diefer Mann
dennoch von Taufenden in Deutfchland, namentlich von
der tonangebenden Preffe und vielen Lefezirkeln, als
eine Autorität auf dem Gebiete der Culturgefchichte betrachtet
wird, fo ift es an der Zeit, dafs von chriftlicher
Seite die Unwahrheiten und Widerfprüche feines Buches
und feiner Auffätze im .Ausland' aufgedeckt werden,
und der Antheil des Chriftenthums an der Civilifation
der Völker auch in neuerer Zeit ins richtige Licht geftellt
werde. Das verfucht War neck in dem vorliegenden
Buch in Bezug auf die moderne Miffion. v. Hellwald
, die .Gartenlaube' mit ihren Schmähartikeln über
die Miffion, oder Max Buchner, der in feiner .Reife
durch den füllen Ocean' feine Vorliebe für Nuditäten
zur Schau trägt, könnten im deutfehen Publicum nicht
fo viel Anklang finden, wenn nicht viele Deutfche, die
noch Chriften fein wollen, fich daran gewöhnt hätten, die
Miffion als eine Pietiftenfache vornehm zu ignoriren oder !
ohne nähere Prüfung in die Schmähungen über diefelbe
einzultimmen. Ref. hätte deshalb gewünfeht, dafs Warneck
feinem Buche einen andern Titel gegeben und die J
Verdienfte des Chriftenthums um die Cultur in
hiftorifcher Ordnung begründet hätte. Es hätten fich j
dann auch zwifchen der mittelalterlichen und der modernen
Miffion in civilifatorifcher Beziehung manche in-
tereffante Vergleichungspunkte ergeben. Wir fürchten
nämlich, es möchte das Buch unter dem Titel: ,die
gegenfeitigen Beziehungen zwifchen der modernen Miffion
und Cultur' von Vielen ignorirt werden , welche
über Miffion grundfätzlich nichts lefen als Schmähartikel
, und welche doch hier am deutlichften fehen könnten
, wie die Miffion nicht eine Winkelfache der Pietiften j
ift, und was felbft die pietiftifche Miffion für die Civilifation
der Völkerwelt bis jetzt geleiftet hat. Allein es
hätte allerdings eine vollltändigc chriftliche Culturgefchichte
ein jahrelanges Studium der Quellen erfordert, j
und wir wollen inzwifchen fehr dankbar fein für die dargebotene
Gabe, denn es ift wirklich in dem Buch eine j
grofse Fülle von Material aus allen Welttheilen, aus den I
verfchiedenften Quellen in überfichtliche Ordnung gebracht
. Warneck klagt in der Vorrede mit Recht, dafs j
die Miffionsliteratur felbft diefen Gegenftand bis jetzt
etwas ftiefmütterlich behandelt habe. Aber es hängt
das mit der ganzen Behandlung des Miffionswefens in
Deutfchland zulammen. Wenn die meiften Miffionsblät- 1
ter neben der religiöfen Seite der miffionarifchen Wirk- |

famkeit die civilifatorifche wenig zur Sprache kommen
laffen, fo müffen wir bedenken, dafs fie unter den Gebildeten
, welche dafür Intereffe hätten, nur wenige Lefer
finden, und dafs der Erfolg der Miffion, felbft von Gegnern
derfelben, nur nach dem Mafsftabe der Uebertritte
zum Chriftenthum bemeffen wird.

In der Einleitung erklärt Warneck , dafs er nicht
behaupten wolle, das Chriftenthum fei die einzige Cul-
turmacht, aber dafs er der Behauptung entgegentreten
müffe, es komme demfelben in der Culturentwicklung
der Menfchheit nur eine vorübergehende Bedeutung zu;
die moderne Miffion liefere vielmehr den Beweis, dafs
auch heute noch das Evangelium Chrifti eine Cultur-
macht erften Ranges fei, und dafs die vom Chriftenthum
losgclöfte Cultur der Gegenwart nicht nur nicht cultivirend,
fondern pofitiv verderblich auf die heidnifchen Völker
wirke (S.4). DcnBcgriff der Cultur beftimmt er dahin,
dafs .alle dem Menfchen verliehenen Gaben und Kräfte
gepflegt werden, durch deren Ausbildung er die
Erde fich unterthan macht, ihre Güter in feinen Dienft
ltellt und dadurch fein Wohlfein in diefer Welt wie feine
geiftige und fittliche Veredlung fördert'. Es ift daher
ein dreifaches Culturgebiet zu unterfcheiden: ,das m a-
terielle, das geiftige und das fittliche, aber nicht
fo, dafs jedes ein ifolirtes Feld für fich bildet, fondern
dafs alle 3 einen Organismus ausmachen, indem immer ein
Glied dem andern dient und in die Pflege und Entwicklung
des andern eingreift' (S. 5). Während v. Hellwald
in der Gefchichte nur Naturgefetze findet, welchen jedwede
Ethik oder Sittlichkeit fremd ift, einen Kampf
ums Dafein, in dem jedesmal der Stärkere fiegt, in
dem der Zweck die Mittel heiligt, und von dem die
Liebe ausgefchloffen ift', hebt Warneck hervor, wie es
eine fittliche Weltordnung giebt, deren ethifche Gefetze
fich mit derfelben Nothwendigkeit vollziehen, wie Naturgefetze
(Wer auf fein Ffeifch fäet, der wird vom Pieifch
das Verderben ernten , Gal. 6, 8), und wie es keine
Pflege der Sittlichkeit giebt ohne Pflege der Religion
(S. 8).

Das Buch zerfällt in die zwei Hauptabfchnitte: 1)
Verhältnifs der Miffion zur Cultur. 2) Verhältnifs
der Cultur zur Miffion. Im erlten wird zunächft
die Einwirkung der modernen Miffion auf die materielle
Cultur befprochen. Bei den fogenannten Naturvölkern
mufs die Miffion auf ein gewiffes Mafs der Bekleidung
dringen. Das weckt Handel und Indultrie.
Hier werden aus allen Welttheilen Belege dafür angeführt
, dafs die Kaufleute den gröfsten und directeften
Vortheil von der Miffion haben. Wenn gleichwohl
manche Handelsleute in Schmähungen über die Miffion
fich gefallen, fo rührt das häufig daher, dafs fie durch
die Anwefenheit von Miffionaren an der rückfichtslofen
Ausbeutung der Eingebornen fleh gehemmt fühlen. Da
es nicht thunlich ift, dafs die Mifflonare felbft Handel
treiben, fo hat fleh bei der Brüdergemeinde, bei der
Basler und der Barmcr Miffion eine auf Actien gegründete
, der Miffion befreundete Miffionshandelsgefellfchaft
gebildet, welche mit Ausfchlufs der den Eingeborenen
verderblichen Waaren in den Miffionsgebieten Handel
treibt und den ausfaugerifchen Handel fern zu halten
facht. Wichtiger noch als der Handel ift die durch die
Miffion hervorgerufene Gewerbthätigkeit und Bodencul-
tur (S. 47), und hierin ift unter Indianern und Negern,
unter füdafrikanifchen und Südfeevölkern Grofses geleiftet
worden. Die Erziehung zur Arbeit ift ein wefent-
licher Factor in der Culturentwicklung eines Volks, und
erft durch das Chriftenthum wird die Arbeit geadelt
(S. 68). Aber felbft den alten Cultur Völkern in
China, Japan und Indien mufs das Chriftenthum Cultur
bringen, denn ihre Civilifation ift ein geiftlofer Mechanismus
(S. 86). Warneck geht nun über zum geiftigen
Culturgebiet und befpricht die Erhebung bisher litera-
turlofer Sprachen zu Schriftfprachen, die Bibelüber-

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