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Ausgabe:

1880 Nr. 3

Spalte:

58-59

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jäger, Gottfr.

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Evangelien-Auslegung. Heft 1 1880

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 3.

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mus, derAnonymus bei Rufin, Junilius, Cal'fiodor, dann das
lateinifche Mittelalter; aus der jüdifchen Auslegung: ,die
älteften Stimmen' und die Ueberfetzungen, Rafchi, Ibn
Ezra, Kimchi, Abarbanel, ,die philofophifche Auslegung
und die Speculationen über das Wefen der Prophetie
nebt Ueberficht der alteren Prophetenauslegung und der
Auflöfung derfelben bei Jofeph Albo'; unter der Rubrik
(Vereinigung jüdifcher und chriftlicher Exegefe' folgen:
.allmälige Verknüpfung jüdifcher und chriftlicher Auslegung
', Nikolaus Lyr., insbefondere ,die theologifche Bearbeitung
des Schriftinhaltes' und ,die Theorie des Prophetismus
' bei demfelben, Thomas Aq. und Maimonides,
Albertus M. und Pfeudo-Haymo, ,Oppofition gegen
Lyra, Paulus von Burgos, Fixierung der Hermeneutik
in der katholifchen Kirche'; aus der .Entwicklung der
proteftantifchen Schriftauslegung' erfahren wir zum
Schlaffe von Luther's und Calvin's Exegefe. Dies
Inhaltsverzeichnifs giebt eine Vorftellung von dem Umfang
diefer hermeneutifch-dogmengefchichtlichen Studie,
welcher weit hinausgeht über das von einer Auslegungs-
gefchichte des Joel zu Erwartende. Welche Mühfale
mit diefer Reproduction und Beurtheilung der alten Ausleger
für den Verf. verbunden gewefen fein mögen, vermag
auch der refignirtefte Lefer einigermafsen nachzufühlen
, wenn er jenem auf diefen labyrinthifchen Gängen
folgt, nicht ohne die Gefahr, an irgendeiner Spitzfindigkeit
der Rabbinen oder Scholaftiker ermattet hängen zu
bleiben. Zuweilen nur wird das Dunkel diefer Wanderungen
unterbrochen durch eine Lichtöffnung mit verlockendem
Ausblick. So ift z. B. fehr intereffant das
Bild, welches S. 324 ff. entworfen wird von ,eincr bibli-
fchen Dogmatik im vierzehnten Jahrhundert'. Sehr anziehend
auch ift die Schilderung von Luther's Exegefe.
Ref. ift durchaus nicht im Stande, genügend zu beur-
theilen, in wie weit die Referate des Verf.'s zutreffend
find; dazu gehört eine mir mangelnde Beherrfchung diefer
Literatur. Sie zu erwerben wird Demjenigen nicht
verlockend fein, welcher mit dem Verftändnifse des
Alten Teftamentes felbft nicht abgefchloffen hat; denn
für diefes ift mit der ftupenden Arbeit diefes Theilcs
fehr wenig gewonnen. Umfomehr ift es dankenswerth,
dafs Einer die Arbeit auf fich genommen, um fic Vielen
zu erfparen. Für die Dogmengefchichte hat fie pofitiven
Werth. Derfelbe Nutzen hätte freilich wohl erreicht
werden können bei etwas knapperer Faffung diefer
Auslegungsgefchichte. Für die Exegefe bieten die
beigefügten vielfach trefflichen Urtheile des Verf.'s, in
denen er oft von der alten zur modernen Zeit eine Brücke
baut, manche Belehrung; fo über den modernen bibli-
fchen Realismus S. 258. 328; über die Vermittlungen
z.wifchen Bibeltext und ,natürlicher Schöpfungsgefchichtc'
S. 267, über den Beweis für Jefu Meffianität aus den
Prädictionen der Propheten S. 439 f. Es ift heutzutage
nicht überflüffig, unterer F"reude Ausdruck zu geben
darüber, dafs wir hier überall in dem Verf. einem alt-
teftamentlichen Forfcher begegnen, welcher es verfteht,
fein Specialgebiet in lebendigen Zufammenhang zu fetzen
mit der chriftlichen Theologie. — Den Joel gerade hat
der Verf. deshalb zur Grundlage der Auslegungsgefchichte
gewählt, weil er bei der Erklärung desfelben
eingefehen hat, ,dafs er bei feinen ganz befonderen in--
nern Schwierigkeiten einerfeits und bei feiner Kürze und
Gefchloffenheit andrerfeits ein ausgezeichnetes Exemplum
abgibt, an dem fich das Irren und Streben der vergangnen
Jahrhunderte in der Synagoge wie in der Kirche
. . . ganz von felbft in der plaftifchften Weife darfteilt'
(S. 447;. Nebenbei foll diefe Auslegungsgefchichte ein
,Proteft' fein .gegen die Art und Weife, wie jetzt immer
die alten Ausleger angeführt werden, nämlich ohne Mittheilung
ihrer leitenden Ideen und ihres Zufammenhanges';
ohne diefe feien folche Anführungen ,ein nutzlofer Wuft',
da die exegetifche Thätigkeit nicht begriffen werden
könne ohne den Zufammenhang mit der allgemeinen

Wiffenfchaft ihrer Zeit (S. 231), ein Urtheil, dem wir
freudig beiftimmen. Sehr richtig wird S. 291 f. vorge-
fchlagen, nur für einzelne Stellen, ,deren Auslegung ge-
fchichtliche Bedeutung erlangt hat, wie Jef. 7' die Auslegungsgefchichte
zu geben, dann aber zugleich mit den
.leitenden Motiven der Ausleger'.

Ich darf wohl nicht unerwähnt laffen, dafs das Buch
überreich ift an Druckfehlern, namentlich auf den erften
fünf Bogen. — Meine Zuftimmungen und Ablehnungen
zu Einzelheiten mit einem rühmenden Gefammturtheil
über das Geleiftete abzufchliefsen, ift einer Arbeit des
Verf.'s gegenüber unnöthig. Ich fchliefse mit feinen
eigenen, für die Praxis noch immer nicht überflüffigen
Schlufsworten: ,Das Auslegen ift die Kunft des Wiederbelebens
der Vergangenheit, wer die Vergangenheit nicht
in feiner Phantafie auferftehen läfst, wer ihre Gedanken
nicht nachdenkt, ihre Gefühle nicht nachempfindet, der
kann wohl adnotationes variorum fammeln oder auch
felbft varias adnotationes machen, aber als Ausleger bleibt
er ein tönend Erz und eine klingende Schelle, denn es
fehlt die Seele der Sache' (S. 444).

Strafsburg i. E. Wolf Bau diffi n.

Jäger, Diac. Gottfr., Beiträge zur Evangelien-Ausjegung.

Heft 1. Leipzig 1879, Dörffling & Franke. (V,
50 S. gr. 8.) M. 1. —

Im Vorwort bezeichnet es der Verfaffer als eine
beklagenswerthe Thatfache, dafs in neuerer Zeit mehrere
wiffenfehaftlich-theologifche Zeitfchriften haben
eingehen müffen, während ,das Intereffe fich vorwiegend
den eigentlichen Kirchen-Zeitungen zuwendet,
die von Befprechungen der Tagesfragen leben'. Er berührt
damit in der That einen der fchlimmften Uebel-
ftände in unferer theologifchen Gegenwart; und es ift
erfreulich, dafs er die Nothwendigkeit gründlicher theo-
logifcher, vor allem exegetifcher Studien für den prak-
tifchen Geiftlichen betont und dicfelben auch an feinem
Theile zu fördern beftrebt ift. Eine andere Frage ift

i freilich, ob die von ihm veröffentlichten .Beiträge' wirk-

I lieh eine folche Förderung der befprochenen Fragen
enthalten, dafs ihre Veröffentlichung geboten oder auch

| nur gerechtfertigt war. Ref. kann diefe Frage in Bezug
auf die Mehrzahl derfelben nicht bejahen. — Nr. I uti-

j terfucht die Bedeutung der Selbftbezeichnung Jefu ,Des

I Menfchen Sohn'. Unter Abweifung jeder Beziehung
derfelben auf die meffianifche Idee wird der Nachweis
verfucht, dafs der Ausdruck nichts anderes

1 bedeuten folle als: ,der Menfch, der ich bin' (S. 6).

! Nicht um fich auszuzeichnen, fondern weil er von Her-

[ zen demüthig war, hat Jefus fich des Menfchen Sohn
genannt (S. 4). Er ftellt fich damit in eine Kategorie
mit den andern Menfchen. Denn ,des Menfchen Sohn'
bedeutet nichts anderes als ,der Menfch'. Es ift nur
eine gewählte, feierliche Umfchreibung des ,Ich' (S. 6).

J Auffallend ift, dafs der Verf. trotz diefer Erklärung eine
Anlehnung an Dan. 7, 13 zugiebt (S. 3), um fo auf-

j fallender, als er die Danielftelle ohne weiteres von der
Perfon des Meffias verfteht (S. 1). Wie fchon hierin eine
ftarke Unklarheit liegt, fo hat fich der Verf. überhaupt
über die Fragen, um die es fich eigentlich handelt, nur
fehr unvollftändig Rechenfchaft gegeben. Und dies
hängt wiederum damit zufammen, dafs er fich offenbar
von einer Kenntnifsnahme der einfehlägigen Literatur
in einer Weife dispenfirt hat, die doch über das erlaubte
Mafs hinausgeht. — Die kleine Studie Nr. II

! behandelt die Frage: .Sind Matth. 1, 22 f. 3, 3. 26,
56 Worte des lwangeliften oder der unmittelbar

j vorher redenden Perfonen?', eine Frage, die in Bezug
auf 3,3 (!) und 26,56 im letzteren Sinne beantwortet

i wird. — Nr. III enthält .Bemerkungen über die

I Erzählung von der Verfuchung Jefu'. Unter Vor-