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Ausgabe:

1880 Nr. 3

Spalte:

53-54

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Buddensieg, Rud.

Titel/Untertitel:

Die assyrischen Ausgrabungen und das Alte Testament 1880

Rezensent:

Schrader, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 3.

54

Buddensieg, Lud., Die assyrischen Ausgrabungen und das
Alte Testament. [Zeitfragen des chriftl. Volkslebens.
V. Bd. 3. Heft.] Heilbronn 1880, Henninger. (76 S.
gr. 8.) M. 1. 40.

Eine populäre Darfteilung der Ergebnifse der affy-
rifchen Monumentenforfchung, vornehmlich in fagenge-
fchichtlicher Beziehung. Nach einigen einleitenden allgemeinen
Erörterungen (S. 1—8) und einem Blick auf
die Gefchichte der Ausgrabungen und der Keilfchrift-
entzifferung, fowie auf die jüngfte Controverfe über die
Brauchbarkeit der Entzifferungen überhaupt (S. 9— 21),
folgt eine einläfslichere Betrachtung der babylonifchen,
auf den Thontafeln eingegrabenen Berichte über Schöpfung,
Sintfluth u. f. w. (S. 22—53), fowie eine kürzere Darlegung
der erheblicheren gefchichtlichen Ergebnifse, fo-
weit fie die biblifche Königsgefchichte betreffen (S. 54
—66). Eine allgemeine Betrachtung (S. 66-68), fowie
eine Reihe von Anmerkungen zu einzelnen im Texte
berührten Punkten (S. 68—76) bilden den Schlufs. Die
im Ganzen ruhige und mafsvolle, hier und da einen
leifen apologetifchen Anflug zeigende Darftellung kann
im Allgemeinen als eine fachgemäfse und zur Orien-
tirung des Lefers wohlgeeigncte bezeichnet werden.
Bei den zahlreichen wörtlichen Auszügen aus den In-
fchriften der Schöpfungs- und Sintfluthtäfelchen hätte
vielleicht im Texte noch ausdrücklich angemerkt werden
können, dafs es fich hier doch nur um erfte Uebertrag-
ungen handle, und eine exaet philologifche Bearbeitung
diefer eben fo wichtigen als fchwierigen Texte erft noch
zu erwarten fei iimplicite ift diefes ja freilich auch vom
Verf. gefchehen, fofern er S. 19 G. Smith's eigenen
Hinweis auf die .Mängel feiner Angaben' und den ,pro-
viforifchen Charakter feiner Arbeit' hervorhebt; vgl.
auch S. 70 Anm. 20, wo im Uebrigen zu Oppert's Kritik
von G. Smith's Ueberfetzung mit Recht ein Fragezeichen
gefetzt wird). Hier und da fcheint es uns dazu, als ob
der Verf. aus dem ihm in Ueberfetzung vorliegenden
Material doch mehr folgere, als wozu er berechtigt war.
So diefes z B. wenn er S. 30 aus dem Gebote: Jeden
Tag follft du deinem Gotte dich nahen' auf die Idee des
Ihnen Gottes und den urfprünglichen Monotheismus der
Babylonier fchliefst. Mag auch immer das babylonifche
Pantheon zuletzt auf urfprünglichen Monotheismus zurückgehen
: der Babylonier, von dem wir gefchichtliche
Kenntnifs, insbefondere durch die Denkmäler haben, war
der ausgeprägtefte Polytheifl, was damit, dafs der Eine
oder Andere oder Viele oder gar Alle ein Jeder feinen
Specialgott hatte, den er verehrte, in nichts in Wider-
ftreit ift. Ausdrücke aber wie .Furcht Gottes' find fo allgemeiner
Art, dafs davon ein Schlufs auf monotheiftifche
Anfchauung unzuläffig erfcheint. Im Uebrigen erkennen
wir gerne an, dafs der Verf. im Gegenfatz zu vielleicht
manchem Andern beftrebt gewefen ift, neben den Con-
cordanzen auch die Discrepanzen der biblifchen einer-
feits, der babylonifchen Anfchauung anderfeits hervor-
z.uheben (S. 32. 44 ff. 46,. Freilich, wenn der Verf. nun
wiederum die Behauptung aufftellt S. 46: .daran, dafs
das Chriftenthum nach Wefen und Entwickelung etwas

durchau s Neues ift.....wird von denBeftätigungs-

enthufiaften kaum gedacht', fo fchiefst er damit wieder
über das Ziel hinaus; lieft man doch in einem ,Semitismus
und Babylonismus' überfchriebenen Auffatze in den
Jahrbb. für Prot. Theologie' vom Jahre 1875 S. 133
wörtlich: .Aber es bedurfte durchaus noch einer
Neuthat Gottes, um diefen letzten Schritt zu thun' etc.!
War fonach wirklich wohl lediglich .Beftätigungsenthu-
fiasmus' die Urfache, dafs ein halbes Decennium vor
dem Verfaffer ein Affyriolog das nach feiner, des
Verfaffers, Meinung — Richtige ausfprach? —

Die Erörterung der im engeren Sinne gefchichtlichen
Concordanzen zwifchen Bibel und Infchriften S. 54 ff.
befchränkt fich auf die grofsen Hauptfachen. Das vor-

fichtige und ruhig abwägende Verfahren des Verf.'s berührt

j hier befonders wohlthuend. Das leicht verzeihliche Ver-

I fehen auf S. 55, wo ,Ahab von Israel' (nicht von Jezreel".)

j als auf dem .Schwarzen Obelisk' ftatt als auf der Stele
von Karch erwähnt angeführt wird, fei lediglich der
Ordnung wegen angemerkt. Nur an einer Stelle hat
es uns gewundert, wie der Verf. fo arg fich hat irreführen
laffen können. .Abermals voreilig', meint der
Verf. S. 57 , habe man ,die Angabe der Königsbücher'
[über den König Phul als einen von Tiglath-Pilefer
verfchiedenen HerrfcherJ .überhaupt verworfen'. Er
erhärtet diefes Urtheil durch den Hinweis auf eine
.neuerdings entzifferte Infchrift', auf welcher nicht
nur Phul ,als König von Affyrien' erwähnt, fondern
auf welcher derfelbe ,fogar feine weltliche Expedition
nach Samaria und den Empfang von Tribut
' berichte. An diefer .neuerdings entzifferten Phul-
infehrift' ift nun aber fo viel wahr, dafs diefelbe weder
,neuerdings entziffert', noch eine folche des ,Phul'
ift. Diefelbe ift bereits im Jahre 1861 im 1. Bande

1 des englifchen Infchriftenwerkes auf pl. 35 unter Nr. I
veröffentlicht und im Jahre 1862 im XIX. Bande des
Journal of tlie Royal Asiatic Society S. 182 ff. vom feiigen

i Fox Talbot — fchlecht und recht — überfetzt und
erklärt, ebenfo wie diefes fpäter von Oppert und von
Menant gefchehen ift (der deutfehe Lefer findet die Infchrift
in Tranfcription u. f. w. in meinem B.: Die Keil-
infehriften und das A. T. S. 110 ff.). Die Ueberfetzung
der angeblichen Phulinfchrift, wie fie auf Grund eines

! Büchleins des irifchen Bifchofs Walsh der Verf. S. 75
mittheilt, ift — von den Auslaffungen abgefehen — ver-

botenus diefelbe, welche bei F. Talbot a. a. O. S. 183
fvgl. Z. 1— 3a; 15—18) zu lefen ift — bis auf ,das Land
Akkari' (lies Akharri!) hin, von dem die Infchrift des
irifchen Bifchofs redet. Die Infchrift findet fich hier,
wie I Rawl. a a. O., als ,inscription of Pul1 bezeichnet,
und der irifche Bifchof hat das ohne Weiteres für baare
Münze genommen! Nun aber fagt Talbot a. a. O. 181
felber: ,The true pronounciation of Iiis nanu- Itas not yet
been ascertained, Rawlinson considers him to be
the biblical Pul' (Rawlinfon feinerfeits hat indefs in dem
Inhaltsverzeichnifse zum betreffenden Bande des Infchriftenwerkes
diefe feine Behauptung thatfächlich zurückgenommen
). In Wirklichkeit ift die betreffende Infchrift
eine folche des Bin-nirar bezw. Ramman-nirar und
zwar des dritten feines Namens, der von 812—783 regierte
. So wird man fich denn wohl trotz alledem und
alledem nach dem monumentalen Könige ,Phul von
Affyrien' von Neuem auf die Suche begeben müffen. —

Berlin. Eb. Schräder.

Merx, Dr. Adalb., Die Prophetie des Joel und ihre Ausleger

von den älteften Zeiten bis zu den Reformatoren.
Nebft dem äthiopifchen Text des Joel, bearbeitet von
Prof. Dr. A. Dill mann. Halle 1879, Buchhandlung
des Waifenhaufes. (VIII, 458 S. gr. 8.) M. 10. —

Schon der Titel des Buches läfst erfehen, dafs das-
felbe von der Anlage gewöhnlicher Commentare durchaus
abweicht. Es bietet theils weniger, vor allem aber in
andern Partieen viel mehr, als wir in folchen zu finden
gewohnt find, mehr auch überdies, als der Titel zu erwarten
berechtigt. Eine erfchöpfende Erklärung aller
Einzelheiten des B. Joel wird nicht geboten; dagegen
befchäftigt fich der .hermeneutifch-dogmengefchichtliche'
Theil diefer .Studie' nicht nur mit den Auslegungen des
Joel, fondern mit der Auslegung des Alten Teftamentes
überhaupt, namentlich der prophetifchen Schriften, indem
dafür nur die Beifpiele vorzugsweife aus der Exe-
gefe des Joel entnommen werden.

Fan erfter Theil bringt zunächfl als .Einleitung': das
Zeitalter Joel's S. 1. Grundlagen für die fachliche Er-