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Ausgabe:

1880 Nr. 25

Spalte:

608-609

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ritter, Jul.

Titel/Untertitel:

De titulis graecis christianis commentatio altera 1880

Rezensent:

Schultze, Victor

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 25.

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aber er weifs noch mehr: auch die acta martyrii des Ign.
find echt, das Verhör vor Trajan u. f. w.; Ignatius ift
ficher ein unmittelbarer Schüler der Apoftel, näher des
Johannes, gewefen. Was er uns bietet, ift eine modern-
katholifche Interpretation der Briefe des Ignatius, eine
breite Paraphrafe der Brieffätze, geordnet nach den 7 loci:
Gotteslehre, Erlöfungslehre, Lehre von der Kirche, Ver-
faffung der Kirche, Gottesdienft und Sacramente, Rechtfertigung
und religiös-fittliches Leben, die bekämpfte
Irrlehre. Da der Verf. nun weder auf die Textrecen-
fion näher eingeht — die wenigen Abweichungen und
Conjecturen gegenüber dem Vulgärtext find theils fchon
in der älteren Schrift mitgetheilt, theils unerheblich —,
noch gefchichtliches Material zur Beleuchtung der igna-
tianifchen Theologie herbeizieht — der Verf. hat überhaupt
nur in c. 6 Anmerkungen Quellenftellen aus der
Literatur des 2. Jahrh. citirt —, noch die neueren Arbeiten
berückfichtigt — er hat fich nur an wenigen Stellen
mit feinem Recenfenten im Theol. Lit-Blatt und mit
Zahn auseinandergefetzt —, dagegen aber in den Briefen
des Ignatius durchgehends das modernfte katholifche
Kirchen- und Lehrfyftem bezeugt findet und in den
fchwülftigen und verwirrten Gedankenreihen des Brief-
ftellers immer nur papiftifche Sätze entdeckt, fo bleibt
der Kritik weiter keine Aufgabe an feinem Buche. In-
deffen ift es doch intereffant und lehrreich zugleich, an
einigen Beifpielen zu zeigen, in welcher Weife von den
katholifchen Theologieprofefforen heutzutage in Deutfch-
land Dogmengefchichte gefchrieben wird. Der ep. ad.
Smyrn. prooem. entnimmt der Verf. ein Zeugnifs für die
Perfönlichkeit und Gleichwefentlichkeit des h. Geiftes
(S. 12). ,Der Monophyfitismus und der Monotheletismus
erhalten durch unferen berühmtenApoftelfchüler eineent-
fchiedene Abweifung' (S. 19), von dem Arianismus
u. f. w. verfteht fich das von felbft. Zu der Stelle ad
Ephes. 19: y.ai ska&ev xbv äoxovxa xov aitopog xovtov fj
naglrsvia Magiag xai o xnntxbg avrrjg . . . xpia j.ivoztjQia
y.Qavyrjg bemerkt der Verf. (S. 21 n. 2): naQltevict,
Jungfräulichkeit' ift hier die immerwährende Virginität
d i. die wunderbare Empfängnifs; xoxtxog, ,Geburt', die
wunderbare Geburt des Herrn aus ihr, nämlich Beides
ohne Verletzung der Jungfräulichkeit; denn fonft wären
fie keine /.ivßxrpta, ,Geheimnifse im chriftlichen Sinn'(!).
Zum felben Capitel: ,Die nähere Kunde von der Be-
fchaffenheit diefes Sternes (Mtth. 2) empfing Ignatius
ficher von Johannes' (S. 22 n. 1). Ignatius hat wirklich
,fchon die Unterfcheidung zwifchen der Kirche als Heils-
anftalt und als Gemeinfchaft der Erneuerung gemacht'
(S. 34). ,Diefe fichtbare corporative Gemeinfchaft ift (bei
Ign.) einerfeits die nothwendige Herausbildung der un-
fichtbaren, inneren Gemeinfchaft, andererfeits aber auch die
Bedingung des Eintrittes und Verbleibens in diefer'
(S. 38). ,Nirgends zeigt fich in der alten Kirche eine
Spur, dafs der Episcopat aus dem Presbyterate heraus
fich entwickelt habe' (S. 49). Die gefammte heutige
hierarchifche Ordnung der römifchen Kirche ift durch
Ignatius bezeugt und theologifch begründet, nicht weniger
deutlich auch der Primat. Der Verf. giebt zuerft
S. 61 f. eine aprioriftifche Conftruction aus der Theologie
des Ignatius, nach welcher ihm der Papft nothwendig die
Spitze der Kirche fein mufste; dann aber verwerthet er
die bekannten Stellen in der ep. ad Rom. Sie find fchon
oft von römifchen Theologen in diefem Sinne exegefirt
worden; aber eine fo exorbitante Beweisführung erinnert
fich Ref. nicht gelefen zu haben. Der Verf. beginnt:
,Ignatius bezeichnet wirklich den Bifchof der römifchen
Kirche als den fichtbaren Oberhirten der ganzen Chri-
ftenheit'. Er theilt nun das Prooemium der ep. ad Rom.
mit und folgert aus demfelben: 1) Ignatius bezeugt, dafs
die römifche Kirche nie jemanden irre geführt hat; 2)
dafs fie Anderen Gebote vorgefchrieben und Gefetze gegeben
hat; 3) er nennt fie die Präfidialkirche, .indem er
fie auch als diejenige begrüfst, welche in der Regionen-

ftadt Rom den Vorfitz führt' (der Verf. hält trotz der
Widerlegung durch Zahn an feiner Conjectur ywoiiov und
an der feltfamen .Regionenftadt' feft), endlich 4) er nennt
fie die .Vorfitzerin der Liebe'; das will nicht fagen, die
römifche Kirche übertreffe alle an Liebe und Wohlthä-
tigkeit, fondern hat einen Doppelfinn: erftens bedeuten
die Worte: das Präfidium der römifchen Kirche erftrecke
fich über das ganze Gebiet der chriftlichen Liebe und
Liebesthätigkeit, und das heifst wiederum ,das Gebiet
ihrer Autorität reicht foweit, als der Glaube (sie) und
die Liebe reichen, fomit über die ganze Chriftenheit';
zweitens bei Ignatius bedeutet,Liebe' foviel wie ,Liebesverein
' — dies wird aus Stellen, wie ,es grüfst euch die
Liebe der Brüder in Troas' bewiefen — ,in diefem
Sinne nennt er jede chriftliche Gemeinde die Liebe' . . .
fomit hat der römifche Bifchof das Präfidium im Liebesbunde
der ganzen chriftlichen Kirche'. Der römifche
Bifchof? aber vom Bifchof ift ja gar nicht die Rede!
allein, dafs fo zu erklären ift, .dafür giebt Ignatius felbft
ein eklatantes und unwiderlegliches Zeugnifs'. Er bezeugt
nämlich auch die factifche Ausübung des
univerfellen Epifkopates der römifchen Kirche über alle
übrigen Kirchen. Der Verf. citirt den Schlufs des Briefes
, in welchem Ignatius die Ueberzeugung ausfpricht,
dafs Jefus nun allein als Bifchof und .euere Liebe' feine
verwaifte Gemeinde leiten werde. Aber auch hier fehlt
der Bifchof, ja ift geradezu ausgefchloffen. Ohne Zweifel
tritt nun die aprioriftifche Conftruction ein; aber der
Verf. thut fo, als fei alles in Ordnung. Diefe Beifpiele
mögen genügen. Der Verf. hat in feiner kleinen Schrift
nur auf's neue belegt, was man aus der umfangreichen,
eben vollendeten ,Kirchengefchichte' feines nun die verdienten
Ehren geniefsenden Vorgängers im Grofsen ftm
diren kann, dafs die Theologen, welche durch die modernen
katholifchen Schulen gegangen find, abfolut unfähig
geworden find, irgend eine, fei es auch die ge-
ringfte hiftorifche Frage zu erkennen, gefchweige zu
behandeln. Wo jedes Factum nur darauf angefehen
wird, was man damit im Intereffe der Kirche ,anfangen'
kann — und das allein lernen fie —, da wird der hiftorifche
Sinn mit der letzten Wurzel ausgetilgt.

Giefsen. A. Harnack.

Ritter, Dr. Jul, De titulis graecis christianis commentatio
altera. (Aus: .Symbolae Joachimicae'.) Berlin (1880,
Calvary & Co.). (26 S. gr. 8.) M. 1. 60.

Die chriftlich-griechifche Epigraphik ift ein noch wenig
bebautes Gebiet, was wohl hauptfächlich darin feinen
Grund hat, dafs die römifch-katholifchen Archäologen,
welche die chriftliche Epigraphik faft ausfchliefslich be-
herrfchen, naturgemäfs ein gröfseres Intereffe für die la-
teinifchen bzw. römifchen Infchriften haben. So wird
man jede Arbeit, welche jene Disciplin zu fördern ver-
fpricht, mit Dankbarkeit entgegennehmen.

Der Verfaffer vorliegender Abhandlung hat bereits
im Jahre 1877 eine erfte Differtation über die im vierten
Bande des Corpus inscript. graec. mitgetheilten chriftlichen
Grabinfchriften veröffentlicht (vgl. Theol. Litztg.
1877, Nr. 18). Daran fchliefst er nun weitere Ausführungen
über die in demfelben Infchriftenbande enthaltenen
Votivinfchriften, welche er ihrem Inhalte nach kurz
claffificirt und in ihrer Terminologie charakterifirt. Der
erftrebte Zweck verdient vollen Beifall; aber die Art und
Weife, wie der Verfaffer feine Aufgabe löft, befriedigt
durchaus nicht. Es fehlt vor Allem das erfte Erforder-
nifs für eine folche Arbeit, eine fichere chronologifche
Grundlage. Infchriften aus zwölf Jahrhunderten und deren
termini werden hier zufammengeworfen, ohne dafs auch
nur der Verfuch gemacht würde, chronologifch zu fchei-
den und die terminologifche Entwickelung aufzuzeigen.
Auch find die Summirungen nicht vollftändig, und der